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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0267 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Samstag / Sonntag, 21. / 22. Mai 1842

Schlagwörter: Berufsleben, Familiäres und Persönliches, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Landsgemeinde GL, Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Verfassung GL, Wahlen

Briefe

Glarus den 21. Mai 1842.

Mein theurer Escher!

Ich würde dir deinem Verlangen gemäß auf deine wissenschaftliche Anfrage, betreffen deine Ansicht über den index, schon früher geantwortet haben, wenn ich hätte glauben können, daß meine Antwort von irgend einem Einflusse auf den Fortgang deiner Arbeit seyn würde. Da dieses nun nicht der Fall ist, so verschob ich es absichtlich auf heute, um dir dann morgen noch über unsre Landsgemeinde berichten u. dadurch meinen Brief etwas intressanter machen zu können. Ich habe mich nämlich durch sorgfältiges Durchlesen der von dir citirten Stellen bei Cicero, denen ich noch pro Cluent. 64, 180 & 65, 183 beifügen kann, u. genaue Erforschung ihres Zusammenhanges überzeugt, daß hier überall – mit einziger Ausnahme von pro. Cluent. 13, 18, wo in der rhetorischen Form: «nullo teste, nullo indice – fatetur» das letztre Wort doch sehr allgemein gebraucht zu seyn scheint – von Verbrechensgenossen, die gegen einen Mitschuldigen aussagen, die Rede ist. Darnach kann ich denn auch, obgleich hier allerdings das Wort «index» nirgends in eigentlich technischem Sinne zu fassen ist, die von dir aufgestellte engre technische Bedeutung, nach der index bei den Verbrechen, wo dem anzeigenden Mitschuldigen Straflosigkeit verheißen ist, einen solchen, der von diesem Vorrechte Gebrauch macht, bezeichnen soll, – gar wohl zugeben. Mit Bezug auf die zunächst besprochne Stelle der divinatio kann ich einen wesentlichen Unterschied zwischen deiner u. meiner Erklärungsweise nicht finden. Daß Cicero hier auf die von gewißen Gesetzen aufgestellte Straflosigkeit eines verzeigenden Mitschuldigen anspiele, wofür theils der ganze Zusammenhang theils besonders die Worte: «postulas dari» u. «si id lege permittitur» sprechen, habe ich ja auch [auch?] gefunden. Meine Meinung war eigentlich nur, daß es um dieser einzigen Stelle willen nicht nöthig sey, eine engere Bedeutung von «index» aufzustellen, da man mit der weitern auch ausreichen könne. | Da ich nun aber sehe, daß sich noch durch viele andre Stellen jener Nebenbegriff eines Mitschuldigen, der ein Verbrechen oder einen Verbrecher – sey es aus freien Stücken oder auf der Folter – anzeigt, hindurchzieht, so bin ich mit dir einverstanden. Diese ganze Diskussion ist übrigens für mich sehr lehrreich gewesen, u. wenn sie auch dir etwas genützt hat, so soll es mich sehr freuen. Ich wollte, ich könnte dich auch über meine Arbeit, wo ich über Manches auch noch nicht im Reinen bin, consultiren; allein theils sind gerade die mir noch dunkeln Rechtsverhältnisse von so eigenthümlicher Art, daß ich dir die Mühe nicht zumuthen dürfte, dich speziell in dieselben hineinzuarbeiten, theils liegen auch meine Quellen nicht so offen vor wie die deinigen u. die Mittheilung derselben würde sehr zeitraubend seyn. – Wann wirst du nun deine Dissertation beendigen?

Die letzten Ergänzungs- und Präsidialwahlen in Euerm Großen Rathe scheinen einen hartnäckigen Kampf gekostet zu haben. Gut ist es gewiß, daß keine von beiden Partheien allein gesiegt hat. Ich bin vollkommen mit dir einverstanden, daß die jetzige Zusammensetzung der Behörde, in welcher beide Partheien ungefähr gleich stark sind, eine sehr erfreuliche ist u. zu schönen Hoffnungen für den Canton Zürich berechtigt, besonders wenn die Gemäßigten beider Partheien zu einer versöhnenden Tendenz sich die Hand bieten. Partheien wird es immer geben müssen, u. daß es solche giebt, ist sogar gut u. heilsam, denn ohne sie läßt sich nichts anders als geistiger Schlaf oder Diktatur einiger Weniger denken; aber sie sollen um Grundsätze kämpfen, die persönliche Fehde soll vom Felde der Politik möglichst ausgeschlossen bleiben. Wie ekelhaft diese ist, hat der jüngste Rohmer'sche Skandal sattsam bewiesen. Auf das Feld ruhiger, prinzipienmäßiger Diskussion den Partheikampf zurückzuführen, sollte daher jetzt das Bestreben aller Redlichen u. Verständigen seyn; eine solche Beruhigung wünscht sicherlich das Volk, das bei dem ewigen Hader um Aemter u. ausschließliche Herrschaft sich unmöglich wohl fühlen könnte. – Auch mir hat übrigens Keller's Erklärung sehr wohl gefallen. Ich fand es ganz seiner individiuellen Stellung angemessen, daß er einen Schauplatz, auf dem er das Seinige nach Kräften gewirkt hat u. in diesem Augenblicke wenig für sich übrig erblickt, nicht mehr betreten will u. es vorzieht, sich auf eine erfolgreichere wissenschaftliche Thätigkeit zu | beschränken.

