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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0289 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 67

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Neuenburg, Donnerstag, 1. Juni [ 1843 ]

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Freundschaften

Briefe

Neuchâtel den 1sten Juny.1

Mein lieber Freund. Da du schon den 15t dies von Paris abzureisen gedenkst so kann ich nicht umhin dir noch nach dorten deinen gestern erhaltenen Brief2 vom 27t May zu beantworten; da er mehrerer Punkte wegen eine Antwort erfordert. Also vor Allem zum ersten & Hauptpunkt, der in deinem Briefe als Anklage gegen mich auftritt. Du glaubst ich habe meine Gesinnungen gegen deine Eltern geändert & suchst dieses aus einem Ausdruke meines lezten Briefes3 zu folgern; das befremdete mich sehr, um so mehr da nie das leiseste Gefühl einer Aenderung meiner Gesinnung weder gegen dich noch gegen deine Eltern auch nur von ferne in mir aufstieg. Da du aber mit Offenheit dich in deinem Briefe gegen mich ausdrüktest, so halte ich es für meine Pflicht, es meinerseits auch zu thun & gestehe dir offenherzig, daß ich mich jezt in deinem väterlichen Hause nicht mehr so heimisch fühlte, wie früher. Warum? Das kannst du gewiß leicht erklären. Früher war ich oft im Belvoir, ich war bei dir & mit dir & nie kam einer von der andern Seite & wir waren so sehr aneinander gewöhnt, daß natürlich der Eindruk in einem Hause wo das, was für mich am meisten Intreße hatte fehlte, störend auf mich einwirken mußte. Du hast sehr Unrecht, wenn du glaubst, ich wolle dich auf Unkosten deiner Eltern dadurch hervorheben. Mein Verhältniß gegen sie ist ja durchaus ein so verschiedenes von dem gegen dich, daß von einer solchen Vergleichung gar nicht die Rede sein kann. Als ich von Zürich wegging, war meine sociale Stellung (als Student) noch von der Art; daß ich mit deinen Eltern nie in ein engeres freundschaftliches Verhältniß tratt. Sie haben aber immer eine wahrme Theilname an meinem Schiksale genommen; wie sehr ich Ihnen dieselbe verdanke, weißt du hinreichend. Wenn ich nun nach sechs jähriger Abwesenheit zurükkehre & sie in deiner Abwesenheit besuche, & mich da nicht so wohl fühle wie früher, kannst du mir deshalb einen Vorwurf machen, ohne Ungerecht zu sein?

Soweit die Beantwortung auf das was ich dir in meinem lezten Briefe sagte & du mir nun vorwirfst. Vielleicht haben aber deine Eltern dir noch mehr geschrieben, was ich nicht weiß, & mir auch nichts vorwerfen kann, als daß ich sie auf meiner Durchreise nach hier nicht besucht habe. Ich blieb keine vier und zwanzig Stunden in Zürich und war so sehr beschäftigt, daß ich des Tags nicht nach Belvoir konnte & da ich Abends hinausgehen wollte kam Prof. Heer um mich zu einer Abendgesellschaft zu engagieren, was ich ihm nicht abschlagen konnte. Ich bat Zwiki mich bei deinen Eltern zu entschuldigen & sie bestens zu grüßen; ob er es gethan weiß ich nicht.

Ich hoffe das eben gesagte wird dich hinlänglich beruhigen & alle Zweifel verscheuen. – Deine Meinung, daß es mir in Europa von Tag zu Tag beßer gefalle ist leider sehr irrig; bald komme ich in Versuchung die Stunden zu zählen, bis ich wieder weg kann; & nur diese Hoffnung giebt mir Kraft zu einem übermäßig angestrengten Arbeiten, wie ich es jezt treibe.

Mit meinen Arbeiten geht es ziemlich rasch vorwärts;4 ich bin gegenwärtig mit der Ausarbeitung meiner Batrachier5 beschäftigt, hoffe zugleich diese & den größten Theil der Wirbelthiere hier fertig machen zu können. Das übrige werde ich mit nach Berlin nehmen & dort ruhiger & gründlicher Alles noch einmal vorzunehmen.

Ich habe noch nichts aus meinem Tagebuch in ein Journal gegeben & werde es auch nicht thun, weder jezt noch später; vielleicht auch gar keine Reisebeschreibung herausgegeben6, denn es fängt mich an anzuekeln. Ich habe schon viele Unannehmlichkeiten gehabt. Einige meiner einfachsten Erzählungen wurden durch Vergrößerungen & Wiedererzählen ins mährchenhafte entstellt & sodann publiciert. Besonders hat ein deutscher Hofmeister7 in hier (wie ich den Verdacht habe) dieses als Erwerbsquelle bei Journalen gemacht, und mir Sachen aufgebürdet, die mir nicht im Traume vorgekommen sind. Das Publikum glaubt nun ich sei Urheber davon & wolle mit Aufschneidereien anfangen; was mich ärgern könnte, wenn ich mich über so etwas ärgern möchte; da ich mich aber glüklicherweise mit dem Publikum weniger beschäftige, als es sich mit mir, so ist mir die Sache höchst indifferent. | Wenn ich daran denken würde in Europa zu bleiben & also von einem gewißen Publicum doch abhängig würde, so hätte ich mich schon längst vertheidigt, da aber meine Absichten andere sind, so können sie mich zerreißen & zerfezen, wenn ich nur nicht dabei bin. – Uebrigens ist in Zürich ein Gewißer, deßen giftiger, böswilliger Character (der ihm nicht zur zweiten sondern zur wahren Natur geworden ist) einen jeden zu verläumden trachtet & der auch schon gesucht hat, mich in einem falschen Lichte darzustellen. – Ich mag dem Manne seine Freude recht gerne gönnen, er wird dabei doch am Ende ganz schlimm fahren.

Von Dr Waitz8 habe ich vor einiger Zeit einen Brief erhalten; er schreibt mir darin sehr wenig von Aristoteles9; es ist dies ein Thema, das ich unter andern Verhältnißen wohl gerne vorgenommen hätte. Jedenfalls werde ich Waitz im October besuchen.

Ende August denke ich durch Zürich zu komen. Sinz geht erst Anfangs December dorthin. –

Doch einandermal mehr, für heute genug. Sey herzlich gegrüßt von Deinem

J Tschudi.

Kommentareinträge

1Datierung gemäss Poststempel.

2Brief nicht ermittelt.

3Brief nicht ermittelt.

4Tschudi war wohl mit den Vorarbeiten zu seinem zwischen 1844 und 1846 erschienenen Werk über die Tierwelt Perus beschäftigt. Vgl. Tschudi, Fauna Peruana.

5Batrachier: froschartige Amphibien oder Nackthäuter, Ordnung der Amphibien.

6Tschudi veröffentlichte 1846 eine zweibändige Beschreibung seiner Reise durch Peru. Vgl. Tschudi, Peru.

7Person nicht ermittelt.

8 Theodor Waitz (1821–1864), preussischer Philosoph. – Waitz hatte sich im Frühjahr 1843 in Paris aufgehalten und war dort neben Escher wohl auch Tschudi begegnet. Vgl. Theodor Waitz an Alfred Escher, 9. August 1843.

9 Aristoteles (384–322 v. Chr.), griechischer Philosoph.