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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0301 | KBSG VNL 38 : B : 18

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, Belvoir (Enge, Zürich), Donnerstag / Samstag, 2. / 4. November 1843

Schlagwörter: Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Rechtliches

Belvoir bei Zürich. 2/ 4 Nov. 43.

Mein lieber Abt!

Ich hoffe, ich habe Euer Ausbleiben am letzten Sontage, den ich in Appenzell zubrachte, einzig dem stromweise herunterstürzenden Regen, bei dem ich Euch allerdings einen Ausflug nach Appenzell nicht hätte zumuthen dürfen, zuzuschreiben. Entschädige mich mit einem baldigen Besuche in Zürich & unterlasse nicht, wenn Du dich einmal entschließen kannst, Deinen hiesigen Freunden diese Freude zu bereiten, Deinen Wohnsitz bei dem, der vor allem auf diesen Namen Anspruch machen zu dürfen glaubt, d. h. bei mir aufzuschlagen.

Wenn ich dich wieder mit der Prozeßsache meines Vaters behellige, so zürnst Du mir, ich weiß es, nicht. Ich würde wenigstens dir in ähnlichem Falle auch nicht zürnen. Abgesehen von dem Freundesdienste, den wir uns gegenseitig gewiß gerne leisten, liegt uns beiden die Ehre der Rechtspflege unserer Cantone wohl so sehr am Herzen, daß wir, wo es scheinen möchte, daß diese gefährdet werden dürfte, gerne etwas zur Abwendung dieser Gefahr thun.

