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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0266 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Donnerstag, 5. Mai 1842

Schlagwörter: Berufsleben, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Rechtliches, Religion, Universitäre Studien, Verfassung GL, Wahlen

Briefe

Glarus den 5. Mai 1842.

Mein theurer Escher!

Als ich deinen letzten Brief, auf den ich sehr lange gewartet hatte, erhielt, nahm ich mir vor, denselben recht bald zu beantworten, damit unsre Correspondenz ja nicht schläfrig werde; nun ist seit dem Empfange desselben auch schon gegen meinen Vorsatz geraume Zeit verstrichen, weßhalb ich um Entschuldigung bitte, da ich, wenn es mir zwar an Beschäftigung aller Art, wissenschaftlicher u. praktischer, keineswegs fehlt, doch gerade die Unmöglichkeit, Briefe zu schreiben, wohl schwerer als du nachzuweisen im Stande wäre. Du hast mir das letzte Mal fast ausschließlich von deiner Dissertation geschrieben, u. ich finde es ganz recht, daß deine Briefe schon ihrer äußern Form nach den Gegenständen, die jeweilen vorzugsweise deinen Geist erfüllen, entsprechen, da gerade auf solcher eigenster Mittheilung seiner selbst der innigste freundschaftliche Verkehr beruht; doch mußte ich mich beinahe darüber wundern, daß du in einer Zeit, wo in Euerm Canton Alles so aufgeregt war, kein Wort von Politik schriebst. Deine wissenschaftlichen Mittheilungen haben mich übrigens, nach der unter uns stattgehabten aus führlichen Besprechung über den Plan u. die einzelnen Hauptpunkte deiner Arbeit, sehr intressirt, namentlich das Resultat, zu dem du mit Bezug auf den index gekommen bist, da wir darüber mündlich auch besonders einläßlich geredet haben. Deine Ansicht scheint mir, so weit ich mir ein Urtheil darüber erlauben darf, völlig begründet zu seyn; nur sehe ich die Nothwendigkeit, eine engere u. weitere juristische Bedeutung des Wortes (sofern man beide streng scheiden will) anzunehmen, nicht ein u. es kömmt mir beinahe vor, du seyest dazu blos durch die Begriffsbestim mung des Pseudo-Asconius , den du doch selbst für keine große Auktorität hältst, veranlaßt worden. Wenn deine weitere Definition, « index sey der Anzeiger eines Verbrechens oder Ver brechers in den Fällen, wo entweder inquisitorisches Verfahren stattfand oder bei akkusato rischem blos Magistrate als Ankläger auftreten», richtig ist, so paßt dieselbe vollkommen auch auf die herausgehobne Stelle bei Cicero u. auf alle Fälle, wo ein Mitschuldiger, dem das Gesetz Straflosigkeit verheißen, der index war. Man könnte dann nur etwa 2 Klassen von indices unterscheiden: 1) Mitschuldige des Verbrechens, 2) Nichtmitschuldige, obschon eigentlich bei beiden nur das Motiv u. die rechtliche Folge des indicium verschieden waren. Daß im Sinne | Cicero's blos ein Mitschuldiger als index auftreten konnte, scheint mir aus dem Worte «Quapropter» nicht gefolgert werden zu müssen. Vielmehr scheint mir der Zusammenhang der Stelle dieser zu sein: nachdem Cicero dem Cäcilius vorgehalten, daß er mit dem Verres unter einer Decke gesteckt habe, sagt er zu ihm: deßhalb magst du nun versuchen, ob du als index straflos wegkommen kannst, als Ankläger aber können wir dich nicht brauchen. Es mag darin ein feiner Spott liegen, da die lex repetundarum ohne Zweifel dem mitschuldi gen index keine Straflosigkeit verhieß, nach deiner Definition auch nicht verheißen konnte, sofern nämlich hier auch Privaten die Anklage führen konnten, demnach gar kein indicium vorkam. Ist jene deine weitere Definition richtig, d. h. paßt sie, was ich nun nicht untersuchen kann, zu allen Stellen, in denen «index» u. « in dicium» überhaupt vorkommen, so kann dir auch die Benennung des anklagenden Mitschuldigen kein Bedenken ma chen, da ja in allen Fällen, wo indices vorkommen, entweder überhaupt keine Anklage stattfand oder daß nur Magistraten dieselbe erheben konnten, also nur der Fall denkbar wäre, daß unter den letztern Mitschuldige gewesen wären. Ich kann mir aber nicht denken, daß man jemals einem mitschuldigen Anklä ger hätte Straflosigkeit verheißen, da es gewiß nicht im Intresse des Staates lag, die Anklage, von deren redlicher & geschickter Führung die Bestrafung des Schuldigen hauptsächlich abhing, einem Verbrechensgenossen zu überlassen! – Du kannst nun mit diesen Bemerkungen machen so viel oder so wenig als du willst, sie wurden blos hervorgerufen dadurch, daß du mich über meine Ansicht von dem berührten Gegenstande fragtest. Sonst fühle ich wohl, daß meine Kenntniß des römischen Strafverfahrens viel zu gering ist, als daß ich hier mit irgend welcher Sicherheit absprechen könnte, weßhalb ich auch gerade über die Re geln beim Zeugenbeweise, von dem ich fast gar nichts weiß, gar keine Meinung abgeben will. Auch sehe ich ein, daß man bei so ungleicher Vertrautheit mit einem Gegenstande, wie sie sich in diesem Punkte bei uns beiden findet, eigentlich nur mündlich mit Erfolg über denselben sich unterhalten kann, wo sich Vieles leichter erklären u. berichtigen läßt, als in Briefen.

