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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0278 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 63

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 6. Februar 1843

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 6. Februar 1843.

Mein theurer Escher!

Freundespflicht erfordert es, daß ich Dir schreibe, obschon es mir in mancher Hinsicht gelegner gewesen wäre, damit noch etwas zuzuwarten. Glaube mir, daß mir Dein lieber Brief1, der mit gewohnter freundschaftlicher Offenheit Deinen jetzigen Freundesumgang besprach u. über mehrere auch mir nahe stehende Studiengenossen intressante Berichte enthielt, nicht geringe Freude machte. Nur wurde diese getrübt durch die Nachricht, daß Du schon wieder von einer, wenn auch nur kurzen Krankheit befallen worden seyest. Ich kann mich mit dem Berichte von Deiner Genesung wirklich noch nicht beruhigen, da Dein Leiden demjenigen, welches Dich in Berlin einen ganzen schönen Winter hindurch auf's Krankenlager fesselte, ähnlich zu seyn scheint u. deßhalb die Furcht vor Rückfällen hinlänglich begründet ist. Zu großem Troste gereicht es mir dagegen, daß Du mehrere so vertraute Jugendfreunde bei Dir hast, die gewiß bereit sind, kein Opfer zu scheuen, um Dir beizustehen u. Deine Lage angenehmer zu machen. Wenn es Dir wirklich dauernd besser geht, so erfreue mich doch ja durch beruhigende Berichte; denn der bloße Gedanke an die Möglichkeit, daß Du auch in Paris wieder Deine kostbare Zeit im Krankenzimmer verlieren würdest, kann mich im höchsten Grade betrüben. – Daß Du nun zu Deinen wiedergefundnen Freunden auch Jak. Escher zählen kannst, hat auch mich natürlich sehr gefreut. Ich muß zwar gestehen: mir scheint in seinem ganzen Benehmen eine große Charakterschwäche durchzuleuchten, aber dabei auch die größte Gutmüthigkeit u. Ehrlichkeit u. die edelste Hingebung. Du könntest vielleicht seine erneuerte freundschaftliche Gesinnung gegen Dich noch erhöhen u. namentlich auch für die Zukunft befestigen, wenn Du in Euerm Umgange auch jeden Schein von politischer Proselytenmacherei2 vermeiden würdest; es würden dadurch spätere, Dir feindliche Einwirkungen auf ihn vollends unmöglich gemacht werden, u. ich glaube doch kaum, wenn Du Euere Freundschaft von durchgängiger Uebereinstimmung in politischen Ansichten u. zukünftigen Handlungen abhängig machen wolltest, daß alsdann dieselbe auf einer ganz sichern Grundlage beruhen würde. Du wirst mir diese Bemerkung, die ich Dir ganz in Deinem Intresse mache, nicht verübeln; sie soll natürlich durchaus keinen Tadel enthalten gegen Dein bisheriges Benehmen, das ich ja nicht näher kenne. – Besonders intressant waren mir dann auch Deine Berichte über Dein Zusammentreffen mit unserm glücklich zurückgekehrten J. Tschudi, durch welches mein innigster Wunsch, den ich gegen seinen Bruder3 aussprach, in Erfüllung gegangen ist. Ich beneide Dich sehr um dieses Wiedersehen, das Du wohl unter allen seinen europäischen Freunden zuerst genossen hast, u. bin sehr begierig darauf, ihn auch bald persönlich zu sehen. Ich hoffe bestimmt, daß seine Reise nach Neuchatel ihn auch in die östliche Schweiz zu seinen Verwandten führen werde. – | Was Du über Sinz u. Honegger4 schreibst, muß ich aus eigner Erfahrung vollkommen bestätigen. Deine Verehrung gegen des Letztern durchaus achtungswerthen Charakter u. Kenntnisse theile ich ganz; gewiß muß Dir sein, wie auch wohl Escher's Umgang in wissenschaftlicher Beziehung höchst angenehm seyn. Des Erstern Chamäleonsnatur in äußern Dingen lag schon früher am Tage, u. daher kann mich auch seine neue Umgestaltung nicht zu sehr befremden; gewiß aber ist es, daß diese Metamorphosen auf seinen innern Kern eigentlich keinen Einfluß haben. Grüße mir jedenfalls alle diese Freunde bestens, u. sage Escher'n noch speziell, daß ich seine Dissertation5 nie erhalten habe u. daß es mich sehr freuen würde zu erfahren, durch wen ich dieselbe in Zürich bekommen könnte. Ich weiß nicht einmal mehr, worüber er geschrieben hat; sollte mich aber auch der Gegenstand nicht besonders intressiren, so wünschte ich sie doch schon deßwegen zu lesen, weil solche Arbeiten wohlbekannter Studiengenossen, wenn man sie als gelungen anerkennen muß, immer der beste Sporn zu eigner wissenschaftl. Thätigkeit u. fortgesetzter Ausbildung sind. – Ich bitte Dich sehr, auch in Deinen zukünftigen Briefen aus Paris mir möglichst viel Individuelles zu berichten. Die Verhältnisse, welche Dich zunächst beschlagen, die Leute aus allen Ständen, mit denen Du umgehst, Deine wissenschaftl. Arbeiten u. Deine geselligen Vergnügungen werden gewiß immer die Punkte seyn, welche mich vorzugsweise intressiren. Nicht als ob ich nicht auch gespannt wäre auf den Eindruck, den alles einzelne Großartige, was namentlich die Künste in Paris bieten mögen, auf Dich machen wird; – wenn Dir Raum u. Zeit dazu übrig bleiben, so schreibe mir auch hievon; – wenn Du aber, wie ich nicht bezweifle, schon von jenen Gegenständen mehr als genug zu erzählen hast, so verspare diese lieber auf mündliche Besprechungen nach Deiner Rückkehr, welche hoffentlich doch nicht nach gar zu langer Zeit erfolgen wird.

