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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0296 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 6. September 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Rechtliches

Briefe

Glarus den 6. September 1843.

Mein theurer Escher!

Dein letzter Brief enthielt so viel Wichtiges u. Erfreuliches für mich, daß ich nicht länger anstehen darf, denselben zu beantworten. Es gereicht mir zum größten Vergnügen, mich brieflich mit dir über einen mich so sehr ansprechenden Gegenstand unterhalten zu können, wie der Plan ist, den wir gegenwärtig im Auge haben, den wir auszubilden u. zu verwirklichen suchen. – Du hast dich mit mir für eine stoffliche Theilung der Arbeit als Grundlage des gesammten Werkes entschieden, u. ich will daher über diesen Punkt kein weiteres Wort verlieren. Auch über die von mir vorgeschlagnen Abtheilungen, welche unter die einzelnen Mitarbeiter zu vertheilen wären, bist du mit mir einverstanden, nur daß du glaubst, die Zusammenstellung u. Beurtheilung der Rechtsquellen wäre eine zu geringfügige u. wohl auch zu wenig erfreuliche Arbeit, um unter die Haupttheile aufgenommen zu werden. Auch ich glaube, es dürfte wohl kein Mitarbeiter besonders Lust haben, bloß diesen Theil zu übernehmen, u. will daher keineswegs darauf bestehen, daß derselbe Einem allein zugeschieden werde; da indessen dieses nothwendige, u. wie ich dich aus meinen Studien versichern kann, sehr intressante Capitel, welches jedenfalls in der Rechtsgeschichte nicht fehlen darf, unter keinen andern der aufgestellten Hauptpunkte paßt, so wird wohl einer der Mitarbeiter es noch außer seinem größern Arbeitstheile auf sich nehmen müssen. Von dem Lehenrechte muß in der äußern Rechtsgeschichte häufig u. in verschiednen Beziehungen Gebrauch gemacht werden; | eine zusammenziehende u. gründliche Darstellung desselben aber würde am besten in's Sachenrecht passen. Indessen scheint es mir, Bluntschli habe mit richtigem Takte eine solche Ausführung aus seinem Werke weggelassen, theils weil das Lehnrecht für die ganze Schweiz reine Antiquität ist u. daher durchaus nicht dazu beitragen kann, den jetzigen Rechtszustand zu erklären, theils weil es schon sehr frühe (im 14ten u. namentlich im 15ten Jhundert) in seiner weiteren Entwicklung gehemmt wurde u. nie zu einer so festen Ausbildung wie in Deutschland gelangen konnte. Auch dürfte, was sich für die ältere Zeit darüber sagen ließe, wohl nicht viel Eigenthümliches darbieten, sondern man würde wohl nur diejenigen Rechtsgrundsätze in praxi wiederfinden, welche in den deutschen Lehnrechtsbüchern theoretisch niedergelegt sind. Ich würde es dem Bearbeiter des Vermögensrechts überlassen, je nach Gutfinden diesen Rechtstheil entweder systematisch darzustellen oder zu übergehen. Es ließe sich auch fragen, ob nicht aus der Geschichte des Kirchenrechtes ein besonderer Abschnitt unsers projektirten Werkes zu machen wäre, da es mit der äußern Rechtsgeschichte sich nicht wohl vereinigen ließe; allein ich würde auch hier für die Weglassung dieses Stoffes, als selbstständigen Rechtstheiles, stimmen, eben weil hiefür, wie ich bestimmt annehmen zu dürfen glaube, die Schweiz wieder wenig Eigenthümliches darbieten würde.

