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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Escher
  • 1820
  • 1830
    1. an Jakob Escher, 7. Mai 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Reisen und Ausflüge, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Turnen und Sport AES B0155+
    2. von Jakob Escher, 5. / 6. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge, Freundschaften AES B0157
    3. von Jakob Escher, 13. Juni 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Kunst und Kultur, Krankheiten AES B0160+
    4. an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung), Turnen und Sport AES B0161+
    5. von Jakob Escher, 26. / 27. Juli 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Turnfeste, Reisen und Ausflüge, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B0163
    6. von Jakob Escher, 9. August 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge AES B0166
    7. an Jakob Escher, 19. August 1838 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Turnfeste AES B0168+
    8. an Jakob Escher, [8. September? 1838] Schlagwörter: Universitäre Studien AES B0164
    1. an Jakob Escher, 21. April 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien, Kuraufenthalte, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839), Kommissionen (kantonale), Kunst und Kultur AES B0186+
    2. von Jakob Escher, 5. Mai 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Zürichputsch (1839), Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Bildungswesen, Kuraufenthalte AES B0189
    3. an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Universitäre Studien, Rechtliches, Zürichputsch (1839), Wahlen, Erziehungsrat ZH, Regierungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Zofingerverein (Studentenverbindung), Bildungswesen AES B0191+
    4. von Jakob Escher, 2. Juli 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0196
    5. an Jakob Escher, 1. August 1839 Schlagwörter: Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B0200+
  • 1840
    1. von Jakob Escher, 10. / 11. / 12. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Rechtliches AES B0281+
    2. an Jakob Escher, 21. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Universitäre Studien, Kunst und Kultur AES B0283+
    3. von Jakob Escher, 27. / 28. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Kunst und Kultur AES B0284
    4. an Jakob Escher, 21. Mai 1843 Schlagwörter: Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Freundschaften, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge AES B0287
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0287 | ZBZ FA Escher vG 207.102f

In: Jung, Aufbruch, S. 245 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 54 (auszugsweise), 58–59 (auszugsweise)

Alfred Escher an Jakob Escher, Paris, Sonntag, 21. Mai 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Bildungswesen, Feiern und Anlässe, Freundschaften, Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Paris. d. 21sten Mai. 1843.

Mein Lieber!

Verschiedene Gründe machen es mir zur Pflicht & zwar zur freudigen Pflicht, noch einmal vor unserm Wiedersehen an dich zu schreiben. Es bewegt mich dazu vorerst der Wunsch, die in unserer Correspondenz begonnene Discussion über die verschiedenartigen Richtungen, die man in der Pflege unserer Wissenschaft bei der gegenwärtigen Entwickelungsstufe dieser zu verfolgen hat, weiterzuführen & zu einem Abschlusse zu bringen, soweit als in solchen Dingen von einem Abschlusse die Rede sein kann, und dieser mein Wunsch ist umso lebendiger, da die schnelle Antwort, die Du mir auf meinen Brief zu lieb werden ließest, mir sattsam bewiesen hat, daß Du den von mir angeregten Gegenstand nicht mindern Interesses würdig hältst als ich selbst. Dann aber weiß ich aus eigener Erfahrung, wie wohlthätig der, der in fremden Landen weilt & der vielleicht gerade je großartiger die ihn umgebenden Verhältnisse sind, desto mehr nach jenen heimischen engen Kreisen, in denen allein das Herz vollkommen erwarmt, sich sehnt, von einer Bothschaft berührt wird, die ihm bezeugt, daß er nicht minder entbehrt wird als er selbst entbehrt. Endlich kann ich mir die Freude nicht versagen, dir die erste Kunde von einem freudigen Ereignisse zu geben, das einen unserer gemeinschaftlichen Freunde betroffen hat. Du erräthst wohl schon, daß Du ein Gratulationsschreiben an H. Professor Dr. Honegger aufzusetzen haben wirst!