Mit meiner Arbeit bin ich, soweit es meine daneben laufenden praktischen Geschäfte zulassen, auch immer eifrig beschäftigt. Ich stehe jetzt gerade bei demjenigen Theile derselben, welcher hoffent lich der intressanteste werden soll, dem Straf- und Privatrechte der 2ten Periode, wo sich erst über diese Materien etwas ausführlicher reden läßt. Mein Gesichtskreis hat sich hier schon dadurch bedeutend er weitert, daß ich die Glarus speziell unterworfnen ehemaligen Vogteien (Gaster, Utznach, Werden berg, Gams – sämtlich Theile des jetzigen Cantons St. Gallen) mit in den Bereich meiner Arbeit ziehe. Unser Archiv besitzt über dieselben viele wichtige Urkunden, aber auch daneben werde ich nach möglichster Vollständigkeit der Quellen trachten, wie mir diese für unsern Canton bereits | vorliegt. Andre benachbarte u. stammverwandte Gegenden berücksichtige ich fortwährend in bedeuten dem Maße, doch nur vergleichungsweise; ich glaube dadurch meiner Arbeit ein erhöhtes Intresse geben zu können, ohne daß man deßhalb mit Recht die nämlichen Anforderungen an sie stellen könnte, wie wenn sie sich als Rechtsgeschichte eines weitern Kreises ankündigen würde. Wenn ich meine Arbeit einmal ver öffentlicht haben werde, so wird man hoffentlich daraus erkennen können, wie wichtig u. intressant es wäre, eine Rechtsgeschichte der ganzen Schweiz zu besitzen. Bluntschli hat mit vollem Rechte sein Werk vorzugs weise in die Sphäre des deutschen Rechts hineingezogen u. sich den neuern germanistischen Forschungen angeschlossen; er hat dadurch die Beseitigung einer Menge von Irrthümern u. Einseitigkeiten möglich gemacht, die aus einer zu exklusiven Behandlung der Schweizergeschichte hervorgegangen wären. Aber eben so wenig, wie dieser größre Zusammenhang, dürfen auf der andern Seite die vielen Eigenthümlich keiten unbeachtet bleiben, welche die schweizerischen Rechtsinstitute u. ihre Entwicklung nicht blos in den demokratischen Cantonen, wenn auch hier vorzugsweise, darbieten. Es wird sich daraus von selbst u. ohne Nachweisung eine Erwiederung ergeben auf die neuen Angriffe mancher deutscher Zeitungshelden, die da glauben, unser Vaterland ließe sich ohne weiters wieder mit Deutschland vereinigen u. könnte nur durch eine solche Rückkehr «in den mütterlichen Schooß Germaniens» sein verlornes Glück wieder finden. – Die Darstellung der zweiten Periode wird mich noch etwa zwei bis drei Monate beschäf tigen. Dann werde ich, wie du mit deiner Dissertation gethan hast, meine Arbeit wieder von vorne anfangen, wobei ich ihr nicht blos in der äußern Form ein möglichst anständiges Gewand werde zu geben suchen, sondern auch mit Bezug auf den Inhalt mein tieferes Eindringen in den bearbeiteten Stoff, mein erweitertes Quellenstudium u. der dadurch gewonnene freiere Ueberblick ihr sehr zu gut kommen werden. Es ist wohl beinahe unmöglich, bei einer ersten Arbeit dieser Art die Sache anders anzustellen; später weiß man dann durch Erfahrung schon eher, wie man sich von Anfang an zu be nehmen hat. – Uebrigens fühle ich auch immer mehr, je mehr ich mich der Zeit nach von meinen frühern römisch-rechtlichen Studien entferne, wie sehr ich Unrecht thäte, dieselben ganz bei Seite zu legen. An Produktivität in diesem Fache darf ich freilich nicht denken u. fühle auch keine besond re Neigung dazu; dagegen werde ich immer wenigstens darauf bedacht seyn, das einmal Gelernte nicht wieder zu vergessen, was ohne wiederholte Beschäftigung mit demselben bei meinen sonstigen Geschäf ten u. Umgebungen sehr leicht möglich wäre. Ich finde mich zu solcher, mich immer ganz befriedigender, wis senschaftlicher Thätigkeit desto mehr angeregt, je weniger natürlich meine Praxis meinem geistigen Bedürfnisse ganz genügen kann.

