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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Escher
  • 1820
  • 1830
    1. an Jakob Escher, 7. Mai 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Reisen und Ausflüge, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Turnen und Sport AES B0155+
    2. von Jakob Escher, 5. / 6. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge, Freundschaften AES B0157
    3. von Jakob Escher, 13. Juni 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Kunst und Kultur, Krankheiten AES B0160+
    4. an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung), Turnen und Sport AES B0161+
    5. von Jakob Escher, 26. / 27. Juli 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Turnfeste, Reisen und Ausflüge, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B0163
    6. von Jakob Escher, 9. August 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge AES B0166
    7. an Jakob Escher, 19. August 1838 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Turnfeste AES B0168+
    8. an Jakob Escher, [8. September? 1838] Schlagwörter: Universitäre Studien AES B0164
    1. an Jakob Escher, 21. April 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien, Kuraufenthalte, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839), Kommissionen (kantonale), Kunst und Kultur AES B0186+
    2. von Jakob Escher, 5. Mai 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Zürichputsch (1839), Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Bildungswesen, Kuraufenthalte AES B0189
    3. an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Universitäre Studien, Rechtliches, Zürichputsch (1839), Wahlen, Erziehungsrat ZH, Regierungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Zofingerverein (Studentenverbindung), Bildungswesen AES B0191+
    4. von Jakob Escher, 2. Juli 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0196
    5. an Jakob Escher, 1. August 1839 Schlagwörter: Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B0200+
  • 1840
    1. von Jakob Escher, 10. / 11. / 12. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Rechtliches AES B0281+
    2. an Jakob Escher, 21. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Universitäre Studien, Kunst und Kultur AES B0283+
    3. von Jakob Escher, 27. / 28. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Kunst und Kultur AES B0284
    4. an Jakob Escher, 21. Mai 1843 Schlagwörter: Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Freundschaften, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge AES B0287
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0284 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#191*

In: Jung, Aufbruch, S. 245 (auszugsweise)

Jakob Escher an Alfred Escher, London, Donnerstag / Freitag, 27. / 28. April 1843

Schlagwörter: Berufsleben, Kunst und Kultur, Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

London 27ten April 43.

Mein lieber Alfred!

Da ich London nächsten Dienstag zu verlassen denke, um nach Birmingham, Manchester, Liverpool und Edinburg zu gehen, so fange ich heute an, deinen l. Brief zu beantworten, um nicht durch längeres Verschieben in die Unmöglichkeit zu kommen, vor Ende Mai's dir wieder etwas einläßlich zu schreiben. Ob ich heute damit zu Ende komme, oder nicht, wird hauptsächlich vom Wetter abhangen, dessen Veränderlichkeit mich gezwungen hat, einiges, was in den Umgebungen der Hauptstadt zu sehen ist, namentlich auch Schloß Hampton Court mit seiner Gemäldesammlung, bis auf die allerletzte Woche zu verschieben, so daß ich jetzt jeden schönen Augenblick benutzen muß. Aber auch abgesehen von der Kürze der mir zugemessenen Zeit bin ich, fürchte ich, sonst jetzt nicht in der gehörigen Fassung, um über eine so wichtige Frage, wie die von dir mir vorgelegte ist, einen wohl überlegten Rath zu geben. Wenn ich also hier meine Gedanken dir mittheile, wie sie beim und nach dem Lesen deines Briefes mir beigefallen sind, so mußt du zum Voraus auf ein allseitig wohlerwogenes und auf feste Principien gebautes Votum verzichten.

