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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0265 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 59 | Jung, Aufbruch, S. 89–90 (auszugsweise)

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Tarma, Donnerstag, 24. März 1842

Schlagwörter: Flora und Fauna, Freundschaften, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Tarma. 24. 3. 42. im Gebirge.

Mein theurer Alfred. Wenn auch bald 3 Jahre verstrichen sind, daß ich dir nicht geschrieben habe und bald zwei, daß ich deine beiden lieben Briefe1 vom 26t Merz & 11ten Juni 1840 erhalten habe, ohne sie dir zu beantworten, so glaube doch nicht, daß es aus Nachläßigkeit od. aus Erkalten meiner Freundschaft und Liebe zu dir geschehen sey. Nein, jene Gefühle, die ich, kaum aus dem väterlichen Hause getretten, und allein in die Welt gestellt, zu dir hegte, sind in meinem Herzen nicht erloschen. Mit dem nämlichen Feuer, der nämlichen Innigkeit liebe ich dich wie damals, wo unser lezter Händedruk uns ein langes, langes Lebewohl ankündigte, deine mir so theuren Briefe, bereiten mir noch jezt meine köstlichsten Stunden; es war eine schöne Zeit als einer deiner Briefe schloß «Lebe wohl, dimidium animae meae2 ». Ob diese noch existieren? ob sie wiederkehren werden, diese Gefühle in Dir, die mich so glüklich machten? In mir sind sie unverlöschbar, und ich will nicht ungerecht gegen dich sein, ich will glauben, ich bin überzeugt, in dir sind sie ebenso wach. Du bist in Europa, im Schoße deiner Familie im Kreise deiner Freunde, geliebt & geschäzt, und dennoch ist dir das Andenken eines fernen Freundes theuer & du nimmst dich seiner mit warmem Intreßen an, sollte es denn nicht doppelt in mir sein, der ich ferne von Allem was mir je in meinem Leben lieb und theuer war, allein in die weite Welt gestoßen bin? auf mich beschränkt, alleine, die Gefahren und Mühen der brennenden Sandwüsten, der öden Hochebenen & der düstern Urwälder ertragend, ohne Freund, ohne Begleiter, einzig getröstet & genährt: durch die Errinnerung der schönen Zeit die ich im Circel der Freundschaft im fernen Europa verlebte, und bei dernern Errinnerung du als Freund, und Bruder, die schönste & freundlichste Stelle einnimmst. Doch, diese Errinnerungen, die mich glüklich und dennoch trübe machen, warum sollen sie den engen Raum dieses Blattes ausfüllen? Du kennst & du verstehst sie. Was du fühlst, warum soll ich es denn dich noch mehr fühlen machen?

Dein erster lieber Brief enthielt Vieles, was meine Aufmerksamkeit verdiente & erfreute mich sehr in seinem ganzen Inhalte. Vor allem meinen herzlichen Dank für deinen Eifer mit dem du eine Actiengesellschaft zu sammen zu bringen suchtest, ich anerkenne deine liebevollen, reinen Beweggründe, aber erlaube mir zugleich dir zu sagen, daß es mich unendlich freut, daß sie nicht zu stande gekommen ist & daß, wenn sie auch ins Leben getretten wäre, ich nie Gebrauch von dem Gelde gemacht hätte, noch mich entschloßen haben würde, für Actien zu reisen. Du sagst in deinem Briefe, «du bist doch nur ein sammelnder Naturforscher», freilich ist es wahr, daß ich ein sammelnder Naturforscher bin, und glaube, daß jeder Reisende in fremden Landen der die möglichst nüzlichen Früchte aus seiner Reise ziehen will, ein solcher sein muß, aber ich glaube das nur ist zu viel, ich fühle mich zu etwas Beßerm bestimmt als zum bloßen Sammeln & habe mir seit dem Anfange meines Unternehmens als heilige Pflicht vorgesezt, aus der Reihe jener einseitigen & unbedeutenden Reisenden zu tretten, die gleich commis-voyageurs, die Natur als Handelsartikel betrachten. – Ich beobachte, ich studiere & suche bei jedem Schritte meine Kenntniße zu erweitern indem ich der Natur auf ihren geheimen Spuren nachzugehen trachte. Glaube mir, wenn ich einseitiger gewesen wäre, meine Sendungen nach Neuchâtel wären beträchtlicher gewesen. Wenn ich Abends um 6 Uhr zerrißen, blutend, müde, ohne den ganzen Tag einen Bißen zu mir genommen zu haben, aus dem Urwalde, nach meiner einsamen Waldhütte kam, war mein erstes Geschäft meine Jagdbeute abzuziehen & zu conservieren & dann die Anatomie aller Vögel und Säugethiere zu untersuchen & notieren, deren Bälge im Museum aufbewahrt werden. Alle Classen des Thierreichs habe ich durchstudirt, die Gesetze des Pflanzenwuchs etc. nach Schimper's3 Grundsätzn, die er mir im freundschaftlichen Umgänge erklärt & empfohlen hat, beobachtet, ich habe Monate lang mich der Geologie gewiedmet & die intressantesten Verhältniße aufgefunden. So mein theurer Freund, habe ich gesucht, mich einerseits nützlich dem Museum zu machen, andrerseits meine Kenntniße im wahren Studium der Naturwißenschaften auszubreiten. Ich weiß, was Actionairs verlangen & weiß wie schwer sie zu befriedigen sind; außerdem muß mein Hauptzwek sein, alles Neue beisammen & als Neu zu erhalten um spätern Arbeiten als Basis zu dienen, wie kann ich das thun, bei dem vielen Neuen was ich finde & bei dem Wunsche eines jeden Act. das Beste und Neueste zu erhalten? Vielleicht hast du nicht alle diese Gründe so erwogen wie ich, hast nur meine damalige Noth, und die Mittel mich am besten aus derselben zu ziehen im Auge gehabt. Ich danke dir herzlich dafür. –

