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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0294 | FA Tschudi

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 1

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 13. August 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Rechtliches

Briefe

Mein theurer Escher!

Unsere letzte Zusammenkunft in Rapperschwyl, wenn auch auf gar zu kurze Zeit beschränkt u. vom Wetter gar zu wenig begünstigt, hat nicht nur einen sehr angenehmen u. freudigen Eindruck, den schon das Wiedersehen nach längerer Trennung hervorbringen mußte, in mir zurückgelassen, sondern sie ist auch für mich, der ich leider sonst so selten mit wissenschaftlichen Leuten in Berührung komme, durch den Ernst unsrer Gespräche ein mächtiger Sporn geworden zu unausgesetzter Anstrengung aller meiner Kräfte, um in dem wissenschaftlichen Fache, welches ich mir einmal auserlesen, etwas möglichst Tüchtiges zu leisten. Die Gegenstände, von denen wir uns dort unterhielten, hätten sich sehr leicht auch schriftlich besprechen lassen; aber wieviel anregender, belebender wirkt das mündliche Wort des Freundes, der Ausdruck seiner ganzen Persönlichkeit! Wie sehr begeistert hier ein ausgesprochner frischer Gedanke, eine große u. wahre, wenn auch vielleicht noch etwas unreife Idee, während beim bloßen Briefwechsel die kalte Ueberlegung mit ihren Zweifeln u. ihrer Streitsucht für solche fruchtbare, nachhaltige Eindrücke unempfänglich macht. Laß mich, mein Theurer! zuerst auf diejenige Deiner Mittheilungen zurückkommen, welche mich begreiflicher Weise am meisten interessirt u. mir am meisten Stoff zum Nachdenken geboten hat. Dein Gedanke, eine Vereinigung mehrerer junger, historisch gebildeter Juristen zur gemein| schaftlichen Bearbeitung einer schweizerischen Staats- und Rechtsgeschichte zu bewirken, ist ohne Zweifel ein sehr schöner u. der Sache, um die es sich handelt, durchaus angemeßner; er mußte sich Dir von selbst geben, da Du von mehrern vereinzelten Bestrebungen dieser Art hörtest, die mir unbekannt waren. Ueber das hohe wissenschaftl. Interesse, welches jenes Werk, mit erschöpfenden Mitteln zu Stande gebracht, darbieten würde, ja über die vaterländische Verpflichtung, die wir haben, dasselbe auszuführen, will ich kein weitres Wort verlieren; sollte ich je eine selbstständige rechtshistorische Arbeit, die bloß mehrere Cantone beträfe, herausgeben, so wäre der schönste Erfolg, den ich mir davon versprechen könnte, eben der, daß ich dadurch auf die Wünschbarkeit einer die ganze Schweiz umfassenden Rechtsgeschichte aufmerksam gemacht hätte. Allein ebenso gewiß ist es, daß die Ausarbeitung derselben gegenwärtig u. wohl noch lange die Kräfte eines einzelnen Mannes übersteigen würde, vorzüglich wegen des außerordentlich zerstreuten, zum Theil verborgnen Materials, das mit größter Mühe zusammengesucht werden muß, zum Theil aber auch, weil es, bei dem gänzlichen Mangel an Vorarbeiten über die meisten Theile der Schweiz, Einem allein schwer fallen müßte, die Individualität aller Cantone gleichmäßig zu berücksichtigen, u. weil nur sehr Wenige in allen Gebieten der Rechtswissenschaft u. der Geschichte gleich bewandert sind. Es bedarf daher allerdings einer Vereinigung Mehrerer, um zum Ziele zu gelangen; allein hier eben bieten sich, wenn von einem gemeinschaftlichen Gesammtwerke u. nicht von bloßen Vorarbeiten für einen künftigen Verfasser einer allgemein schweizerischen Staats- und Rechtsgeschichte die Rede ist, große Schwierigkeiten dar. Am leichtesten ginge es freilich, wenn man sich bloß dazu vereinigen würde, 22 rechtshistorische Gemälde der einzelnen Cantone nach gemeinsamem Plane zu entwerfen u. in einer Buchhandlung herauszugeben; allein abgesehen davon daß ein solches Werk wegen seiner Weitschweifigkeit, die mit vielfachen Wiederholungen nothwendig verbunden wäre,| keine Abnehmer finden würde, wäre damit, bei dieser bloß äußern Verbindung, jener schöne Zweck, der uns vorschwebt, eigentlich gar nicht erreicht, vielmehr würde sich die Nothwendigkeit einer Zusammenstellung der in diesen Arbeiten gelieferten Resultate nur um so dringender herausstellen. Nicht viel besser würde sich die Sache gestalten, wenn man die Schweiz in einzelne größere Parthien zerlegte, welche mehrere Rechtshistoriker zur Bearbeitung unter sich vertheilen würden; es wäre auch hier wieder nicht ein gemeinschaftlich durchgeführtes Werk, sondern nur eine ganz äußere