Der sachliche Verhalt der Angelenheit ist dir aus meinem letzten Briefe bekannt. Nur noch zwei Umstände habe ich hinzuzufügen: 1) der Pfandschuldner war von einem Nachpfandgläubiger meines Vaters betrieben & diesem war das Unterpfand zugeschätzt worden. Mittlerweile hatte mein Vater den Pfandschuldner für Zinse betreiben lassen. Der Gemeindammann des Wohnortes des Pfandschuldners, Gemeindammann Curti, von Rapperschwyl, zeigte meinem Vater an, der Pfandschuldner besitze nichts mehr, der Zins müsse also auf dem Unterpfande gesucht werden. (Art. 66 des Rechtstriebges.) Zu gleicher Zeit forderte er den Gemeindammann der Gemeinde Jona, wo die Unterpfande liegen, auf, jenen Nachpfandgläubiger, in dessen Betreibung die gesetzliche Lösungszeit des Unterpfands bereits verstrichen war, dazu anzuhalten, die ihm zugeschätzten Unterpfande auf die Versteigerung zu bringen. Die Versteigerung wurde nun abgehalten & es erfolgte kein Angebot. Hievon wurde allen Nachpfandgläubigern meines Vaters & auch meinem Vater selbst Anzeige gemacht. (Art. 75 des Rechtstriebges.) Alle Nachpfandgläubiger sandten ihre Titel zur Entkräftung ein. Mein Vater erklärte das Unterpfand übernehmen zu wollen. So erzählt Gemeindammann Curti den Hergang. Ich habe aber allen Grund daran zu zweifeln & anzunehmen, dieser habe sich entweder in der Durchführung der von meinem Vater angehobenen Betreibung Nachlässigkeiten erlaubt oder es habe jene Versteigerung geradezu in Folge der von meinem Vater angehobenen Betreibung Statt gefunden. Gemeindammann Curti hat aus verwandtschaftlichen Rücksich| tenein Interesse daran, daß mein Vater den Prozeß verliere. Er steht ... der Ansicht, dieß werde der Fall sein, wenn es sich ergebe, daß mein Vater die Übernahme der Unterpfande erklärt habe, während er gesetzlich zu einer dießfälligen Erklärung nicht veranlaßt gewesen wäre. Er hält nun ferner dafür, wenn die Versteigerung in Folge Rechtstriebe eines Nachpfandgläubigers meines Vaters statt gefunden habe, so habe mein Vater in dem Gesetze keinerlei Veranlaßung gehabt, sich über die Übernahme oder Nichtübernahme des Unterpfandes zu erklären: wenn er nun aber Übernahme der Unterpfande erklärt habe, so habe er es ohne gesetzliche Veranlaßung gethan & müsse also den Prozeß verlieren. Dieses übrigens sehr schwache Argument fällt, wenn es sich herausstellen sollte, daß die Versteigerung in Folge Rechtstriebes meines Vaters Stattfand. Gemeindammann Curti sucht also dieß zu läugnen. Ich glaube aber in kurzer Zeit in den Stand gesetzt zu sein, entweder dieß oder wenigstens das zu beweisen, daß die Versteigerung in Folge Rechtstriebes meines Vaters hätte geschehen sollen & nur wegen Nachlässigkeit G.A. Curti's nicht geschah. Der Gewinn ist freilich kein großer, da das eben erwähnte Argument Curti's, wenn auch die Facten, auf die es sich stützt, wahr wären, mir nichts zu taugen scheint. Darüber werde ich übrigens noch im Verlaufe des Briefes zu reden haben, da – Dr Weder ähnlich oder gleich argumentiert! Ich sprach hier von der Sache, weil ich dir zur Vervollständigung des sachlichen Verhaltes mittheilen wollte, daß die Versteigerung wahrscheinlich in Folge der Betreibung meines Vaters geschah oder, wenn die Betreibungsbeamteten ihre Pflicht erfüllt hätten, hätte geschehen sollen, und um dir zu zeigen, wie selbst G.A. Curti sein möglichstes that, um meinen Vater die gerechteste Anforderung verlieren zu machen. 2.) Du hast aus der Darlegung des Sachverhaltes in meinem ersten Briefe ersehen, daß der Flächenraum des Unterpfandes in dem Schuldbriefe zu 11½ Jucharten angegeben ist, während das Unterpfand, wie es seinen Anstößern nach in dem Briefe bezeichnet ist, in der That nur 7½ Juchart hält. Ich habe nun von mehr ern Seiten vernommen, daß der Pfandschuldner, von dem mir G.A. Curti schrieb, er besitze nichts mehr, der Zins müsse auf den Unterpfanden gesucht werden, gegenwärtig noch unmittelbar neben den Unterpfanden 3-4 Jucharten freien Landes besitze. Dieses Land wurde offenbar bei Bezeichnung des Flächeninhaltes des Unterpfandes in dem Schuldbriefe zugerechnet, bei Beschreibung des Unterpfandes den Anstößen nach dagegen betrügerischer Weise weggelassen. Auch über diesen Punct werde ich mir noch die hinlängliche Gewißheit zu verschaffen wissen.

Du siehst aus dem gesagten, daß sich der Sachverhalt wo möglich noch mehr zu unsern Gunsten gestalten könnte. Ich will aber für einmal, bis das oben angeführte zu vollkommener Gewißheit erhoben ist, das Gegentheil davon annehmen & also von der Voraussetzung ausgehen, es habe die bewußte Versteigerung nicht in Folge Rechtstriebes meines Vaters Statt gefunden. |

Ich hatte Dr Wedern den Sachverhalt genau in derselben Gestalt mitgetheilt wie dir. Er hat mir aber mit einer ganz verschiedenen rechtlichen Würdigung geantwortet. Du warst davon überzeugt, daß wir mit einer Schadenersatzklage gegen den Gemeindrath Jona durchdringen müssen. Dr Weder dagegen schreibt mir: «Mein Vater hätte den Zug der Unterpfande nicht erklären müssen; könnte der Zug des Unterpfandes nicht mehr als ungültig erklärt & müßte mein Vater als Eigenthümer desselben betrachtet werden, so könnte der Prozeß gegen den Gemeindrath kaum gewonnen werden, nach St. Gallischen Gesetzen könnten Behörden nur dann um Schadenersatz belangt werden, wenn ein Schaden erwiesen vorliege; nachdem nun aber mein Vater das Unterpfand freiwillig übernommen, so könne ein Schaden, den er auf demselben erleide, nicht mehr ausgemittelt werden.» Dieß ist denn auch alles, was Weder gegen unsere Schadensersatzklage einzuwenden weiß & um dieser, wie Du gewiß von vorne herein finden wirst & ich nun noch näher ausführen werde, verkehrten Argumentation willen soll mein Vater, der in Folge Betruges oder grober Fahrlässigkeit des Gemeindrathes Jona 4 Jucharten weniger Unterpfande hat als in dem ihm eingehändigten Schuldbriefe angeführt sind, der also wie Du in Deinem Briefe ganz richtig sagst, einen reellen Verlust erlitten, diesen Verlust an sich selbst tragen, der betrügerische oder fahrlässige Gemeinderath aber von der Prästation derselben frei werden?!