Deine Krankheit hat mich herzlich betrübt, ich habe für dich gezittert, denn ein leises Vorgefühl sagte mir, daß dir etwas begegnet sey; ich bin nie abergläubisch gewesen, aber es giebt dennoch gewiße Vorfälle, die die Aufmerksamkeit erregen & das Nachdenken in Anspruch nehmen; so begegnete es mir in Lima (Tag und Stunde habe ich in meinem Tagebuch aufgezeichnet), als plötzlich ohne alle äußere Ursache dein Ring, der mir seit ich ihn erhalten, nie vom Finger kam, mich durch alle meine Gefahren begleitete, entzwei brach & weit weg vom Finger sprang. Ich nahm ihn traurig von der Erde auf & dachte recht innig an dich. Gott möge dich vor allem Unglüke beschüzt haben! Wie gerne wäre ich dir beigestanden & hätte dich in deinen Leiden zu trösten gesucht, ach, es war mir nicht vergönnt, vielleicht nicht einmal dich je wieder an meine Brust zu drüken. Mein Weg ist weit, & gefahrvoll, meine Bahn unsicher und meine Zukunft verhängnißvoll.

Eben so tief fühlte ich die Krankheit deines guten Vaters, durch dich sind mir deine Eltern theuer geworden, & ich errinnere mich mit Liebe & Dank der freundschaftlichen Theilnahme, die sie mir stets bewiesen haben. – Ich habe mich der Leiden deiner lieben Mutter in der Winterzeit, mit den Frostbeulen nicht vergeßen, und schike dir für sie mit der ersten Kiste die nach Neuchâtel abgehen wird, ein Mittel, das ich hier mit dem glüklichsten Erfolge immer verordnet habe. Es sind trokne Blätter, von denen ein kleines Quantum (3 Fing. voll) in starkem Aufguße in heißem Waßer einige Zeit, wie Thee, gelaßen werden; um davon wenn der Aufguß etwas erkaltet ein Manilavium4 zu nehmen. Dies Mittel muß alle Tage wiederhollt werden, (etwa 10–12 Tage lang) und das Handbad ungefähr eine kleine Viertelstunde dauern. – Ich empfehle dir sehr dies einfache Mittel, wünsche den glüklichsten Erfolg um dir mehr davon zu remitieren wenn der Effect meinen Hoffnungen entspricht. |

