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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0300 | FA Tschudi

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 4

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 29. Oktober 1843

Schlagwörter: Freundschaften, Jesuiten, Mittwochgesellschaft, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 29. Oktober 1843.

Mein theurer Escher!

Indem ich Dir vorerst noch für die herzlichen Worte, mit denen Du Deines Besuches bei uns erwähntest, danke, will ich sogleich auf den Hauptgegenstand Deines letzten Briefes1 übergehen. Die Offenheit, mit der Du Dich über diejenige Angelegenheit, welche Dich ohne Zweifel jetzt am meisten beschäftigt u. intressirt, gegen mich äußerst u. das dadurch an den Tag gelegte Zutrauen zu mir haben mich auch diesmal wieder unendlich gefreut. Ich glaube aber, daß eben der Umstand, daß du das ganze Gewicht jener Hauptfrage Deiner Gegenwart in unser Gespräch über die Um- und Ausbildung Eures akademischen Vereines2 (um mich dieses kurzen Ausdruckes für Eure Gesellschaft zu bedienen!) hineingelegt hast, bedeutende Mißverständnisse zwischen uns hervorgerufen hat. Die Frage, ob sich Leute von unserer Alters- u. Bildungsstufe auf eine eben dieser Stufe entsprechende Weise in die Tagesfragen einmischen, ob sie thätig wirkend in's politische, überhaupt in's öffentliche Leben hinaustreten sollen, ist für mich bald entschieden, denn ich habe sie schon seit längerer Zeit praktisch, wenn auch nur in beschränkterm Kreise, bejahend beantwortet. Obschon ich Dir zwar hierüber keinen Rath ertheilen möchte, weil in diesem Punkte der eigne Geistestrieb entscheiden muß, so könnte ich es doch nur unbedingt billigen, wenn auch Du in Deinem weitern Kreise, sey es als Beamteter oder als Privatmann, in allen Angelegenheiten, in welchen Du Dich mitzusprechen u. mitzuwirken befähigt u. berufen glaubst, entschieden u. kräftig mit Deiner Meinung hervortreten u. ihr Geltung zu | verschaffen suchen würdest. Ich halte sogar dafür, daß sowohl Deine äußere unabhängige Stellung als auch Deine Talente u. Deine geistige Errungenschaft Dich als Staatsbürger in mancher Hinsicht zu solchem thatkräftigem Auftreten verpflichten u. auffordern. Daß die Befriedigung eines derartigen Bedürfnisses, welches Du in Dir fühlst, mit derjenigen Deiner wissenschaftlichen Neigungen vereinbar wäre, glaube ich mit Dir; das Verhältniß, in welches sich dann beide Richtungen mit Bezug auf Deine Zeit u. Deine Kräfte setzen würden, hinge natürlich von dem Umfange Deiner praktischen Thätigkeit ab, u. dieser ist nie ganz Sache eigner freier Willensbestimmung, sondern wird oft durch sehr zufällige äußere Umstände bedingt. Anders habe ich nun freilich die Frage angesehen, ob Euer Verein als solcher sich in politische u. religiöse Diskussionen einlassen solle, welche Du mir bei unsrer Zusammenkunft allein vorgelegt hast. Du warst mit mir darüber einverstanden, daß ein Verein von Leuten unsers Alters nicht mehr die Aufgabe haben könne, welche wir früher dem Zofingervereine setzten, die noch unentwickelten Ansichten seiner Mitglieder über jene Gegenstände auszubilden u. zu festen Ueberzeugungen zu gestalten, weil hier vorausgesetzt werden müsse, daß die Mitglieder bereits zu diesen gelangt seyen. Demnach könnte jene Beschäftigung in Euerm Vereine keinen andern Zweck haben, als die Vorbereitung zu sofortigem gemeinschaftlichem Einwirken in die Verhältnisse des Staats u. der Kirche; die Bildung einer Angriffskolonne, einer «Phalanx»3 nach Deinem Ausdrucke; Euer Verein würde also dadurch zum politischen, während er jetzt bloß eine freundschaftliche u. gesellige Tendenz hat. Dagegen habe ich nun einzig das Bedenken geäußert, daß diese Veränderung der Freundschaft, welche ungeachtet des ziemlich weiten Kreises jetzt noch, wie ich glaube, Euch alle enge umschließt, Eintrag thun könnte. Ich gehe nämlich von der Ansicht aus, daß Freundschaft auch ohne durchgängige Uebereinstimmung in politischen Ansichten, namentlich über Fragen von untergeordneter Natur, | denen aber das praktische Leben oft große Bedeutung verleiht, bestehen könne. Ein politischer Verein aber muß in Allem, namentlich in allen praktischen Fragen (oft viel weniger in den Grundsätzen!) einig seyn u. als geschloßne Schaar dastehen. Was wäre nun natürlicher, als daß manches Eurer jetzigen Mitglieder, dem vielleicht dieser oder jener Akt, diese oder jene öffentliche Aeußerung des Vereins nicht ganz zusagen würde, aus demselben austräte, ebendadurch sein freundschaftliches Verhältniß zu den bleibenden Mitgliedern aufgäbe? Diese würden sich dann vielleicht durch andre, in politischer Hinsicht besser mit ihnen sympathisirende Leute ergänzen, bei denen aber das ursprüngliche Band, welches den Verein begründet, die Jugendfreundschaft, ganz fehlen würde. Ich habe im mündlichen Gespräche auch darauf hingewiesen, daß vielleicht manche Eurer Mitglieder, deren Berufsfach eine rein theoretische Wissenschaft ist, zu politischem Wirken überhaupt sich weniger berufen u. geneigt fühlen könnten. Ein bestimmtes Urtheil über Euern Verein, den ich nicht ganz genau kenne, habe ich nie zu äußern gewagt; aber meine Vermuthung geht dahin, derselbe eigne sich sehr wohl zum Freundschaftsbunde, u. es wäre Schade, wenn dieser Bund aufgelöst würde, aber zur politischen Phalanx dürfte er nicht alle nöthigen u. wünschbaren Elemente in sich tragen. Kann ich durch persönliche Anschauung oder durch nähere Mittheilungen von Dir zu einer andern Ansicht gelangen, so wird es mich freuen.