Zusammenstellung, gewissermaßen eine Abfindung, ein modus vivendi1 unter mehrern, die sich des nämlichen wissenschl. Stoffes bemächtigen wollen. Meines Erachtens ließe sich hier selbst ein gemeinschaftlicher Plan schwerer durchführen, als bei jener früher erwähnten Verbindungsweise, indem hier schon jeder Bearbeiter eher ein Ganzes vor sich hätte u. sich desto mehr zu ganz freier Behandlung seines Stoffes, ohne Rücksicht auf die dem seinigen parallel gehenden Werke, versucht fühlen würde. Zudem würde sich eine solche geographische Abtheilung als höchst schwierig u. jedenfalls oft als sehr willkührlich darstellen, indem Gleichartiges getrennt, Ungleichartiges zusammengefügt werden müßte; wollte man z. B. nach Stämmen eintheilen, so könnte die Gleichheit oder Aehnlichkeit der Verfassungen nicht berücksichtigt werden, u. umgekehrt. Auch würde sich auf diese Weise unter den Mitarbeitern kein sehr enges Band bilden; die Gesellschaft als solche könnte, wenn sie in sich selbst nicht mehr zusammenhinge, nicht so leicht aus allen Cantonen Beiträge an Stoff verlangen, u. für den Einzelnen wäre die Auffindung des Materials ohne Beihülfe immer noch ziemlich schwierig. Wir sind daher auf den Gedanken gekommen, uns vielmehr nach den Fächern abzutheilen, wobei jedenfalls etwas viel Schöneres herauskäme, ein gemeinschaftliches u. vollständiges Werk ohne Wiederholungen, wo die Geschichte jedes Rechtsinstuts in der ganzen Schweiz zusammenhängend erzählt würde, dessen einzelne Abtheilungen aber immerhin als ganz selbstständige Arbeiten ihrer Verfasser erscheinen u. ihren eigenthümlichen Werth haben würden. Jedenfalls aber dürfte dann die ganze Rechtsgeschichte nicht, wie bei Bluntschli2 u. Eichhorn3, nach Perioden eingetheilt, sondern die Geschichte jedes Rechtstheiles müßte durch alle Zeiten fortlaufend dargestellt werden. Es würde also z. B. zuerst die ganze äußere Rechtsgeschichte (Hi|stor. Entwicklung der Verfassung u. der Stände) erscheinen, dann eine Zusammenstellung u. Beurtheilung der sämtlichen Rechtsquellen, dann die Geschichte des Criminalrechts, dann eine histor. Schilderung des Gemeindewesens, als privatrechtl. Instituts, dann die Geschichte des eigentlichen Privatrechts, dann diejenige der beiden Prozesse. (Letztre wäre ein sehr reiches u. unbebautes, von Bluntschli fast ganz übersehenes Feld, das Dir vielleicht am meisten zusagen würde).Es wäre zu wünschen, daß man sich in nicht mehr als etwa diese 6 Rechtsgebiete zu theilen hätte, die Zahl der Mitarbeiter also nicht größer würde; am leichtesten könnten noch die beiden Prozesse von einander gesöndert werden, auch im Privatrechte wäre weitere Vertheilung des Stoffes (Vermögensrecht – Familienrecht – Erbrecht) wohl noch möglich, wenn auch vielleicht nicht zuträglich. Die Gemeinden würde ich zwar ganz vom privatrechtl. Gesichtspunkte aus betrachten; da sie aber doch zugleich auch publizistische Beziehungen haben u. ihre Geschichte jedenfalls sehr ausgebreitete Forschungen veranlassen würde, so könnte wohl füglich Einer dieses Fach allein übernehmen. Die größte Schwierigkeit bei diesem Plane läge nach meinem Dafürhalten in der äußern Rechtsgeschichte; ich glaube, daß man sich diese nicht weiter theilen, sondern daß sie aus einer Feder hervorgehen sollte, weil eben alle die noch verschiedenartigen Verfassungen aus einer Grundverfassung, derjenigen der alten deutschen Stämme u. des fränkisch-deutschen Reiches, zu dem sie vereinigt wurden, als aus ihrer Wurzel hervorgegangen sind u. der Zeit nach mit u. neben einander, unter den nämlichen Einflüssen u. zum Theil nach denselben Ursachen sich entwickelt haben. Wenn hier noch eine Trennung möglich wäre, so könnte es einzig die chronologische nach Perioden seyn; was für Nachtheile aber diese hätte, liegt am Tage. Dessenungeachtet wird sich nicht leicht Einer finden, der dieses ganze – man kann sagen, unermeßliche Gebiet allein zu übernehmen geneigt wäre, da hier eine so große Menge von Stoff (Quellen u. Litteratur) zu bewältigen ist, daß die Vorarbeiten allein viele Jahre wegnehmen würden, auch die Verschiedenartigkeit desselben nothwendig den Ueberblick trüben müßte. Sollte diese Schwierigkeit, welche meinem Lieblingsplane entgegensteht, wirklich unübersichtlich seyn, so würde man sich für einmal darauf beschränken müssen, eine | Zeitschrift zu begründen, welche Abhandlungen aufnehmen u. Quellen abdrucken würde, die einer tüchtigen schweizr. Rechtsgeschichte den Weg bahnen könnten!

