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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0295 | KBSG VNL 38 : B : 18

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 2 | Jung, Aufbruch, S. 198–199 (auszugsweise)

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, Belvoir (Enge, Zürich), Mittwoch, 16. August 1843

Schlagwörter: Kunst und Kultur, Mittwochgesellschaft, Rechtliches, Universitäre Studien

Gewiß wunderst Du Dich, mein lieber Freund! einen Brief von mir zu erhalten & doch sollte dieß bei den freundschaftlichen Gesinnungen, die wir von jeher gegen einander gehegt und die sich gewiß in ungeschwächtem Maaße erhalten haben, nichts wunderbares sein! Aber Du weißt gerade wie ich, daß diese bei der Prosa des Lebens nicht genügen, um eine Correspondenz zur Folge zu haben: Du weißt wie ich, daß sie uns zwar nie versäumen lassen, dem Freunde, wo sich Gelegenheit dazu darbietet, nachzufragen: aber soll es bis zu einem Briefe kommen, so muß eine bestimmte Veranlaßung dazu vorhanden sein! Und eine solche ist nun auch die nächste Ursache dieser Zeilen.

Doch bevor ich Dich damit langweile, empfange meine herzlichen Glückwünsche zu der neuen Würde, zu der Du so bald & darum auf eine für Dich so schmeichelhafte Weise befördert worden bist. Freund Blumer hat mir diese freudige Kunde in Paris zukommen lassen. Seither ist mir dann auch zu Ohren gekommen, daß Du bedeutende militärische Chargen bekleidest. Endlich ist mir nicht vorenthalten geblieben, daß Du in der Municipalität zu einer hohen Würde emporgestiegen.1 Wahrhaftig, handelte es sich nicht um Dich, mir wäre um die St. Gallische Freiheit bange!

Seit wir uns im letzten Herbste im lieben Innerrhoden gesehen, habe ich sehr viel interessantes gesehen & gehört. Ich rede nicht bloß von den Schätzen der Wissenschaft & der Kunst, die in Paris , wie sonst vielleicht nirgends in dem Maaße, aufgehäuft sind & deren Benutzung dem Fremden mit einer gewiß auch seltenen Liberalität erleichtert wird: ich denke auch nicht bloß an die Kammern & den Justizpalast mit ihren weltberühmten Rednern & Staatsmännern: das große Leben in Paris, der modus vivendi2 von vielen Hunderttausenden von der verschiedenartigsten Bildungsstufe, von den verschiedenartigsten Interessen & Bestrebungen – das gesellschaftliche Leben in seinem Glanze & in seinem Elende ist wohl das merkwürdigste Phänomen, das die Weltstadt besonders dem Bürger einer Bundesrepublik bieten kann. Ich anerkenne auch dankbar, daß sich mein wissenschaftlicher Ideenkreis in dem practischen & jedem wissenschaftlichen Prunke abholden Frankreich bedeutend erweitert hat. Daß aber Paris nicht der Ort ist zu ernsten Studien – das kannst Du mir glauben. Niemand wird wohl so verrückt sein, sich in Paris in die vier Wände seines Zimmers einzuschließen & an den Schreibtisch zu bannen. Will| man aber in die Gesellschaft eintreten & sich in das Treiben der großen Welt einlassen – dann gute Nacht, studia3 & Bücherstaub! 6–7 Monate läßt sich herrlich leben in Paris auch für einen Bücherwurm vorausgesetzt, daß er sich noch nicht so tief in die pergamentenen Codices4 eingepuppt hat, daß seine Existenz ohne diese zur reinen Unmöglichkeit geworden ist. Aber länger dürfte es schwerlich ein Fremder, der für ernste wissenschaftliche Beschäftigung Neigung hat, in diesem Meere von Zerstreuungen aushalten. Ich hoffe Dich bald in Appenzell, wohin ich gegen Ende September gehen werde, zu sehen & dort will ich dann von meinem Pariseraufenthalt in Detail erzählen. Vielleicht ist Dir dieß um so willkommener, als Du, wie ich glaube, im Sinne hast, bald selbst einen Aufenthalt in Paris zu machen. Nur Einen Rath empfange jetzt schon von mir: Mache um Himmelswillen nicht etwa – die Hochzeitreise nach Paris!

Und nun von dem Gegenstande, der die nächste Veranlaßung zu diesen Zeilen gab.