Hinsichtlich der Beibringung des Quellenapparates theile ich deine Ansicht, daß jeder Mitarbeiter auch für diese mit Hinsicht auf mehrere Cantonen zu sorgen hätte, damit jeder wisse, an welchen Gesellschafter er sich für jeden einzelnen Fall um Auskunft zu wenden habe. Auch bin ich mit dir überzeugt, daß es bei weitem am besten seyn wird, wenn jeder Gesellschafter für sich unter seinen Freunden u. Bekannten in den verschiednen Cantone seine Gehülfen sucht; denn dadurch wird nicht nur das heikle Verhältniß eines engern u. weitern Kreises von Mitarbeitern vermieden, sondern ich glaube auch, daß wir auf diese Weise am zuverlässigsten zu einem möglichst umfassenden Apparate gelangen werden, indem wohl Jedermann weit eher einem Bekannten, der ihn darum angeht, mit Eifer u. Sorgfalt einen wissenschaftlichen Dienst erweist, als einer | ganzen Gesellschaft, deren Mitglieder ihm vielleicht ganz oder größtentheils unbekannt sind. – Am meisten freuten mich deine Mittheilungen über diejenigen unsrer Freunde, welche du bereits zu Mitarbeitern für unser planirtes Werk gewonnen hast. Daß Jak. Escher u. Hammer so bereitwillig zugesagt haben, hat mich unendlich ermuthigt u. mir neue Lust zur Ausführung unsers Vorhabens eingeflößt. Daß wir auf Brändli nicht mit Bestimmtheit zählen dürfen, hatte auch ich selbst schon bei mir überlegt; denn nur zu gewiß ist es, daß für ein solches Unternehmen die äußern Verhältnisse, in denen Einer steht, von sehr wesentlichem Belange sind. Du wirst ihm indessen ohne Zweifel, sobald er nach Zürich zurückkehren wird, unsern Wunsch, daß auch er an der Ausarbeitung des Werkes Theil nehmen möchte, mittheilen u. es wird sich dann zeigen, wie er sich darüber erklären wird. Hinsichtlich Gonzenbachs hast du dir die verschiednen Gründe, welche für u. gegen seine Aufnahme sprechen, erschöpfend angeführt, u. auch ich finde, wie die andern Mitarbeiter, daß wir ihn für unser Vorhaben nicht wohl entbehren können, u. hoffe, daß er sich wenigstens seiner Aufgabe zur Zufriedenheit entledigen werde. Ich werde dich daher, besonders da er selbst noch deinen, ihm mitgetheilten Gedanken weiter zu verfolgen wünschte, ersuchen, ihn offen u. redlich zur Theilnahme an unsrer Gesellschaft einzuladen. Auf Vuy's Person lege ich gerade keinen besondern Werth; wohl aber finde ich es, wenn das Werk sich wirklich auf die ganze Schweiz beziehen soll, für durchaus nothwendig, daß wir noch einen Mitarbeiter in den französischen Cantonen oder, wenn dieses nicht möglich wäre, wenigstens in Bern zu erhalten suchen, besonders weil die Mitarbeiter zugleich auch für Herbeischaffung des Stoffes besorgt seyn sollen. Hätten wir außer Hammer keinen Gesellschafter in den westlichen Kantonen, so würden diese, die sich doch durch Stammes- u. Sprachverschiedenheit von den unsrigen so sehr unterscheiden u. ohne Zweifel für den Rechtshistoriker sehr reichliche Ausbeute liefern, in dem Werke gewiß nicht die gehörige Berücksichtigung finden. Gegen die französ. Schweizer habe ich hinsichtlich ihrer Vertrautheit mit dem deutschen Rechte allerdings auch einiges Mißtrauen; doch giebt es auch Ausnahmen, wie z. B. der RechtshistorikerMatile in Neuchâtel. Auch könnte schon die Sprache Schwierigkeiten machen, indem es sich wohl nicht am besten ausnähme, wenn mitten in dem deutschen Werke ein einzelner Abschnitt französisch erscheinen würde, der Verfasser aber seine Arbeit wohl auch nicht gerne bloß in einer Uebersetzung publiziren | lassen möchte. Es wäre daher vielleicht am gerathensten, einen 6ten Mitarbeiter noch in Bern zu suchen, wobei uns etwa Hammer oder Brändli durch ihre Bekanntschaft behülflich seyn könnten. Erlach wäre wohl zu wenig Jurist für eine solche Arbeit. Auf bestehende persönliche Freundschaft oder Verbindung würde ich dabei nicht zu viel Werth legen, indem diese, wenn nur die wißenschaftliche Tüchtigkeit erwiesen vorliegt, sich in den meisten Fällen von selbst geben würde, übrigens auch jetzt schon die Gesellschaft so componirt ist, daß z. B. meine Bekanntschaft mit Hammer nur sehr oberflächlich ist, Gonzenbach aber wohl von uns beiden nicht gerade zu unsern intimen Freunden gezählt wird. Der Canton Bern wäre auch schon an u. für sich die Rechtsgeschichte einer der merkwürdigsten; man denke nur an die vielen noch unbenutzten Statuten des Oberlandes u. der übrigen Landschaft, u. an die intressante Heerfeste der Stadt vom Jahr 1218!

