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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0291 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 68

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 25. Juli 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Familiäres und Persönliches, Freundschaften

Briefe

Glarus den 25. Juli 1843.

Mein theurer Escher!

Ich darf nun doch nicht länger säumen, Dir ein Lebenszeichen von mir zukommen zu lassen, denn wenn Du auch vielleicht noch nicht weißst, daß ich wieder hier stecke, so ist mir doch seit bald 8 Tagen bekannt, daß Du glücklich u. wohlbehalten wieder in der Gemeinde Engi angelangt bist u. vielleicht gar schon wieder als Bezirkswahlmann funktionirt hast .1 Ich erfuhr Deine Rückkehr auf ganz eigenthümliche Weise: denke Dir meine freudige Ueberraschung, als ich, mit meiner Frau2 aus Italien zurückkehrend, im ersten schweizerischen Dorfe Splügen Prof. Heer mit Kölliker3 antraf u. von ersterm Nachrichten von Dir einziehen konnte, auf die ich schon lange geharrt hatte! Seither bin ich nun von Tag zu Tage durch mancherlei Geschäfte, die bei meiner Zurückkunft von der Hochzeitreise meiner warteten, u. durch nothwendige Mithülfe an der Einrichtung unsres neuen Haushaltes an Erfüllung der angenehmen Pflicht, Dir einmal zu schreiben, verhindert worden.

Meinen herzlichsten Dank für das freundliche Geschenk, mit dem Du mich an meinem Hochzeittage4 überraschen ließest, den ich bereits gegen Deine Eltern ausgesprochen, wiederhole ich jetzt gegen Dich selbst. Nichts hätte mich an jenem freudigen Tage angenehmer berühren können, als diese Erinnerung an den fernen Freund, von dem ich so lange nichts mehr vernommen hatte, dieses zarte Zeichen der Theilnahme an einem für mich so wichtigen Akte, durch welches Du mir beim Uebertritte in ein neues, u. zwar das innigste menschliche Verhältniß mit der Erinnerung an die Vergangenheit zugleich das | Freundschaftsband, welches die schönen Jahre von Zürich u. Bonn unauflöslich um uns geschlungen, recht lebhaft vor die Seele führen wolltest. Sey überzeugt, mein Theurer! daß mein Ehestand, wenn Du Dich auch vielleicht mit meinem Eintritte in denselben noch immer nicht recht befreunden kannst, doch jedenfalls unserm Verhältnisse keinen Eintrag thun wird, daß ich im Gegentheil das Bedürfniß nach einem solchen Freunde, wie Du mir warst u. sicherlich noch bist, lebhafter als je fühle u. nichts sehnlicher wünsche, als die Erneuerung u. Fortsetzung jenes rückhaltlosen u. ungeschminkten Gedankenaustausches, wie er in den schönsten Stunden unsers Umganges zwischen uns stattfand.

Für den Augenblick wäre mir nun natürlich nichts lieber, als Dich nach längerer Trennung wieder einmal persönlich zu sehen u. zu sprechen. Solltest Du mir indessen vorschlagen, zu Dir nach Zürich zu kommen, so könnte ich darauf für jetzt nicht eingehen, theils weil es mein Wille ist, meine wissenschaftlichen Arbeiten, in denen ich durch allerlei Nebengeschäfte zu lange wesentlich gestört worden bin, ernstlich wieder aufzunehmen u. mich daher nicht gerne schon wieder für mehrere Tage von Hause entfernen möchte, theils weil ich auch noch zu tief in den Flitterwochen stecke, um einen solchen Entschluß fassen zu können. So gerne ich auch Zürich, wo ich seit meinem letzten Besuche bei Dir nicht mehr war, wieder einmal sehen möchte, so wäre es doch in jeder Hinsicht für mich unersprießlich, wenn ich gerade den gegenwärtigen Zeitpunkt dazu auslesen würde. Dagegen würde es mich u. meine Frau sehr freuen, wenn Du Dein bestimmtes Versprechen, mich diesen Sommer noch einmal zu besuchen, recht bald ausführen würdest, u. ich gewärtige darüber Deine Antwort. Solltest Du es vorziehen, erst in einem spätern Monate zu uns zu kommen, so würde ich Dir für diesen Fall eine Zusammenkunft in Rapperschwyl | oder an einem andern Dir beliebigen Zwischenorte vorschlagen. Die Bestimmung des Tages würde ich ganz Dir überlassen, nur muß ich Dir bemerken, daß es mir aus verschiednen Gründen lieber wäre, etwa bis zum 4. oder 5. August damit zuzuwarten.