Wenn ich nun zu meinen Verhältnissen übergehe, so drängt sich mir die Bemerkung auf, daß dieselben gegenwärtig mehr als je von den Deinigen verschieden sind, jedoch so daß nicht auf meiner Seite gerade wichtige Veränderungen vorgegangen sind. Ich will zuerst von meiner wissenschaftl. Arbeit sprechen, weil diese doch immer das Bedeutendste ist, womit ich mich beschäftige. Seit meinem letzten Aufenthalte in Zürich bin ich immer bestimmter zu veränderten Ansichten über dieselbe gekommen, welche vorzüglich durch einige Bemerkungen Bluntschli's6 bei meinem damaligen Besuche, zum Theil auch durch beiläufige frühere Aeußerungen von Dir veranlaßt worden u. nun durch eigne wiederholte Ueberlegung zur Reife gediehen sind. Ich habe mich nämlich immer mehr davon überzeugt, daß ein Buch über glarnerische Staats- u. Rechtsgeschichte, gedruckt als solches, sehr wenige Leser finden würde. Für die Glarner wäre es zu gelehrt (ich wüßte kaum einen Menschen im Canton, der es ganz verstehen könnte), u. für die Gelehrten wäre der Kreis, den ich mir gezogen, zu enge u. die Beiträge zur deutschen Rechtsgeschichte, die sich darin finden würden, zu unbedeutend. Die Natur meiner Arbeit wies mich auf Vergleichungen hin; wenn aber diese wichtiger u. ausgedehnter sind, als das Verglichene, so entsteht daraus nothwendig ein Mißverhältniß, welches namentlich den wissenschaftlichen Anforderungen der Abgeschlossenheit u. Vollständigkeit widerspricht. Das durchaus Eigenthümliche, was meine Arbeit bieten könnte, ist die Entwicklungsgeschichte der demokratischen Verfassung; aber auch diese, wegen ihrer Abnormität im modernen Europa so merkwürdige Erscheinung kann nicht an der Geschichte eines einzelnen Cantons, sondern nur an derjenigen aller schweizerischen Länder von dieser Staatsform | auf lehrreiche u. intressante Weise dargestellt werden. Ueberdies haben auch sämtliche demokratische Cantone in ihrem Privat- u. Strafrechte sehr viel Gemeinsames u. Eigenthümliches, was sich, abgesehen davon, daß sie ursprünglich einem Volksstamme angehörten, vorzüglich aus der besondern Form der Rechtsbildung, der geographischen Beschaffenheit dieser Gebirgsländer u. andern verwandten Ursachen erklärt. Ich habe mich daher entschlossen, meinen anfänglichen Plan jedenfalls aufzugeben u., wenn ich meine Kräfte dazu ausreichend finden sollte, über die sämtlichen demokratischen Cantone ein Werk jener Art zu schreiben, das dann um so eher dazu geeignet wäre, als Seitenstück zu Bluntschli's Rechtsgeschichte7 zu dienen. Ich verhehle mir zwar keineswegs die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind; sie liegen nicht blos in der sehr schweren Herbeischaffung der Quellen u. in der Sichtung des sehr verworrenen Materials, sondern namentlich auch darin, daß über das älteste staatsrechtliche Verhältniß der Urkantone, das in neuerer Zeit Gegenstand lebhaften Streites u. gründlicher Untersuchungen geworden ist, gewissermaßen definitiv abgeurtheilt werden müßte. Auf der andern Seite aber würde mir das bereits Geschriebne zu einer sehr brauchbaren Vorarbeit dienen, die ich fast nur zu erweitern hätte, u. zugleich das Großartigere des Planes mich um so mehr zu tüchtigem Forschen anregen u. mich in einer gewissen geistigen Spannung erhalten, die mich vor jedem Versinken in schlaffe Philisterei8 bewahren würde. Es versteht sich indessen von selbst, daß ich, besonders wegen der schwierigen Sammlung des Materials, noch mehrere Jahre arbeiten müßte, ehe ich an die Publikation eines solchen Werkes denken dürfte.9 Doch ist es keineswegs meine Absicht, in der Zwischenzeit alle Resultate meiner bisherigen Untersuchungen für mich zu behalten; ich habe vielmehr den Anfang meiner