Jene Vorfrage, ob wir uns einer theoretischen oder einer practischen Laufbahn zuwenden sollen, oder richtiger, da der lehrende Jurist auch practisch sich beschäftigt, ob wir für die Kenntniß oder für die Anwendung des Rechtes unsere Kräfte verwenden sollen, kann durchaus nicht, wie auch Du es anzunehmen scheinst, aus allgemeinen Gründen beantwortet werden. Beide Thätigkeitssphären sind gleich unentbehrlich. Beide müssen immer neben einander bestehen. Sie stehen also auch über den Wechselfällen der Zeitgemäßheit. Ob man sich für die eine oder andere zu entscheiden habe, hängt demnach nicht von der größern oder geringern Wahrheit und Vergänglichkeit, die in dem Wesen der einen oder andern Sphäre läge, ab, sondern vielmehr von der Individualität dessen, der sich zu entscheiden hat. Vielleicht erfordert jede der beiden Sphären verschiedene geistige Anlagen & Befähigungen. Wenn dieß der Fall ist, so kann über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein derselben kaum ein anderer als der, welcher sich entscheiden soll, selbst, ein genügendes Urtheil fällen: denn, wenn es gewiß ist, daß jeder sich selbst am besten kennt, so muß gerade auf Grundlage dessen, um das jeder sich selbst besser kennt, als er von andern gekannt wird, dieses Urtheil gefällt werden. Diese Urtheilsfällung befindet sich so außer dem Bereiche der Discussion Dritter. In Beziehung auf dich hast Du in Deinem Briefe ein Urtheil abgegeben, wenn Du sagst: «Bis mich Erfahrung eines bessern belehrt, bin ich überzeugt, daß nach meinem ganzen Wesen ich dem Staate als Richter nützlicher sein kann als in einer Lehrerstellung.» So weit sind wir also wohl einig & noch weiter. Denn wenn Du mir wahrer Begeisterung von dem Richter als Ritter der neuern Zeit, der das Schwert der Gerechtigkeit führt, sprichst, so thust Du es gewiß nicht, um den erhabenen Beruf dessen zu verkleinern, der es ihn führen lehrt. Und über noch mehr stimmen wir überein. Wenn ich vor allzufrüher pratischer Thätigkeit warnte befürchtend, es möchte durch eine solche leicht die Fähigkeit zu rein wissenschaftlichen Arbeiten & dadurch die Unabhängigkeit verloren gehen, so dachte ich mir unter dieser practischen Thätigkeit eher eine politische als eine gerichtliche. Eine gerichtliche Stellung bringt es auch nach meinen Ansichten mit Nothwendigkeit mit sich, daß der in ihr befindliche mit den Fortschritten der Wissenschaft Schritt zu halten suche. Wohl muß sich doch der Richter um die Wissenschaft des Rechtes kümmern, wenn seine Amtsthätigkeit in nichts anderem als in der Anwendung dessen, was jene Wissenschaft lehrt, besteht! Wohl muß der Anwald sich fortwährend der Rechtswissenschaft befleißen, wenn er die Rechte seiner Clienten gewissenhaft vertheidigen will! Frühe schon ein Richteramt übernehmen oder die Verrichtungen eines Anwaldes ausüben, heißt für mich also durchaus nicht, frühe schon der Rechts| wissenschaft untreu werden. Aber der Jurist, der bevor er in seiner Wissenschaft recht heimisch geworden, in der Fremde der Politik sein Glück versuchen will, ist, wenn einmal eine Zeit kommen sollte, da er mit Ehren nicht mehr in ihr verbleiben kann, heimathlos. Wennn ich also nur vor einer zu frühen politischen Thätigkeit einen Juristen warnen möchte, und so Deinen Ansichten viel näher stehe als Du nach deinem Briefe anzunehmen scheinst, so kömmst Du nun wohl auch hinwieder mir einen Schritt weit entgegen. Gewiß unterscheidest Du demzufolge mit mir von jener den Geist pflegenden gerichtlichen Thätigkeit, in der, wenn sie richtig aufgefaßt wird, mit dem combinirenden Forscher in dem gegebenen Rechtsstoffe eine gewandte Anwendung der darin enthaltenen Principien auf die Einzelfälle des Lebens verbunden werden soll, die mechanischen und darum den Geist abstumpfenden Handlangerarbeiten, die in gewissen Beamtungen unausweichlich sind. Und Du redest nun nicht mehr von einem «Frondienste von ein Paar Jahren», dem Du dich unterziehen würdest: denn Du wirst das dir anvertraute Pfund treu verwalten wollen & bedenken, daß Du nur in der ersten Thätigkeit dem Vaterlande unentbehrlich bist.

Ich komme jetzt zu dem Hauptgegenstand unserer Discussion. Mit Freuden sehe ich aus deinem Briefe, daß Du über die Wahrheit und Wichtigkeit des vergleichenden Standpunctes in unserer Wissenschaft mit mir im ganzen Einer Meinung bist. Laß mich hier die Gründe, dich sich mir für die Wünschbarkeit & Nothwendigkeit der Verfolgung dieses nach reifem Nachdenken ergeben haben, zusammenstellen.

1.) Jeder, der sich auch mit einem noch so speziellen Theile einer Wissenschaft beschäftigt, soll sich der Stellung, den dieser Theil in dem ganzen Gebäude der Wissenschaft einnimmt, und des Verhältnisses, in dem er zu diesem steht, bewußt sein. Wende ich diesen allgemeinen Satz auf die Rechtswissenschaft an, so muß ich behaupten, es gehöre zu der allgemeinen Bildung jedes Juristen, daß er nicht bloß von dem Rechtssysteme des Volkes, dem er angehört oder dem er gerade eine besondere Aufmerksamkeit schenkt, Kenntniß habe, sondern daß er sich wenigstens einen allgemeinen Begriff von den Rechtssystemen aller Völker und aller Zeiten, soweit diese zugänglich sind, verschaffe. Die allgemeine Bildung eines Juristen soll ihm die Grundlagen seiner Wissenschaft, das Gebiet, über das sie sich erstreckt, kennen lehren. Die Wissenschaft des Rechtes umfaßt aber alle Rechtsnormen, die je irgendwo ins Leben getreten. Wenn ich von dem Detailforschungen sich widmenden Juristen bloß verlange, daß er sich einen allgemeinen Begriff von dem, was außer dem Bereiche seiner speziellen Untersuchungen liegt, verschaffe, so mag man einwenden, daß das Detail den allgemeinen Begriffen gerade auch im Gebiete der Rechtswissenschaft vorzuziehen & daß solche allgemeinen Begriffe in der Jurisprudenz überhaupt schwer zu gewinnen seien. Die erste Einwendung, die so viel heißt als es wäre noch schöner, wenn man allen Detail der gesammten Rechtswissenschaft sich zu eigen machen würde, ist insoweit unwiderleglich. Wenn sie aber fordert, daß man dieß thue, so verlangt sie etwas, das die menschlichen Kräfte übersteigt, & wenn sie darum, weil sie das unmögliche nicht fordern kann, auch das mögliche verwirft, so setzt sie die Vernunft bei Seite. Die zweite Einwendung, daß es für einen auf spezielle Zweige eines Rechtssystemes sich werfenden unendlich schwer sei, sich allgemeine Überblicke über alle Rechtssysteme zu bilden, sollte eigentlich so ausgedrückt werden: Es ist für ihn unmöglich, so lange er sich diese selbst aus dem Detail des Rechtsstoffes herausarbeiten soll; es ist aber für ihn möglich, sobald es Rechtsgelehrte gibt, die es sich zur Lebensaufgabe machen, die Verwandtschaften und die Eigenthümlichkeiten der einzelnen Rechtssysteme zu erforschen und auf Hauptgesichtspuncte & leitende Grundsätze zurückzuführen. Die Einwendung vermag also bloß, wenn noch keine oder nur wenige Rechtsgelehrte sich dieses Ziel vorsetzten, die Unentbehrlichkeit desselben in ein noch klareres Licht zu setzen.