Ich habe Dir im Vorstehenden meine Ansichten über die Ausführung Deiner Idee, zum Theil Früchte seitherigen Nachdenkens, etwas ausführlicher als in Rapperschwyl mitgetheilt; Manches davon ist aber immerhin kurze Andeutung geblieben, die ich auf Verlangen gerne weiter ausführen würde. Das Ganze bitte ich Dich jedenfalls nur für meine unmaßgebliche Meinung anzusehen; ich bin sehr begierig, auch Deine nähern Gedanken darüber zu vernehmen u. kann darnach vielleicht meine Ansichten ändern. Jedenfalls muß ich es wiederholen, daß Du Deinen persönlichen Eigenschaften u. Deiner äußern Lage nach vorzüglich geeignet bist, eine solche wissenschaftliche Sozietät zusammenzubringen; ich meinerseits kann, da ich mich schon seit längerer Zeit mit Studien, die in das Gebiet des angeregten Werkes gehören, beschäftige, aus meinen Erfahrungen einigen Rath schöpfen, den ich Dir stets gerne mittheilen werde. Mir ist die Erreichung des schönen Zieles, welches uns vorschwebt, eigentlich Herzenssache geworden; ich finde in diesem Augenblicke an meinen vereinzelten Bestrebungen gar keine Freude mehr. Ueber die Personen, welche an der Verbindung Theil zu nehmen hätten, will ich diesmal nicht mehr weiter eintreten, da wir darüber mündlich gesprochen haben. Es wird nichts schaden, wenn das gründlich wissenschaftliche Zürich, welches immerhin Hauptsitz der Unternehmung u. Verlagsort seyn würde, drei Mitarbeiter liefert: Dich, Jak. Escher4, Brändli5; dazu kämen dann freilich noch zwei ebenfalls aus dem Osten der Schweiz, von denen jedoch Gonzenbach6 dann vorzüglich die nördlichern, ich die südlichern Kantone (Graubünden, Tessin, nöthigenfalls auch die Urkantone) durchforschen könnte; weiterhin aber würde ich bloß noch darauf Bedacht nehmen, zwei Mitarbeiter aus den westlichen Kantonen (etwa Hammer7 u. Vuy8 ) zu erhalten. Mit diesen Leuten, denke ich, ließe sich die Sache ausführen, wenn dann jeder noch seine Bekanntschaften dazu benutzen würde, um der Gesellschaft in jedem Canton einen zuverläßigen, dienstbereitwilligen Correspondenten zu verschaffen. Letzteres wäre indessen, wenn sich alle Mitarbeiter auf's Reisen verlegen wollten, nicht einmal nothwendig, würde aber jedenfalls die Sache wesentlich erleichtern.|