Du wirst deine Studien schon beendigt haben, wenn du diesen Brief erhältst und dich in's häußliche Leben zurückgezogen haben, schreibe mir doch recht viel davon, es heimelt mich recht an, wenn ich so geringe Umstände höhre, die mir eine schöne Vergangenheit ins Gedächniß zurükrufen, und ich brauche dir nicht zu sagen, daß Alles was dich betrifft in mir immer das wärmste Intreßen erregt. Wenig sagst du mir über Zürich, und meine Freunde & Profeßen; Wo ist Arnold5? was macht Vater Oken6? mein alter treuer Prof. Hottinger7? und Schinzli8? Von Schönlein9 weiß ich, daß er in Berlin ist, ich habe ihm 2 Briefe von Lima aus geschrieben. Deine Andeutung auf die Lehrstelle Oken's machte mich viel nachdenken, aber, aufrichtig gestanden, ich fühle mich zu schwach; mir geht es so, wie jenem Philosophen, der sagen sollte, was Gott sei und der täglich mehr einsah, daß er eine solche Erklärung unmöglich sei. Je mehr ich die Natur ausbeute und studiere, desto mehr erkenne ich wie groß und gränzenlos sie ist und daß mein Wißen unendlich klein & begränzt ist. Erst wenn ich mit mir selbst zufrieden bin, werde ich lehren, was ich gelernt habe. – Du kannst dir keinen Begriff machen wie nichtig, einseitig und falsch mir alle Systeme, die ich bis jezt durchstudirt habe, vorkommen, denn sie existieren nicht in der Natur, sie sind Produkte unrichtiger Naturanschauung, künstliche Zusammenstellungen secundaerer Aehnlichkeiten, Körper ohne Seele. – Es besteht ein inniger und ewiger Zusamenhang in der Natur, der auf eine Basis gestüzt ist. Diese Basis ist das Leben, dies muß das erste & Hauptstudium des Naturforschers sein, ohne das selbe, nur nach todten Körpern urtheilend & dieselben untersuchend, kann er unmöglich Gesetze finden, Systeme ohne Gesetze (Naturgesetze nicht Fühlhörner, Schuppen od. Schnabel- und Fußgesetze) sind Gebäude ohne Fundamente, Arbeiten die weder bestehen noch fruchtbar sein können. – Ich fühle, ahne & suche das Grundgesetz der Schöpfung, ich habe es aber noch nicht gefunden. Ich hoffe einst meine Ansichten darüber in einer «philosophischen vergleichenden Physiologie, des Thierreichs» niederzulegen.

Ich habe alle meine Sammlungen nach Neuch. remitiert und glaube ganz sicher annehmen zu dürfen, daß ihr Werth den der Ausgaben jenes Museums für mich übersteigt, nämlich wenn sie unbeschädigt ankommen. Ich habe erst Nachricht von der ersten Kiste, die ich absiegelte, Hr Coulon10 schrieb mir einen sehr schmeichelhaften Brief darüber & sagte mir, sie habe allen denen, die schon gegen mich zu murren anfingen, den Mund gestopft. Es liegt mir übrigens durchaus nicht daran, was die Leute über mich und meine Reise sagen & criticieren mögen, ich habe gelernt mich über solche niedrigen Urtheile wegzusetzen, wenn ich das Bewußtsein erfüllter Pflicht in mir trage; und deshalb habe ich, religioes und ernst geurtheilt, mir noch keine Vorwürfe zu machen gebraucht. Eine Landreise, ein langer Aufenthalt in Wäldern, ferne von von allen Communicacien mit gebildeten Menschen, Geldmangel etc. alles trägt dazu bei die Remisen langsam zu machen, wie ich es genöthigt war zu thun, denn 2 Jahre nach meiner Abreise von Lima konnte ich erst mit meinen Sammlungen dahin zurükkehren. Doch genug davon! – Dennoch kann ich hier die Bemerkung nicht unterdrüken, daß ich mit dem Betragen der Neuchâteler gegen mich ungemein zufrieden bin und nie weniger11 erwartet habe; ich habe aber [doch?] eine ganz besondere Neigung zu diesem Museum genommen, das ich auf alle mögliche Weise vorziehen werde, soweit es in meinen Kräften steht. – pero basta.

