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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0298 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 3

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Neuenburg, Mittwoch, 4. Oktober 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Parteienstreitigkeiten

Briefe

Neuschatel 4ten Oktober 1843.

Mein lieber Alfred!

Unverweilt antworte ich dir, damit du sehest, weit entfernt mich in Verlegenheit zu setzen, dein Schreiben1 mir vielmehr große Erleichterung gewährte & mich in Stand sezt auch mein seitheriges Benehmen & die unruhige Stimmung die du in meinem lezten Briefe2 wahrnahmest & das was ich darin ausgesprochen zu rechtfertigen. Die Art unseres Abschiedes in Paris so wie auch mein erster Brief3 von Neuschatel ließen wohl nichts von der Stimmung ahnen, die sich meines hinsichtlich unseres gegenseitigen Verhältnisses später bemächtigen sollte ahnen. Etwas ist inzwischen vorgefallen & ich schrieb den zweiten Brief4, den ersten nach deiner Rükkehr in Zürich, in dem ich allerdings dies Vorgefallene verschwieg, um nicht einen Dritten ohne Noth zu kompromittiren. Dein Schreiben5 von Appenzell in dem ich deine ganze Aufrichtigkeit & deine alte Liebe zu mir erkenne öffnete mir den Mund, ebenso wohl um ein Verfahren von dir in milderm Lichte zu schauen wie mich selbst gegen schweren Vorwurf zu vertheidigen. – Es war nach der Rükkehr Tschudy's nach Neuschatel, im Mai als wir eines Tages uns besprachen über wissenschaftliche Gegenstände. Nach langer cordialer Unterhaltung sagt Tschudy: «Nicht wahr, Sie konnten aus meinem Benehmen gegen Sie nicht schließen, ich Ihre Äusserung in Paris, ich wolle auch in die Medizin hineinpfuschen, Ihnen bös aufgenommen habe!» Ich war über & überroth, das Faktum war richtig, nur entsann ich mich nicht vor wemm ich es gesagt hätte; als er fortfuhr & sagte, der mich denunzirt hätte, der wärest du; du, der du noch dazu wußtest, ich am Vorabende einer längern Reise mit ihm stand & den es mich aufrichtig freute für einige Monate in Neuschatel zu sehen. Seit Jahren, selbst während der traurigsten Sorgen in Familienverhältnissen war mir kein solcher Stich durch das Herz gefahren. Auf dich baute ich wie auf kein menschliches Wesen in der Welt & du irrst sehr wenn du glaubst, bloßer, verlezender Scherz hätte mich an dir irre machen können; wohl aber vermochte diese eine That meinen ganzen Glauben an dich zu erschüttern & allerdings in mein so tiefgereiztes Gemüth auch alles frühere in starken grellen Farben zurükzurufen. Ich konnte darin nichts anderes erbliken als einen Mißbrauch meines Vertrauens, mit einem Worte einen Verrath. – Urtheile nun, ob nicht vielmehr ich mir sagen mußte: Wie viel es mich kosten würde, meinen Busenfreund gegen Dritte auf solche Weise zu kompromittiren! & für wahr dieser Gedanke verließ mich keinen Augenblik & ebenso sehr weiß sich mein Gewissen frei von solcher That.| Urtheile ferner ob ich Gonzenbach6 & Tschudy gegenüber, die also um die Sache wußten, ohne unser sonstiges gegenseitiges Verhältniß zu kennen, urtheile, ob ich ihnen darüber andere als negative Auskunft geben konnte. Urtheile endlich ob du oder ich die Schuld trage, solche traurige Spaltung durch die Hände eines Dritten bewirkt wurde. Das Siegel welches den freundschaftlichen Verkehr dekt & sichert, habe ich nie erbrochen, nie, selbst dann nicht wenn Zeit & Verhältnisse manches Band lokerer machten. – Allerdings habe ich unser ganzes bisheriges Verhältniß erwogen & jene ernste Unterhaltung des verflossnen Winters in die ernsteste Betrachtung gezogen & in Folge dessen mich d. Hoffnung hingegeben, du wohl in unbewachtem Augenblike dein Verfahren in so unschuldigem Lichte erbliktest als es dir an meiner Stelle schuldig erschienen wäre. Zu deinem & meinem Unglük erinnerte ich mich mancher leicht hingeworfener Kritik über mein Thun & Lassen, die mir gerade desswegen um so herber erschien als sie eine Seite an mir betraf, die sich eben entwikelte & deren Schwäche ich selber um so mehr fühlte als ich weiß wie viel es mich Mühe & Selbstüberwindung kostete, mich in's glükliche Gleichgewicht zu bringen. Für grobe Vorwürfe & Beleidigungen bin ich nicht