Im Jahre 1830 lieh mein Vater einem gewissen Jos. Maria Curti5 von Rapperschwyl f 6050– schuldbrieflich dar. In den Schuldbrief wurden nach der Angabe des Gemeindrathes von Jona 12½ Juchart6 Land als Unterpfand eingesetzt. Auf dieselben Unterpfande wurden später noch zwei Schuldbriefe von besagtem Curti im Betrage von f 2425 zusammen, errichtet. Die Creditoren dieser zwei Schuldbriefe führten nun im Laufe des letzten Sommers den Rechtstrieb gegen Curti durch und dieser gerieth in Folge dessen in Concurs. Die Creditoren der zwei spätern Schuldbriefe verzichteten auf den Zug des Gutes. Es fielen also die Unterpfande meinem Vater zu. Dieser ließ die Früchte auf den Unterpfanden einsammeln & entschloß sich dazu, die Unterpfande auf öffentliche Steigerung bringen zu lassen, um den Verkauf derselben zu realisiren. Er wurde nun darauf aufmerksam gemacht, daß der Verkauf des Gutes im ganzen weit weniger vortheilhaft sein werde als wenn das Gut in Theile zerlegt & diese einzelnen Theile feilgeboten würden. Demnach ließ er das Gut in Theile abtheilen. Bei diesem Anlaße ergab es sich dann, daß die Unterpfande Statt 12½ Juchart, wie es in dem Schuldbriefe angegeben wurde, bloß etwa 7 Jucharten ausmachen. Kurze Zeit, nachdem sich dieß herausgestellt hatte, wurde mein Vater aufgefordert, den Schuldbrief zur Cassation7 einzusenden. Er weigerte sich aber, dieß zu thun. Meinem Vater blieb unter so bewandten Umständen nichts anderes als eine Schadensersatzklage auf den Gemeinderath Jona übrig. Nach den St. Gallischen Gesetzen, die leider der Administrativjustiz eine allzu große Ausdehnung geben, muß nun aber, wenn es sich um eine Schadensersatzforderung an eine Beamtung handelt, zuerst der Regierungsrath| darum angegangen werden, daß er auf dem Wege der Amtsklage bei dem competenten Bezirksgerichte die Vorfrage entscheiden lasse, ob bei der angeklagten Beamtung «Zurechnung» zu erkennen sei oder nicht. Der Agent meines Vaters in Rapperschwyl, H. Stadtammann Curti8, übernahm es, das betreffende Gesuch in Sachen meines Vaters gegen den Gemeinderath Jona an den Regierungsrath in St. Gallen stellen zu lassen. Die Abfassung des Gesuches übergab H. Stadtammann Curti dem berüchtigten Obersten Breni9. Diese beiden Herren, die sich durch Übergabe des Gesuches wohl bei dem Gemeindrathe Jona zu verfeinden fürchteten & die am Vorabende der Großrathwahlen Grund haben möchten, dieß auszuweichen, gaben das Gesuch wohl erst nach dem Wahltage an den Regierungsrath von St. Gallen ab. Wie dem übrigens auch sein möge, so viel ist gewiß, daß der Regierungsrath erst am 14 Juli 1843 den Gegenstand erledigte. Er – wies unser Gesuch ab. Ich lege Dir die Abschrift des rührenden Beschlusses bei10 und beschränke mich auf folgende Bemerkungen zu demselben: 1) Der Regierungsrath scheint anzunehmen, mein Vater hätte in Folge des Betruges oder der groben Fahrläßigkeit des Gemeindrathes Jona in Angabe des Unterpfandes das Eigenthum an diesem gar nicht antreten sollen. Wenn nun aber auch, obgleich der Schuldbrief noch in den Händen meines Vaters liegt & er zur Zeit durchaus nicht im Besitze irgend welchen Eigenthumstitels an den Unterpfanden des Briefes ist, mithin noch in Zweifel gezogen werden könnte, ob er überhaupt das Eigenthum an diesen Unterpfanden angetreten habe, dessen ungeachtet angenommen wird, er habe das Eigenthum wirklich angetreten, so ist vor allem hervorzuheben, daß der Satz des Reg.rathes, mein Vater hätte bei der unrichtigen Angabe des Unterpfandes durch den Gemeindrath Jona dieses gar nicht antreten sollen, die Voraussetzung involviert, mein Vater habe um jene unrichtige Angabe gewußt. Diese Voraussetzung ist aber falsch: Da mein Vater, wenn er durch Einsammlung der Früchte sich als Eigenthümer qualificirte, das Eigenthum schon im August antrat, dagegen die unrichtige Angabe des Flächeninhaltes der Unterpfande erst, als man die Unterpfande in Theile absteckte, was nach der Weinlese, also spät im Herbste vorgenommen wurde, erfuhr. 2) Vorausgesetzt aber auch, was übrigens so eben von mir in Abrede gestellt wurde, mein Vater habe zur Zeit, als er das Eigenthum angetreten haben soll, um die unrichtige Angabe gewußt, wie soll dann darin ein Verzicht auf die später anzustellende Schadensersatzklage gegen den Gemeindrath von Jona liegen. Gewiß hätte bei der offenbaren Schuld des Gemeindrathes Jona mein Vater die Unterpfande unter üblichen Gantbedingungen11 öffentlich verkaufen & für den Verlust ohne weiters den Gemeindrath belangen können. Wollte man aber auch trotz der Schuld des Gemeindrathes ängstlich dafür sorgen, daß ihm diese ja nicht zum Schaden gereichen, wollte man also fordern, daß, falls der Gemeindrath meinen Vater entschädigen| müsse, er dann doch wenigstens solle die Unterpfande übernehmen & nach seinem Belieben möglichst günstig verkaufen dürfen, ist dann dieß durch den angeblichen Eigenthumsantritt von Seite meines Vaters unmöglich geworden? Kann er nicht auch nach geschehenem Antritte jeden Augenblick das Gut mit den gezogenen Früchten dem Gemeindrathe Jona gegen Bezalung der Forderung an Curti anbieten & abtreten? Muß nicht, bis der Streit über die Frage, ob der Gemeindrath zu Schadensersatz verpflichtet & somit, ob der Gemeindrath Eigenthümer der Pfande werde, entschieden ist, jemand dieselben verwalten. Und wer war in dem gegebenen Falle eher dazu berufen als mein Vater? 3) Der Reg.rath scheint endlich die Ansicht zu haben, es habe mein Vater bei der gegenwärtigen Lage der Dinge, keinen Verlust zu beklagen: Dann folgert er wohl: Wo kein Verlust ist, kann auch nicht von Schadensersatzklage die Rede sein. Die Wahrheit der Prämisse wird auf folgende Art erwiesen: 1) «Herr Escher hat das Pfand zu Handen gezogen» 2) «Er hat daher bei der Übernahme des Pfandes keinen Verlust erlitten.» Man braucht in der That diesen Schluß bloß nackt hinzustellen, um seine Lächerlichkeit augenfällig zu machen! Daß mein Vater aber keinen Verlust erlitten, soll ferner noch daraus folgen, daß er an den Pfandschuldner keine Nachforderung stellte. Dagegen ist fürs erste einzuwenden, daß von einer Nachforderung, so lange der Schaden nicht ausgemittelt ist, nicht füglich die Rede sein kann 3) Daß in dem vorliegenden Falle von einer Nachforderung an den Pfandschuldner schon darum keine Rede sein kann, weil er gar nichts hat, so daß selbst die beiden Creditorschaften, die Nachbriefe hatten, obgleich sie auf die Unterpfande gänzlich verzichteten, auf den Pfandschuldner nicht griffen. 4) Der Regier.rath soll vor kurzer Zeit in einem ganz gleichen Fall ( Joh. Bapt. Leder12 dato13 in Zug ca. den Gemeindrath in Ernetschwyl, beurtheilt vor Bez.gericht Utznach d. d. 16. Merz. 1842) die Amtsklage gegen den Gemeindrath gestattet haben.