Die Fortsetzung meiner Reise wird für dich gewiß von einigem Intreßen sein, und ich will da fortfahren, wo du mich im July 1839 in meiner Waldhütte ließest. Kurz nachdem ich meinen Brief an dich schloß fingen meine Leiden erst recht an. Nachdem ich die Correspondenz nach Europa geschloßen hatte, es war den 4t July (Ich glaube in meinem Briefe habe ich ein etwas späteres Datum aus Versehen gesetzt) schikte ich Klee12 mit den Briefen nach dem von Christl. Indian. bewohnten Theil der Wälder, damit von dort ein Fußbote nach Tarma mit denselben gesandt werde um sie dem Curier nach Lima zu übergeben. Ich blieb also ganz alleine in dem unheimlich düstren Urwalde, jagte den ganzen Tag & legte mich spät sehr müde, auf mein ärmliches Bette, das nur aus meinen Satteldeken bestand (denn Matrazen füllen sich sehr bald mit allen Arten Insekten & Reptilien) als ich ungefähr um 2 Uhr morgens durch das Bellen eines Hundes aufgewekt wurde. Ich ergriff meine Flinte, indem ich glaubt es seie ein Omeyro, eine Art Vielfraß, der ein dem Hunde sehr ähnliches Geschrei hat, näherte mich der Rohrwand meiner Hütte, um zu sehen, ob das Thier in Schußweite von mir sei, als ich auf einmal sprechen hörte und das Geräusch der Chunchos, die dicht an meiner Wohnung vorbei zogen, bemerkte, der Hund bellte fort, die Chunchos hielten an, als wenn sie sich berathschlagen würden, und zogen aber bald ab. Meine Lage war kritisch, allein, ohne auf den entferntesten Beistand zählen zu können, von einer Unzahl der grausamsten Feinde bedroht. Die Chunchos bilden einen jener vielen Indianerstämme, die die für die Europäer undurchringlichen ebnen Urwälder Perus & Brasiliens bewohnen. Dieser Stamm ist sehr zahlreich, und durch seine Grausamkeit ausgezeichnet & der nach den Casibos & Pirros, die Antropophagas13 im schauerlichsten Umfange des Wortes sind, denn sie mästen ihre Kinder bis zum 10t od. 12t Jahre besonders die erstern & freßen sie auf; zu den für die Weißen od. vielmehr Cultivierten Bewohnern der Montaña, gefährlichsten Feinden gehört. Nach verschiedenen Mißionsberichten, die ich im Mißionärkloster von Ocopa auffand, sollen sie ebenfalls die Körper ihrer Feinde verzehren & Kopf & Füße als Lekerbißen betrachten. Die erste Gefahr war also vorüber, nächstentags kehrte Klee zurük, und wir gingen, wie gewöhnlich jagen, trafen überall abgebrochne Zweige die den Indianern als Wegweiser dienen. Abends um 7 Uhr nachdem wir unsre spärliche Mahlzeit zu uns genommen hatten, spaltete Klee den nöthigen Holzbedarf für den nächsten Tag und ich las vor der Hütte an einen Baumstamm gelehnt, als plötzlich das Jagd- od Kriegsgeschrei der Chunchos ganz nahe bei uns | ertönte, wir sprangen in die Hütte, verrammelten die Thüre und sezten uns in Vertheidigungszustand, das Geschrei hörte auf. Die Chunchos hatten sich bei einem Flüßchen, das 300 Schritte vor der Hütte vorbei floß gelagert. Ungefähr 2 Stunden dauerte dies ängstliche Schweigen, während welchem wir uns mit Patrondrehen beschäftigte als das dem Heulen wilder Thiere so ähnliche Geschrei wieder anfing; wir zogen uns auf eine von Rohr gemachte obere Abtheilung der Hütte zurük um uns wenigstens vor einem ersten Angriff zu schützen; die Chunchos näherten sich, kamen ans Haus untersuchten uns von allen Seiten und wir kaum eine Spanne weit von ihren Köpfen mit gespannten Flinten, aufs äußerste gefaßt. Doch Dank sei der Vorsehung, die Hüttenuntersuchung fiel zu unserm Vortheile aus, die Wilden, die dem Eingang verrammelt fanden, vielleicht hartnäkigen Wiederstand zu finden glaubten, od. auch uns wirklich nicht anzugreifen gedachten, zogen sich wieder nach dem Fluße zurük und machten ein großes Feuer an. Ich fürchtete sie werden mit einem brennenden Pfeile das Palmdach in Brand steken & bereitete deshalb eine Blechbüchse mit einem Pfund Pulver und einem Schwefelfaden so, um in diesem Falle leztren anzusteken, in den Indianerhaufen zu schmeißen & beim Zerplatzen derselben & bei dem panischen Schreken, den die Explosion unter demselben verbreitet haben würde einen verzweifelten Ausfall zu machen & mich zurükzuziehen suchen; denn wir kannten alle geheimen Schlupfwinkel des Waldes genauer als die Indianer & hatten so eine nicht ganz ungegründete Hoffnung auf unsre Rettung. Doch glüklicherweise kam es nicht soweit. Unter fürchterlichem Geschrei zogen sich die Chunchos Morgens um 4 Uhr wieder zurük. Nachher wurden wir noch unzähligemal von ihnen bedroht & ihre schaudererregende Kriegsmusik von Holztroppeten rief uns noch oft zu den Waffen. Nur ein mal hatten wir halbfreundschaftliche indirecte Relationen mit ihnen. Auf einer weitern Jagdtour, trafen wir uns plötzlich in Palmapata vor ihren besten Hütten; sie waren leer, aber mit allem nöthigen Versehen, um die Küche zu bereiten. Ich hing ein paar Ohrengehänge in eine derselben & wir zogen uns zurük. 2 Nächte hernach legten sie uns ungefähr eine halbe Arroba14 Yucca, eine Wurzel die ein sehr angenehmes Nahrungsmittel ist, neben unser Haus. Wir aßen sie zwar nicht aus Furcht sie möchten vergiftet sein, nahmen sie aber als Freundschaftzeichen an & hätten vielleicht noch in Verbindung mit ihnen tretten können, wenn nicht ein andres Ereigniß meine Pläne gekreuzt hätte.