mehr empfindlich, sie treffen gewöhnlich fehl & Verachtung trifft den rohen Gegner; um so empfindlicher aber, weil ein feineres Gefühl verlangend, bin ich & mit mir so mancher andere, gegen den Tadel der gegen Bestrebungen gerichtet ist, die nun nicht wenig Mühe kosten & nur durch manchen Fehltritt zum Ziele führen. In dieser Lage war ich seit der Zeit als ich mich bestrebte aus meinem frühern stoischen Pedantismus mich herauszuarbeiten; es war eine Bahn die ich verfolgen mußte, trotz manchen Verstoßes, manchen Zeitverlustes, ja vieler Gefahr auf verführerische, in's Unglük steigende Abwege zu gerathen. Jezt da ich ein natürliches Geleise, freilich auf anderer Bahn wieder gefunden & mich ebenso glüklich & innerlich beruhigt fühle wie je denke ich um so lieber an meine alten Freunde zurük, um so lieber als ich einige Zeit Gefahr zu laufen schien, mich ihnen zu entfremden. Was ich in deinem Benehmen gegen mich in dieser Zeit auszusetzen habe, ist, du eben so sehr mich in eine verlassne Bahn zurükdrängen wolltest während mein ganzer innerer Zustand mich unaufhalsam auf der neuen vorwärtsdrängte. Obwohl wir uns nie in ernstliche Controversen einließen bestand doch immer etwelche Spannung & diese Spannung die während des lezten Winters den Höhepunkt erreichte war es die mich hier den Gedanken nicht unterdrüken ließ, ob sie wirklich dein Verhältniß zu mir in soweit hätte ändern sollen, du leichter die Rüksichten verleztest, die du dem Freunde schuldig warest.| Es war ein peinlicher Zustand in dem ich dir schrieb & unwillkührlich fühlte ich mich dazu getrieben meine Lage zu dir auseinanderzusetzen & gerade die Differenzen herauszuheben die allem innern Charakter unbeschadet in unserm geistigen Entwiklungsgange nach meiner Ansicht sich ergeben hatten. Es war damit unwillkührlich die Absicht verbunden dich zu einer Erklärung herauszufordern, deine Gesinnung gegen mich zu offenbaren. Du hast dies in so klarer Sprache, mit so warmem Ausdruke des Werthes den du auf die Fortdauer unsrer Freundschaft sezest gethan, du nun auch begreifen wirst wie du das wesentlichste bereits schon gethan um mein allerdings empfindliches Gemüth zu beruhigen. Möge eine baldige Antwort mich vollends beruhigen & mögest du dann die Punkte bezeichnen die dir in meinem Briefe undeutlich erscheinen, oder zu unheimlichen Zweifeln Anlaß geben. Ich werden keinen Augenblik anstehen dir dafür Rede zu stehen. Für heute nur soviel, ich, wenn ich von vorgefassten Urtheilen sprach, dies soviel ich mich erinnere auf meine oben besprochne Lage bezog & ich auch jezt darauf beharre, du meine innern & äußern Verhältnisse während dieser Zeit zu wenig kanntest, um mich richtig zu beurtheilen. unser Gedankengang in wissenschaftlichen Fragen & auch in praktischen Gebieten wie Politik, religiösen Ansichten etc. & vor allem in d. Philosophie selbst vielfach abweicht, das kann dir schon jeder sagen der mich & dich zugleich kennt. Wenn du dich an dem Worte stoßest, gründliche historische Forschung dich vielleicht zu anderm Ziele führen werde, als du dir ursprünglich vorseztest, so finde ich, es würde dir eben auch nichts anderes begegnen, als Blumer der mir unter anderm schrieb7, bei seiner historischen Arbeit manche Illusion einer schweizerischen Vorzeit beseitigt worden & seine Lieblingsidee, die Idee einer schweizerischen Nationalität sehr bedeutende Einschränkungen erfahren mußte. Ich machte dich darauf aufmerksam, weil ich weiß & du es nicht leugnen kannst, du für die radikale Parthei nicht nur Sympathie hast, sondern dich bereits auch für sie thätig zeigtest. Was ich an dieser lobe, ist ihr Streben zum Fortschritte. Was ich tadle ist die Halbheit, die Ungründlichkeit, mit der sie diesen Zwek verfolgt. Die Art wie sie Grundsätze aufstellt ohne ihre Nothwendigkeit gründlich zu deduziren, noch tadelns werther aber die Art, wie sie selbe im Stiche läßt wenn sie durch ihre äußersten Consequenzen vor dem praktischen Sinne des Volkes kompromittirt werden. Dies war der Beweggrund von meiner Seite, dich auf ähnlichen Fehler aufmerksam zu machen, der der guten Sache, der Sache wahrer Aufklärung, wahrer Freisinnigkeit & Toleranz in der Schweitz so vielfach schon geschadet hat. –