2.) Es gibt zwar Richtungen, in denen «der juristische Tact», von dessen Pflege Du sprichst, sich äußert, und zwei ihnen ensprechende Mittel, durch die auf die Ausbildung desselben gewirkt werden kann. Der juristische Tact zeigt sich zuerst in der consequenten Durchsuchung & Verfolgung einer Rechtsregel bis auf die verwickeltsten & die Anwendung dieser Rechtsregel erschwerendsten Einzelfälle des vielgestaltigen Lebens. Er zeigt sich in der Sichtung verworrener factischer Verhältnisse Behufs ihrer Unterordnung unter die auf sie Anwendung leidenden Rechtsregeln. Er äußert sich aber auch in der Erkenntniß der in der Masse der Rechtsregeln verborgen liegenden Rechtsideen, in dem Herausfühlen des Verhältnisses der Ursache oder Wirkung, in dem einzelne dieser zu einander stehen, in der Auffindung allgemeinerer Gundsätze, von denen sie vielleicht alle abhängen. Handelt es sich also bloß um Ausbildung des juristischen Tactes als | solches & abgesehen von den Resultaten, die für das Wissen gewonnen werden sollen, handelt es sich mit Einem Worte bloß um juristische Geistesgymnastik, so muß der des Rechtsstudiums sich befleißende in beiden Richtungen, in denen sich der juristische Tact äußern kann, geübt werden. Die Thätigkeit nun, welche die dem Rechtsstoffe inwohnenden Ideen combinirt, ist zwar schon bei der Durchforschung eines einzelnen Rechtssystemes, ja bei der Untersuchung eines kleinen Zweiges des großen Rechtsbaumes gedenkbar. Je umfassender aber das Gebiet ist, das die combinirende Thätigkeit zu umspannen hat, desto schwieriger wird ihre Aufgabe, desto größer ist aber auch der Gewinn, den sie aus der Lösung derselben ziehen kann.

3.) Soll nun der Nutzen des vergleichenden Rechtsstudiums von den verschiedenartigen Standpuncten aus betrachtet werden, auf denen die, welche aus demselben unmittelbaren Vortheil für das Leben ziehen wollen, & hinwieder die, welche von der practischen Anwendung des Rechtes ganz absehen, stehen, so ist es vor allem sonnenklar, daß die letztern, die sich für das Rechtsleben eines Volkes nur als für eine Seite der Volksindividualität & für seine Entwickelung nur als für eine Äußerung der Ausbildung des Nationalcharakters interessiren, die also das Recht nur als eine Quelle der Geschichte im allgemeinen auffassen, in dem vergleichenden Rechte den Höhepunct der Jurisprudenz sehen, in die Resultate des vergleichenden Rechtsstudiums den letzten Zweck der Rechtswissenschaft setzen. Wenn ich sage, es müssen diese in den Resultaten einer umfassenden Rechtsvergleichung den letzten Zweck der Rechtswissenschaft suchen, so soll damit durchaus nicht behauptet werden, daß ihnen Specialarbeiten im Gebiete der Jurisprudenz nutzlos erscheinen. Vielmehr werden auch sie erkennen müssen, daß solche die Lebensbedingung der vergleichenden Richtung, wenn anders diese auf Gründlichkeit Anspruch machen will, sind. Aber sie werden Specialarbeiten immer nur als Mittel zu einem höhern Zwecke und nie als letzten Zweck ansehen können.

4. Handelt es sich um ein philosophisches Rechtssystem oder um Naturrecht, so muß man wohl, mag man auch noch so verschiedener Ansicht über das Material sein, dessen man sich zur Errichtung eines solchen Baues zu bedienen hat, zugeben, daß ein Apparat, aus dem ersichtlich würde, welche Grundsätze sich in allen positiven Rechtssystemen finden, welche dagegen bloß einzelnen derselben eigenthümlich sind, ein unentbehrliches Werkzeug für das zu errichtende Lehrgebäude werden müßte. Ein solcher Apparat kann aber nur auf dem Wege der Rechtsvergleichung gefunden werden.

5.) Stellen wir uns aber auch auf den Standpunct derer, welche das Rechtsstudium nur von dem Gesichtspuncte practischer Nützlichkeit aus betrachten, so werden wir vor allem wieder diejenigen, die sich desselben, um eine gerichtliche Stellung einnehmen zu können, befleißen, von denen, welche es auf gesetzgeberische Thätigkeit absehen, zu unterscheiden haben. Was ich bereits über den Nutzen des vergleichenden Rechtsstudiums als Bestandtheiles der allgemeinen Bildung jedes Juristen und als Mittels zur Pflege des juristischen Tactes gesagt, findet natürlich auch auf die erstern Anwendung. Aber ich glaube, die vergleichende Rechtswissenschaft bringt noch einen andern Vortheil für sie mit sich. Es gibt in jedem Gesetzbuche, und mag es auch noch so vollständig scheinen, Lücken. Wie sollen diese ausgefüllt werden? Die Franzosen antworten mit Recht: durch die raison écrite. Sie verstehen darunter größtentheils, oder vielleicht ausschließlich das Römische Recht. Sie beschränken sich jedoch nur darum auf dieses, weil sie von der Präsumption ausgehen, daß es das beste sei. Kennten sie aber die einschlagenden Bestimmungen anderer Rechte, die vorzüglicher wären als die Römischen, so würden sie gewiß jenen folgen. Will also der, der bei Anwendung des positiven Rechtes eines Landes auf Lücken stößt, diese gehörig ausfüllen, so ist ihm die Kenntniß der Rechte anderer Länder unentbehrlich. Diese gewinnt er aber eben durch die vergleichende Rechtswissenschaft.