Um deinem Gedankengange zu folgen, will ich auch von der Wahl zwischen praktischer und rein wissenschaftlicher Laufbahn ausgehen, nicht im Geringsten in der Absicht, dich von dem feststehenden Entschlusse, der zweiten dich zuzuwenden, abtrünnig zu machen, sondern mehr um meine eigne entgegen gesetzte Wahl zu rechtfertigen. Was zuerst die Frage betrifft, ob überhaupt an praktische Wirksamkeit zu denken sei oder nicht, so ist sie für mich durch eine innere Neigung schon lange entschieden. Das Schöne, was in der Stellung des Richters liegt, der mit der Wage der Themis darüber wacht, daß Jedem im Staate, dem Kleinsten wie dem Größten, sein Recht werde und er vor Unrecht gesichert sei, diese privilegirte Stellung, die den Richter gleichsam zum Ritter der neuen Zeit macht, der Unschuld vertheidigt und Wittwen u Waisen beschützt, sie war es besonders, die mich für die Wahl des Rechtsstudiums entschied. Ohne diese praktische Seite des Rechtsstudiums hätte wohl die Jurisprudenz meine Neigung zu andern Wissenschaften, sei es zu einem Zweige der Naturwissenschaften oder zur Geschichte, nicht in den Hintergrund gedrängt. Auch bin ich, bis Erfahrung mich eines Bessern belehrt, überzeugt, daß nach meinem ganzen Wesen ich dem Staate als Richter nützlicher sein kann, als in einer Lehrerstellung. Somit bleibt für mich nur noch die Frage übrig: Ist es nicht zu früh, jetzt schon eine praktische Laufbahn zu betreten? Hier nun halte ich deine Besorgniß, zu früh begonnene prakt. Thätigkeit möchte für spätere wissenschaftliche Arbeiten die Fähigkeit rauben oder doch vermindern, für nicht sehr gewichtig. Bei Leuten, die, sobald sie dem Gymnasium entlaufen können, nichts andres als recht praktische Fachstudien treiben, und namentlich viel auf Hand- und | Lehrbüchern halten, mag allerdings ein anstrengender Dienst in einer Gerichtsstube gefährlich sein. Aber für solche, die doch während ihrer Studienzeit auch allgemeine Bildung nicht aus den Augen gelassen und so ihren Blick freier erhalten haben, kann, denke ich, selbst ein Frohndienst von ein Paar Jahren nicht so gar geisttödtend wirken. Um so weniger, wenn sie durch keine ökonomischen oder andern Rücksichten verhindert sind, sobald es ihnen zu kraus wird, das Joch abzuschütteln. Noch eher mag die Besorgniß gegründet sein, wenn Einer auf dem Lande oder sonst in vereinzelter Stellung wirken muß. Aber in einem Athen, wie das unsrige, muß schon die Luft das wissenschaftliche Leben rege erhalten! – Überdies fühle ich ein Bedürfniß, die Wirkungen des Rechtes auch im Leben und Verkehre kennen zu lernen, um nicht bloß, wenn mir etwas Neues aufstößt, dabei denken zu müssen: das sieht recht hübsch aus und bildet ein Glied in der Kette der Theorie; sondern dabei urtheilen zu können, ob es wirklich den Bedürfnissen des Lebens entspricht. Da du schon durch Besorgung der Geschäfte deines Vaters in Vieles eingeweiht worden bist, so verstehst du vielleicht nicht recht, was ich meine; indessen kann ich dich versichern, daß ich schon oft beim Lesen von Büchern z. B. über französ. Recht bedauert habe, nicht wenigstens eine lebendige Anschauung unsers eignen Rechts u dadurch einen Haltpunkt zur Vergleichung zu haben.

