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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0292 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Neuenburg, Donnerstag, 3. August 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Freundschaften, Religion, Universitäre Studien

Briefe

Mein lieber Alfred.

Ich sollte eigentlich schuldiger Massen mich auch rechtfertigen, dß ich dir nicht bälder antwortete. Nicht nur würde mir dies schwer fallen, sondern ich habe auch Gründe, lieber mit der Wahrheit herauszurüken. Nicht nur brieflich, sondern auch schon mündlich mußten wir beide die Bemerkung machen, dß, nicht zwar unsre Wesen, wohl aber unser Gedankengang eine verschiedne Bahne einschlug. Mehr noch, stimmten wir wenigstens früher noch in der Methode in so fern überein, als wir beide, ich möchte sagen mit laut aufloderndem Feuer, mit wahrem Sturmlauf zu unserm Ideale uns hinaufzuschwingen strebten, so hat sich auch hierin, wenigstens in Bezug auf mich alles so geändert; dß ich dir vollkommen Recht geben muß, wenn du mir einmal verflossnen Winter sagtest, ich könne dir keine Anregung mehr geben, während dies doch früher der Fall war. Ich will hier nicht wiederholen, wie ich zu dieser veränderten Stellung gekommen; was ich dir mittheilen könnte, weißt du bereits sei es aus meinem Munde, sei es, dß du mich im Verlaufe dieser kleinen Reihe von Jahren selbst beobachtet hast. Du weißt ferner, dß ich den Gang den du eingeschlagen in Bezug auf deine Person nie mißbilligte & aufrichtig wiederhole ich es, dß ich dich lieber so ruhig & sicher vorwärts schreiten sähe als wenn du , steilere & mannigfaltigere Pfade eingeschlagen hättest aus dem Labyrinthe innerer Verzweiflung nur wenige sich retten & die Mehrzahl in die Kluft stürzen aus der sie nimmer zum erstrebten Ziele wahrer Seelenruhe & verklärter Geisteszufriedenheit sich erheben können. Wenn ich auch weiß welchen Werth du auf gewisse Ideale setzest, so bin ich auch nicht weniger versichert, dß, würdest du dich ernstlich mit Erfüllung gewisser idealer Tendenzen zur Erreichung eines sogenannten höchsten Prinzipes beschäftigten, dein gründlicher Rechtssinn gepaart mit unbefangner histori scher Entwiklung dich schwerlich irre führen würde; ja dß du vielleicht ein ganz anderes Ziel erreichtest, als du dir ursprünglich vorgestekt. Nehme mir dies nicht übel auf, der ich mich nur freuen kann, dß mir dies gerade in den entscheidendsten Entwiklungsperioden meines Lebens mehr als einmal begegnet ist. Wenn ich dir auf diese Weise nicht nur jezt, sondern auch früherhin Gerechtigkeit wiederfahren ließ, so sei auch gerecht gegen mich. Nicht nur im äussern Leben giebt es eine Erfahrung, die sich nicht hinter dem Schreibtische, durch bloße leichte Gedankenkombination erwerben läßt sondern Geist & That vereinigt erfordert. Es fehlt uns auch die Paralelle im geistigen Leben nicht, nur daß, wie dort die That zum Geiste, hier das Gemüth zum Verstand - als der wahre Hebel aller That sich gesellt & in solchen entscheidenden Momenten der ganze Mensch in sich erzittert & wie ein einiger Strom fortgerissen wird. Allerdings| tritt solche gewaltige Bewegung nicht bei allen, die eine solche Periode durchleben ein & ihre physische Metamorphose erfolgt langsamer, in ruhigem & anhaltendem Laufe so, dß sie viel Ähnlichkeit mit denen haben die immer ein & dieselbe gerade Richtung verfolgen & bei denen Gemüth & Verstand stets 2 Faktoren bleiben, die gar wohl neben einander bestehen, aber sich nie wahrhaft verbinden können. Doch ist auch der leiseste Unter schied noch wohl erkennbar. Für denn, der einmal diese Metamorphose erfahren wie dieser auch die