6.) Kann man wohl geradezu die Möglichkeit ersprießlicher gesetzgeberischer Thätigkeit ohne Kenntniß der Rechtssysteme anderer Völker läugnen. Dieser Satz ist zu einleuchtend als daß er eines langen Beweises bedürfte. Ich will hier lieber von der auffallenden Erscheinung reden, daß man auf den deutschen Universitäten & also auch auf der unsrigen, die eine getreue Nachbildung jener ist, es zu vergessen scheint, daß eine wesentliche Aufgabe ihrer Rechtsfacultäten auch darin besteht, die ihrer Pflege anvertrauten zu gesetzgeberischer Thätigkeit zu befähigen. Oder ist etwa die Bestimmung der Rechtsnormen, die in einem Staate gelten sollen, weniger wichtig oder weniger | schwierig als die Anwendung schon gegebener? Daß man aber die Befähigung zu gesetzgeberischer Thätigkeit auf den deutschen Hochschulen außer Augen läßt, sieht man am besten daraus, daß man nicht daran denkt, dafür zu sorgen, daß der juristische Unterricht sich auch auf die Darlegung der modernen Rechtssysteme anderer Länder erstrecke. Wenn wir aber nicht jenem verkehrten Gedanken Raum geben wollen, daß mit dem Falle Roms auch die juristische Intelligenz in den ewigen Todesschlaf versunken sei & daß nur diejenigen Grundsätze im deutschen Rechte etwas taugen, die schon vor den modernen Gesetzgebungen der einzelnen deutschen Länder Geltung hatten, so werden wir wünschen müssen, daß ein Gesetzgeber auch die andern Rechtssysteme außer dem Römischen & dem sogenannten gemeinen deutschen kenne, damit ihm der Schatz von Erfahrung und Einsicht, die in denselben niedergelegt sind, auch zu Gebothe stehen neben dem vielleicht größern des Römischen & gemeinen deutschen Rechtes. Das Römische Recht & das deutsche, das gerade vorzugsweise nach dem Zustande, in dem es sich vor der Entstehung der neuen Gesetzbücher der einzelnen deutschen Länder befand, vorgetragen wird, lassen überdieß einen Gesetzgeber unserer Tage, wo er die Verkehrsverhältnisse & die Lebensansichten, die unserer Zeit eigenthümlich sind, ins Auge zu fassen hat, ohne Rath & er ermangelt dann für diese wenn er bloß an jene zwei Rechtssysteme sich zu halten hat, jedes äußern Leitsterns. Es ist freilich kaum begreiflich, daß man es in Deutschland ganz übersieht, daß Befähigung zu gesetzgeberischen Arbeiten eine Hauptaufgabe der juristischen Universitätsbildung ist. Gewiß erklärt sich dieß nur aus dem dem deutschen Character eigenthümlichen starren Festhalten an altem Herkommen, das sich gerade auch in den Universitätseinrichtungen ganz besonders grell äußert. Wie viele eigentlich mittelalterlichen Gebräuche haben sich nicht in diesen erhalten und werden noch heutzutage mit ähnlicher, ich möchte auch sagen, mit lächerlicher Scrupulosität beobachtet! Die Franzosen, die, statt die Thätigkeit ihres Geistes darauf zu verwenden, sich auf alle mögliche Weise den Forderungen der Gegenwart zu widersetzen, vielmehr sich bestreben, ihrem Geiste die nöthige Biegsamkeit zu geben, um den Forderungen der Gegenwart ihr Recht widerfahren lassen zu können, haben jene Aufgabe der Universitätsbildung erkannt. Sie haben Lehrstühle der législation comparative geschaffen & die Arbeiten der diese einnehmenden werden durch manche Sammlungen von Gesetzen verschiedener Völkerschaften und durch Zusammenstellungen des diesen gemeinsamen, die der juristischen Litteratur Frankreichs zu verdanken sind, erleichtert & unterstützt. Es werden wohl hierin wie in manchem andern die Franzosen mit ihrer nicht an Autoritäten klebenden Kühnheit einer neuen Richtung der wissenschaftlichen Thätigkeit, der Gesetzgebungswissenschaft, Bahn brechen, und die Deutschen werden, wenn sie es einmal über sich vermögen, dieselbe, obgleich sie eine neue ist, zu verfolgen, ihr solide Grundlagen geben und auf diesen ein festes mit gewissenhafter Sorgfalt gezimmertes Gebäude aufrichten; und hiezu hätten denn hinwieder die Franzosen vielleicht nicht die gehörige Fähigkeit, gewiß nicht die nöthige Geduld. Diesem Gange, den die Entwickelung einer eigentlichen Gesetzgebungswissenschaft nehmen dürfte, wird auch die Geschichte der äußern Einrichtungen, die zur Pflege derselben dienen sollen, entsprechen.

Du siehst, daß ich in unserer Wissenschaft den allgemeinen Standpunct der umfassenden Vergleichung und den speziellern der Erforschung des Details, weit entfernt die Richtigkeit & Nothwendigkeit des einen um des andern willen läugnen zu wollen, vielmehr als gleichberechtigt ansehe. Je nach dem Ziele, das man unserer Wissenschaft vorsetzt, wird der eine & der andere Standpunct bald als Zweck & bald hinwieder als bloßes Mittel zum Zwecke erscheinen. Verdiente einer der beiden Standpuncte den Vorzug, so wäre es nicht um allgemeiner über flüchtigen Zeitverhältnissen stehenden Gründe willen, sondern einzig wegen des Unbills der gegenwärtigen Zeit, die den einen Standpunct allzu stiefmütterlich bedenkt.