Die Einwendung von Weder läßt sich auf den Einen Satz reduziren: Weil mein Vater Eigenthümer des Unterpfandes ist, so kann der Schaden, den er auf demselben erleidet, nicht bestimmt ausgemittelt werden & daher hat er den Schaden an sich selbst zu tragen. Dieser Satz würde Wedern unter der Voraussetzung, daß mein Vater durch das Gesetz veranlaßt worden wäre, Eigenthümer des Unterpfandes zu werden, dann doch zu verkehrt vorkommen und darum schickt er die Behauptung voraus, «mein Vater hätte den Zug der Unterpfande nicht erklären müssen.» Es handelt sich also nur um die Prüfung dieser zwei Behauptungen. Wer könnte etwa meinen, es liege in der oben angeführten Argumentation von Weder, die Ansicht versteckt, mein Vater habe durch den Eigenthumsantritt gar noch auf die Schadensersatzforderung gegen den G.R. Jona verzichtet. So weit geht nun aber Weder wenigstens jetzt nicht mehr: denn er schreibt mir in einem seiner letzten Briefe ausdrücklich; «Daß Ihr H Vater nicht verzichtet habe auf seine Entschädigungsforderung bei der Übernahmserklärung, liegt außer allem Zweifel.» Gewiß kann man nicht auf etwas, von dem man nichts weiß, Verzicht leisten! Ich habe also nun die obigen zwei Behauptungen zu widerlegen:

