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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0286 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 7. Mai 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe, Landrat GL, Landsgemeinde GL, Parteienstreitigkeiten, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 7. Mai 1843.

Mein theurer Escher!

Ich hatte mir vorgenommen, dir einen kleinen Sermon darüber zu halten, daß du mich auf deinen zweiten Pariser Brief so lange warten ließest; indessen habe ich nun selbst mit der Antwort etwas lange gesäumt, u. ich will daher um so eher davon schweigen, als ich gar wohl begreife, daß du in deinen jetzigen Verhältnissen nicht alle Tage Zeit dazu hast, Briefe zu schreiben. Der Innhalt deines lieben Briefes hat mich nun aber außerordentlich gefreut. Vorerst war mir die kurze Angabe dessen, was Paris im Allgemeinen für dich besonders Merkwürdiges hat, sehr intressant; denn soviel man auch sonst über Paris hören u. lesen kann, so faßt doch Jeder wieder eine solche Stadt auf eigenthümliche Weise auf, u. nur die Auffaßung des Freundes läßt sich eigner Wahrnehmung einigermaßen an die Seite stellen, oder kann wenigstens auf dieselbe vorbereiten. Daß zwischen deinen innern Bedürfnissen, die du mir noch vor deiner Abreise in Zürich eröffnetest, u. deinen äußern Umgebungen in Paris ein Conflikt entstehen werde, ließ sich wohl voraussehen, u. ich kann mich um so lebhafter in deine Lage hineindenken, da ich selbst etwas Aehnliches bei meinem Aufenthalte in Lausanne erlebte, nur daß ich damals, viel zu jung noch für das Salonleben u. aus einer ganz andern Lebenssphäre plötzlich in diese mir völlig unbekannte versetzt, mich durchaus nicht in derselben zurechtzufinden wußte u. mich so viel als möglich aus ihr zurückzog, indem ich zu meinen Büchern u. in die Gesellschaft der Studenten zurückfloh. Vorzugsweise ließ sich nun aber der geringe Erfolg deiner philosophischen Studien voraussehen, denn es ist u. bleibt wahr, daß man gewisse Dinge nur an gewißen Orten vornehmen kann, u. zu diesen gehört ganz besonders die Philosophie, für welche nicht einmal in der Schweiz, geschweige in Frankreich der rechte Boden zu suchen ist. Auf deine Ansicht über Rechtsphilosophie, die du selbst nicht für eine vollendete, abgeschloßne ausgiebst, will ich nicht näher eingehen; ich hatte in Berlin; wo ich einigermaßen vom Hegelthum angesteckt wurde, u. auch in Zürich noch darüber andre Ansichten. Seither hat freilich bei mir die günstige Meinung, welche ich von der Hegel'schen Philosophie im Allgemeinen hatte, immer mehr abgenommen, u. ich habe mich dem Standpunkte genähert, der dafür hält, daß ein absolutes Wissen über die höchsten Beziehungen alles Daseyns u. Erkennens dem Menschen versagt sey. Nichtsdestoweniger halte ich eine Rechtsphilosophie | in dem Sinne einer Entwicklung der Rechtsbegriffe, welche aus der natürlichen Anlage des menschlichen Geistes folgen, nicht für unmöglich u. auch nicht für etwas ganz unfruchtbares; jedenfalls glaube ich, daß der Werth eines solchen Lehrgebäudes, das sich natürlich nicht in's Detail einlassen u. nationale Anschauungen so wenig wie örtliche Bedürfnisse berücksichtigen kann, durchaus nicht nach der praktischen Anwendbarkeit desselben beurtheilt werden dürfe. Sehr anziehend ist der Gedanke, mit dem du dich jetzt beschäftigst, die Vergleichung u. Beurtheilung der verschiednen Volksrechte ihrem wesentliche Gehalte nach zu deiner Lebensaufgabe zu machen; gerade hiefür aber dürfte dir ein gewissenhaftes Studium der in älterer u. neuerer Zeit aufgestellten rechtsphilosophischen Systeme unerläßlich seyn, nicht gerade um dir eines derselben anzueignen, sondern weil dieser Zweig der Wissenschaft dem von dir gewählten Standpunkte sehr nahe liegen, ja vielleicht theilweise mit demselben zusammenfallen würde, u. weil überhaupt philosophische Studien geeignet sind, Ueberblicke zu gewähren, die man durch das Erforschen von Einzelheiten nicht erreicht. Jedenfalls ist jener Standpunkt ein intressanter, ernster Beschäftigung durchaus würdiger, u. in der Wissenschaft noch keineswegs hinlänglich vertreten; sehr richtig ist auch deine Bemerkung, daß der modernen Rechtsentwicklung im ganzen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. In letztrer Hinsicht hat indessen das wiedererwachte eifrige Studium des deutschen Rechtes, das ja eben die Grundlage des nationalen Rechtslebens der meisten neuern Völker ist u. in seinen wichtigsten Grundsätzen den Bedürfnissen u. Begriffen derselben noch heutzutage weit mehr als das römische entspricht, bereits etwas dazu beigetragen, daß auch die Rechtsverhältnisse u. die Rechtsbildung der Gegenwart schärfer u. unbefangner als früher in's Auge gefaßt werden. Wenn du einmal an die Ausarbeitung eines Werkes nach jenem von dir gefaßten Plane gehen solltest, so würde es mich besonders freuen, dir dabei in Hinsicht auf das deutsche Recht, das fortwährend meine Lieblingsbeschäftigung ausmacht, irgend welche Hülfe leisten zu können.