Doch nun die Hauptfrage: Ist jetzt schon eine Rechtsvergleichung in der Ausdehnung, wie sie durch die für ihre Wünschbarkeit angeführten Gründe erfordert wird, möglich? Ich nenne dieß die Hauptfrage, weil ihre Beantwortung sich durch ebenso viele Zweifel hindurchzuwinden haben wird, als die Frage nach der Wahrheit & Nützlichkeit des vergleichenden Standpunctes mit Zuversicht gelöst werden konnte. Gewiß kann eine Weltgeschichte des Rechtes – und diese wird von einer umfassenden & durchaus gründlichen Rechtsvergleichung vorausgesetzt – eigentlich nur dann geschrieben werden, wenn Geschichten aller Rechte der einzelnen Völker, die der Weltgeschichte angehören, bestehen. Mit der Geschichte ganzer Völker im allgemeinen ist aber auch ihre Rechtsgeschichte in den Abgrund der Vergeßenheit spurlos & unwiderbringlich versunken. Ferner ist die Rechtsgeschichte mancher Völker unbekannt, nicht, weil das Material, auf das sie gebaut werden müßte, verloren wäre, sondern weil es noch nicht benutzt worden ist: es ist die Rechtsgeschichte anderer Völ| ker unvollständig, weil das zu Gebothe stehende Material nicht gehörig ausgebeutet worden ist. Ich will die Länder, von deren Rechtsgeschichte man gar nichts weiß, nicht aufzählen, sondern nur darauf aufmerksam machen, daß auch die Rechtsgeschichten einzelner Völker, die man zu besitzen glaubt, größtentheils noch sehr unvollständig sind. Vielleicht kann dieß von der Römischen am wenigsten behauptet werden. Die Zeit ist wohl nicht mehr ferne, da das, was aus den Römischen Rechtsquellen in der Unvollständigkeit, in der sie uns gegenwärtig vorliegen, herausgepreßt werden kann, herausgepresst sein wird. Von jenen Forschungen, die Du mit vollem Rechte «juristische Raritätenkrämereien» nennst, sehe ich hier natürlich ab. Diese können noch lange müßigen Köpfen zum Spielzeuge dienen. Die Geschichte des Englischen Rechtes soll noch so sehr im argen liegen, daß Leute, die man als wohl unterrichtet ansehen muß, behaupten, es sei bisanhin noch gar nichts darüber geschrieben worden! Die Litteratur der französischen Rechtsgeschichte ist ebenso arm als die der neuen französischen Gesetzgebung reich ist. Aber nun die deutsche Rechtsgeschichte. Gott, wie sehr verdient das Lehrgebäude, das gegenwärtig diesen Namen trägt, eigentlich doch noch als ein zufälliges bezeichnet zu werden! Aber ist es nicht die Quintessenz bloß derjenigen deutschen Particularrechte, die bis anhin der Öffentlichkeit übergeben worden sind? Und von was anderm hat die Publication gerade dieser Particularrechte abgehangen als etwa davon, daß ein deutscher Jurist sich nun einmal ganz besonders für das Recht seiner Vaterstadt interessirte oder daß ein anderer auf einer Bibliothek oder in Archiven, die er auf seinen Reisen besuchte, in einer glücklichen Stunde Rechtsquellen entdeckte, die ihm wichtig vorkamen, also von reinen Zufälligkeiten? Wird nicht die Lückenhaftigkeit des gemeinen deutschen Privatrechtes und seiner Geschichte gerade von den Schriftstellern, die sich um dasselbe besonders verdient gemacht haben, also von denen, die es am besten kennen müssen, am meisten anerkannt, wenn sie nicht müde werden, dringlichst zur Herausgabe particularrechtlicher Quellen, zur systematischen, wissenschaftlichen Bearbeitung einzelner deutscher Particularrechte aufzufordern? Zeigt nicht der unvollkommne Zustand, in dem sich die Rechtsgeschichte gerade auch des größten Theiles der Schweiz befindet, wie schwach die Pfeiler sind, auf denen die gemeine deutsche Rechtsgeschichte ruht? Und was soll nun aus allem diesem gefolgert werden? Auf der einen Seite die größte Wünschbarkeit einer umfassenden Rechtsvergleichung, ja die Nothwendigkeit einer solchen zur Befriedigung practischer Bedürfnisse, auf der anderen Seite die Unsicherheit & der theilweise gänzliche Mangel eines Fundamentes derselben?

Ist unser Ideal eine umfassende Vergleichung alles bisher gewordenen Rechtsstoffes, so ist es ein absolut unerreichliches: denn sie setzt eine vollständige Weltgeschichte des Rechtes voraus: Diese ist aber, da ihr gewisse Grundlagen, die unwiederbringlich verloren gegangen sind, ohne die sie jedoch nicht bestehen kann, mangeln, zur Unmöglichkeit geworden. Sollte man aber darum ganz von der Rechtsvergleichung abstrahiren? Wir stoßen hier als bei einem Zweige der Geschichte auf einen Mangel, der der Geschichte im allgemeinen anklebt. Die Geschichte ganzer Völker ist uns verloren gegangen und die anderer ist in den Trümmern, die sie übrig gelassen, kaum mehr erkennbar. Will man in den einzelnen Thatsachen der Geschichte eine fortlaufende Kette von Ursachen und Wirkungen finden und erklärt man demnach je die folgende durch die vorher gehende, so zerreißen jene Lücken in der Geschichte diese Kette von Ursachen & Wirkungen und die Erklärung alles dessen, was später als jene Lücken geschah, wird unsicher. Verzichtet man aber auch auf eine solche sich durch sich selbst erklärende Geschichte, aber doch nicht auf die Geschichte überhaupt, setzt man also auch nur darauf einen Werth, die Ereignisse zu kennen & sollte man auch einen bloßen Fatalismus in ihnen sehen: nun, so möchte man doch alle Thatsachen, die der Geschichte anheimfallen, kennen, und die Erfüllung dieses Wunsches wird wieder durch jene Lücken unmöglich. Aber trotz dieser Lücken schreibt & liest man Weltgeschichte. Mit demselben Rechte kann man offenbar auch von einer Weltgeschichte des Rechtes reden, und sollten auch in dieser noch größere Lücken als in jener zu beklagen sein.