Du wirst es mir verzeihen, wenn ich gleich in meinem ersten Briefe, den ich Dir nach Zürich schreibe, schon wieder Deine erprobte Gefälligkeit in Anspruch nehme. Ich bedarf nämlich für meine Arbeiten nothwendig des Landbuchs (Landrechts) von Schwyz; dasselbe sollte bei Beyel5 gedruckt werden, nun ist aber der Druck unterblieben, u. es ist also nur noch im Manuskript zu bekommen. Hätte ich im Cant. Schwyz einen zuverläßigen Bekannten, so würde ich mich deßhalb am besten an diesen wenden; dieses ist aber leider nicht der Fall u. frühere Versuche, durch Christ. Tschudi's6 Vermittlung jenes Rechtsbuch mir zu verschaffen, sind mir bereits fehlgeschlagen. Deßhalb stelle ich an Dich die Bitte, Du möchtest gefälligst nachsehen, ob es sich nicht auf Eurer juristischen Bibliothek (wo sonst, wenn ich nicht irre, solche Schweizerrechte in Mk. vorhanden sind) finde, u. wenn es sich so verhielte, mir dasselbe wo möglich überschicken. Ich würde es dann so schnell als möglich hier abschreiben lassen u. nach sehr kurzer Zeit Dir zurückschicken. Ich weiß zwar nicht, ob Du nun Mitglied der Bibliotheksgesellschaft bist; sollte dies aber nicht der Fall seyn, so könntest Du wohl leicht dazu die Vermittlung eines unsrer Freunde, etwa Jak. Escher's oder Brändli's7, in Anspruch nehmen. – Wilda's8 Strafrecht der Germanen9, das Du mir geliehen, habe ich gerne u. eifrig benutzt, u. ich werde Dir dieses Buch gelegentlich mit bestem Danke zurückschicken.

Meine besten Empfehlungen an Deine Eltern u. viele Grüße an alle meine Freunde in Zürich. Meine Frau u. die Meinigen lassen Dich bestens grüßen. Sey herzlich umarmt von

Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Escher war ungefähr Anfang Juli 1843 von seinem Studienaufenthalt in Paris nach Zürich zurückgekehrt. Vgl. Alfred Escher an Jakob Escher, 21. Mai 1843; Schmid, Escher, S. 159; Chronologie Alfred Eschers, 25. Juni – 10. Juli 1843.

2 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

3 Albert Kölliker (1817–1905), Privatdozent für Physiologie und vergleichende Anatomie an der Universität Zürich. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 18. Mai 1834, Fussnote 20.

4Blumers Hochzeit fand am 22. Juni 1843 statt, als Escher noch in Paris war. Die Trauung wurde von Kaspar Lebrecht Zwicky vorgenommen. Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 15. Juni 1843; Blumer, Erinnerungen, S. 12(b).

5Gemeint ist das Verlagshaus von Christian Beyel (1808–1858) mit Stammsitz in Frauenfeld und Filialgeschäft in Zürich.

6Christoph Tschudi (1817–1877), Ratsherr und Gemeinderat in Glarus, Kriminalrichter (GL).

7 Benjamin Brändli (1817–1855), von Wädenswil, Rechtsstudent. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 10.

8 Wilhelm Eduard Wilda (1800–1856), ordentlicher Professor der Rechte an der Universität Breslau.

9 Vgl. Wilda, Strafrecht.