Du fragst mich nun, warum ich Dir alles dieses vortrage. Erschrecke nicht, wenn ich Dir antworte, um Deine Gefälligkeit in mehrfacher Beziehung in Anspruch zu nehmen.

Fürs erste wünschte ich Deine Ansicht über den Fall zu vernehmen. Sie wäre mir um so unschätzbarer, da Du nicht nur mit den St. Gallischen Gesetzen, sondern auch mit dem dortigen Gerichtsgebrauche genau vertraut bist.

Dann möchte ich von Dir wißen, ob Du es nicht für angemessen halten würdest, daß wir uns noch einmal an den Regier.rath v. St. Gallen mit dem Gesuche um Gestattung der Amtsklage wenden unter besserer Begründung derselben, als diese das erste Mal aus der Feder des H. Breni gewesen sein möchte. Hältst Du dieß für angemessen, so frage ich Dich ferner, ob ich auf Zürcher- od. St. Gallerstempelpapier an den Reg.rath zu schreiben habe. Im letztern Falle würde ich Dich ersuchen, mir rückantwortlich unter Übersendung des beiliegenden Auszuges14 aus dem Protocolle des Regier.rathes einen doppel| ten Foliobogen St. Gallerstempelpapier zu überschicken.

3) möchte ich von Dir wissen, welchen Advocaten Du uns für den Prozeß, welchen wir, falls der Reg.rath unser Gesuch genehmigt & auch falls er es abweist, zu führen haben werden, anräthst.

4) bitte ich Dich, mir gefälligst einen Auszug aus dem Protocolle Eures Regier.rathes, der seinen Beschluß in Sachen Joh. Bapt. Leders dato in Zug gegen d. Gemeinde v. Ernetschwyl enthielte, besorgen zu lassen & zu übersenden.

