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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0275 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 27. November 1842

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 27. Nov. 1842.

Mein theurer Escher!

Nachdem ich die dringendsten praktischen Geschäfte, welche mich bei meiner Rückkehr erwarteten, beseitigt habe, beeile ich mich, durch Uebersendung des beiliegenden Buches deinem Wunsche zu entsprechen. Es freut mich dabei recht, dir nach so vielen wissenschaftlichen Diensten, die du mir schon geleistet hast, auch einmal einen kleinen Gegendienst erweisen zu können. Zu deinen neuen philosophischen Studien wünsche ich dir den besten u. gedeihlichsten Fortgang. Das tiefe Bedürfniß darnach, welches du zu fühlen angefangen hast, gereicht dir in meinen Augen zur größten Ehre; es ist mir ein schöner Beweis dafür, daß dein Geist nach vielseitigem Erkennen strebt u. daß du nicht ausschließlich in die Erforschung von Einzelnheiten, zu denen du durch deine wissenschaftliche Richtung zunächst hingeführt wirst, zu versinken, sondern dir dabei einen umfassenden Blick auf das Allgemeine des menschlichen Wissens, als sichern Wegweiser durch das Labyrinth der die Gegenwart durchkreuzenden Ideen u. Ansichten, zu erhalten oder zu erwerben wünschest. Ich bin auch überzeugt, daß bei dem in deiner Natur liegenden Ernste, mit welchem du jede Sache zu ergreifen pflegst, das gewünschte Resultat dir nicht entgehen wird, u. ich hoffe, daß der gewaltige Hegel, der mit riesenhafter Ausdauer u. Consequenz sein – mindestens jedenfalls geistvolles – System durch alle Erscheinungen der physischen u. geistigen Welt hindurchgeführt hat, dir zusagen werde. Mich wenigstens hat diese großar| tige Philosophie eine Zeit lang ganz für sich eingenommen; nachher habe ich freilich auch wieder Mängel daran gefunden u. dabei bin ich stehen geblieben, ohne zu einem völlig ausgebildeten Systeme gelangt zu seyn – ein Standpunkt, der an sich freilich sehr ungenügend erscheint, den aber doch bei meinen Verhältnissen u. individuellsten Neigungen, die mich vor Allem aus auf's Positive u. Praktische hinwiesen, kein Billigdenkender gerade wird verdammen können. Für das Studium Hegel's möchte ich dir, wie ich dir schon mündlich sagte, vorzüglich einen mit ihm schon vertrauten Freund als Führer wünschen; durch einen solchen würde dein Interesse an der Sache bedeutend erhöht werden.

Für den über alle Ansprüche, zu denen mich je unser Verhältniß berechtigen konnte, freundschaftlichen Empfang, der mir auch bei meinem letzten Besuche wieder in deinem Hause zu Theil wurde, u. die vielen mir dabei verschafften Genüsse kann ich im Uebrigen leider nur dir u. deinen verehrten Eltern meinen wärmsten Dank aussprechen. Der Abschied von dir ist mir diesmal besonders zu Herzen gegangen, einerseits wegen deiner so innigen freundschaftlichen Gesinnung gegen mich, von deren steter Fortdauer ich die bestimmtesten u. zartesten Beweise erhalten habe, anderseits wegen des Bewußtseyns, daß, wenn auch die Trennung hoffentlich nicht sehr lange währen wird, diese kurze Zeit deines Aufenthaltes in Paris doch auf die Ausbildung deiner Ansichten u. deines Charakters von größerm Einflusse seyn kann, als mehrere Jahre, die du zu Hause zubrachtest. Du wirst es mir nicht verübeln, wenn ich hoffe, in dir vorzugsweise den Alten, nur mit neuen Kenntnissen u. Lebenserfahrungen ausgerüstet, wiederzufinden, u. daß dieses geschehen werde, dafür bürgt mir die Solidität u. Ehrenhaftigkeit deines Charakters zum voraus. Ueber gewisse Punkte kennst du meine Ansichten, wenn ich sie auch nie mit schroffer Bestimmtheit ausgesprochen habe; als Moralist aufzutreten, hätte ich für sehr unpassend gefunden. |

Von Zürich aus erwarte ich nun keinen Brief mehr von dir; desto bestimmter aber hoffe ich, du werdest mich nach deiner Ankunft in Paris nicht zu lange darauf warten lassen. Ich bin gespannt darauf, wie dir die dortigen «roturiers»; (um das schöne Wort einmal anzubringen!) gefallen werden. Ich meinerseits werde mir diesen Winter hindurch die Zeit am besten damit vertreiben, daß ich tüchtig arbeite, wozu es mir in keiner Beziehung an Stoff fehlt. Das hiesige gesellige Leben wird mir schwerlich sehr viele Reize darbieten, desto mehr aber natürlich meine familiären Verhältnisse. Meine Braut hat auf mich immer den anregendsten u. ermunterndsten Einfluß! – Deinen Eltern u. deiner Frau Schwester (es thut mir sehr leid, daß ich sie nie gesehen habe, was ich in den zerstreuenden Abschiedsstunden dir zu sagen vergaß) bitte ich dich mich bestens zu empfehlen. Grüße mir Brändli, Keller, Schweizer, Nägeli, Hammer [&c. ?] und sey auch von den Meinigen auf's herzlichste gegrüßt.

Mit den besten Wünschen begleitet dich auf deine Reise

dein
treuer

J J Blumer.