Mit deiner nunmehrigen Ansicht, daß von der Rechtsphilosophie kein großes Heil für unsre Wissenschaft zu hoffen sei, bin ich einverstanden, so weit mir darüber ein Urtheil zusteht. Außer dem ersten Bande von Stahl's RsPh. habe ich freilich noch fast nichts in diesem Gebiete gelesen, und ich habe immer noch den Vorsatz, wenigstens, um ein sichreres Urtheil fällen zu können, Hegel's u andre neue Systeme durchzunehmen. Aber gerade aus jenem kritischen Theile von Stahl, der auch als das Beste an seinem Werke anerkannt wird, wurde mir recht deutlich, wie Verschiednes in den meisten Naturrechten u dgl zusammen -gemischt wird. Da streiten sie sich darüber, ob es Recht vor u über dem Staate oder nur im St. gebe, ob R. und Moral zusammen fallen u dgl., und am Ende kommt aller Zwiespalt daher, daß man mit Gewalt eine "Rechts-Idee" heraus finden will, die Alles in sich enthält, was die Sprache in verschiednem Sinn mit dem Namen Recht bezeichnet. Mir scheint die Ansicht derer am wahrsten, die ungefähr so reden: Im Rechte der einzelnen Völker, wie wir es vorfinden, gibt es 2 Hauptbestandtheile. Der eine hat seinen Ursprung in so allgemeinen Begriffen von Recht u Unrecht, daß er überall derselbe ist, und man so mit Recht sagt, er beruhe auf moralischen Weltgesetzen. Der andre Theil dagegen entspringt aus Vorstellungen, welche bei einem Volke so, bei einem andern anders sich gestalten, aber er ist selbst ganz willkürlich festgesetzt, wie manche Zeitbestimmungen, bloß um da, wo in der Natur ein unmerklicher Übergang sich findet, aus Gründen der Zweckmäßigkeit einen festen Grenzpunkt zu setzen. Etwas Gemeinschaftliches für beide Theile kann ich mir nicht denken, außer eben die Anerkennung u den Schutz im Staate und natürlich den Zweck, um dessen willen dieser Schutz Statt findet: Recht also in dieser Ausdehnung des Wortes scheint mir nur positives R. sein zu können, und die vorstaatliche Rechtsidee, die sich nur auf | den ersten Bestandtheil bezieht, fällt mir mit einem Theile der Ethik durchaus zusammen. Die Frage hingegen, was aus dem Gebiete der Moral durch Staatsschutz zu Recht gemacht werden solle, und ebenso die Aufstellung jener mehr willkürlichen Normen fällt glaube ich derjenigen Wissenschaft anheim, die man gewöhnlich mit etwas engem Namen Gesetzgebungspolitik nennt. Sie kann so wenig als die Politik im Allgemeinen etwas Ersprießliches leisten, ohne auf gegebne Verhältnisse Rücksicht zu nehmen u fortzubauen. Würde so ein wesentlicher Theil der Rechtsphilosophie der Ethik überwiesen, so folgte daraus freilich nicht, der seltsame, aber oft gemachte Schluß: Dann geht uns Juristen die Philosophie des Rechts nichts mehr an. – Daß die Auffindung eines abstracten Rechtsgesetzes, verschieden vom Sittengesetz, nöthig sei, um die Jurisprudenz als selbstständige Wissenschaft zu legitimiren, vermag ich nicht einzusehen. –

