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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0280 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, s.l., Sonntag, [ 09 . April 1843 ]

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Mein lieber Alfred!

Ich darf wohl voraus setzen, du über Zürich ziemlich bald von unserer glüklichen Reise & Ankunft in Neuschatel unterrichtet warest. Tschudy war hoch erfreut wie er zum erstenmal wieder ein Schweizerdorf betrat; der Uebergang von französischem auf ächt deutschen Schweizerboden ist so scharf im Kanton Neuschatel bestimmt, das Heimliche, das Saubere unserer heimathlichen Heerde den Zurükkehrenden in die freudigste Stimmung versetzen muß. – So wäre ich denn bereits 6. Wochen hier & in dem kurzen Zeitraume bereits recht eingebürgert. Das Glük hat mir auf's freundlichste zugelächelt & ich darf es ungescheut sagen, meine kühnsten Erwartungen übertroffen wurden. Gleich am ersten Morgen nach meiner Ankunft betrat ich die Stätte meines jetzigen Wirkens & mein erstes Zusammentreffen mit Hr. Dr. Castella erfüllte mich mit der besten Hoffnung; denn ich sah auf den ersten Blik, ich es mit einem entschiednen, praktischem Sinne & nicht mit einem gelehrten Pedanten, ich es mit einem sich nicht überschätzenden, aber an den mannigfaltigsten Erfahrungen in kleinen & großen Dingen reichen Weltmanne & besonders ausgezeichnetem Chirurgen zu thun habe. Am 2ten Tage war ich installirt. Da wir die nemliche Therapeutik befolgen wie die Pariser professoren, so kam mir mein Winteraufenthalt sehr zu statten & ich war daher alsbald eingepaukt. Mein Verhältniss zu meinem Prinzipal gestaltete sich von einem Tage zum andern treulicher & jezt ist es bereits so gestaltet, selbst der beste Freund mir mit nicht mehr Liebe & Achtung begegnen könnte. Ich würde mich wohl hüten dies zu sagen, wenn er nicht vor seinen Bekannten vor dem Grafen Pourtales & vor den Soeurs de Charité in meiner Gegenwart wiederholt seine Zuneigung zu mir ausgesprochen hätte. Die Soeurs sind ebenfalls sehr angenehm im Umgange & besonders d. Supérieure ein Ideal von bon sens. Durch ihren guten Willen, ihre unermüdliche Heiterkeit, ihre Genauigkeit im Krankendienste, vor allem aber durch ihre ausgezeichnete geistige Bildung & praktischen Takt, wird mir mein Amt ungemein erleichtert, in 2–3. Stunden bin ich mit allen meinen Geschäften zu Enden & kann mich während der übrigen Tagesstunden ungestört der Fortsetzung meiner Studien wiedmen, wofür mir die, die besten Werke französischer Medizin & Chirurgie enthaltende Bibliothek Castella's zu jeder Zeit offen steht. Unser Spital ist reich an schweren & interessanten Fällen, vorzüglich desshalb weil wir kaum die Hälfte der sich meldenden aufnehmen können. Daher fehlt es nicht an Sektionen, deren ich bereits 7. machte, bei welcher Gelegenheit Castella artig genug ist, stets einige chirurgische Operationen am Cadaver mit mir gemeinschaftlich zu machen. Auch die kleinern chirurgischen Operationen in den Krankensälen die bis jezt vorgekommen, ließ er mich alle verichten. Im Laufe des Sommers beziehen wir noch einen 7ten neuen Saal mit 10. Betten sodaß ich dann täglich 50. Kranke | in Behandlung habe. In praktischer Hinsicht hat mir dieser Monat ausserordentlich wohl gethan & zu theoretischen Studien schöpfe ich neuen Muth & neue Lust. Wohl trägt dazu das meiste bei, ich bis jezt nicht die geringste Unanemlichkeit, wohl aber viel Dank & Anerkennung & mithin wahre Herzensfreude empfunden; sehr viel aber auch der Umstand, mein übriges Privatleben sich auf die reizendste, freundlichste Weise geordnet hat. Gleich bei meiner Ankunft empfieng mich die Familie Pury mit der artigsten Zuvorkommenheit. Durch ihre Vermittlung erhielt ich ein Zimmer in der Nähe des Hospitals bei sehr braven Leuten mit der reitzendsten Aussicht über den ganzen See, die Alpenkette die vom Rigi beginnend die Berner Oberländer, d. Freyburger, Waadtländer Firnen & endlich die kolossale Montblancmasse in sich fasst, endlich von einem andern Fenster aus über ganz Neu schatel. Hier habe ich d. Déjeuner & d. Souper wenn ich zu Hause bin. Wieder durch d. Empfehlung der Pury's erhielt ich das Diner, vis à vis von meinem Hause bei d. Familie des Botanikers Godet ; eines guten Freunds von Heer , der längere Zeit in Berlin & Paris sich aufhielt & große Reisen in Rußland bis an den Caukasus gemacht hatte. Ich hätte nicht leicht eine für mich angenehmere Familie finden können. Das Diner ist trefflich & stets mit vielen Gesprächen gewürzt; das beste aber ist, keine