Stellung & d. Richtung dessen zu beurtheilen vermag, der sie nie erfahren da er sich ja früher in der gleichen Lage befunden hat, eine Eigenschaft die dem andern da es sich um eine wahre Lebenserfahrung handelt, die er nicht besizt, abgehen muß. Ich kann hier diesen Punkt, obwohl die reichste Nahrung zur Betrachtung bietend, nicht weiter ausführen, wie ich es sollte & wollte & vielleicht ist es dir bereits am gesagten zu viel. Um daher zu uns zweien zurükzukehren, weiß ich gar wohl dß du mit meinem Thun & Lassen seit geraumer Zeit nicht zufrieden bist; gerne räume ich auch ein, daß ich nicht für jeden Moment Rechenschaft ablegen möchte; aber eben so sehr weiß ich, dß du viel fehlgesehen & dein Blik an mancher Klippe hängen blieb vor der eine leichte Wendung schützen konnte. Erlaube mir ein Gleichniss: Denken wir uns 2 Ströme nebenander, tief & breit, ruhig ihrem Ende zufliessend, ihren Wogen des Landes Schätze führend, wahre Pulsadern seines geistigen & leiblichen Verkehrs. So gleiten sie dahin, gesegnet von ihren Anwohnern, deren keiner sich darum bekümmert wie sie aus weiter Ferne hergekommen. Der eine Lauf aber gieng immer ruhig, zwischen reichen lachendene Fluren, von seinem Beginne an Stütze & Freude seiner Gestade, der andre aus wildem Gebirge hervorbrechend, über Felsen & Abhänge stürzend, mancherlei Verheerungen anrichtend, endlich aber ebenso auf fruchtbarer Ebne in ruhigem weitem Bette strömend. - Du weißt ungefähr was ich sagen will. Weit entfernt einen Wettkampf oder Vergleich für unser beider Zukunft anzustellen, erbitte ich mir aus, dß du nicht zu sehr an vorgefaßtem Urtheile hangest & von nicht ferner Zukunft erwarten mögest, welche Richtung ich verfolgen werden, denn dß auch sie dan eine ruhigre, gleichförmigere sein werde, dessen bin ich gewiss. Nicht minder hoffe ich, dß wir in praktischen Resultaten nicht wenig Uebereinstimmung erhalten werden als theoretische Ansichten wohl noch lange divergiren. Was die Anregung betrifft so gestehe ich dir unumwunden, dß ich mitunter aus deiner Opposition mehr gezogen als bloße Lobeserhebungen von berechtigten & unberechtigten im Stande waren. Ueberhaupt gedeiht wahres Leben nur durch Opposition & ihr verdanke ich auch größtentheils meine etwas mannigfaltige geistige Entwiklung & sehe mit Freude auf den frühern Kampf zurük, den ich schon als Knabe gegen liebe & unliebe Verwandten führte & noch| mehr freut es mich zu sagen, dß weder das Gemüth noch der Verstand dabey zu kurz gekommen sind. – Ich sagte oben, dß ich sicher in ein bestimmtes ruhiges Geleise treten werde; ich sollte sagen dß ich bereits mich darin befinde. Paris, trotz seinem Strudelleben ebnete mir die Bahn & die Sehnsucht nach ruhiger Geistesarbeit war es, die mir den Abschied so sehr erleichterte, obwohl ich in mehr als einer Hinsicht Paris zu großem Danke verpflichtet bin & manche Stunde in sehr liebem Andenken bei mir bleiben wird. Mein Aufenthalt in Neuschatel hat glüklicher weise meinem Streben Nahrung verschafft & auf der eingeschlagnen Bahn mich trefflich unterstüzt. Für meine mediz. Studien war es zumal in praktischer Hinsicht von großem Nutzen, dß ich mich endlich an bestimmte Methoden gewöhnte, diese aber dann genauer studierte. Es ist ein Hauptgrundsatz, dß es weniger darauf ankomme welche Mittel als wie man sie, in welcher Dose & nach welchen Indikationen man sie anwende. So war ich so zu sagen auf einmal von frühern Hin & Her schwanken befreit & konnte mit mehr Ruhe & mit mehr selbständiger Kritik an das genauere Studium der vorliegenden speziellen, sehr mannigfachen Fällen gehen. Doch ich will nicht weiter in diese Materie eintretten, da ich bereits