Beschränken wir nun den Umfang unsers Ideales, ohne es um dieser nothwendigen Beschränkung willen ganz aufzugeben: streben wir also bloß nach einer Rechtsvergleichung, die sich auf den Stoff, dessen Herbeischaffung dem wissenschaftlichen Eifer möglich ist, bezieht, so entsteht, da wir gesehen, daß all' dieser Stoff noch nicht gesammelt ist & wohl noch ziemlich lange nicht gesammelt sein wird, die weitere Frage, ob wir jetzt schon allgemeinere Rechtsvergleichungen, die sich natürlich bloß auf den jetzt uns zu Gebothe stehenden Stoff beziehen könnten, aufstellen sollen. Diese Frage glaube ich mit Entschiedenheit bejahen zu müssen: denn 1) ist das wissenschaftliche Bedürfniß, sich in der Rechtsanschauung auf einen allgemeinern Standpunct zu stellen, und das practische, die | Rechtsbegriffe verschiedener Völker Behufs der Befähigung der Gesetzgebung zu kennen, zu jeder Zeit, also auch jetzt vorhanden. Schlimm genug, wenn diese Bedürfnisse jetzt nicht so vollkommen, wie es, wäre die Rechtswissenschaft im einzelnen weiter fortgeschritten, möglich wäre, befriedigt werden können! Warum sollte man das Loos unserer Zeit noch schlimmer machen & darum, weil man dieses Bedürfniß nicht vollkommen befriedigen kann, es gar nicht befriedigen? 2) muß jede Wissenschaft auch ihre Kindheit haben. Sie kann nicht, sobald sie entsteht, sogleich vollkommen sein. Sie muß ihre Kindheit haben nicht bloß in Beziehung auf die größere oder geringere Ausdehnung des Stoffes, auf den sie sich erstreckt, sondern auch in Beziehung auf den Geist, der diesen Stoff sichtet, combinirt & systematisirt. Dieser Geist kann schon mit Erfolg thätig sein & die Vollkommenheit anstreben, wenn ihm auch noch nicht aller Stoff zu Gebothe steht, der ihm zu Gebothe stehen könnte. Warum nun zuerst das Mannesalter der Wissenschaft in Beziehung auf den Stoff, der ihre Grundlage bilden muß, erwarten und dann erst ihre Kindheit in Beziehung auf den sie systematisirenden wissenschaftlichen Geist beginnen lassen? Daß man auch nach der Ansicht der Menschen nicht so verfahren soll, läßt sich am besten aus den Begriffen erkennen, die man in Beziehung auf das gemeine deutsche Privatrecht hat. Wir haben schon davon gesprochen, daß wir bei weitem noch nicht alle Fundamente, die zu einer ganz soliden Begründung dieser Wissenschaft erforderlich sind, zu unserer Verfügung haben. Und doch spricht man von gemeinem deutschen Privatrechte. Ich beschränke mich hier darauf, zur Rechtfertigung dessen unter vielem, das ich übergehe, nur darauf aufmerksam zu machen, daß solche Revüen, wenn ich mich so ausdrücken darf, die man von Zeit zu Zeit über das bereits im einzelnen gesammelte hält, wie nichts anderes dazu geeignet sind, die Lücken, die noch gerade in den Einzelnheiten des Stoffes bestehen, augenfällig zu machen und also zur Vervollständigung derselben aufzufordern.

Eine ganz andere Frage ist nun, ob wir bei dem hohen Grade der Unvollkommenheit, der eine umfassendere Rechtsvergleichung in unsern Tagen noch haben muß, die Kraft eines ganzen Lebens auf sie verwenden sollen. Dieß glaube ich verneinen zu sollen. Wie ich auf der einen Seite glaube, man dürfe um des unvollständigen Materiales Willen, das zur Zeit noch einer von einem allgemeinern Standpuncte aus angestellten Rechtsvergleichung zu Grunde liegen kann, eine solche nicht gänzlich vernachlässigen, so scheint es mir auf der andern Seite, man würde zu weit gehen, wenn man annähme, man dürfe jetzt schon bloß auf eine auf den kleinsten Detail sich erstreckende selbstständige Durchforschung des disponibeln Stoffes allgemeinere Resultate stützen. Der Vortheil, den solche Resultate vor andern, die, um viel weniger Zeitaufwand in Anspruch zu nehmen, durchaus nicht oberflächlich zu sein brauchen, voraus hat, wird bei weitem nicht so groß sein als der Vortheil, den die Verwendung dieser Zeitdifferenz auf Erweiterung der Grundlagen der Rechtsvergleichung zur Folge hätte. Du möchtest noch nähere Auskunft über diese zwar weniger gewissenhafte, aber doch nicht oberflächliche Rechtsvergleichung. Ich glaube, dir eine solche am besten durch ein Beispiel & zwar durch ein recht practisch gehaltenes geben zu können. Handelte es sich z. B. um Civilprozeß, so würde ich ja das beste, das über den Civilprozeß jedes Volkes geschrieben worden ist, zur Basis meiner Vergleichung machen, & diese würde ich überall, wo es mir Noth zu thun schiene, durch eine Quellenforschung in den einzelnen Volksrechten ergänzen & befestigen. Wollte ich durchweg unmittelbar aus den Quellen schöpfen, so wäre die Arbeit unendlich größer & würde ein Menschenleben oder mehr als ein solches in Anspruch nehmen. Die Aufgabe darf aber auch darum nicht als allzu groß angesehen werden, da es sich nicht um eine Vergleichung alles Details, der oft höchst äußerlich, zufällig, practisch zwar unentbehrlich, aber ohne wissenschaftlichen Gehalt sein kann, handelt, sondern bloß um die Gegeneinanderhaltung desjenigen Details, in dem sich allgemein Principien des Prozeßrechtes oder der Prozeßpolitik äußern. Du wünschest, daß ich mich auch über diese allgemeinen Principien näher erkläre. Nun, ich nenne z. B. den Satz, daß das gerichtliche Urtheil so viel als möglich auf materielle & so wenig als möglich auf formelle Wahrheit sich stützen müsse, einen Grundsatz des Prozeßrechtes. Die Rechtsvergleichung wird hier nachzuweisen haben, durch welche Institute diesem Grundsatze in den Rechten der einzelnen Völker Anerkennung gezollt worden sei. Es wird hier von der Verhandlungs- und Untersuchungsmaxime, von der Zulassung oder Ausschließung der Vertretung, von den Folgen des Ungehorsames der Parteien, von den Fictionen & Präsumtionen u. s. f. die Rede sein müssen. Den Satz, | daß der Fortgang des Prozesses ein möglichst schneller sein solle, sehe ich als einen Grundsatz der Prozeßpolitik an. Von dem Standpuncte der Rechtsvergleichung aus wird zu untersuchen sein, bis zu welchem Grade & in welcher Weise bei jedem einzelnen Volke diesem Grundsatze Rechnung getragen sei. Man wird hier auf die Eventualmaxime, das mündliche & schriftliche Verfahren, Beweisinterlocute & deren Appellabilität, anticipirten Beweis & und vor allem auch auf den summarischen Prozeß & seine Ausdehnung zu reden kommen. – Nehme ich nun aber auch an, daß auf eine so angestellte allgemeinere Rechtsvergleichung 6 bis 8 Jahre verwandt werden müßten – und damit die Lösung der Aufgabe in dieser Zeit möglich sei, könnte man sie, statt sie auf das Civil- und Criminalrecht & beide Prozesse auszudehnen, auf einen oder mehrere dieser Haupttheile beschränken – nun, so bleibt noch eine schöne Zeit zu anderweitigen wissenschaftlichen Beschäftigungen übrig.