So wäre denn nicht nur die Frage über die Eintheilungsweise des Werkes bereits beantwortet, sondern es wären auch die nöthigen Mitarbeiter bis auf einen gewonnen, u. zu hoffen, daß dieser letzte sich auch noch finden würde. Immerhin aber verursacht dabei Vertheilung der Arbeit unter die Arbeiter einige Schwierigkeit, u. es dürfte namentlich, wie ich schon in meinem letzten Briefe bemerkte, die ganze äußere Rechtsgeschichte, die sich doch nicht wohl theilen läßt, nicht so leicht einen Bearbeiter finden. Ich wenigstens könnte mich nicht dazu verstehen, dieselbe zu übernehmen. Ich kann zwar nicht läugnen, daß ich für dieses Fach Neigung habe, vielleicht mehr als andre Mitarbeiter; allein wollte ich diese enorme Aufgabe auf mich laden, so würde ich eine Verpflichtung eingehen, deren Erfüllung gar zu leicht meine Kräfte übersteigen könnte, u. damit wäre doch gewiß der Gesellschaft nicht gedient. Ich beschäftige mich in diesem Augenblicke mit Vorarbeiten zur äußern Rechtsgeschichte der Urkantone u. s. w., u. sehe daraus am besten, welch' ein Unternehmen es wäre, eine solche Arbeit auf die ganze Schweiz auszudehnen. Die Bearbeiter der innern Rechtstheile können sich größtentheils auf die eigentlichen Rechtsquellen beschränken u. aus diesen ihren Stoff schöpfen; für die äußere Rechtsgeschichte hingegen müssen alle Quellen der allgemeinen (politischen) Geschichte, namentlich alle | Urkunden, von denen noch so viele ungedruckt sind, auf's sorgfältigste gesammelt, verglichen u. benutzt werden. In der innern Rechtsgeschichte wird sich in den verschiednen Cantonen, namentlich den stammverwandten, durchgängig sehr viel Gleichartiges finden; dagegen in den Verfassungen welche Verschiedenheit, nicht blos von Canton zu Canton, sondern selbst unter den einzelnen Theilen eines Cantons! Für die innere Rechtsgeschichte werden sehr wenige Vorarbeiten vorliegen, u. man wird also hier größtentheils das Vergnügen haben, frei u. ungehindert von sich aus etwas Neues zu schaffen; in der äußern dagegen wird man Schritt für Schritt die allgemeinen Geschichtswerke berücksichtigen u. da sie (namentlich Joh. Müller) die Verfassungen gewöhnlich sehr oberflächlich u. zum Theil einseitig behandelten, meistens widerlegen müssen. Und doch sollte – so will es der Plan des Werkes – aus dieser «radis et indigesta moles» ein schönes, harmonisches Ganzes entstehen! Gewiß, dazu reichen meine Kräfte nicht aus. Auch schon meine äußern Verhältnisse scheinen sich zur Uebernahme einer solchen Arbeit nicht zu eignen, da ich einerseits nicht, wie es dazu erforderlich wäre, meine ganze Zeit derselben wiedmen könnte, anderseits dabei den Mangel öffentlicher Sammlungen an meinem Wohnorte besonders lebhaft verspüren würde, indem ich so manche nothwendige Quellen u. Hülfsmittel, die ein Andrer schon bei Hause hätte, nur auf Reisen benutzen könnte. Alle diese Schwierigkeiten treten in erhöhtem Maße hervor, wenn ich bedenke, daß die äußere Rechtsgeschichte den Anfang des Gesammtwerkes bilden würde, daher zuerst vollendet seyn müßte u. jedenfalls, um dem Werke von vornherein Credit zu verschaffen, etwas ganz ausgezeichnetes seyn sollte. Wenn du alles dieses mit mir erwägst, so wirst du es begreiflich finden, daß ich vorläufig wenigstens, bis etwa aus weitern Besprechungen andre Aussichten sich mir eröffnen, bei der Vertheilung unsrer Arbeiten die äußere Rechtsgeschichte von mir abweise, u. es vorziehen würde, einen Theil des Privatrechts (gleichviel welchen von beiden) zu übernehmen.