Ende August trat ein in dieser Jahrszeit ganz ungewöhnlicher Regen ein, der Tag und Nacht dauerte, alle Flüße schwollen auf, und der Aynamayo, den wir immer paßieren mußten um nach der bewohnten Montaña zu gehen & der auch in der troknen Jahreszeit reißend & tief ist, so daß uns beim paßieren das Waßer bis an die Brust reichte (Brüken zu machen war seiner Breite wegen unmöglich) wuchs so sehr, daß es physisch unmöglich war auf sein andres Ufer zu gelangen, der Wald schien ausgestorben zu sein, keinen Vogel, kein Thier konnten wir sehen, was auch umsonst gewesen wäre, denn die Feuchtigkeit erlaubte uns nicht zu schießen. Es traf uns also eine andere Noth, nämlich die des Hungers, 15 Tage lang genoßen wir nichts als Wurzeln, die wir uns im Walde suchten, und jeden Tag eine Handvoll Erbsen, die ich glüklicherweise als Vorrath aufbewahrt hatte! Doch diese geringe Provision ging zu Ende und wenn sich nicht der Himmel erheitert hätte & wir einen Mundvorrath hätten jagen können, hätte sich meine Carrière dort ziemlich traurig geendigt. Alle diese Umstände bewogen mich meinen Aufenthalt im Innern des Urwaldes aufzugeben & nach einer 3monatlichen Leidenszeit zog ich mich in den von christlichen Indianern bewohnten Theil desselben zurük, wo ich bis December 1840 mein Hauptquartier aufschlug. – Das Leben in diesen Wäldern ist beschwerlich & mit unendlichen Gefahren verbunden, die größte biethen die Wilden dar. Die 2t der Mangel an Nahrungsmitteln; diese können nicht aufbewahrt werden, denn die Ameisen, Würmer & besonders die Feuchtigkeit zerstöhrt sie sehr schnell. Man muß sich daher mit der Jagd begnügen, die einem Affen, Beutelthiere, od. Vögel in den Topf liefert; dieselbe ist aber ebenfalls sehr beschwerlich da der Wald sehr dicht zugewachsen ist und man sich mit dem Meßer in der Hand den Weg bahnen muß & immer ausgesezt ist auf einen Tiger od. ein andres großes Raubthier zu stoßen. Die unerträgliche Hitze des Tages & die Mosquitos des Nachts, dienen nicht gerade dazu das Dortige Leben zu verschönnern.