1.) Es ist nicht außer allem Zweifel, daß mein Vater den Zug der Unterpfande nicht erklären mußte. Weder stützt sich zur Erhärtung der Behauptung, er habe den Zug nicht erklären müssen, auf Art. 72 des Rechtstriebsgesetzes, indem letztere bei ihren Hypotecarrechten unter allen Umständen geschützt bleiben; | auf Art. 75 ibid. am Ende: «den betreffenden Nachbrief», endlich auf Art. 77 ibid.: «Unter der auf den Gant zu Verlust gekommenen Nachpfandgläubigern usf». Aus diesen Gesetzesstellen folgert Weder, die dem treibenden Creditoren vorgehender Pfandgläubiger werden von dem Rechtstriebe jenes treibenden Creditoren in keiner Weise berührt: mein Vater hätte also von dem Rechtstriebe des ihm nachgehenden Pfandgläubigers keinerlei Notiz nehmen & als auf der in Folge dieses Rechtstriebes Statt gefundenen Versteigerung kein Angeboth erfolgte, die Übernahme des Unterpfandes nicht erklären sollen. Das Gesetz, das überhaupt nicht sorgfältig redigirt ist (z. B. in Art. 74 ist der Fall, da nach dem treibenden Creditoren noch Nachpfandgläubiger wären, nicht vorgesehen) enthält aber wieder andere Bestimmungen, die für eine entgegengesetzte Ansicht zu sprechen scheinen: a) Der Art. 75 fängt ganz allgemein an: «Wenn das Ergebniß der Versteigerung zu Befriedigung sämmtlicher Pfandgläubiger unzureichend wäre, so ist denjenigen, deren Capitalbriefe nicht vollständig gedeckt wurden, hievon durch den Gemeindammann schriftliche Nachricht zu ertheilen & hiefür eine Bescheinigung zu verlangen. Damit ist gleichzeitig die Aufforderung zu verbinden, innert 14 Tagen entweder den Letztbietenden zu überschlagen, oder den betreffenden Nachbrief zur Herabsetzung des Nennwerthes oder Entkräftung einzusenden.» Alle also, denen die in dem ersten Theile des Art. gebotene Anzeige gemacht wird, haben entweder zu überschlagen oder den Brief einzusenden. («Damit ist gleichzeitig») Die Anzeige wird aber «sämmtlichen Pfandgläubigern», deren Capitalbriefe nicht vollständig «gedeckt wurden» gemacht. Es haben also sämmtliche Pfandgläubiger, deren Capitalbriefe nicht vollständig gedeckt wurden, entweder zu überschlagen oder den Brief einzusenden. Der Ausdruck «Nachbrief» am Schlusse des Art. 75 ist nun jedenfalls bei dieser Erklärung ein verfehlter. Es ist es aber auch bei der Weder'schen. Bei dieser leidet der Art. nicht auf den dem treibenden Creditoren vorgehenden Pfandgläubiger, wohl aber auf den treibenden Creditoren selbst Anwendung. Wird dieser für seine Forderung nicht vollständig gedeckt, so muß er entweder überschlagen oder den Brief einsenden. Wäre nun der treibende Creditor der erste Pfandgläubiger, so müsste er also auch nach der Weder'schen Ansicht überschlagen oder den Brief einsenden & doch wäre dieser kein «Nachbrief!» In dem Art. 77 muß ich freilich wieder zur Durchführung meiner Ansicht den Ausdruck «Nachpfandgläubiger» für einen zu engen erklären: aber auch Weder muß es zur Durchführung seiner Ansicht thun. Weder muß diesen Art. auch auf den treibenden ersten Creditoren beziehen. Der Ausdruck «Nachpfandgläubiger» schließt aber diesen aus. b) Im Art. 79 heißt es wieder: «bis nach Ablauf der Frist, innert welcher sämmtliche zu Verlust gekommenen Pfandgläubiger sich nach einander zu erklären haben». Also von einer Beschränkung derer, die sich zu erklären haben auf den treibenden & die ihm nachfolgenden Pfandgläubiger keine Rede! Aus diesen Stellen scheint also zu folgen, daß, wenn auf einer Versteigerung weniger als der Betrag der dem treibenden Pfandgläubiger vorgehenden Forderungen erlöst wird, dem Meistbietenden nicht von Amtswegen abgesagt, sondern diese vorgehenden Pfandgläubiger aufgefordert werden müssen, zu überschlagen oder den Brief einzusenden. Und in dieser Weise haben auch die Ammänner von Rapperschwyl & Jona das Gesetz, das sie zu vollziehen hatten, aufgefaßt. Es wäre mir nicht schwer, dieses, soweit es GeA. Curti v. Rapperschwyl angeht, durch | viele Stellen seiner Briefe an meinen Vater zu beweisen. Es ist dieß aber gleichgültiger, da, sobald der Rechtstrieb auf die Unterpfande gerichtet werden mußte, der Gemeindammann der Gemeinde, wo die Unterpfande liegen, also der von Jona denselben zu besorgen & das Gesetz anzuwenden hatte. Der Gemeindammann von Jona zeigte aber nach Abhaltung der mehrerwähnten Versteigerung das Resultat derselben meinem Vater an & verlangte von ihm eine Bescheinigung. Diese Anzeige stellt es außer allen Zweifel, daß der Gemeindammann der Ansicht stand, die fragliche Versteigerung berühre auch die dem treibenden Gläubiger vorgehenden Pfandgläubiger, der Art. 75 sei daher in diesem Falle auch auf meinen Vater anwendbar: denn hätte er nicht in dieser Ansicht gestanden, sondern eben geglaubt, die fragliche Versteigerung berühre bloß den treibenden & die nach ihm kommenden Pfandgläubiger, so ließe sich nicht absehen, warum er meinem Vater diese Anzeige gemacht & für dieselbe eine Bescheinigung verlangt hätte. Wenn nun der Gemeindammann bei dieser Anzeige stehen blieb & dann bloß in vagen & unbestimmten Ausdrücken berichtete, daß die Pfandgläubiger entweder zu überschlagen oder die Briefe einzusenden aufgefordert würden, ohne meinen Vater noch speziell darum anzugehen, so geschah dieß wohl, weil auch dem Gemeindammanne das Gesetz unklar erscheinen mußte, dessen 75ster Art. im Anfange von sämmtlichen Pfandgläubigern, deren Einzelbriefe nicht vollständig gedeckt wurden, am Ende dagegen auf einmal bloß von den Inhabern der Nachbriefe redet.

