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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0273 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 62 | Jung, Aufbruch, S. 244 (auszugsweise)

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, s.l., Samstag, [12. November 1842]

Schlagwörter: Freundschaften, Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Mein lieber Alfred!

So gerne ich mit dir korrespondire, so freut mich doch diesmal der Gedanke, dieser Brief nicht zum Anfange einer längern Correspondenz gehört. Ich sehne mich recht nach dir, nicht etwa weil ich Langeweile habe, denn ich bin sehr fröhlichen Humors, sondern weil ich mich freue manchen Genuß der uns beide gleich anspricht, mit dir zu theilen. Um dir aber vor allem auf deine Fragen zu antworten, will ich gleich mit J. Escher beginnen. Eine solche Veränderung, wie sie mir Keller1 in Zürich beschrieb konnte ich nicht an ihm bemerken, ausser er nach dem Dîner fleißig das Caffee besucht, sonst ist er ebenso still, steif & unter uns gesagt mitunter so langweilig wie früher wenn man für mehrere Stunden sich in seiner alleinigen Gesellschaft befindet. Ich habe mit ihm von eurem Verhältniß gesprochen. Er gesteht, es ihm leid thue, so von dir sich getrennt zu haben & bleibt dann immer bei der Post als Entschuldigung stehen. Im Hintergrunde aber sagt er dann, es wäre ihm in allerlei Hinsicht nicht mehr wohl um dich gewesen, (besonders in politischer Hinsicht). Direkte Schritte von sich aus zur Hebung der Spannung will er keine machen & es bleibt daher nichts anders übrig, als ihr es dem Schiksal überlasset wie ihr euch hier zurecht findet. Ich habe ihm viel zugesprochen, er aber bleibt steif & fest auf seinem Flek stehen. Honegger2 hat das Institut3 verlassen & studiert fleißig da er nur wenige, aber theure Stunden giebt um sich seinen Unterhalt zu verschaffen. Ich sehe ihn Abends öfters & bin recht gerne in seiner Gesellschaft; ds einzige, was ich für mich an ihm bedaure, ist, er zu sehr Philologe ist, um sich ganz in unser modernes Leben zu finden. Stoker4 sah ich einige mal; er hat einen strengen Posten im Institute. Er scheint mir ein guter Kopf zu sein. Punkto der Bildung aber, merkt man ihm noch zu sehr den Schullehrer an. Schaller5 & Freuler sind die Alten. Erstern habe ich als Gesellschafter rechtgerne, um so mehr als ich an sein Renommirren mit fingirten Diners, Abentheuern, Intriguen etc gewöhnt bin & weiß was ich davon zu halten habe. Freuler verläßt uns bald. Er langweilt sich etwas in Paris, was mir übrigens auch passirte, wenn ich nur im Sinne hätte den gewöhnlichen Vergnügungsorten nachzugehen. Er ist mir indessen viel lieber, wie früher, da er in allem bescheidner geworden ist. – Deine Frage hinsichtlich der Wahl des Logis kann ich kaum beantworten. Die Weite des Weges würde weniger machen (sie ist jedenfalls nicht beträchtlicher als die Streke die du von Belvoir nach der Stadt zu machen hast,) wenn du in unser Quartier zögest. Nur ist es schwer Zimmer zu finden, die groß | genug sind, um zb. mit Ehren Leute aus der höhern Gesellschaft bei sich zu empfangen. Jedenfalls thun wir gut, zu warten bis du selbst dich darnach umsehen kannst, wobey ich dir in sofern Räthe ertheilen kann, als ich bereits Vor & Nachtheile der hiesigen Zimmer kenne. – Wir haben bis jezt alle Ursache, mit unserm Quartier zufrieden zu sein, obwohl es Mühe kostet, es bei der eingetretnen strengen Kälte selbst mit dem Ofen zu heizen. Die Pariser schneiden überhaupt zu dieser raschen Temperaturveränderung saure Gesichter. Mit dem Besuche der Spitäler sind wir bereits en train. Gegen Lehr & Lernmethode der Franzosen haben wir von unserm Standpunkte aus sehr viel einzuwenden. Lisfranc6 & Roux7 haben mir bis jezt noch am besten zugesagt. Der Besuch in der Salpetrière wo d. weibl. Irren sind, ist sehr interessant, jezt aber leider sehr eingeschränkt. Eine Masse seltner Fälle entschädigt uns für das was wir an d. Lehrern vermissen. Worin die Deutschen von den Franzosen lernen sollten, das ist der Mangel an Pedanterie, der gefällige, von allem Nimbus entkleidete Umgang der Professoren, die sich einfach Monsieur betiteln lassen, mit den Studierenden. – Mit dem