Deine Auslagen werde ich Dir in Appenzell, wo Du mich hoffentlich durch einen Besuch erfreuen wirst, ersetzen. Zu jedem Gegendienste wirst Du mich allezeit bereitwillig finden.

Wie leben Deine Brüder15? Grüße sie mir von Herzen. Wahrscheinlich & hoffentlich werde ich bald wissenschaftliche & patriotische Interessen16, die uns beiden gemeinschaftlich sind, mit Dir zu besprechen haben. Dieß wird dann gewiß einen lebhaftern Gedankenaustausch als bisher unter uns zur Folge haben. Vielleicht dürfte auch eine mündliche Besprechung in Appenzell am ehesten zu einer erschöpfenden Besprechung über den Gegenstand, den ich hier im Auge habe, geeignet sein.

Von Schnebli17, den ich lächerlicher Weise seit Jahren nicht mehr gesehen, weiß ich gar nichts, als daß er eine große Praxis hat & einer der Jüngsten der radicalen Partei in Baden ist.

Wir haben eine Donnerstaggesellschaft18, in der Du Dich gewiß auch recht wohl fühlen würdest. Sie besteht aus unserm Unversitätsfluge19, Brändli20, J. Escher21, Hagenbuch, Fries22, Hirzel23 , Zollinger24, Wegmann25, C. Pfenninger26, H. Schweizer27, Kölliker28, L. Meier29, Nägeli30 u. s. f. Überrasche uns doch einmal in derselben!

Alles weitere verschiebe ich auf mündliche Unterredung.

Empfange die herzlichen Grüße Deines

A Escher.

Belvoir bei Zürich.
d. 16ten August. 1843.

Kommentareinträge

1Aepli wurde 1843 zum Gerichtsschreiber am Kantonsgericht St. Gallen befördert und war Mitglied der zur Kontrolle der öffentlichen Verwaltung eingesetzten Rechnungskommissionen der politischen und der Genossengemeinden. Zudem war Aepli Stabsauditor im Rang eines Hauptmanns. Vgl. Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, 26. Oktober 1847; Aepli, Erinnerungen, S. 4–8; Hiller, Aepli, S. 43–45.

2Modus vivendi (lat.): Art zu leben; übertragen: Übereinkunft.

3Studia (lat.): Studium.

4Codices (lat.): Gesetzesbücher.

5Vermutlich Joseph Maria Johann Nepomuk Curti (1781–1856).

6Juchart: Seit 1838 entsprach eine Juchart in der Deutschschweiz 36 Aren.

7Kassation: Ungültigkeitserklärung.

8 Carl Curti (1792–1864), Grossrat (SG) und Stadtammann von Rapperswil.

9 Josef Meinrad Breny (1810–1871), Grossrat (SG).

10Beilage nicht ermittelt.

11Gant: Versteigerung.

12Person nicht ermittelt.

13Dato (lat.): gegeben; übertragen: heute.

14Beilage nicht ermittelt.

15Gemeint sind Alexis Theodor Aepli (1814–1896), Arzt in St. Gallen, und Alfred Johannes Aepli (1817–1913), Pfarrer in Schönengrund.

16Gemeint ist vermutlich Eschers Projekt einer Schweizer Rechtsgeschichte. Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848), Paris: Zukunftspläne

17 Alois Schneebeli (um 1815–1888), Arzt in Baden.

18Zur Donnerstag- bzw. Mittwochgesellschaft vgl. Jung, Aufbruch, S. 195–199; Eschers Aufstieg in der Politik (1842–1848), Zürich: Voller Tatendrang

19Flug: Rotte; Haufen; Schwarm.

20 Benjamin Brändli (1817–1855), Kanzleisekretär des Bezirksgerichts Zürich.

21 Jakob Escher (1818–1909), Schreiber in der Obergerichtskanzlei (ZH).

22 David Fries (1818–1875), Theologiestudent.

23 Heinrich Hirzel (1818–1871), Theologiestudent.

24 Johann Caspar Zollinger (1820–1882), Theologiestudent.

25 Karl Gottlieb Wegmann (1819–1891), Theologiestudent.

26 Johann Conrad Pfenninger (1816–1872), Theologiestudent.

27 Heinrich Schweizer-Sidler (1815–1894), Lehrer für Deutsch, Latein und Geschichte am Zürcher Gymnasium.

28 Albert Kölliker (1817–1905), Privatdozent für Physiologie und vergleichende Anatomie an der Universität Zürich.

29 Ludwig Meyer (1819–1869), Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» und Lehrer für Mathematik an der Zürcher Industrieschule.

30 Carl Wilhelm Nägeli (1817–1891), Privatdozent für Botanik an der Universität Zürich.