Indem ich nun auf mich u. meine Verhältnisse übergehe, will ich gerade mit dem Punkte beginnen, den du am Schlusse deines Briefes berührst. Daß ich dir in meinem letzten Briefe nichts von meiner Braut schrieb, war keineswegs Folge irgend eines geheimen Grolles gegen dich, sondern rein zufällig; der Raum war wohl schon durch andre Gegenstände ziemlich erschöpft, u. ich hätte dir von ihr nichts anders schreiben können, als was ich dir früher schon oft gesagt u. geschrieben hatte. Ob ich dir keine Grüße von ihr ausrichtete, weiß ich nicht mehr; wenn es nicht geschah, so war dies jedenfalls eine Vergeßlichkeit von mir, denn sie erkundigt sich immer sehr angelegentlich nach dir u. freut sich immer mit mir herzlich, wenn ich einen Brief oder sonst Nachrichten von dir erhalte. Deine frühern Aeußerungen über meine Braut waren allerdings nicht von der Art, daß sie einen Bräutigam freuen konnten; sie haben mich auch momentan um so schmerzlicher berührt, als ich, wie du weißst, auf dein Urtheil einen außerordentlichen Werth lege. Indessen haben sie doch eigentlich das Glück meines Brautstandes nicht getrübt, denn ich habe mich so oft wieder von den Vorzügen meiner Braut überzeugen können, daß es mir keinen Augenblick in den Sinn kam, meine Wahl zu bereuen. Und nun, da jeder Kampf in meinem Innern längst beschwichtigt ist, danke ich dir für deine Offenheit; denn die Liebe macht bekanntlich blind, u. Fehler hat jeder Mensch, auch der beste Freund, auch die | Geliebte; wird man auf diese aufmerksam gemacht, so kann man darnach seine «Regierungsmaximen» bestimmen. Ich kann dir also auch jetzt von meiner Braut nichts andres schreiben, als daß wir immer sehr glücklich zusammenleben, so weit man bis dahin von einem «zusammen» reden kann; die Vervollständigung dieses Begriffes in Form einer christlich-germanisch-sozialen Hochzeit wird den 20. Juni erfolgen. Es wäre schon in diesem Monat geschehen, wenn nicht den 26. sich die eidgenöss. Militärgesellschaft hier versammeln würde, gegen die ich, wie du weißst, eine Verpflichtung übernommen habe u. die mich auch sonst insofern intressirt, als es der erste schweizerische Verein ist, der nach Glarus kömmt. An meinem Hochzeittage bitte ich dich meiner zu gedenken u. mindestens eine Flasche (nicht Franzweines, sondern von solchem, der am «freien deutschen Rhein» gewachsen) auf mein Wohl zu leeren; Gonzenbach wird mich, wie er mich hat hoffen lassen, mit seiner persönlichen Gegenwart beehren, u. Zwicki wird die kirchliche Trauung verrichten. Die Hochzeitreise werden wir, wie ich dir schon gesagt habe, nach München u. Mailand machen. Nach meiner Rückkehr von derselben wirst du dann wohl auch wieder zu Hause angelangt seyn; wenigstens sagte mir Prof. Heer, als er kürzlich hier war, daß man dich spätestens im Juli erwarte, was mich sehr zu vernehmen freute. Schreibe mir doch ja darüber etwas möglichst Bestimmtes! – In unserm hiesigen politischen Leben steht nun der jährliche Hauptakt, die