Um endlich auf die Hauptfrage zu kommen, zu deren Beantwortung du einen Beitrag von mir verlangst: Ist ein möglichst vollständiges u erschöpfendes Studium specieller Theile der Rechtswissenschaft zu wählen, oder eher ein mehr umfassendes aber darum auch mehr nur die Massen ergreifendes Forschen? so würde ich mich, den Gegensatz so nackt hingestellt, unbedingt für das letztere entscheiden. Indessen halte ich es für nothwendig, mich ausführlicher zu erklären. Daß beim Rechtsstudium für praktische Zwecke die genaue Kenntniß des Details unentbehrlich ist, versteht sich von selbst, und ich erwähne es nur, weil ich glaube, bis zu einem gewissen Punkte müsse auch der akademische Lehrer, der vielleicht sonst mehr Neigung zu allgemeinen Studien hätte, dem Bedürfnisse seiner Zuhörer Rechnung tragen. Du wirst mich nicht so mißverstehen, als billigte ich nicht vollkommen die Methode der meisten der Lehrer, die wir gehört haben, ihre Schüler immer auf den Zusammenhang u die historische Entwicklung der verschiednen Rechtsinstitute hinzuweisen, die Einzelnheiten dem Privatfleiß überlassend. Aber du bist gewiß darüber mit mir einverstanden, daß gerade der juristische Takt und die Schärfe der Auffassung, welche allein es möglich machen, die Einzelnheiten mit Sicherheit in die richtige Verbindung zu bringen, durch nichts mehr gefördert werden, als durch recht specielle Erforschung interessanter Lehren, in Interpretationsübungen u dgl. Eine Art praktischer Thätigkeit, die schon um ihres Zweckes willen, abgesehen von der innern Befriedigung des Juristen, einen erweiterten Studienkreis fordert, ist die Beschäftigung mit legislativen Arbeiten, und die publizistische Wirksamkeit, welche auf Verbesserung der Gesetze hinzielt. – Wenn wir nun aber ganz vom Praktischen absehen, so scheint mir, das Studium des positiven Rechtes an sich könne keine andre Bedeutung haben, als die, welche ihm als Zweig des Geschichtsstudiums im weitesten Sinne des Wortes zukommt. So wenig nun das Erforschen einer speciellen historischen Erscheinung den Geist befriedigen kann, insofern sie nicht als Glied einer größern Kette von successiven und gleichzeitigen Erscheinungen aufgefaßt wird, und dadurch theils selbst erst in ihrem wahren Werth erkannt wird, kann theils wieder zum Verständniß des andern beiträgt; ebenso wenig bietet ein abgerissenes Stück Rechtskenntniß, sei es auch in noch so helles Licht gesetzt, Befriedigung dar. Ich glaube | auch, es werde Niemand die Wünschbarkeit eines vergleichenden Rechtsstudiums leugnen (schon die unermeßlichen Fortschritte, welche die vergleichende Grammatik und vergl. Anatomie trotz ihrer Jugend in ihren Gebieten bewirkt haben, würde einen Versuch rechtfertigen.). Viele aber werden die ganze Richtung deswegen verwerfen, weil es an genügenden Vorarbeiten fehle, um etwas Ersprießliches zu leisten. Als ob nicht jeder Schritt auf einer neuen Bahn, wodurch wir später Kommenden das Vordringen und die Annäherung an Vollkommenheit (die ja doch nie erreicht wird) möglich machen, ein Verdienst sei! Indessen läßt sich nicht «verhehlen», daß der Mangel an zuverlässigem Material zum Aufrichten eines umfassenden Baues existirt und also auch beim Entwerfen der Plane berücksichtigt werden muß. Wer jetzt eine Weltgeschichte des Rechtes zu schreiben unternähme, den müßte ich vorerst noch für einen Geistesverwandten unsers gewesenen Hrn. Privatdocenten Schröter halten. Aber wie fruchtbringend eine vergleichende Auffassung und die Zuziehung von Analogien werden kann, das hat z. B. Niebuhr in manchen seiner Forschungen über die röm. Verfassung auf bewundernswerthe Art gezeigt. Auch aus Grimm's Rechtsalterthümern ließe sich Manches anführen. Inwiefern die Versuche von Gans und auch von Klenze dafür citirt werden können, weiß ich nicht. – Wenn also über das auszusteckende Ziel nach meiner Ansicht kein Zweifel sein kann, so frägt es sich: Was kann nach der gegenwärtigen Sachlage gethan werden, um demselben näher zu kommen? Hier nun glaube ich allerdings, man müsse sich auf einzelne Beiträge, Monographien beschränken, sei es nun die vergleichende Betrachtung eines einzelnen Rechtsinstitutes in seinen verschiednen Formen u Entwicklungsstufen bei verschiednen Völkern, oder auch die Darstellung eines einzelnen Particularrechts in seiner Gesammtheit, jedoch mit steter Rücksicht auf verwandte Rechte. Von der ersten Art hast du selbst einige Beispiele angeführt; zur zweiten könnte man in gewissem Grade Bluntschli's R. Gesch. zählen, die ihre Anerkennung in Deutschland gewiß besonders dadurch gefunden hat, daß die speciellen Formen unsers zürch. Rechts immer als Zweige derselben Institute im gemeinsamen Rechte der germanischen Völker aufgefaßt sind. Mit der letztern Art von Arbeiten verwandt, aber schon weiter gehend, sind solche, wie sie Blumer sich vorgenommen hat, die Nebeneinanderstellg. der Rechte stammverwandter Völkerschaften. Einen bedeutenden Schritt weiter ginge der, der z. B. die verschiedne Entwicklung der hauptsächlichsten germanischen Rechtsinstitute in den deutschen Staaten selbst, in Scandinavien, England und auch ihren Einfluß auf die Bildung des französischen Rechts darzustellen suchte. – Gewiß ist auch jede andre, noch so specielle Untersuchung (ausgenommen natürlich antiquarische Raritätenkrämereien) von hohem Werthe, und wer auf Ruhm und lange dauernden Einfluß auf die Wissenschaft speculiren wollte, dürfte wohl durch eine erschöpfende Monographie sein Ziel eher erreichen, als durch Zusammenstellg und Sichtung des vorhandnen unvollkommnen Materials; aber es gehört eine ganz eigne Art von Resignation dazu, | alle seine Kräfte jahrelang auf Einen Punkt hinzurichten, ohne sich um den Rest zu bekümmern. Zwar den-ke ich, auch bei speciellen Arbeiten, sobald sie ein umfassendes Quellenstudium erfordern, wird die Kenntniß der übrigen verwandten Gebiete unwillkürlich sich erweitern; aber ich für mich könnte mich doch nicht entschließen, mehrere Jahre einer Arbeit zu widmen, bei der ein solcher Gewinn an Kenntnissen nur als zufällige Zuthat erschiene. Was z. B. die römische Civität betrifft, so wäre sie gewiß sehr interessant zur Bearbeitung, namentlich wenn damit Forschungen über die entsprechenden Verhältnisse in den griechischen Republiken verbunden würden. Aber ob das Resultat den nöthigen Zeitopfern entsprechen würde, weiß ich natürlich nicht. Eine Bearbeitung ciceronischer Reden könnte ich nur dann empfehlen, wenn du auch hier einen ähnlichen Plan befolgen würdest, wie du ihn für allfällige Vorlesungen über denselben Gegenstand mir mittheiltest. Ob freilich eine Ausscheidung des Unwesentlichen hier möglich wäre, weiß ich nicht, und wo nicht, so kommt es auf innere Lust zu einer solchen Arbeit an, die mir wenigstens abgehen würde. – Nachträglich bemerke ich noch, daß ich ganz damit einverstanden bin, daß die Rechte der Gegenwart mehr Beachtung verdienen, als sie in der Regel finden. Daß man das röm. R. noch immer bevorzugt, ist freilich ziemlich erklärlich, da die neusten Gesetzbücher so Vieles und mit gutem Grund daraus aufgenommen haben, die Geschichte der letzten Jahrhunderte aber wenigstens in Deutschland fast nichts darbietet, als Wiederkäuen u Breitschlagen des röm. Rs. selbst und Einzwängen alles frei aufwachsenden in dieses allein seligmachende System.