Und welche Richtung müßten diese nehmen? Die Wahl ist nun auf das Gebiet der Detailforschungen beschränkt. Man könnte nun hier, wie Du es auch gethan, an die vergleichende Betrachtung eines einzelnen Rechtsinstitutes in seinen verschiedenen Formen & Entwickelungsstufen bei verschiedenen Völkern denken. Aber hiegegen läßt sich mehreres anführen. Fürs erste würde man hiedurch wieder in irgend eine kleine Ecke des großen Rechtssystemes vorstoßen. Dieß ist jedoch das kleinere Bedenken: denn die parallel damit anzustellenden rechtsvergleichenden Arbeiten wären hiefür ein wirksames Correctiv. Vielmehr Gewicht lege ich der Erwägung bei, daß eine solche ins Detail gehende & auf die unbedingteste Gründlichkeit Anspruch machende Erforschung eines einzelnen Institutes in den Rechtssystemen verschiedener Völker eine genaue Kenntniß der Rechtssysteme im allgemeinen, in die jenes Institut verwoben ist, oder wenigstens der Theile des gesammten Rechtssystemes, mit denen es in der engsten Verbindung steht, voraussetzen würde, die Erfüllung dieser Voraussetzung aber eine Unmöglichkeit ist. Eher sollten, wie mir scheint, die Detailforschungen auf die Ergründung & systematische Darstellung der einzelnen Particularrechte gerichtet werden. Und da muß ich gestehen, daß mich die gegenwärtig geltenden eher als die antiquirten, die noch unbekannten oder wenigstens nicht gehörig wissenschaftlich bearbeiteten eher als die gekauten & wiedergekauten, die vaterländischen eher als die fremden anziehen würden. Aus der detailirten Darstellung einzelner noch practischer Particularrechte erwächst ein doppelter Gewinn, einer für die practischen Bedürfniße der Landstriche, wo sie noch gelten, und ein zweiter für die Rechtsvergleichung, die so einen soliden Pfeiler mehr für ihr Fundament erhält. Daß bei einer solchen detailirten Darstellung eines Particularrechtes auch Vergleichungen mit verwandten Rechten, Nachweisungen über die Ableitung mehrerer solcher verwandten Rechte als Zweige aus einem gemeinsamen Stamme, soweit diese mit Gründlichkeit gegeben werden könnten, nicht ausgeschlossen wären, versteht sich von selbst. Immerhin müßte aber die Darstellung Eines Particularrechtes die Hauptsache, das andere nur Zuthat bleiben. Diese Detailforschungen könnten dann mit jenen allgemeinen rechtsvergleichenden Untersuchungen in einen Zusammenhang etwa in der Weise gebracht werden, daß wenn die rechsvergleichenden Untersuchungen auf irgend einen jener Haupttheile der Rechswissenschaft, z. B. auf den Civilprozeß beschränkt worden wären, nun gerade auch bloß der Civilprozeß, jedoch dann in desto mehr Particularrechten, der Gegenstand der Detailforschungen würde. Und wie wohlthätig sind nicht für Detailforschungen die weiten Gesichtspuncte & die Gelenkigkeit der Begriffe, die durch rechtsvergleichende Untersuchungen über dieselbe Materie, die auch zum Gegenstande der Detailforschungen gemacht wurde, gewonnen werden! Übrigens halte ich diese Symetrie des rechtsvergleichenden und der Detailforschungen durchaus nicht für eine ununumgänglich nothwendige. Bei Beschränkung der erstern auf einen speziellen Theil des Rechtssystemes könnten sich die letztern ganz wohl auf das ganze System eines oder mehrerer Particularrechte beziehen. Wie, mein Lieber, wenn Blumer & wir und noch manche andere unserer Bestrebungsgenoßen in andern Cantonen, von denen ja manche gerade um ihrer vaterländischen Gesinnungen willen unsere Freunde geworden sind, sich vereinigen würden, um durch Rechtsgeschichten der einzelnen Cantone eine Schweizerische möglich zu machen? Welcher Vorschub würde dadurch der Wissenschaft, welcher Dienst de m Vaterlande geleistet! Welche Ehre wäre es für die Schweiz, das erste Land zu sein, das sich einer umfassenden, gründlichen Rechtsgeschichte rühmen könnte! Betrachte das nicht als Seifenblasen. Wenn je, so ist es mir jetzt um ausführbare Pläne zu thun. Aber vergiß nicht, daß Bluntschli, der bis zu seiner Promotion sich fast ausschließlich mit Römischem Rechte beschäftigt hatte, seine Zürcherische Rechtsgeschichte zu einer Zeit vollendete, da er noch den größten Theil seiner besten Jahre vor sich hatte.