Die politische Lage der Schweiz, die sonst nur Langeweile u. Ueberdruß erregen konnte, fängt gegenwärtig an etwas intressanter zu werden. Luzern hat sich in eine sehr schwierige Stellung hineingerannt4; ich bin begierig zu sehen, wie es sich heraushelfen wird. – Ich will übrigens keine weitern Gegenstände, die etwa noch zur Besprechung nahe liegen würden, für heute mehr berühren, da es wenigstens leicht möglich ist, daß ich etwa zu Ende des künftigen Monats zu Dir nach Zürich komme. Bestimmt kann ich es noch nicht voraussagen, da sich auch leicht in meinen Geschäften Abhaltungen für diese Zeit finden könnten. Jedenfalls aber ersuche ich Dich dringend, mich nur in dem Falle zu Dir in's Logis einzuladen, wenn weder die Gesundheitsumstände Deiner Eltern noch Deine Geschäfte von der Art sind, daß mein Besuch irgendwie stören könnte. Empfehle mich inzwischen Deinen verehrten Eltern, u. empfange die herzlichsten Grüße von den meinigen, meiner l. Frau5

u. Deinem treuen

J J Blumer.|

Vorgestern besuchte ich Zwicki, um ihn in seiner traurigen Lage etwas zu erheitern. Er befindet sich körperlich immer noch sehr unwohl u. wird wohl diesen Winter nicht nach Zürich kommen können. – Meiner l. Mamma6 geht es jetzt gerade ordentlich, sonst sehr abwechselnd. – Ich bin begierig, noch etwas über Deinen Reisegefährten7 bis nach Wesen zu erfahren; er verfolgt mich seit jener Reise mit allerlei Nartüken, die er dem dortigen Pfarrer abgeschwatzt hat.8

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Gemeint ist die Akademische Mittwochgesellschaft. Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848), Zürich: Voller Tatendrang.

3Phalanx (gr.): eine vor allem im antiken Griechenland gebräuchliche Kampfformation der Infanterie; übertragen: in sich geschlossene Kampftruppe.

4Blumer spielt hier auf die bevorstehende Berufung der Jesuiten nach Luzern an. Umwälzung der alten Ordnung, Zürichputsch (1839); Umwälzung der alten Ordnung, Aufhebung der Aargauer Klöster (1841); Umwälzung der alten Ordnung, Berufung der Jesuiten nach Luzern (1844); Umwälzung der alten Ordnung, Volksversammlung in Unterstrass (1845).

5 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Johann Jakob Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

6 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky.

7Person nicht ermittelt.

8Ergänzung am Rand der ersten Seite.