So lächerlich ich auch immer die Behauptung von Bluntschli, Rohmer u. «übrigen Herrn» gefun | den habe, daß der Wahlkampf im Canton Zürich ein europäisches Intresse habe u. daß hier nur ein geistiger Kampf vorgeführt werde, den nächstens ganz Europa werde nachführen müssen, so sehr bin ich doch von der eidgenössischen Bedeutung dieses Ereignisses überzeugt, u. von diesem Gesichtspunkte aus vorzüg lich bin ich demselben mit größter Theilnahme gefolgt. Das Ergebniß, so weit es sich bis jetzt ermitteln läßt, scheint mir ein erfreuliches zu seyn; denn wäre die bis dahin herrschende (conservativ-antistrau ßische) Parthei gänzlich unterdrückt worden, so hätte dies die unglückliche Spannung nur forterhalten, die seit dem September im Canton geherrscht hat. Billige Vertretung beider Partheien in den Behörden ist gewiß das, was gegenwärtig Zürich vorzugsweise Noth thut. Die Tendenz des Cantons aber in der auswärtigen Politik wie in der innern Gesetzgebung wird von nun an wieder eine liberale, vor wärts schreitende seyn; dafür bürgt mir, wenn auch das numerische Verhältniß der Partheien im Großen Rathe noch nicht feststeht, doch das Uebergewicht der Liberalen an Intelligenz u. Bildung. Ob wohl Keller die ihm übertragne Kantonsrathsstelle annehmen wird? Dieses u. die Ergänzungs wahlen des Großen Rathes sind die Nachrichten, worauf ich am meisten gespannt bin. – In unserm Canton hat das neulich den Gemeinden vorgelegte evangelische Kirchengesetz das politische Leben wieder angeregt. Ich meinerseits ging von der Ansicht aus, daß auch in der Kirche, wie in andern Verhältnissen, eine Ord nung herrschen müsse, die uns jetzt gänzlich fehlt, u. daß auch die vorgeschlagne Organisation, eine gemischte Synode u. einen Kirchenrath aufstellend, dem Bedürfnisse der Zeit u. den Anforderungen der Vernunft entspreche, u. habe daher dieselbe in Wort u. Schrift vertheidigt. Unsre Radikalen hingegen traten in ihrer Mehrheit dem Gesetze entgegen, u. ich kann mir diese Opposition sehr leicht erklären, sofern sie sich auf die als Urheber desselben bekannten Personen bezog, da man gerade von dieser Seite her auch unsern Canton zu septembrisiren versucht hatte u. deßhalb nun die Bildung eines Glaubenscomité's u. ähnliche Gespenster in Aussicht gestellt wurden; gegen die Sache selbst aber konnte auch nicht ein stichhaltiger Grund vorgebracht werden, u. jene Befürchtun gen werden sich gewiß jedem Unbefangnen, der den geringen Einfluß der Geistlichkeit bei uns u. die geringe Neigung unsres Volkes, sich für die Religion fanatisiren zu lassen, wie auch den gänzli chen Mangel einer Veranlassung dazu kennt, als mindestens übertrieben darstellen. Diese Opposi tion hatte indessen sehr leichtes Spiel; denn nach dem neuen Gesetze sollte das Volk seine kirchliche Souveränetät der Synode übertragen, u. dieses brauchte man ihm nur begreiflich zu machen, um es schnell zur Verwerfung zu stimmen. Diese ist nun wirklich erfolgt u. hat freilich eine Wirkung gehabt, welche die Radikalen nicht beabsichtigen konnten: das Volk ist gegen alles Neue u. Ungewohnte, | welchen Namen es immer tragen möge, mißtrauisch u. gereizt geworden. So sagt man jetzt, auch das neue Hypothekargesetz, das, wenn es auch dem Juristen keineswegs ganz genügen kann, doch im Vergleiche zur gegenwärtigen completen Unordnung, die alle Sicherheit des Vermögens aufhebt, ein sehr erfreulicher Fortschritt wäre, solle an der Landsgemeinde verworfen werden, natürlich nicht weil das Volk Gründe dagegen hat, sondern blos weil es etwas «neues» sey, car tel est notre plaisir! Eben so wolle man auch, da über die revidirte Verfassung abgestimmt werden soll, wieder die ganze alte Verfassung, die bis 1836 bestanden, einführen, weil man sich bei dem «Neuen» schlecht befunden habe. An das Letztre glaube ich zwar noch nicht; allein wenn nur sonst zweckmäßige Neuerungen verworfen werden, so war es schon ge fährlich genug, den Leu zu wecken!