Besuche des Spitals ist der Morgen ausgefüllt! Wie bringe ich nun die übrige Zeit zu; denn die Nachmittage & Abende in Paris sind lang. Möchte mich in meinem Leben nie etwas mehr in Verlegenheit setzen; ich wünschte mir sie noch einmal so lang. Gleich bei meiner Reise nach Paris hatte ich nicht nur meine medizinisch. Studien vor Augen, sondern ich sehnte mich darnach diese wohl zum leztenmale sich anbietende Gelegenheit zu ergreifen, mich in dem Gebiete weiter auszubilden, das mir bereits so viele angenehme Stunden verschaffte, in dem reizenden, aber allerdings auch Zeit & Anstrengung erfordernden Gebiete der Musik. Meine Hoffnungen sind bereits durch die glüklichsten Zufälle gesteigert worden. Einer Empfehlung meines FreundesMorin in Genf verdanke ich die Bekanntschaft mit einem Frauenzimmer8, das sehr stark in der Musik ist & sie leidenschaftlich liebt. Obwohl an die 40 Jahre alt, besizt sie immer noch eine sehr schöne Stimme, die in der Schule des berühmten Toskaners Buonarotti9 gebildet wurde. Sie kennt daher die ältere & neuere italiänische Musik aus dem Fundament, umso mehr als sie auch sehr stark auf dem Piano ist & den Generalbaß gründlich versteht. Auf meinen nur angedeuteten Wunsch hin hat sie sich mir gleich als Lehrerin anerboten & obwohl sie mir immer 2 Stunden nach einander für eine giebt, nimmt sie für die viele Mühe, denn sie ist außerordentlich pünktlich & strenge, besonders im Gesange, nur 3 fr. während ihre gewöhnl Eleven ihr für | die abgemessne Stunde das doppelte bezahlen. Da sie nicht deutsch versteht & nur die deutsche Orchester & Claviermusik kennt, war ich schon von Anfang an besonders auf d. Studium der italiänischen Musik hingewiesen. Es ist dies ein recht glüklicher Zufall, denn selbst die klangreiche deutsche Sprache vermag bei weitem nicht so bildend auf Fülle, Reinheit & Geläufigkeit der Stimme hinzuwirken wie die italiänische mit ihren sonoren Vokalen & der energischen Betonung ihrer Consonanten. Nebenbey werden wir natürlich auch von der französischen Vokalmusik einiges bessere aussuchen. Da ich nicht der einzige Zögling bin & d. Einübung von Duos & Trios & Quatuors mächtig auf d. musikalische Bildung einwirkt so haben sich bereits auch ein Contralto & ein Sopran gefunden wovon ich aber bis jezt nur den ersten zu Gesicht bekamm; ein neunzehnjähriges Frauenzimmer10, das eine nicht sehr starke, aber schöne geläufige Stimme nebst einer Methode besizt, die ihrer Meisterin Ehre macht. Zu Einübung der Stüke haben wir den Montag Abend bestimmt & dieser wird nicht als Stunde angerechnet. Bei dieser Gelegenheit habe ich in d. Mutter11 dieses Frauenzimmers ein noch nicht 40jährige, sehr instruirte & äußerst unterhaltende Dame kennen gelernt die mich bereits auch zu sich eingeladen. Ich verspreche mir demnach auch in diesem Winter recht vergnügte musikalische Abende, die allerdings unter Fremden am meisten geeignet sind, ein ungenirtes, sehr angenehmes Verhältniss herbey zu führen. Von Opern besuche ich nur d. italienische Theater, d. große Oper habe ich noch nicht einmal gesehn: – & will abwarten bis ein größeres Stük gegeben wird. Leider konnte bei d. Italiänern bis jezt Lablache12, durch Krankheit verhindert, nicht auftreten. Ein junger Landsmann13 von mir, ist hier Musiklehrer im Kellerschen14 Institute, wohnt nahe bei uns & ich mache von seiner Bereitwilligkeit mich zu begleiten gerne Gebrauch, um mehrere deutsche Sachen, die ich mitgenommen, mit ihm einzustudieren. Von den Pariser Merkwürdigkeiten erzähle ich dir nach deinem Wunsche nichts. Ueberhaupt bin ich Abends viel zu Hause, da ich mit einzustudierenden Musikstüken überhäuft bin & mir gerne einige Zeit zur Durchlesung französisch. mediz. Bücher frei behalte. –Von Langeweile bin ich bis jezt verschont geblieben & werde es ohne Zweifel bleiben. Wahrscheinlich, (zu meinem Leidwesen), werde ich Paris Ende Februar verlassen müßen, um während des Sommers die Assistentenstelle am hôpital Pourtales in Neuschatel zu bekleiden. – Der Tod von Hans Zureich15 hat mich sehr betrübt. So roh er war, war er doch gut von Herzen & sehr verständig & seinen Eltern16 mit aller Pietät zugethan. – Herzliche Grüße an die Deinigen & an meine Bekannten in Zürich.