Mich haben auch Deine Mittheilungen über Deine veränderten wissenschaftlichen Pläne u. Ansichten im Allgemeinen höchlich intressirt u. gefreut. Ich bin überzeugt, daß Du Dich gegenwärtig auf dem rechten Standpunkte befindest, wenn es mir auch schien, daß Du in diesem Augenblicke geneigt bist, Deine eignen frühern Bestrebungen u. die analogen andrer Gelehrter, durch welche Du vormals angeregt wurdest, etwas zu gering anzuschlagen. Es gehört dies indessen zu den nothwendigen Folgen jeder bedeutenden Sinnesänderung, u. wird mit der Zeit schon wieder einem unbefangnern Urtheile Platz machen. Von Dir erwarte ich es nicht, daß Du in der That die Detailforschung verachten oder vernachläßigen werdest, da jede Rechtsvergleichung sich doch auf diese stützen muß u. man sich dabei gewiß nicht immer auf die von Andern gebotnen Resultate verlassen kann. Du hast Dir auch mit sehr richtigem Takte für den ersten Versuch eines solchen vergleichenden Rechtsstudiums einen Gegenstand auserlesen, wo Du Dich sicherlich nicht damit begnügen kannst, bloße allgemeine Behauptungen aufzustellen u. schöne Phrasen auszusprechen, sondern wo Du die leitenden Grundsätze, nach ihrem größern oder geringern Werthe, mit den daraus sich entwickelnden Folgen auch in den Einzelnheiten des reichhaltigen Stoffes nachweisen wirst. So aufgefaßt ist Dein Standpunkt, wie Du richtig bemerktest, jedenfalls ächt praktisch im schönsten u. würdigsten Sinne des Wortes; Du kannst als Dozent u. nachher vielleicht als Politiker dadurch sehr viel Gutes u. Zweckmäßiges stiften. Derselbe ist aber auch durch die Aussichten, die er gewährt auf die verschiednen Zeiten u. Nationalitäten, u. ihre Charaktere, wie sie sich im Rechtsstoffe ausgeprägt haben, würdig des höher gebildeten, freier Bewegung bedürftigen Geistes, während die bloße Beschäftigung mit Einzelnheiten allerdings leicht eine geistlose werden kann. Daß auch die neuere Zeit mit ihren Rechtsschöpfungen, in denen sich Charakter u. Bedürfniß der jetzt lebenden Völker ausspricht, gegenüber dem, zwar immerhin wichtigen Stoffe, den die Römer uns überliefert haben, die Aufmerksamkeit des Juristen verdiene, darüber bin ich schon lange mit Dir einver| standen.

Bei dem reichen Verhandlungsstoffe, der in Rapperschwyl bei weitem nicht erschöpft werden konnte, sehne ich mich sehr nach einem längern Zusammenleben mit Dir, u. hoffe daher recht bald von Dir die Nachricht zu erhalten, daß Du uns nächstens mit einem Besuche erfreuen werdest. Jedenfalls wünschte ich über den uns nun zunächst liegenden Gegenstand mit Beförderung das Weitere von Dir zu vernehmen. – Meine Frau9 u. die Meinigen lassen Dich bestens grüßen. Empfehle mich Deinen Eltern u. sey herzlich umarmt

von Deinem

J J Blumer.

Glarus den 13. August 1843.

PS. Zwicki befindet sich leider schon seit längerer Zeit unwohl. Ueberdies ist, wie ich höre, alle Aussicht dazu vorhanden, daß er in eine gewisse Buße verfallen werde!

Kommentareinträge

1Modus vivendi (lat.): Art zu leben; übertragen: Übereinkunft.

2 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich, Regierungs- und Grossrat (ZH).

3 Karl Friedrich Eichhorn (1781–1854), Mitglied des Geheimen Obertribunals und des preussischen Staatsrats.

4 Jakob Escher (1818–1909), Schreiber in der Obergerichtskanzlei (ZH).

5 Benjamin Brändli (1817–1855), Kanzleisekretär des Bezirksgerichts Zürich.

6 Wilhelm Eugen von Gonzenbach (1817–1880), St. Galler Jurist.

7 Bernhard Hammer (1822–1907), Solothurner Jurist.

8 Jules Vuy (1815–1896), Jurist und Grossrat (GE).

9 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Johann Jakob Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.