Im Februar 40 ging für 10 Tage nach Lima um mich mit neuem Pulver & Schrotvorrath zu versehen, kehrte zurük und blieb bis im Juli dort, von wo ich dann alleine nach der Cordillère ging um die dort lebenden Thiere und Vögel zu schießen und untersuchen. Wenn das Leben in den Wäldern unangenehm ist, so ist das der Cordillère noch viel unangenehmer. Da mein Hauptzwek war Vicuñas, Rehe, Hirsche etc. zu schießen so zog ich mich nach den wildesten & unbewohntesten Theilen der Anden zurük, dem Lieblingsaufenthalte dieser Thiere. 20 Tage lang lebte ich in einer Höhle bei einer Temperatur von +2° R.15 Alle Morgen waren meine Satteldeken, die mir als Bettdeken dienten, Finger hoch mit Schnee bedekt & das Tuch, womit ich mir das Gesicht zu dekte damit es etwas vom Schnee gesichert sei, triefend naß. Gerösteter Mais und etwas Käse war mein Nahrungsmittel. Doch die Ausbeute belohnte meine Bemühung. Ich tödtete 10 Vicugnas von denen ich 6 nach Neuchâtel remitierte (4 waren unbrauchbar) ein Reh, einen neuen Hirsch, Alpacas, Vögel etc. Die Vicuña jagd ist sehr beschwerlich, auf dem Bauche kriechend müßen sie belauscht werden & wenn sie angeschoßen fliehen, auf den kleinen Punapferden in Carnière verfolgt werden, um sie mit den Bolas zu werfen; und so zu tödten. Es geht auf diesen schlecht aussehenden Pferden wie Sturmwind durch Ebnen, bergauf, bergab & Abgründen vorbei & oft erst nach einem mehrstündigen Rennen erhält man die Beute; denn die Vicugnas haben ein | sehr zähes Leben & laufen auch auf 3 Beinen schneller wie ein Pferd. – 2 Monate lang blieb ich den Hochebnen & den Anden, kehrte im September nach einem Indianerdorfe in der Puna Chacapalpa zurük. Die angestrengten Arbeiten, mein ärmlichen Nahrungsmittel, die fortwährende Feuchtigkeit & durchdringende Kälte (ich war oft 8 Tage lang mit triefend naßen Schuhen & Strümpfen ohne sie wechseln zu können, denn alle meine Kleider waren durch den fortwährenden Schnee in meinem Mantelsake durchnäßt) fingen an etwas nachtheilig auf meine Gesundheit einzuwirken & es erklärte sich eine heftige Dyssenterie16. Hic yacet17 dachte ich bei mir, ohne Arzneien, ohne Abwart, auf einem Bette von Steinen, nur mit dem was ich auf meinem Sattel mitschleppte geschüzt, in einem Indianerdorfe, in dem ein Fremder gerade so gut angesehen wird, wie bei uns ein Tiger der der Menagerie entspringt, alles machte meine Lage etwas kritisch. Doch hatte ich das Glük, daß mich im nämlichen Dorfe 2 Monate früher ein Indianer zum Gevater genommen hatte & bei dem ich doch etwas mehr an Obdach und Pflege fand, als wenn ich dort zum erstenmale durchgekommen wäre. Nach fünf Tagen, als ich sah, daß die Sache ein etwas verdächtiges Ansehen nahm & keine Aussicht auf Beßerung vorhanden war, errinnerte ich mich eines gewißen deutschen Sprichworts & folgte dem Rathe meiner Gevatterin, und nahm ein großes Glas voll von einem aus Mais gemachten starken & berauschenden Getränke; Chicha genannt, fühlte mich bald etwas beßer, und war nach 3 Tagen völlig hergestellt, indem ich täglich ein großes Quantum von dieser Bierart trank. Diese Cur war glaube ich weder rational noch nach artis lege; der verzweifelnde Zustand in dem ich mich befand entschuldigt aber hinlänglich die Befolgung eines Rathes, der auf Erfahrung gestüzt war. – Erfahrung macht klug; ich habe seither der herrlichsten Gesundheit genoßen, aber zugleich auch die nöthigen Vorsichtsmaßregeln gebraucht.