Wohl habe auch ich an den Pfingstagen oft genug unsrer unvergeßlichen Unterwaldner Exkursion gedacht. Das Wetter war dies Jahr wieder gar so einladend zu ähnlichen «Unternehmungen»; die Natur stand ungefähr auf dem nämlichen Standpunkte wie damals. In meinen äußern Verhältnissen hat sich seither sehr vieles verändert, in mir selbst gewiß weit wenigeres. Täusche ich mich hierin nicht, so werde ich wohl auch in Zukunft immer ziemlich der Gleiche bleiben. Uebrigens habe ich mich am Pfingstmontag auch – freilich auf ganz andre Weise – an einem kleinen Balle recht fidel gemacht. Nun rückt auch wieder für uns hier die Zeit zu größern Exkursionen in die Gebirge heran, die ich dies Jahr hoffentlich nicht viel weniger als den letzten Sommer benutzen werde.

Für heute habe ich dir noch eine sehr intressante Nachricht mitzutheilen, die dich auf's neue von unserm dem «Sichpaaren» u. der Fortpflanzung auf ehlichem Wege so günstigen Klima u. von der Richtigkeit des großen Schneebeli'schen Gedankens, daß in den Adern der Glarner südliches Blut walle, überzeugen wird. Herr Pfarrvikar Lebrecht Zwicki in Betschwanden läßt dir nämlich durch meine schwache Feder vermelden, daß es Gott dem Allmächtigen gefallen habe, ihn mit einer heiß geliebten Braut in der Person der Jungfer Grite Blumer im Thon bei Schwanden zusammenzufügen. Es ist dies die Nämliche, von der du schon gehört hast, daß sie beinahe die Gattinn von Dr. Streif hätte werden sollen, nun aber nicht geworden ist. Bei diesem Anlasse hat sie (oder vielleicht wohl eher ihre Verwandten) sich nicht ganz tadellos benommen, im Uebrigen ist sie, so weit ich sie kenne, ein hübsches, artiges, gebildetes Mädchen u. überdies von ziemlich bedeutendem Vermögen. Zwicki fühlt sich natürlich ganz glücklich in seinem neuen Verhältnisse, u. daher freue ich mich auch mit ihm herzlich darüber. Intressant ist es übrigens, wie er ganz in der Stille u. ohne daß ich von Heirathsgedanken nur das geringste ahnte, seine Bewerbung angestellt u. glücklich durchgeführt hat!

Eben fällt mir noch ein, daß ich kürzlich bei Savigny Gesch. des R. R. im MA. II. S. 90 las, daß die bekannte altdeutsche Rechtssitte, die Zeugen, damit sie sich eines Vorganges desto besser erinnern, bei den Ohren zu zupfen (testes per aures tracti), auch im ältern römischen Rechte vorgekommen sey, wofür zwar keine Quellen angegeben werden, sondern nur Otto de jurisprud. symbol. citirt wird. Wenn dir dieses wie mir unbekannt seyn sollte, so dachte ich, ich könnte dir dadurch | vielleicht einen Beitrag zu deiner Dissertation liefern, oder wenn es auch nicht gerade in den Bereich derselben einschlagen sollte, so müßte es dir doch vorzüglich um der vergleichenden Jurisprudenz willen, zu der du, wie du mir sagtest, dich besonders hingezogen fühlst, intressant sey. Bei uns hat sich jene Sitte bis auf jetzt insoweit erhalten, als man noch öfters bei Ausmarkungen von Wäldern kleine Zeugen mitnimmt u. ihnen dann an den betreffenden Stellen, wo die Gränzen seyn sollen, gewaltige Ohrfeigen applizirt, damit sie sich ihr Leben lang daran erinnern mögen.

Den 22. Mai Abends.

Was ich dir von der heutigen Landsgemeinde berichten kann, ist eigentlich nicht von großer Wichtigkeit. Dieselbe beschränkte sich auf Annahme der revidirten Verfassung, die beinahe ohne Widerrede durchging, u. auf die Erneuerungswahlen sämtlicher Behörden, welche zwar natürlich lange dauerten, doch recht glücklich von statten gingen. Die – zwar noch nicht hinreichenden – Reduktionen haben sich trefflich bewährt, in dem viele unbrauchbare Leute weggeschafft werden konnten. Zugleich hat die Complimentirsucht Gottlob! abgenommen; Landammann u. Landstatthalter nahmen ohne Umschweife wieder an u. darauf sämtliche vorgeschlagne Mitglieder der Standeskommission, die jetzt sehr gut besetzt ist, mit einziger Ausnahme Rathsherr Jenni's, der als Schindler's Universalnachfolger natürlich nicht wohl in der von diesem verlaßnen Regierung bleiben konnte. Weniger gut ist das Appellationsgericht ausgefallen. Ich meinerseits bleibe im Civilgerichte, bin aber jetzt zum ersten Richter (der zugleich die Stelle eines Vizepräsidenten versieht) vorgerückt u. zugleich hat das Collegium ein etwas anständigeres Aussehen bekommen. Christoph Tschudi ist in's Criminalgericht gewählt worden u. zwar noch vor seinem Vetter Joh. Tschudi, was gewiß höchst ungerecht war, zum Theil jedoch aus einer Namensverwechslung hervorgegangen seyn mag. Solche einzelne kleine Verstöße abgerechnet, hat jedoch das Volk im Ganzen die rechten Leute herauszufinden u. an die ihnen gebührende Stelle zu setzen gewußt u. mit anerkennenswerther Geduld bei grosser Sonnenhitze während des ganzen Wahlaktes ausgeharrt.

Beiliegend erhälst du nun für die Stadtbibliothek den 3ten Band von Herrgott zurück, für dessen Mittheilung ich dir meinen besten Dank sage.

In der Hoffnung, bald wieder von dir zu hören, grüßt dich freundschaftlichst

dein

J J Blumer.