Sehr vieles läßt sich also auch dafür anführen, daß nach der bewußten Versteigerung der Art. 75 auch auf meinen Vater Anwendung litt. Daß er aber, wenn dieß einmal der Fall ist & also mein Vater sich über Übernahme der Unterpfande oder Verzicht auf dieselben zu erklären hatte, als erster Pfandgläubiger für die Forderung von Fl. 6050 an Capital & v. mehreren Zinsen auf die Unterpfande hätte verzichten und also diese nicht übernehmen sollen, wird wohl kein vernünftiger behaupten wollen. Sobald aber mein Vater zufolge gesetzlicher Bestimmung eine Erklärung abzugeben hatte & sich, wenn er sich einmal erklären mußte, nur für die Übernahme der Unterpfande erklären konnte, so scheint auch Weder'n die Schadensersatzforderung meines Vaters unbestreitbar.

2.) Ich will nun aber der so eben unter 1) motivirten Ansicht meines Vaters entgegen voraussetzen, es habe nach der bewußten Versteigerung der Art. 75 keine Anwendung auf meinen Vater gelitten, er habe demnach nach dem Gesetze nicht entweder Übernahme der Unterpfande oder Verzicht auf dieselben unter Einforderung des Schuldbriefes, sondern überhaupt gar nichts zu erklären gehabt, wie in aller Welt soll nun, wenn er bloß auf seine Faust hin u. ohne daß ihm das Gesetz irgend welche Möglichkeit dafür einräumte, Eigenthümer der Unterpfande werden zu wollen, erklärte, diese durch eine falsche Auslegung des Gesetzes veranlaßte Eigenthumsübernahme irgend welche rechtliche Folgen haben können? Kann etwa ein Pfandgläubiger von heute auf morgen, wenn es ihm beliebt, ganz einfach & ohne| weiteres erklären, er wolle jetzt Eigenthümer seines Unterpfandes sein?! Gewiß nicht. Wenn aber jener Übernahmserklärung keine rechtliche Folge beigemessen werden kann, wenn sie also nichtig ist, so fallen alle Bedenken, die Weder gegen die Begründetheit unserer Schadensersatzforderung hat, hinweg, da alle auf der irrthümlichen Voraussetzung, daß mein Vater auf eine rechtsverbindliche Weise, das Eigenthum an den Unterpfanden über nehmen zu wollen erklärt habe, beruhen.