Von den Cordilleres kehrte ich nach den Wäldern zurük, die eingetrettene Regenzeit machte daß mich meine Abreise beschleunigen. Ich pakte also meine Sammlungen zusammen und brachte sie mit unendlichen Mühen & Gefahren nach der Küste. Den 31t December 1840 traf ich in Lima ein. Die ersten Monate des Jahres 1841 brachte ich mit Einpaken & Versenden der naturhist. Gegenstände zu. Ende Februar ging ich nach dem Hafen von Huacho, nördlich von Lima gelegen, machte dort eine Sammlung von Fischen & tödtete 3 Seehunde, die ich mit dem Rest der Sammlungen Ende Aprills nach Europa schikte. Verschiedene kleinere und größere Touren machte ich während der Winterzeit an der Küste (von May bis September) hatte aber als Centralpunkt Lima genommen. Den 20t 8tbr kehrte ich wieder nach dem Gebirge zurük, besuchte die so berühmten Minen des Cerro de Pasco, wo ich mir reiche Stufen verschaffte; kehrte im Januar 1842 für acht Tage nach Lima zurük und kam wieder hieher um nächste Woche nach der Cordillère zu gehen. Da die größern Cordilleren thiere im Februar gebähren & die Vögel sich in diesem Monate mausern, hoffe ich dort etwas zusammenzubringen. Ende May od. Anfang Juny werde ich nach Lima zurükkehren. (Ueber meine fernern Pläne weiter unten).

Fremde Naturforscher kamen während ich hier ( in Peru bin) mehrere; nach Chile und den peruanischen Küsten. Der thätigste von allen ist der preuß. Geologe Baron von Winterfeldt18; wir haben mehrere größere Arbeiten über die geolog. Verhältniße der Anden angefangen & wären dabei schon weiter gekommen, wenn nicht langwierige Krankheiten und Wichtige Grubenarbeiten, den Baron etwas zurükgehalten hätten. Ein andrer sehr thätiger Naturforscher ist Herr Hartwich19 aus dem Großherzogth. Baden, der gegenwärtig in Cuenca & Loja in der Republik Ecuador für eine engl. Gartengesellschaft reißt. Hr. Henrik Kröyer20 kam an Bord einer dänischen Kriegsfregatte nach Callao & hatte damals schon eine ausgezeichnet schöne & reiche Sammlung von Mollusken etc. Der preuß. Steuermann Hr. Bernhard Philippi21 reißt in Chile, schade daß er keine gründlichen Prinzipien in irgendeinem Theile der Naturwißenschaften hat um größern Nutzen aus seiner Reise zu ziehen. Ein gewißer Baron Poppler von Terloo22 Belgier, wenn ich nicht irre reißt auch hier in Peru herum; man könnte ihm das nämliche was Philippi wünschen. (Um dir einen Begriff von seinen naturhist. Kenntnißen zu gegen23 , mag folgendes Beispiel hinreichend sein. Als er sich in Valparaiso aufhielt, kamen die Huasos und verkauften ihm Hühner dennen sie künstliche Entenköpfe angenäht hatten & vice versa, als sehr seltne Thiere, die er auch als solche kaufte & im Weingeiste wohlbewahrt nach Europa sandte; ein andermal kam er zu uns & sagte er habe ein ganz ausgezeichnet seltnes Thier erhalten, wie ich wußte war es weiter nichts als die gemeinste Art Didelphis24 (Beutelthier) die hier vorkömmt, demungeachtet gab er beim franz. Apotheker 6 Thlr für Weingeist aus um die Seltenheit nach Belgien zu remittieren. Er führt ein Tagebuch, da er aber so leicht gläubig & zugleich dumm ist, so wird ihm wie ich in Cerro de Pasco erfuhr fürchterlich aufgeschnitten. Und solche Männer publicieren hernach Reisebeschreibungen! ! & schreiben naturhist. Werke.)

Doch jezt noch zu einem wichtigen Theile meines Briefes nämlich zu meiner Zukunft. Es sind jezt schon 4 volle Jahre verstrichen seit ich von Europa weg bin. Ich hatte nicht mehr als 19 Jahre, als ich die alte Welt verließ, und in einer wichtigen Stellung unabhängig, ohne Freunde & ohne Rath mich – isoliert – mich in kritischen Lagen befand. Ich hatte mit Unglük, mit Armuth, Hunger und Noth zu kämpfen, habe mich aber dank einer gütigen Vorsehung immer mit glüklichem Erfolge allen diesen Wiederwärtigkeiten entgegensezt & sie bekämpft. Ich habe gearbeitet was in meinen Kräften stand, aber ich fühle dennoch noch nicht jene innere Genugthung, die mich einst beßer und reicher als Ruhm und Ehre belohnen wird. Bei meiner Abreise vom heimatlichen Boden habe ich mir heilig gelobt, entweder nie dahin zurükzukehren od. nur dann wenn ich eine völlige Zufriedenheit mit mir selbst erlangt habe und eine Arbeit ausgeführt , die mich würdig machen kann, neben meine Lehrer gestellt zu werden, derren mühevollen Lebenslauf & tiefen Kenntniße ich immer mit Ehrfurcht bewundert habe.25