Da hast Du nun meine Ansichten über die Richtung, die ich zukünftig meiner wissenschaftlichen Thätigkeit geben könnte. Entschuldige die vielen Seiten. Es ist jetzt der Augenblick gekommen, da ich | einen für meine ganze Zukunft entscheidenden Entschluß, wohl den wichtigsten meines Lebens, zu fassen habe. In wenigen Wochen werde ich in der Heimath sein und die Ruhe der mich umgebenden äußern Verhältnisse werden dann die angestrengten Arbeiten begünstigen, die der gegenwärtige Standpunct meiner Entwickelung von mir fordert und zu denen mich auch ein feuriger Eifer, den ich Gott sei Dank! in mir fühle, antreibt. Diese Arbeiten müssen aber von Anfang an auf ein festes Ziel gerichet und das Ziel dieser Arbeiten muß ein unabänderliches sein. Ich habe vielleicht schon zu viel Zeit auf eine Richtung verwendet, von der ich mir, als ich sie zu verfolgen anfing, nicht genugsame Rechenschaft gegeben und die nun wohl kaum die meinige bleiben wird. Gewiß brauche ich dich nicht zu bitten, daß Du fortfahrest, dem Gegenstande unserer Correspondenz, auch wenn diese mit meinem gegenwärtigen Briefe abgebrochen werden sollte, Deine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die ernste Gründlichkeit, mit der Du in Deinem letzten Briefe auf denselben eingetreten, das Interesse, das er an & für sich hat, sowie Deine Freundschaft für mich bürgen mir für die Erfüllung meines Wunsches. Ich schätze mich glücklich, mich in den Tagen der Entscheidung an Deiner Seite zu wissen. Du weißt gewiß auch aus eigener Erfahrung, wie viel einem in solchen Zeiten ein Freund sein kann! –

Ich wohne seit geraumer Zeit beinahe alle Tage den Sitzungen der verschiedenen Gerichte bei. Ich habe mit dem Friedensgerichte & dem tribunal de simple police begonnen & gedenke mit dem Cassationshofe zu enden. Besonders interessant ist in diesem Augenblicke der Scheidungsprozeß Canisy, von dem alle Journale voll sind. Den Hauptreiz gewährt diesem Prozesse die Persönlichkeit der beiden Advocaten, die ihn gegeneinander führen. Es sind diese die beiden ersten französichen Anwälde, M. Chaix-d'Est-Ange & M. Phil. Dupin. Die Berühmheit, die der Prozeß erhalten, spornt die beiden Rivalen dazu an, allen ihren Kräften aufzubieten. Schon drei volle Sitzungen hat die cour royale auf ihn verwendet & doch haben die beiden Advocaten erst einmal gesprochen. Doch von allem dem dann mündlich ein mehreres. Die Gefängnisse, die ich nun alle bis auf das Schuldengefängniß besucht, haben mich sehr interessirt. Am bemerkenswerthesten ist das Gefängniß der jeunes détenus. In diesem ist das Absonderungssystem mit eiserner Consequenz durchgeführt. Ich habe nicht unterlassen, über die Behandlung der im Untersuchungsverhaft Befindlichen, von der auch in soliden deutschen Büchern so abentheuerliches zu lesen ist, Nachforschungen & genaue Nachfragen anzustellen. ich will dir nicht von den Pariser merkwürdigkeiten reden, die ich gesehen oder noch sehen werde. Lieber noch ein Wort von unsern Freunden. Die Rotundiana beschäftigt sich sehr häufig mit ihrem correspondirenden Mitgliede in England. Die Briefe dieses werden immer von Anfang bis zu Ende vorgelesen und nicht selten knüpft sich eine Discussion an sie an. So haben wir z. B. über die Frage deliberirt, ob Du, nachdem Fanny Elsler auf eine so entzückende Weise die Cracovienne getanzt, dich auch zu einem da capo habest hinreißen laßen. Die Frage wurde nach einer umsichtigen Berathung einstimmig verneint. Honegger, der, während ich diesen Brief schrieb, den Deinen erhielt, wird dir selbst in einer Beilage zu diesem Briefe die nähern Verumständungen seiner ehrenvollen Wahl mittheilen. Ich habe dir nur etwas von ihm zu melden, da er sich wohl hüten wird, es selbst zu thun. Du weißt, daß wir uns, da Du noch wirkliches Mitglied der Rotundiana warst, regelmäßig darüber scandalisirten, daß er an den Abenden, an denen er dem Zöglinge bei derMadeleine oder vielmehr seiner Gouvernante Stunden gab, erst ¼ vor 9 Uhr in unsere Gesellschaft kam. Das war aber noch das goldene Zeitalter! Seit Deiner Abreise kam er jedes Mal 5 Minuten später: Das vorletzte Mal stellte er sich um ½ 10 Uhr ein & das letzte Mal gar nicht! Das ist – schmal! – Stocker's Stundenspeculationen haben glücklicher Weise zu einem erfreulichen Erfolge geführt. Ich sage «glücklicher Weise» zum Theile auch darum, weil jetzt zu hoffen ist, es werden diese nicht mehr jedesmal auf der Tractandenliste der Rotundiana erscheinen. – Ich habe vor einigen Tagen einen Brief von Blumer erhalten, der mir anzeigt, der Tag seiner Vermählung sei auf den 20sten Juni festgesetzt. Zwicki werde den kirchlichen Act vollziehen; Gonzenbach wolle ihn mit seiner persönlichen Gegenwart beehren! Blumer gedenkt seine Hochzeitreise nach München & Mailand zu machen. Schade, daß ich dir dieß früher nicht schon mitgetheilt. Es hätte dieß trefflich in den bewundernswerthen Indizienbeweis gepaßt, den Du für Blumers Unschuld den Tschudi'schen Verläumdungen entgegen stelltest! – Um den 15ten Juni herum verlasse ich Paris. Ich werde über Rouen, Havre, Dieppe, Eu, Amiens, Rheims, Toul, Nancy & Straßburg meinen Rückweg nehmen. Ich denke, in den letzten Tagen des Juni in der Heimath einzutreffen. Auf Wiedersehen am lieben, schönen Zürichsee!

Dein

A Escher