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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0306 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Berlin, Mittwoch, 20. Dezember 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Reisen und Ausflüge

Briefe

Ich weiß, mein theurer Freund, du wirst mir mein langes Stillschweigen nicht zürnen, denn du kannst dich gewiß leicht in meine überaus in Anspruch genommene Lage versetzen. Seit mehr als zwei Monaten, die ich schon hier verlebt habe, bin ich im wahren Sinn des Wortes meines Lebens noch nie froh geworden, indem eine solche Menge von Beschäftigungen von allen Seiten auf mich ein stürmen, daß ich mich deren kaum erwehren kann. Meine Reise bis hierher war sehr angenehm & hat manchen Stoff zu spätern mündlichen Unterhaltungen geliefert. Bei Dr Waiz blieb ich drei Tage und gefiel mir sehr wohl in Gotha . Er hat Aussicht nach Marburg als Professor zu kommen, was ich ihm sehr wohl gönnen möchte! Sein Vater, Prediger in Gotha ist ein trefflicher Mann, aber bedeutender Antipreusse eben so sehr, als sein Sohn Antischellingianer.

In Dresden traf ich einen gewißen Ries aus Burgdorf, der sich schon seit mehrern Jahren hier als Privatphilosoph aufhält & welcher auf der Gallerie « Kunstgeschichte» studierte. Rüppel habe ich noch in Francfurt gesehen & einen sehr angenehmen Abend mit ihm zugebracht. Poeppig in Leipzig lag bei meiner Durchreise unglüklicherweise am Nervenfieber darnieder. Gravenhorst in Breslau stellte ich mir anders vor, nämlich in seinem Aeußern, welches durchaus nicht viel versprechend ist. Uebrigens unterhält er das Museum ganz gut, welches an einigen Abtheilungen reich ist.

Nachdem ich mich in Berlin einquartiert hatte, machte ich meine Besuche und wurde überall aufs Beste empfangen. Bei Humboldt war ich mit am besten, ebenso bei Herr v. Buch , der mich als alten Bekannten ganz vorzüglich aufnahm.

Die freie Benutzung der Bibliothek und des Museums wurden mir außerordentlich erleichtert, ebenso Zutritt zu mehreren sehr reichhaltigen Privatbibliotheken eröffnet. Ich bin schon ein paar mal in den Sitzungen der naturforschenden Gesellschaft ge wesen, die, wenn auch intressant, doch nicht sehr wichtig sind. Ehrenberg, dem ich einige für ihn werthvolle Stüke mit peruanischen Infusorien mittheilen konnte, ist President Klugs permanenter Secretair. Der Mann in hier, von welchem ich| unbedingt am meisten, ich möchte sagen, Ehrerbietung habe ebenso sehr wegen seines Characters, als seiner außerordentlichen Kenntniße, ist Prof. Müller. Ich komme sehr oft mit ihm zusammen & jedes mal verlaße ich ihn mit mehr Hochachtung. –

Lichtenstein sehe ich beinahe täglich, nicht aber seine liebesiche, mannsüchtige & schöngeistspielende Tochter, die im ernsten Frühling ihres 28 Jahres steht. Ein sehr schönes pendant zu einer gewißen Laurentia .

Mit Erichson stehe ich auf dem freundschaftlichsten Fuße, er ist ein lieber Mann, mit dem sich's recht gut aus kommen läßt, wenn er gleich als etwas beißend ausgegeben wird. Er hat sich gleich sehr bereitwillig erklärt die Insekten & Crustaceen zu meinem Werke zu bearbeiten & schon einige Familien durch genommen. Es sind unter meinen Insekten, wie er sagt, über [200?] neue Species. Da die Originalexemplare von den ältern Reisenden Ruiz und Pavon hier sind, so war es ihm sehr ange nehm eine schöne Suite von einem andern Reisenden zur Vergleichung zu haben. Theile das doch Hr. Prof. Heer mit. –

Als ich die Publication einer fauna peruana projectierte, so stellte ich mir die Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens nicht so vor, wie ich sie jezt bei der Ausarbeitung finde; ich versichere dich, daß täglich 17-18 Stunden arbeite & doch beinahe nicht vorwärts komme. Die Vergleichung & besonders die Aufsuchung & das Nachlesen aller Citate von frühern Reisenden nimmt eine unglaubliche Zeit weg und ist dabei so unbelohnend, daß mit zwei Worten oft die Frucht eines zweitägigen Nachsuchens wiedergegeben werden kann. Im Februar soll die erste Lieferung erscheinen & ich habe noch nicht einmal die Hälfte MS dazu bereit; jedoch hoffe ich meinen Herrn Verleger nicht zum Lügner zu machen.

Ich bewohne hier Louisenstrasse 16 c in dem Hause welches die Ecke mit dem Schiffsbauerdamm bildet, zwei Treppen hoch, zwei hübsche Stuben mit Cabinet. Die Aussicht ist sehr schön auf die Spree, unter die Linden, den Thiergarten & die Vic-Toria auf dem Brandenburgerthor. Meine| Hausleute bestehen aus zwei Personen; einem Kanikel von ungefähr 13 Jahren, verwachsen & häßlich & seiner Mutter, einer Wittwe die in einem naturhistorischen Systeme als Representant einer Zwischenfamilie zwischen Eulen & Katzen stehen müßte. Du kannst dir ihre Liebenswürdigkeit leicht ausmahlen. –

Ich führe hier ein so strenges austeres Leben, wie ich es seit Jahren nicht mehr gethan habe; und befinde mich dabei wohl, nur hin und wieder etwas abgespannt.

Baron v. Winterfeldt , mein frührer Reisegefährte in Peru ist hier angekommen & hat mir noch manchen Beitrag zu meiner fauna mitgebracht. – Herr v. Herzele vor dem du eine gewiße Antipathie hattest, ist ebenfalls hier. –

Wenn du Blumern schreibst so grüße ihn recht herzlich, eben so auch insbesondere Vetter Zwiki. –

Da nun wieder ein Jahr zur Vergangenheit hin gekreist ist, und durch ein neues im ewigen Wechsel ersetzt werden soll, so empfange alle Wünsche für dasselbe, welche aus einer treuen Freundesbrust für eines Freundes Wohl hervorgehen können. Auch deinen l. Eltern sage meine innigsten Wünsche für ihr Wohlergehen & einer freundlichen Zukunft für's kommende Jahr & grüße Sie aufs herzlichste.

Sollte ich dir ferner auch etwas seltner schreiben so zürne es nicht; glaube mir, daß ich unendlich oft geistig bei dir bin; aber daß mir Zeit gebricht so oft, als ich es wünsche zu schreiben; wir verstehen uns doch zu gut, um aneinander zu zweifeln.

Lebe recht herzlich wohl, mein theurer Freund, innig umarmt

Dich

Dein

Tschudi

Berlin 20.12.43.