- Noch etwas fällt mir bei, das ich vergessen habe am gehörigen Orte anzubringen, nämlich, daß Arbeiten im Sinne umfassenderer, vergleichender Jurisprudenz gewiß nicht Jedermanns Sache sind. Wer von Natur mit mehr Phantasie als mit prüfendem Verstand ausgestattet ist, wird sich allzuleicht dabei verleiten lassen, eine Ähnlichkeit oder ein Zusammentreffen, die vielleicht nur zufällig sind, zur Erbauung eines ganzen Systems oder einer selbstgemachten Geschichte zu benutzen. Daß gerade die geistreichsten Männer, in solchen Conjecturen oft am weitesten gehen, davon hat man ja genug Beispiele. Um also mit Erfolg auf diesem Wege zu mehr soliden als glänzenden Resultaten zu kommen, glaube ich, ist es unumgänglich nothwendig, vorher durch recht specielle Arbeiten den nöthigen Takt erworben zu haben, der bloß Wahrscheinliches von Sicherm auch da zu scheiden weiß, wo es noch mehr errathen als nachgewiesen werden kann. Daß aber gerade dieser Punkt bei dir keine Bedenken macht, ist bei der fast zu großen Ängstlichkeit, welche deine Dissertation in allen Beweisen offenbart, klar genug. –

