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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0268 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 60

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 17. Juli 1842

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 17. Juli 1842.

Mein theurer Escher!

Meinen herzlichsten Dank für Deinen lieben Brief1, durch welchen Du mir die mir so erfreuliche, wenn auch nicht unerwartete Nachricht von dem glücklichsten Erfolge Deiner Prüfung2 so bald mitgetheilt hast. Ich würde denselben unmittelbar nach dem Empfange beantwortet haben, wenn ich nicht gerade noch dringende Geschäfte vor mir gehabt hätte, da ich den folgenden Tag nach Chur abreisen wollte; jetzt, da ich von da wieder hier angelangt bin, denke ich, Du werdest von Deiner kleinen Exkursion auch wieder zurückgekehrt seyn oder doch nächstens zurückkehren. Ich säume daher nicht länger, Dir zu Deiner Erhöhung meinen innigsten Glückwunsch darzubringen, wobei ich namentlich auch Deiner Eltern gedenke, für welche dieses Ereigniß besonders erfreulich u. beruhigend seyn mußte. Es ist immer schön, wenn man einen solchen Grad durch eigne Anstrengung u. Hingebung für die Wissenschaft nach dem einstimmigen Urtheile der kompetentesten Richter erworben hat; eine Wahrheit, die ich früher nicht immer hinlänglich erkannte. Für Dich war freilich, da Du Dozent zu werden beabsichtigst3, die Erreichung der Doktorwürde beinahe unerläßlich; ich bin aber jetzt der Ansicht, daß überhaupt Jeder, der auf das Prädikat eines wissenschaftlichen Juristen Anspruch machen will, sich um dieselbe bemühen sollte. Ich bereue daher auch, daß ich dies unterlassen habe, nicht erst etwa seit dem Du nun Deine Prüfung bestanden hast, sondern schon seit längrer Zeit, besonders wenn ich bedenke, wie sehr, wenn ich mit meiner litterarischen Arbeit hervortreten werde, der Doktortitel, der zuletzt doch mehr als ein bloßer Titel ist, meinem unbekannten Namen zur Empfehlung gereichen würde, wie nützlich er mir schon jetzt oft seyn könnte, da ich mit demselben die Beihülfe andrer Gelehrter für meine Arbeit viel eher in Anspruch nehmen dürfte. Es ist dies ein sehr wichtiger Gesichtspunkt, den ich früher, wo ich nur die praktische, für mich minder bedeutende Seite der Sache in's Auge faßte, ganz übersehen habe. – Das deutschrechtliche Thema, das Dir Bluntschli4 gegeben hat, war sehr intressant u., wie ich glaube, | nicht schwer. Dagegen war für das staatsrechtliche Deine Anmerkung wirklich nicht überflüssig; wenigstens würde eine auch nur einigermaßen gute Beantwortung dieser Frage ein so gründliches u. umfassendes Studium der Geschichte u. Politik erfordern, wie es von Dir wohl nicht vorausgesetzt werden konnte. Auch die Geibischen5 Fragen im mündlichen u. schriftlichen Examen setzten wenigstens eine sehr solide Beschäftigung mit dem Criminalrechte u. Prozesse voraus.