Es ist dir wohl schon bekannt, daß Pfarrer Heer in Matt resignirt hat u. von seiner – gewiß zwar für manches Gute, das er gewirkt, nicht sehr dankbaren – Gemeinde «mit jubelndem Mehr» entlassen worden ist. Dadurch ist nun auch Zwicki seiner Verpflichtung gegen ihn enthoben worden u. konnte nun unbedenklich einem Rufe nach Betschwanden folgen, wo er als Pfarrvikar für ein Jahr von der Vorste herschaft gewählt war. Mit dieser blos temporären Anstellung hat er sich indessen nicht begnügen wollen u. erwartet nun seine definitive Wahl als Pfarrer von der Gemeinde. Die Wahl wird nach einigen Wochen stattfinden u. wird hoffentlich zu seinen Gunsten ausfallen; die Gebildetern wenigstens sind sämtlich für ihn gestimmt, dagegen soll unter dem Volke Freuler, der gegenwärtig in Zürich sein Exa men macht, einigen Anhang haben u. vielleicht dient Zwicki sein, wie gesagt wird, nicht sehr glänzender Predigtvortrag nicht gerade zur Empfehlung. – Christoph Tschudi ist nun hier angelangt; ich habe ihn aber noch nie gesehen u. weiß daher nicht, ob er mir den Herrgott mitgebracht hat. Sollte dieses nicht der Fall seyn, so bitte ich dich ihn mir mit der Post zu schicken. Daß dir Tschudi's verlänger ter Aufenthalt in Zürich auffallen mußte, ist sehr begreiflich; der Grund davon liegt in seiner bekannten Abneigung gegen das Waffenhandwerk, da er inzwischen an hiesigen Militärübungen hätte Theil nehmen müssen. Ich zwar habe (Gottlob!) nichts damit zu thun gehabt u. bin bis zum Herbst vom Militär frei. – Grüße mir Sinz u. Zwicki, dessen Beförderung mich sehr freuen wird, u. vorzüglich auch Schneebeli, wenn er einmal dich besuchen wird. Empfehle mich deinen verehr ten Eltern u. sey herzlich umarmt von

deinem

J J Blumer.