Sei so gütig innliegende Briefe26 an Ihre Addressen zu remitieren. Den an Dr Amsler27 mit etwas Vorsicht, daß er nicht verloren gehe, es ist wahrscheinlich daß er nicht mehr in Königsfelden ist. Ich bitte dich daher die nöthigen Erkundigungen einzuziehen um ihn mit Sicherheit zusenden zu können .28

Kommentareinträge

1Briefe nicht ermittelt.

2Dimidium animae meae (lat.): Hälfte meiner Seele.

3 Karl Friedrich Schimper (1803–1867), badischer Botaniker und Geologe.

4Manilavium (lat.): Handbad.

5 Philipp Friedrich Arnold (1803–1890), ordentlicher Professor für Anatomie an der Universität Freiburg i. Br.

6 Lorenz Oken (1779–1851), ordentlicher Professor für Naturgeschichte, Naturphilosophie und Physiologie des Menschen an der Universität Zürich.

7 Johann Jakob Hottinger (1783–1860), ausserordentlicher Professor für schweizerische Geschichte an der Universität Zürich.

8 Heinrich Rudolf Schinz (1777–1861), ausserordentlicher Professor für Zoologie an der Universität Zürich.

9 Johann Lukas Schönlein (1793–1864), ordentlicher Professor für medizinische Klinik, Pathologie und Therapie an der Universität Berlin.

10 Louis Coulon (1804–1894), Direktor des naturhistorischen Museums in Neuenburg und Präsident der Société neuchâteloise des sciences naturelles.

11Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «mehr» .

12 Eduard Klee (geb. 1815?), preussischer Matrose.

13Anthropophagie (gr.): Menschenfresserei, Kannibalismus.

14Arroba: altes spanisches Handelsgewicht, entspricht ca. 11,5 Kilogramm.

152 Grad Réaumur entsprechen ca. 2,5 Grad Celsius.

16Dysenterie: Ruhr.

17Hic iacet (lat.): Hier liegt er.

18 Leopold von Winterfeldt (geb. 1800?), preussischer Geologe, Leiter der englischen Firma Gibbs, Crawley & Co. in Lima.

19Person nicht ermittelt.

20 Henrik Nikolaj Krøyer (1799–1870), dänischer Zoologe.

21 Bernhard Eunom Philippi (1811–1852), preussischer Seemann, Forschungsreisender und Naturforscher.

22 Jean Baptiste Popelaire de Terloo (geb. 1810), belgischer Forschungsreisender.

23Verschrieb, wohl gemeint: «geben» .

24Didelphis: Opossum, Beutelratte.

25Tschudis Pläne für die kommenden Jahre, die er seinem Bruder Friedrich ausführlich darlegte, sahen eine mehrjährige Forschungsreise durch ganz Peru vor und die Ausarbeitung umfassender historischer, geographischer, biologischer und zoologischer Werke. Doch bereits Ende August 1842 trat er die Rückreise nach Europa an. Hauptursache war eine schwere Erkrankung (Lungenentzündung und Nervenfieber), die ihn im Mai befallen hatte und die er nur knapp überlebte. Die nötige Erholung konnte Tschudi in Peru nicht finden; zudem war seine Anwesenheit in Neuenburg zur Ordnung seiner Sammlungen erforderlich. Nach viermonatiger Schiffsreise betrat Tschudi am 6. Januar 1843 in Bordeaux wieder europäischen Boden. Vgl. Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 28. Oktober, 2. November, 21. Dezember 1842, 1. / 6. Januar 1843; Schazmann, Tschudi, S. 67–74.

26Beilagen nicht ermittelt.

27 Karl Amsler (1802–1856), Arzt in Schinznach und Leiter einer kleinen Privatirrenanstalt. – Amsler war bis 1838 Spitalarzt in Königsfelden. Vgl. DBA II 28, 433.

28Ergänzung am Rand der letzten Seite. – Original ohne Unterschrift; der Brief ist möglicherweise nicht vollständig überliefert.