Zwiki ausführlicher darüber berichtete. – Meine Stellung in Neuschatel betreffend hat sich seit meinem lezten Schreiben in der Hauptsache nichts geändert & mein Urtheil bleibt dasselbe auch auf die Gefahr hin dß du es einen Panegyrikus nennest, wenn ich mich auch nicht entsinne anderes als bloße facta getreu berichtet zu haben. – Meine Stellung hätte eine schlimmere werden können, wenn ich nicht gleich von Anfang an auf meiner Hut gewesen wäre. So still es nemlich in Neuschatel in Hinsicht auf religiöse Angelegenheiten aussieht, so bestehen doch immer bedeutende Reibungen zwischen d. kathol. Gemeinde & d. protestantischen Stadtbehörde oder vielmehr zwischen ihren Chefs. Unglüklicherweise traf ich gleich von Anfang an mit beiden zusammen. Im Hause Castellas regieren d. 2. kathol. Pfarrer, von denen der ältere ein sehr feiner Weltmann, höchst artig & zuvorkommend aber eben so streng & usurpatorisch ist gegen die welche in seine Macht fallen. Nicht nur d. socialen Verhältnisse in denen ich mich hier befinde, sondern auch mein Mangel an Inclination gegen alles Extreme legte mir die vollkommenste Reserve auf & dies hatte bloß zur Folge dß die Hrn. Pfarrer & Madame Castella auch etwas zurükhaltender wurde während hingegen mein Chef, der schon in seiner Stellung gegen die vornehmsten Protestanten zu Toleranz sich bequemen muß, sein Verhältniss zu mir in nichts änderte. Auf der andern Seite ist d. Instituteur Godet & sein Schwiegervater Gallot, nicht weniger schneidend in Perorationen gegen d. Katholizismus & zwar gewöhnl. in d. Grade pathetisch, dß, ist man auch oft im Grunde mit ihnen einverstanden| doch ihre Art zu sprechen, Ekel einflößt. Beide hatten sich im Anfange gemäßigt u debordirten nicht. Als sie aber sich sicher genug wähnten, dß ich nicht als Katholik d. Denunzianten machen werde da schlugen sie mehr los & besonders entfaltete Godet nach & nach alle die liebenswürdigen Eigenschaften, die ich an mehr als einem Gouverneur im Betragen gegen jüngere Männer beobachtete. Auch diese Stellung hätte peinlicher werden können, da gerade der ganze weibliche Theil der Familie eben so vernünftig, bescheiden, zuvorkommend ist als der mänliche arrogant u intolerant u ich mit jenen nicht hätte brechen wollen selbst auf d. Gefahr hin noch größere Selbstverläugnung üben zu müßen. Die Ferien während welcher Godet eine Reise unternahm, gaben Tschudy u mir die willkommene Gelegenheit unser Diner b. ihm einzustellen & ich bin auf diese Weise ziemlich von ihm & Gallot befreit während ich nur um so öfter die übrige Familie sehe. - Daß ich mich ausser Tschudy an keinen der hier niedergelassnen Deutschen anschloß, hatte ich bis jezt keine Gelegenheit zu bereuen. Entweder sind es wenn nicht Professionisten (mit denen, wie ich nicht begreiffen kann, sich Schneebli & Freuler, besonders unterhalten haben) ) doch sehr einseitig gebildete junge Leute ohne wahres geistiges Element, von denen ich 2. Norddeutsche kenne die mitunter der Musik halber zu mir kommen oder endlich, es sind allerdings an Kenntnissen & Verstand reiche Leute, die aber leider der großen gemüthsarmen, zu freundschaftlichen Verhältnissen untauglichen Race angehören, welche seit Jahren der allgütigen Schweiz die sie an ihrem Busen nährte, nur Verlegenheiten & Scandale bereiteten. - Da meine Stellung am Spitale immer gleich angenehm ist & ich nie den leisesten Verdruß davon hatte, da ferner meine Hausleute deren Oberhaupt ich von einer verschleppten chronischen Bronchitis, die ganz verkehrt behandelt wurde, wieder auf die Beine half, mir alle Bequemlichkeiten ohne die geringsten Kosten verschaffen & mein Zimmer wie du bereits weißt eine