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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0274 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 13. November 1842

Schlagwörter: Reisen und Ausflüge

Briefe

Glarus den 13. November 1842.

Mein theurer Escher!

Als ich dein voluminöses Schreiben zu Gesichte bekam, ging es mir wirklich, wie du vorausgesehen hast: ich glaubte, daß du mit gewohnter gewissenhafter Einläßlichkeit eine Vertheidigung deiner Abhandlung, eine Antikritik gegen mich geschrieben habest. Der Inhalt war freilich davon sehr verschieden; jedoch kann ich dich versichern, daß er mir nicht weniger angenehm war. Deine, mit sehr viel Laune u. Darstellungsgabe geschriebne, Beschreibung deines fernern Aufenthaltes in Appenzell (seit meiner Abreise) würde auch ihrem Inhalte nach, wenn sie gedruckt würde, als Novelle großes Aufsehen machen. Der Titel dazu würde, unsrer bereits mit Tschudi im Engel gepflognen Berathung gemäß, ungefähr so lauten: «Escher in Appenzell oder der Einfluß des romanischen Prinzips auf ein noch unverdorbnes (?) christlich-germanisches Jäger- u. Hirtenvolk». Am besten hat mir natürlich der Witz mit dem Doktor gefallen; wenn deine Schilderung auch nur einigermaßen treu ist, so muß er doch wirklich ein höchst miserabler Tropf seyn! Auch der Herr Hechtwirth spielt in deinem Berichte mehrmals eine ausgezeichntet komische Figur. Um so besser kommt freilich bei dir das weibliche Personale Appenzell's – etwa 's Babetoneli ausgenommen – aus. Aber das muß ich dir gestehen, daß du keine Ursache hast, auf allfällige Treulosigkeit von meiner Seite anzuspielen. Denn gewiß ist es eher zu entschuldigen, auch wenn man in ernsten Verhältnissen steht, daneben noch mit andern Mädchen harmlosen Scherz zu treiben, | der für nicht mehr als dieses gehalten seyn will, als, nachdem man mit einer Ehefrau Erneuerungen u. Erinnerungen der Vergangenheit gefeiert hat, bei denen dem bloßen Leser sentimental zu Muthe wird u. er das unglückliche, durch ungeheures Mißgeschick für immer getrennte Paar bedauern muß, gleich darauf wieder mit der leichten Wendung: «den Nachmittag wiedme ich dem Weißbade» zu anderweitigen Gedankenstrichszenen überzugehen!! Dieses natürlich nicht als Moral, sondern blos zu meiner Vertheidigung oder auch als Antikritik!

Was dann deine gütige Einladung, dich schon diese Woche zu besuchen, betrifft, so ist es mir natürlich im Ganzen gleichgültig, jetzt oder erst nach 14 Tagen nach Zürich zu kommen. Hingegen bin ich, so sehr es mich freuen würde, Eurer für mich ganz ausgesuchten Dienstagsgesellschaft beizuwohnen, für Dienstag u. Mittwoch durch Geschäfte verhindert u. werde daher erst nächsten Donnerstag, dann aber bestimmt, bei dir eintreffen. Ich werde, wie gewöhnlich, mit der Glarner Post kommen u., wie [dies?] dein Wille zu seyn scheint, in Belvoir absteigen. Die genannte Gesellschaft hoffe ich dann noch etwa an einem andern Abende versammelt zu sehen.

Indessen empfehle mich bestens deinen Eltern u. sey herzlich gegrüßt

von

deinem treuen

J J Blumer.

PS. Von Zwicki's Krankheit habe ich gar nichts gewußt; ich lasse ihm von Herzen baldige Genesung wünschen!