Ich bin nun doch wieder auf meinen frühern Plan zurükgekommen, mein Jahr hier in Neuschatel auszufüllen & bis Ende Februar zu bleiben. Nie vielleicht wird mir bei so geringem Zeitverlurste die Gelegenheit so viel zu beobachten. An Dr. Mercier8 habe ich nicht nur einen mir stets angenehmen Freund als nun auch einen Gehülfen bey unsern Operationen an Leichnamen, die uns zu diesem Zweke zu Gebote stehen erhalten. Meine übrigen| Verhältnisse gestalten sich von Woche zu Woche angenehmer. In 6 Häusern breits erfreue ich mich der freundlichsten, ungezwungensten Aufnahme. Die Sitten der bessern Gesellschaft, die wie abgeschnitten von denen der niedern Classe sind, sind musterhaft. Deutscher Ernst, ungezwungnere Heiterkeit finden sich wohl nirgends besser mit feinem französischem Anstande gepaart. Das Französische selbst wird in seltner Reinheit ausgesprochen & ich hoffe noch wesentliche Fortschritte darin zu machen. Die stärkste Seite hierin ist bei mir die französische Medizin, deren Ausdrüke mir nun ganz geläufig geworden. Beste Grüße an die Deinigen, an Zwiki dem ich nächstens zu schreiben gedenke, an J. Escher9, Honegger, Nägeli10, Kölliker11 etc etc.

Dein aufrichtiger alter C. Sinz.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 3. August 1843.

3 Vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, [ 09 . April 1843 ].

4 Vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 3. August 1843.

5Brief nicht ermittelt.

6 Wilhelm Eugen von Gonzenbach (1817–1880), St. Galler Jurist.

7Brief nicht ermittelt.

8Person nicht ermittelt.

9 Jakob Escher (1818–1909), Schreiber bei der Obergerichtskanzlei (ZH).

10 Carl Wilhelm Nägeli (1817–1891), Privatdozent für Botanik an der Universität Zürich.

11 Albert Kölliker (1817–1905), Privatdozent für Physiologie und vergleichende Anatomie an der Universität Zürich.