Daß Tschudi nicht allgemein gefällt, thut mir leid; indessen mag gewiß die Klage über absprechendes Wesen nicht ganz ungegründet sein. Mir gefiel er zwar recht gut; aber einzelne Äußerungen, z. B. daß zu den Männern, welche ihren Ruhm durch Arbeiten andrer bezahlter Leute erworben haben, auch A. v. Humboldt | gehöre, sind wenigstens sehr gewagt, und möglicher Weise läßt er unter Unbekannten noch mehr dergleichen fallen. Was dann Blumers verdächtigte Enthaltsamkeit betrifft, so glaube ich nicht daran, 1) wegen der ganzen Persönlichkeit Blumers, obschon ich mich des von dir angeführten Zeugnisses nicht erinnere 2) weil es wenig glaublich ist, daß unter solchen drohenden Umständen die Hochzeit erst in einigen Monaten celebrirt würde.

Den 28ten. Gestern Abend war ich in der italiänischen Oper, welche hier den Luxus u die Ballette der großen Oper mit der Musik der Salle Ventadour vereinigt. Bekanntlich kostet das Parterre 8½ Schilling; aber «für sein Geld» hat man auch etwas. Ich kam unmittelbar vor Öffnung der Thüren, u mußte daher den ganzen Abend von 7½ bis 12½ stehen, ich bereute aber doch nicht, hingegangen zu sein. Zum Benefice der Tänzerinn Ad. Dumilatre wurde der Barbier v. S. u zwei Ballette gegeben. Grisi, Mario u bes. Lablache übertrafen sich selbst; die Rolle ds Barbiers gab Fornasari, ein kräftiger tiefer Baß, dessen Stimme aber neben Lablache's etwas unrein klang. Die größte Rarität aber des Abends, oder, wie man passender hier sagt, of the night, war «die göttliche Fanny». Sie tanzte in dem Ballet Gipsy, und erntete namentlich in der Cracovienne rauschenden Beifall. Dieser Nationaltanz, einiger Maßen der Mazurka ähnlich, die in Zürich so sehr furore machte, aber als Solotanz und durch die Person der Tänzerinn viel lebendiger u grazioser, gefiel mir sehr gut, und ohne Zweifel wäre auch Honeggers Herze gerührt worden, obschon gerade von «antiken» Stellungen wenig vorkam. Ich war ganz mit den dacapo Rufenden einverstanden, obschon mein Enthusiasmus noch nicht so weit ging, daß ich ihr nordamericanische Huldigungen darbringen könnte. – In den Theatern von Drury Lane und Covent-garden werden sowohl Opern als Tragödien u. Komödien gegeben. Drury Lane ist bei weitem besser. Als Sängerinnen habe ich dort die schon in Berlin gehörten Clara Novello u Mrs. A. Shaw gesehen; ein guter Baß fehlt nicht, und die Chöre sind viel besser, als ich nach den Klagen über Unmusicalität der Engländer erwartet hatte. Der Tenor aber ist leider mager besetzt. – Von Tragödien gefiel mir besonders Hamlet; aber eben so sehr ziehen mich die Lustspiele an, in denen eine ganze Reihe vortrefflicher Komiker auftreten.

Was meine weitern Plane anbelangt, so gedenke ich in Edinburg nicht lange zu bleiben, und nach meiner Rückkehr in London höchstens eine Woche zu bleiben, um einiges, was jetzt nicht zu sehen ist, auch im Gerichtswesen, nachzuholen. Dann geht es, ohne langen Aufenthalt in Holland, rheinaufwärts. Solltest du mir etwas zu schreiben haben, so geschähe es am besten unter der Adresse meines Bankiers Fr. Huth & Cie, London; Briefe, die vor der Mitte Mai's anlangten, würden mir nach Edinburg geschickt; andre bis Ende Mai würden mich sehr wahrscheinlich noch in London treffen. – Jedenfalls hoffe ich dich in der Schweiz bald wieder zu sehen. An Honegger wollte ich einige Zeilen schreiben und beilegen, aber die Zeit erlaubt es mir jetzt nicht. Daher danke ihm für seine freundl. Epistel und grüße ihn, so wie alle andern Eidgenossen.

J. E.