der schönsten Aussichten genießt, die man sich in der ganzen Schweiz aussuchen mag, so lebe ich allerdings etwas eingezogen, aber um so glüklicher, unangefochtner, obwohl nicht in gezwungener Isolirung, da es jeden Abend von mir abhinge da oder dort jemanden auf dem Lande zu besuchen. Es hat sich diese Bekanntschaft etwas vermehrt & nicht die unangenehmste war die mit d. Pension der Damen Berthoud , an die ich von Constanz adressirt war & die die vornehmste der hiesigen Pensionen ist. Ich wohnte 2 Soirées dansantes et musicales bei, die ebenso durch ihren Anstand, aber ganz ungezwungene Heiterkeit, sehr eleganten Service als durch gewählte Gesellschaft auszeichnete. Von Herrn waren unter andern d. Hr. Prof. Agassiz & Gujot , die bei ihren unausgesezten wissenschaftlichen Studien nicht weniger durch sehr liebenswürdige äussere Formen sich auszeichnen & auf die unbefangenste, heiterste Weise an den Vergnügen der Gesellschaft theil nehmen. Leztere treffe ich auch ziemlich regelmässig bei Gallots , da er ein großer Freund von| Musik ist. – Tschudy ist mir recht lieb geworden & ich bedaure, dß er wahrscheinlich Ende August verreist; am meisten freut mich seine Aufrichtigkeit gegen mich, was mir im Anfang wohl zu statten kam, da ich mit gewissen Verhältnissen weniger bekannt war wie er. Auch hat er wesentlich beygetragen, mich vor schlechter Gesellschaft zu bewahren. Er verkehrt viel mit Agassiz & besonders mit seinem Beschützer Coulon , dem Hauptbegründer des hiesigen, schon so ausgezeichneten zoologischen Museums. Seine Reise & sein Ruf haben ihm mehrere offizielle & diplomatische Diners zugeführt, die ich ihm von Herzen gönne. Einige junge Mitarbeiter von Agassiz scheinen weniger billig zu urtheilen. Ein glüklicher Umstand gestattete mir, ihn nach Lausanne an d. Naturf.versamml. zu begleiten, wo ich einige Bekannte von Genf, Lausanne & Vevey antraf, im Ganzen aber bedauerte, dß so wenige Mitglieder aus der deutschen Schweiz, zumal von Zürich eintrafen. Für mich hatte eine beynahe 4stündige Diskussion über das Nervenfieber & seine Behandlung in d. mediz. Sektion besonderes Interesse. Bei d. Diners schwamm man in d. köstlichsten Waadtländer weinen v. 1834. 1825. 1822. 1811. & 1795. denn d. Munizipalität aufs freigebigste kredenzen ließ. Eine Soirée bei Hr. Haldimand , einem Engländer der eines der schönsten Landgüter nahe bei Ouchy , wo ein schönes Souper, rafraichissements im Freien zu denen ein großer Theil der Lausanner Frauenwelt eingeladen war & sogar ganz hübsche musikalische Unterhaltung sich vorfanden, gehörte zu dem geschmakvollsten was ich von solchen Anordnungen gesehen. Castella war auch in Lausanne & reiste von da nach seiner Heimat Bulle während ich mich direkt auf meinen Posten zurükbegab wo unterdess d. Direktor d. Stadtspitals mich zu ersetzen die Güte hatte. Seit 8 Tagen bin ich nun Médec et chirurg. en chef & werde es wohl noch einige Tage bleiben. – Von Zwiky hast du wohl erfahren dß ich im Monat November nach Zürich zurükkehren will. Obwohl mein Bestimmungsgrund dir gewiß auch einleuchtet, so müßte ich Unsinn reden wenn ich nicht meine Freude über diese Rükkehr ausdrükte, eine Freunde an der deines & der Deinigen Wiedersehen ebensowenig einen geringen Antheil haben kann. – Mein Gesundheitszustand ist ganz befriedigend; sehr bald hatte ich, dank dem gesunden Klima, der guten Nahrung & vor allem dem trefflichen Cortaillod , meine Farben wieder erhalten.

Grüße mir bestens die Deinigen & alle u meine Freunde Zwiky , Brändli , Escher etc etc.

Dein

C. Sinz

Neuschatel 3. August, 1843.

Tschudy ist eben am Genfersee & ich kann dir keinen Auftrag von ihm überbringen. –