3.) Setzen wir nun aber sogar noch voraus, theils daß mein Vater in dem gegebenen Falle nach dem Rechtstriebgesetze keine Erklärung der Eigenthumsübernahme abzugeben hatte & abgeben konnte, theils daß er aber dennoch befugt war, einseitig & ohne weiteres zu erklären, daß er Eigenthümer der Unterpfande werden wolle, wie soll nun aus der Eigenthumsübernahme der Unterpfande folgen, daß, wenn sie in der That nicht so viel Flächenraum enthalten als sie nach der Angabe des Schuldbriefes, an dessen Unterpfanden das Eigenthum übernommen wurde, enthalten sollten, der daraus erwachsene Schaden nicht von der Fertigungsbehörde des Schuldbriefes getragen werden müsse? Zu diesem Schluße glaubt man durch das Mittelglied, es könne der Schaden nicht leicht in einer bestimmten Summe ausgemittelt werden, gelangen zu dürfen. Dagegen ist aber fürs erste zu bemerken, daß die Argumentation: «Es ist durch Betrug oder Fahrlässigkeit Schaden entstanden, den der Betrüger oder Fahrlässige zu ersetzen pflichtig wäre. Da aber der Schaden nicht in einer bestimmten Geldsumme genau ausgedrückt werden kann, so soll er nicht ersetzt werden.», im allgemeinen als eine grobe Verletzung des materiellen Rechtes eine sehr gefährliche & mißliche ist. b.) Wenn diese Argumentation auch in einigen Nothfällen zulässig sein mag, so soll man sie doch nicht über die Gebühr ausdehnen und also, wo der Schaden, wenn man nicht absolut hölzern sein will, leicht ausgemittelt werden kann, zu der Ausmittelung immer Hand bieten. Warum soll in einem Falle wie der unsrige ist, derjenige, der Eigenthümer des Unterpfandes geworden, dieses nicht unter den üblichen Gantbedingungen auf öffentliche Versteigerung bringen, der Unterschied des Erlöses & seiner Forderung als den Betrag des erlittenen Schadens angesehen werden können & der geschädigte für diesen Betrag die betrügerische oder fahrläßige Fertigungsbehörde belangen dürfen? Warum soll derjenige, der Eigenthümer des Unterpfandes geworden, das Gericht nicht um eine gerichtliche Versteigerung des Unterpfandes Behufs Ermittlung der Summe des von ihm erlittenen Schadens angehen dürfen? Aber noch mehr: Soll in unserm Falle mein Vater als Eigenthümer des Unterpfandes angesehen werden können, so muß ihm doch von der das Grundbuch führenden Behörde ein Eigenthumstitel für das Unterpfand zugestellt worden sein. Der Eigenthumstitel muß aber| genau dasselbe als Eigenthumsobject enthalten, was in dem Schuldbriefe als Pfandobject enthalten war. Der Eigenthumstitel muß also meinem Vater das Eigenthum an 11½ Juchart zusichern, da der Schuldbrief so viele als Unterpfand enthielt. Sind nun meinem Vater 11½ Juchart in dem Eigenthumstitel zugefertigt, das zugefertigte Object ist aber in der Wirklichkeit nur 7½ Juchart groß, so hat mein Vater in Folge des Betruges oder der Fahrlässigkeit der Fertigungsbehörde 4 Jucharten Landes zu wenig & daher an diese Fertigungsbehörde genau den Betrag des Werthes von 4 Jucharten zu fordern. Es liegt also in unserm Falle der Betrag des erlittenen Schadens außer allem Zweifel. c.) Es soll in unserm Falle nicht möglich sein, den Betrag des von meinem Vater erlittenen Schadens zu bestimmen, da er die Übernahme des Unterpfandes erklärt. Wenn nun aber die Versteigerung in Folge Rechtstriebes meines Vaters Statt gefunden hätte, auf der Gant kein Angeboth erfolgt wäre & mein Vater dann die Eigenthumsübernahme hätte erklären müssen, so wäre es nach Weder's Ansicht möglich gewesen, die Größe des erlittenen Schadens zu bestimmen. Aber in unserm & diesem Falle findet Eigenthumsübernahme Statt. Diese war der einzige Grund für die behauptete Unmöglichkeit der Schadensausmittlung in unserm Falle: es müßte also dieser Grund auch Unmöglichkeit der Schadensmittlung in diesem Falle zur Folge haben. Hat er aber nach Weder dieß nicht, so kann er sie auch im ersten Falle nicht zur Folge haben. Ein anderer Fall, wo trotz dem, daß der Pfandgläubiger die Unterpfande übernimmt, der Schaden, den er darauf erleidet, ausgemittelt werden muß, ist der, da einer für den Pfandschuldner hinter den Unterpfanden eine sogenannte Indemnitätsbürgschaft leistet. Der Pfandschuldner kömmt in Concurs. Der Gläubiger muß die Unterpfande ziehen. Dabei erleidet er Schaden & dieser Schaden muß ausgemittelt werden. Wird man hier sagen: «Es ist unmöglich, den Schaden auszumitteln.» u. also weiter: «Im Canton St. Gallen wird es für juristisch unmöglich gehalten, für einen Pfandschuldner Indemnitätsbürgschaft zu leisten»? Gewiß nicht. Man wird aber den Pfandgläubiger die Unterpfande in üblicher Weise verkaufen lassen oder die Unterpfande werden von Gerichtswegen versteigert werden und der Betrag, um den der Erlös der Forderung des Pfandschuldners nicht nachkömmt, wird als der durch den Indemnitätsbürgen zu ersetzende Schaden angesehen werden.