Dein

C. Sinz.

Kommentareinträge

Datierung gemäss Poststempel.

1Vermutlich Karl Keller (1814–1878), von Meilen, Privatlehrer. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 11. Juni 1838, Fussnote 8. – Keller weilte gemeinsam mit Jakob Escher in Paris, wo er Unterricht erteilte. Mittlerweile war er nach Zürich zurückgekehrt. Vgl. Escher, Autobiographie Jakob Escher, S. 468.

2 Johannes Honegger (1811–1855), von Rüti, Philologe. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1836), Lehrer an den Kantonsschulen Chur und Aarau sowie Lehrer für Latein und Griechisch am Gymnasium Zürich (1848–1855) und Erziehungsrat (ZH, 1847–1855). Vgl. Herr Professor Honegger; Verzeichnis Zof.-Ver. Sekt. ZH, S. 14; Hunziker, Mittelschulen, S. 316.

3Gemeint ist das Institut Keller; siehe unten.

4 Johann Gustav Stocker (1820–1889), von Schönenberg, Mathematiklehrer. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1840), Privatdozent (1855–1859) bzw. ordentlicher Professor (1859–1889) für Mathematik in französischer Sprache am Eidg. Polytechnikum und Sekretär des Eidg. Schulrates. Vgl. Verzeichnis Zof.-Ver. Sekt. ZH, S. 16; ETHistory online.

5 Johann Ludwig Schaller (1818–1880), von Freiburg i. Üe., Arzt. Oswald Heer an Alfred Escher, 10. Juni 1838, Fussnote 6.

6 Jacques Lisfranc (1790–1847), Professor für klinische Medizin an der Universität und Chefchirurg am Hôpital de la Pitié in Paris.

7 Philibert Joseph Roux (1780–1854), Professor für Chirurgie und Pathologie an der Universität und Chefchirurg am Hôtel-Dieu in Paris.

8Person nicht ermittelt.

9 Filippo Buonarroti (1761–1837), ursprünglich aus der Toskana stammender französischer Revolutionär; nach 1830 in Paris als Musiklehrer tätig.

10Person nicht ermittelt.

11Person nicht ermittelt.

12 Luigi Lablache (1794–1858), italienischer Opernsänger (Bass).

13Person nicht ermittelt.

14 Jean Jacques Keller (1809–1889), Schulleiter in Paris. – Das 1834 gegründete Institut Keller (Maison d'éducation) in Paris war eine renommierte, vor allem von Knaben aus protestantischen französischen Familien besuchte Bildungseinrichtung. Vgl. Escher, Autobiographie Jakob Escher, S. 468.

15 Hans Ulrich Zureich (1814–1842), verstorbener Handlungsgehilfe und Scharfschützenleutnant.

16 Regula Zureich-Müller (geb. 1783) und Hans Ulrich Zureich-Müller (geb. 1784), Bäcker in Zürich.