Arbeit, die Darstellung des ältesten staatsrechtlichen Verhältnisses von Glarus unter Seckingen u. Oestreich, die ich jedenfalls nicht in diesem Umfange in das beabsichtigte Werk aufnehmen könnte u. die auch durchaus nicht speziell juristischen, sondern mehr allgemein geschichtlichen Innhalts ist, der Redaktion des neu gegründeten Archives für schweizr. Geschichte, einer sehr zweckmäßig eingerichteten Zeitschrift, angeboten. Diese ( Prof. Hottinger10 ) hat sich denn auch auf sehr erfreuliche Weise zur Aufnahme bereit erklärt, jedoch mir wenig Hoffnung machen können, daß meine Abhandlung schon in dem, im nächsten Sommer erscheinenden 2ten Bande Raum finden werde, sondern mich auf den folgenden 3ten Band vertröstet.11 Diese Verzögerung ist mir nun zwar ziemlich unangenehm, da ich gerade für die Vorarbeiten zu jenem größern Werke schon etwas bekannt zu seyn wünschte u. zugleich, wenn diese kleinere Arbeit günstige Beurtheilung fände, dieses der beste Sporn zu muthigem Fortschreiten für mich wäre. – Es würde mich natürlich sehr freuen, auch Deine Ansichten über meine veränderten Pläne zu vernehmen. – Es bleibt mir nun zu andern Berichten wenig Raum mehr übrig, u. ich will mich darin kurz fassen. Leider binden mir die Sekretariate der beiden eidgenössischen Vereine, die ich zur Zeit zu versehen habe, viele, meistens sehr unangenehme praktische Geschäfte auf u. hemmen meine wissenschl. Thätigkeit. Weniger beschäftigt mich gegenwärtig mein gerichtliches Amt; dagegen nimmt mich meine Stellung als Mitglied des Landrathes, der jetzt mit gesetzgeberischen Arbeiten (Vorbereitungen zur Landsgemeinde) vollauf zu thun hat, auch sehr in Anspruch. Sehr viel Unintressantes muß ich da mitmachen u. mich um Dinge bekümmern, die mir sonst ganz ferne lagen. Gesetzesanträge aber, welche in's Gebiet des Privatrechts u. Prozesses einschlagen, mache ich zum Gegenstande meines angelegentlichen Studiums u. Nachdenkens, u. hoffe in diesem Fache einen wohlthätigen Einfluß auf die Verhandlungen ausüben zu können. – Was ich Dir | allenfalls noch von unsern hiesigen geselligen Verhältnissen schreiben könnte, wäre zu unbedeutend, als daß es Dich intressiren könnte. Ebensowenig wüßte ich Dir intressante Neuigkeiten von Deinen hiesigen Freunden mitzutheilen. Daß Fritz Tschudi Pfarrer in Lichtensteig ist, wirst Du wohl schon wissen, ebenso wohl auch, daß Aepli in St. Gallen jetzt Kantonsgerichtschreiber ist. – Lebe daher recht wohl, schreibe mir bald wieder, u. sey herzlich gegrüßt von Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Proselyt: Bekehrter.

3 Friedrich Tschudi (1820–1886), Pfarrer in Lichtensteig. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 10. September 1840, Fussnote 17.

4 Johannes Honegger (1811–1855), von Rüti, Philologe. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, [ 12 . November 1842 ], Fussnote 3.

5 Vgl. Escher, De conditionibus.

6 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat und Regierungsrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

7 Vgl. Bluntschli, Staats- und Rechtsgeschichte.

8Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

9Blumer schloss die Arbeiten am ersten, das Mittelalter umfassenden Band seiner Staats- und Rechtsgeschichte der demokratischen Kantone im Sommer 1848 ab; die Publikation erfolgte 1850. Vgl. Blumer, Staats- und Rechtsgeschichte; Blumer, Erinnerungen, S. 19(a).

10 Johann Jakob Hottinger (1783–1860), ausserordentlicher Professor für schweizerische Geschichte an der Universität Zürich.

11Blumers Aufsatz «Das Thal Glarus unter Seckingen und Oesterreich und seine Befreiung» erschien wie zugesagt im dritten Band. Vgl. Blumer, Glarus; Blumer, Erinnerungen, S. 11(a).