Sehr intressirt hat mich die Mittheilung deiner Absicht, in eine praktische Stelle einzutreten, in der Meinung, daß die Anschauung der gerichtlichen Praxis dich in deinen Studien wesent| lich fördern müßte. Da ich aus meiner Erfahrung, so weit sie für dich maßgebend seyn kann, diese Ansicht bestätigen muß, so könnte ich dich in jenem Gedanken nur unterstützen, soferne nämlich es eine Stelle wäre, die dich nicht zu sehr beschäftigen würde, sondern dir für deine wissenschaftlichen Arbeiten immer noch hinlängliche Zeit übrig ließe.

Du wünschest ferner zu erfahren, was Sinz in seine Briefen an mich wider dich geschrieben habe. In Rapperschwyl sagte ich dir, daß er dich darin nicht nenne; dies war ein Irrthum, leicht erklärlich daraus, daß es damals schon ziemlich lange her war, daß ich den Brief erhalten u. gelesen hatte. Er spricht zwar zuerst im Allgemeinen von seinen Freunden, die ihn von seiner neuen, praktischern Richtung, in der er sich viel glücklicher fühle, als bei seinem frühern abstrakten Wesen, abzubringen suchen, dann aber auch speziell von dir. Mit Bedauern erzählt er, du habest ihm im letzten Winter einmal gesagt, «du befindest dich zwar noch wohl in seiner Gegenwart, doch könne er dir keine Anregung mehr wie früher gewähren», – was ihn in eine sehr trübe Stimmung versetzt habe. Er fügt diesem bei, daß er überhaupt mehr Schonung im Tone des Widerspruchs erwartet hätte, welcher oft in wahre Stichelei, eine beleidigende u. zu ernster Gegenwehr auffordernde Form, ausgeartet sey, – daß er nun entschlossen sey, seinen eignen Weg zu gehen, ohne sich zu sehr um das Urtheil Andrer zu bekümmern, – u. daß er nun in Neuchâtel in seiner Praxis grossen Erfolg habe u. auch mehr als seine Vorgänger in Gesellschaften eingeladen werde. Ich antwortete ihm darauf im Allgemeinen ganz kurz, ich bedaure sehr das Mißverhältniß, welches zwischen dir u. ihm eingetreten sey, glaube aber, daß dasselbe theilweise auf bloßem Mißverständnisse beruhe, indem du wohl keineswegs seine Fähigkeiten für's praktische Leben bestreiten, sondern ihn nur aufmuntern wolltest, das wissenschaftl. Ziel, welches er sich einmal gesetzt habe, unverrückt im Auge zu behalten. – Ich bitte dich nun sehr, von dieser Mittheilung, zu der ich mich nach der Lage der Sache berechtigt glaubte, keinen weitern Gebrauch in deinem Briefe an Sinz zu machen, da dieses die | Kluft zwischen ihm u. uns nur vergrößern würde.

Nun habe ich noch den angenehmsten Punkt, welchen dein letzter Brief bespricht, zu beantworten – ich meine deinen mir zugesagten Besuch in unserm Thale. Glücklicherweise werden die Vorbereitungsarbeiten, die mir noch für die gemeinnützige Gesellschaft obliegen, sehr unbedeutend seyn u. mich namentlich in der letzten Woche vor der Versammlung wenig mehr in Anspruch nehmen. Wenn dir also diese Zeit die gelegenste ist, so kannst du, ohne mich irgendwie zu stören, füglich bis etwa zum 23. d. M. bei mir bleiben; hoffentlich wirst du dann etwa 8 Tage vorher kommen. Wir werden Manches miteinander zu besprechen haben u., soferne das Wetter gut ist, wohl auch noch recht schöne Ausflüge machen können. Schlimmer wäre es freilich, wenn du für deine Erholung nur auf die hiesige Gesellschaft angewiesen wärest. Mit meiner neuen, sehr einfachen Wohnung wirst du dich so gut als möglich befreunden müssen.

Erfreue mich recht bald durch die Nachricht von deiner nahen Ankunft, u. schreibe mir zugleich, auf welche Art du hierher reisen wirst, damit ich dir allenfalls ein Stück weit entgegenkommen könnte. Empfehle mich bestens deinen Eltern u. sey herzlichst gegrüßt

von

deinem treuen

J J Blumer.