Ich war, als ich von Baden u. Zürich nach Hause zurückkam, gar nicht Willens das Schützenfest in Chur zu besuchen, theils weil ich eben schon eine, wenn auch nur kurze Erholung genossen hatte, theils weil überhaupt meine gerade vorherrschende geistige Stimmung mich solchen Volksfesten u. besonders den dabei immer wiederkehrenden Phrasen eher abgeneigt machte. Indessen ließ ich mich doch theils durch die Einladungen meiner hiesigen Bekannten, theils durch die Betrachtung, daß ein kurzes Verweilen an diesem eidgenössischen Feste immerhin intressant u. bei der geringen Entfernung wohl der Mühe werth seyn müsse, ziemlich leicht dazu bewegen, meinen Entschluß abzuändern. So bin ich nun wirklich 1½ Tage in Chur gewesen, u. bereue dies jetzt durchaus nicht. Vorerst freute es mich besonders, meinen lieben Freund Aepli, den ich nach einigen Tagen auch noch hier erwarte, ganz unerwartet dort anzutreffen u. nebenbei andre alte Bekanntschaften mit Altersgenossen (von Zürich waren nur Honegger6 – semper idem7u. Eduard Schweizer8 da) zu erneuern, auch einige neue anzuknüpfen. Dann hat mich aber auch das Fest, so wenig mich auch die meisten einzelnen Reden gerade erbauten, als Ganzes genommen doch recht sehr erfreut. In Chur war nun gerade die Schießübung als solche weit mehr Hauptsache, als an andern Orten, u. gerade das Wesentliche u. Charakteristische eines Schützenfestes trägt meines Erachtens am meisten dazu bei, dem Feste eine ächt nationale Farbe zu geben, wie es sie unter einem andern Volke, auch abgesehen von politischen Verschiedenheiten, nimmermehr erhalten könnte. Zugleich entwickelt sich in dem guten Schützen, der sein Schwarz zu treffen weiß, doch immer ein thatkräftiges Selbstgefühl, welches ihn heiter u. froh u. besonders empfänglich dafür macht, sich mit Freunden aus andern Kantonen innig zu verbinden u. sich als Glied einer größern Gemeinschaft, als ihm sein enger «Staat» zu gewähren vermag, betrachten zu lernen. Dieses ist dann auch der das Fest durchziehende Grundzug, wenn er schon nicht von allen Rednern, die demselben Worte leihen sollten, erkannt wird, vielmehr diese oft von einem ganz andern Geiste beseelt sind, wenn sie die Bühne besteigen. Auffallend war mir auch der Indifferentismus, der von dem Volke gegen die meisten Reden da| durch an den Tag gelegt wurde, daß es in seiner Mehrzahl denselben gar kein Gehör schenkte, vielmehr während derselben aß u. trank, schwatzte u. sich umhertrieb. Indessen ist diese Erscheinung nicht unbegreiflich, wenn man bedenkt, daß z. B. schon seit 10 Jahren einem bessern Bunde (u. gewöhnlich, ohne zu sagen, wie derselbe erreicht werden soll) Toaste gebracht werden, ohne daß auch nur die Aussichten, einen solchen bekommen, sich gebessert hätten.

Aepli macht gegenwärtig eine Fußreise durch die Thäler Graubündtens; ich würde ihm auf diesem intressanten u. mir noch ganz unbekannten Wege gerne gefolgt seyn, wenn ich nicht einerseits schon früher von Hause abwesend gewesen wäre, anderseits Dir versprochen hätte, Dich noch in Appenzell zu besuchen. Dieses Versprechen will ich dann aber auch, so Gott will, mit möglichster Muße erfüllen, u. ich freue mich unendlich auf die Tage, die wir dort beisammen verleben werden, da der ungünstige Zufall es gewollt hat, daß ich bei meiner letzten Durchreise durch Zürich Deinen Umgang fast gar nicht genießen konnte.

Empfehle mich bestens Deinen Eltern u. grüße mir meine Zürcher Freunde, besonders auch Brändli9, der, wie ich gehört habe, jetzt zurückgekehrt seyn wird. In der Hoffnung, bald wieder von Dir zu hören, umarmt Dich herzlich

Dein

J J Blumer.

Viele Grüße auch von meiner Braut10, die sich in Deinem elterlichen Hause sehr wohl gefühlt hat u. den herzlichen Empfang, der ihr zu Theil wurde, nie vergessen wird. Sie läßt sich gleichfalls Deinen Eltern u. Deiner Schwester bestens empfehlen.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Escher hatte das schriftliche und das mündliche Doktorexamen abgelegt, letzteres am 12. Juli, und mit summa cum laude bestanden. Vgl. Gagliardi, Escher, S. 51–52.

3Escher habilitierte sich auf das Sommersemester 1844 hin als Privatdozent an der juristischen Fakultät der Universität Zürich. Er bot bis 1847 Vorlesungen an. Vgl. Schmid, Escher, S. 176–179; Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 452–453, 964.

4 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat und Regierungsrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

5 Gustav Geib (1808–1864), ordentlicher Professor für Strafrecht an der Universität Zürich.

6 Caspar Honegger (1816–1880), von Dürnten, Jurist.

7Semper idem (lat.): immer derselbe.

8 Eduard Schweizer (1818–1860), Privatdozent für Chemie an der Universität und Chemielehrer an der Industrieschule Zürich.

9 Benjamin Brändli (1817–1855), von Wädenswil, Rechtsstudent. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 10.

10 Susanna Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.