Ich halte nun dafür, es dürfte am gerathensten sein, vorerst im Sinne der unter 2) enthaltenen Ausführung gegen jede Eigenthumszufertigung zu protestiren, den Pfandschuldner neuerdings für Capital & Zinse unter Abrechnung der auf den Unterpfanden von meinem Vater gezogenen Früchten betreiben oder den im Jahre 1842 angehobenen & durch die betreffenden Ammänner nicht durchgeführten Rechtstrieb fortsetzen zu lassen, den auf der öffentlichen Versteigerung sich ergebenden Mindererlös nach Anleitung des Art. 81 des| Rechtstriebgesetzes auf dem übrigen Vermögen des Pfandschuldners zu suchen um zuletzt für das, was auf diesem Wege nicht erhalten werden kann, eine Schadensersatzforderung an den Gemeindrath Jona v. 1830 zu stellen.

Sollte der Pfandschuldner gegen die auf ihn als Schuldner des fraglichen Schuldbriefes angehobene Betreibung Rechtsvorschlag auswirken, die Rechtsbeständigkeit der von meinem Vater abgegebenen Erklärung der Eigenthumsübernahme behauptend & darauf das fernere Vorgeben stützend, daß mein Vater das Eigenthum an dem Gute übernehmen müsse, so wäre wohl allerdings vorerst diese Vorfrage zu entscheiden. Würde dann das Gericht entscheiden, jene Erklärung meines Vaters sei ohne rechtliche Wirkung & es könne daher mein Vater nicht angehalten werden, das Eigenthum auf sich übertragen zu lassen, so würde eben der Rechtstrieb auf den Pfandschuldner festgesetzt & nach Durchführung desselben auf die oben angegebene Weise verfahren. Würde dagegen das Gericht entscheiden, mein Vater müsse das Eigenthum auf sich übertragen lassen, so wären wohl verschiedene Wege einzuschlagen je nachdem das Gericht entweder angenommen, daß mein Vater durch das Gesetz veranlaßt wurde die Erklärung der Eigenthumsübernahme abzugeben oder dafür gehalten hätte, er habe es ohne durch das Gesetz dazu veranlaßt werden zu sein gethan. Würde das Gericht das erstere annehmen, so könnte mein Vater die Unterpfande verkaufen & für den Mindererlös auf den Pfandschuldner & zuletzt auf den Gemeindrath greifen. Nähme das Gericht dagegen das letztere an, so würde mein Vater den Pfandschuldner & den Gemeinderath für den Werth von 4 Jucharten belangen können.

Wenn ich nun bemerke, daß der Pfandschuldner mit dem Gemeindrath Jona colludirte, um den Flächenraum der Unterpfande, der 7½ Juchart betrug, in dem Schuldbriefe, einer öffentlichen Glauben genießenden Urkunde, betrügerischer Weise 4 Jucharten bedeutenden, anzugeben oder daß, wenn keine betrügerische Absicht vorwaltete, was übrigens niemand in der Gegend von Rapperschwyl glaubt, doch der Gemeindrath sich grober Fahrlässigkeit schuldig machte, wenn ich ferner bedenke, daß nach dem Gesetze der Gemeindrath die Größe des Unterpfandes zu untersuchen & wenn der Gemeindrath aus Mangel an nöthiger Vorsorge die pfandbaren Grundstücke «unrichtig beschriebe» & daraus Schaden entstünde für diesen Schaden einzustehen hat & wenn ich nun sehe, daß Weder bei dieser Sachlage meinem Vater nichts anderes zu sagen weiß, als, er hätte den Zug der Unterpfande nicht erklären müssen & wenn er diese Erklärung nicht rückgängig machen könne, so könne er keine Schadensersatzforderung gegen den Gemeindrath Jona stellen, so kann ich dir nicht verhehlen,| daß mir das Benehmen Weders höchst auffallend erscheint, so auffallend, daß ich entweder an der wissenschaftlichen Tüchtigkeit oder – natürlich unter uns gesagt! – an der Ehrlichkeit Weders zweifeln muß. An der erstern kann ich nach dem, was Du mir von demselben gesagt, kaum zweifeln. Was dagegen die letztere anlangt, so bin ich auf seine Freundschaft mit R.R. Curti, einem Verwandten des Pfandschuldners, & ganz besonders auch darauf, daß ein Sohn des Pfandschuldners auf Weders Bureau arbeitet, aufmerksam gemacht worden.