Landsgemeinde, in wenigen Tagen bevor. Dieselbe wird jedenfalls wieder manches Unerfreuliches bringen; wenn aber auch nur etwas Erfreuliches, namentlich im Finanzwesen, durchgehen sollte, so könnte man sich schon dazu Glück wünschen. Bei uns stehen sich jetzt vorzüglich das Volk, das sich seit 2 oder 3 Jahren den gewünschten Verbesserungen ungünstig, dagegen um so geneigter zu Rückschritten zeigte, u. die Gebildeten gegenüber; die letztern sind in den meisten wichtigern Fragen einig, oder es giebt wenigstens unter jenen keine eigentlichen Partheien, u. was früher etwa davon vorhanden war, hat sich so ziemlich ausgeglichen. Ich halte diesen Zustand, bei dem übrigens im Einzelnen noch Meinungsverschiedenheit vorkömmt, für ein wahres Glück, namentlich für unsern kleinen Canton; denn ich habe mich immer mehr davon überzeugt, wie traurig es ist, wenn in unsern kleinen Freistaaten die tüchtigsten u. intelligentesten Männer nur aus dem Grunde, weil sie nicht zur herrschenden Parthei gehören, aus allen Behörden gestoßen u. systematisch verfolgt werden. Zürich, Luzern u. in diesem Augenblicke St. Gallen beweisen, wie weit die Conservativen es in dieser Hinsicht treiben, u. wer bürgt dafür, daß die Radikalen es nicht wieder einmal ebenso machen werden? Im Uebrigen hatten die Sitzungen unsers Landrathes, denen ich diesen Winter fleißig beiwohnte, auch viel Langweiliges u. Abspannendes für mich; der Grundfehler liegt in der Form der Verhandlungen, die, wie es scheint, noch nicht bald besser werden wird, u. dann auch in dem geringen Interesse, das man Gegenständen von höchster Bedeutung schenkt, wie z. B. mehrern privatrechtlichen Gesetzesanträgen, mit denen ich mich eifrig beschäftigt hatte. – In meinen wissenschaftlichen Arbeiten wird nun eine kleine Unterbrechung eintreten, die mir zwar nicht angenehm ist, die ich aber nicht wohl ausweichen konnte. Prof. Heer hat mich nämlich ersucht, die Beschreibung des Cantons Glarus, welche er früher einmal übernommen, mit ihm gemeinschaftlich zu bearbeiten, u. da ich wohl einsah, daß für ihn allein die ganze Arbeit jedenfalls sehr lästig wäre u. ihm kaum zugemuthtet werden könnte, wenn er sich aber zurückzöge, schwerlich ein andrer Glarner dafür gefunden würde u. wir die Schmach eines fremden Pinsels über uns müßten ergehen lassen, – so habe ich seiner Bitte insofern entsprochen, als ich den historischen u. staatlichen Theil des Buches übernehme. Wir beide haben dann [nebenbei?] noch einen ganzen Haufen von Mitarbeitern zusammengetrieben, die einzelne kleine Parthien besorgen werden. [Auf?] diese Weise, u. da ich mich mit der Zeit so eingerichtet habe, daß | ich neben dieser Arbeit immer noch etwas andres werde treiben können, hoffe ich doch nicht gar zu sehr von meinem Hauptzwecke entfernt zu werden. – Empfange nun die herzlichsten Grüße von meiner Braut u. von den Meinigen. In der Hoffnung, recht bald wieder von dir Berichte zu erhalten, umarmt dich

dein treuer

J J Blumer.