Woche vergeht, ohne nicht ein anderes Glied der Familie oder sonst ein Freund des Hauses daran Theil nimmt, wobey dann zum gewöhnlichen Tischweine noch trefflicher rother 34. v. Cortaillod hinzukömmt & die Unterhaltung lebhafter wird & eine Stunde länger als gewöhnlich sich fortsezt. Besonders oft kömmt sein Schwiegervater Gallot , président du tribunal souverain, ein ebenfalls sehr instruirter & wenn gleich schon sehr bejahrter, doch höchst lebendiger Mann. Seine Tochter Mad. Godet ist eine der liebenswürdigsten jungen Frauen, die mir noch vorgekommen; in ihrem elterlichen Hause sind noch 3. Schwestern die alle gleich angenehm & gebildet sind & jenen ernst-heitern, ungezwungenen Ton besitzen, der leider in unsern übrigen Schweizerstädten immer seltner wird. Ich komme öfters dahin, um so mehr als die Familie Gallot die ist, die in Neuschatel noch am meisten für Musik thut & die Verwandtschaft & die besten musikalischen Kräfte der Stadt monatlich einmal zu einem kleinern, sehr artigen Conzerte vereinigt. Ich befinde mich sehr wohl in dieser Familie & lezten Samstag, wo die Taufe eines Kindes von Mad. Godet statt fand, hatten wir eines der schönsten Familienfeste an dem ich seit längerer Zeit theilgenommen; zu meiner Freude war auch Dr. Castella als Leibarzt & vieljähriger intimer Freund des Hauses anwesend. Lezterer hat mich indessen, wie natürlich auch seiner Familie vorgestellt & ich war bereits 3. male zum Diner bei ihm geladen; stehe jezt überhaupt so in Gunsten in seinem Hause, ich auch Abends ohne weitere Meldung zu häufigem Besuche freundlichst eingeladen bin. Seine Frau ist sehr orthodox, war aber bis jezt vernünftig genug mich nicht auf unzwekmässige Weise zu inkommodiren. Seine oft besprochene Tochter, wird gar nicht, wie du etwa wähnen möchtest, vor mir hinter Thor & Rigel verborgen. Ich kann nicht umhin zu | sagen, sie mir gar nicht mißfällt. Ihr Äusseres ist sehr angenehm, schöne dunkelbraune Haare, gesunder blühender teint, sehr schöne Zähne & Hände & eine große, nur etwas zu wenig schlanke Gestalt möchten loken; ihr Benehmen ist ganz ungezwungen, ihr Ton sehr heiter aber wie der der ganzen Familie höchst anständig, ihre Unterhaltung der Lebhaftigkeit & Freundlichkeit ihrer dunkeln Augen entsprechend. Du magst dir bei dieser Schilderung allerley denken, nur nicht, ich mir den Kopf verrüken lasse. – Was den Charakter der Neuschateller überhaupt betrifft, so sind die Männer etwas gegen d. Weiber im Nachtheil. Obwohl sie meistens viel gereist sind, sind sie doch in ihren geistigen Bestrebungen ohne Entwiklung geblieben & daher stets sehr schroff, (wohl zu unterscheiden von grob, massiv) gegen andersdenkende. Philosophie ist nach ihrem wörtlichen Ausspruche, la science la plus triste du monde. Dagegen muß man auch sagen, sie alles das Wiedrige, Schiefe & Oberflächliche einer halben od. viertels Aufklärung nicht kennen, sie mit Gründlichkeit ihre einzelnen Wissenschaften betreiben, für Natur & Kunst ein reges, offenes Auge & Ohr haben. In Sachen der Religion sind sie ferne von aller Frivolität, von aller Grübeley & trübsinnigem Mystizismus; es ist eine natürliche Anerkennung der allmächtigen & ewigen Persönlichkeit des Schöpfers. – Ganz an seinem Orte ist der weibliche Theil der Gesellschaft & ich kenne keinen günstigern Boden zur Entfaltung aller Reitze eines schönen, einträchtigen Familienlebens. Wer überhaupt in Neuschatel dies entbehren muß, der kann, wenn er anders Ansprüche auf Befriedigung edlerer Triebe macht, hier nur un glüklich sein. Ich urtheile hier auch nur von den bessern, gebildetern Klassen. Die untern Regionen, die ich nicht kenne, sollen sein wie überall. – Als Resultat meines bisherigen Aufenthaltes ergiebt sich, er nicht nur ein sehr vortheilhafter für mich ist in Hinsicht auf meine Wissenschaft, auf d. Erlernung d. Sprache etc sondern er auch ganz geeignet ist, mich in die glüklichste Seelenstimmung zu versetzen & Geist & Gemüth wieder größere Elastizität zu verleihen. Ich denke ohne anderes auch den nächsten Winter noch hier zuzubringen, obwohl, wie du weißt ich in Zürich einen kräftigen Magnet zu überwinden habe. – Ich schließe für diesmal mit der Bitte, wenn es dir möglich ist deine Rükreise über Neuschatel zu richten & mir die Deinigen bestens zu grüßen. Viele Grüße auch an Honegger, & übrige Bekannte in Paris.

Dein

C. Sinz b. Mes. Mathey-Borel, au Faubourg

Von Agassiz habe ich dir nichts gemeldet, weil ich noch d. Rükkehr Tschudy's abwarte, um mich ihm vorstellen zu lassen.

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