Ich möchte dich nun ersuchen, mir Deine Ansichten über das Betragen Weders und über die Frage, ob ihm die fernere Führung der Sache zutrauensvoll überlassen werden könne, mitzutheilen. Es versteht sich, daß, wenn ich ihn seiner weitern Dienstleistungen in dem Prozesse entheben würde, ich das Motiv vorschützen würde, er scheine von der Begründetheit unserer Forderung nicht überzeugt & ich wiße aus eigener Erfahrung, daß es ebenso unangenehm als erfolglos sei, gegen seine eigene Überzeugung zu reden. Noch mehr versteht es sich, daß ich mich in Beziehung auf alle Deine Mittheilungen der unbedingtesten Verschwiegenheit befleißen werde. Endlich möchte ich dich ersuchen, mir zu sagen, ob Du dafür hältst, daß falls wir Wedern von fernern Dienstleistungen in der Streitsache entbinden müssen, ich, wenig vertraut mit den St. Gallischen Gesetzen, wie ich es bin, den Prozeß führen könnte.

Ich muß nun vor allem dich wegen dieser langen Epistel um Entschuldigung bitten. Gewiß hat sie dich nicht wenig gelangweilt. Dieß sind die Kosten der Freundschaft. Ich kann dir nur die Versicherung geben, daß, sobald Du mir Veranlaßung dazu geben wirst, ich mit Vergnügen solche für dich übernehmen werde.

Von Deinen hiesigen Freunden kann ich dir wenig neues berichten. J. Escher ist Substitut des Obergerichtsschreibers, Hauser & Brändli sind Cantonsprocuratoren geworden. F. Schweizer wird ohne Zweifel Pfarrer in Albisrieden. Ich habe dir in meinem ersten Briefe von der Gesellschaft, die wir gestiftet, Nachricht gegeben. Diese hat in ihrer letzten Versammlung den Beschluß gefaßt, sich mit wissenschaftlichen Fragen von allgemeinem Interesse aus allen Gebieten, mit Besprechungen über die practische Ausführbarkeit der Resultate der wissenschaftlichen Theorie endlich mit politischen & kirchlichen Fragen zu beschäftigen, damit diese Besprechungen immer in trautem Kreise Statt finden können, sich abzuschließen, so daß man, um Mitglied der Gesellschaft werden zu können, gewählt sein muß. Die Gesellschaft zählt gegenwärtig etwa 20 Mitglieder aus allen Facultäten. Ich verspreche mir viel davon. Es würde uns alle ungemein freuen, dich wieder einmal in unserer Mitte zu sehen. Du hast mir in St. Gallen gesagt, Du könntest während der bevorstehenden Großrathsitzung abkommen. Laße doch die Gelegenheit nicht unbenutzt vorüber gehen! Das aber erkläre ich dir, daß wenn Du nach Zürich kämest, ohne Dein Logis bei mir aufzuschlagen, ich es dir in hohem Grade übel nehmen würde! Wir werden keinerlei Complimente mit dir machen. Meine Eltern wissen, daß meine| Freunde dieß nicht lieben. Grüße mir von Herzen Deine lieben Brüder. Erfreue mich mit einer baldigen Antwort.

Mit Herz & Hand Dein

A Escher

P. S. In meinem letzten Briefe v. Appenzell aus habe dich wegen eines Postens in d. [Bremi'schen?] [...?] angefragt; bitte um Antwort.