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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Heinrich Freuler

AES B0264 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#213*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 58

Johann Heinrich Freuler an Alfred Escher, Neuenburg, Dienstag, 22. März 1842

Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Mein lieber Escher!

Fast möchte es dir im mindesten Falle etwas malhonnet erscheinen, daß ich auf deinen letzten lieben Brief1, der dir einige kostbare Stunden geraubt hat, dir noch keine Erwiedrung habe zukommen laßen. Klage dafür Neuenburg und nicht mich an. Jetzt aber möchte es sich fast nicht mehr der Mühe lohnen, dir noch zu schreiben, da ich hoffe, in kurzer Zeit wieder in meinem lieben Zürich einzurumpeln. Da hat sich nun aber ein Gerücht bis zu mir verirrt, dem ich vor der Hand wenig Glauben beimeßen kann, unter dem aber doch eine Wahrheit versteckt seyn könnte; und dieses Gerücht sagt, du kommest in himmlischer Begleitung (insofern es Engel im Himmel hat) nächster Tage nach um Bern, um für einige Wochen dort zu bleiben; noch mehr – ganz neben bei gesagt, daß Ihr erlauchte Gäste erwarten sollt auf eine mehr oder minder splendide Weise sollt empfangen werden, zu welchem Zwecke – denke und staune! – wie weiland die Königinn Viktoria2 für den König von Preußen3 gewirkt hat, – auch für Euch eine außerordentliche Steuer sey aufgenommen worden. Um aber bei der Hauptsache zu bleiben: wenn dem also wäre, wann könnte oder dürfte denn dieses geschehen? wie lange dürfte der Aufenthalt dort dauern? Was... doch Halt! ehe ich weiter frage, zuerst eine Erklärung meiner Neugier. In kurzer Zeit werde ich an den beiden Städten ankehren, in welchen du dann vorhandener Möglichkeit zufolge seyn kannst, in Zürich und Bern. In einer von beiden möchte ich dich aber in jedem Fall treffen, am liebsten in beiden – was ein wenig viel gefordert ist –: am unliebsten aber würde ich aber zwischen beiden dich antreffen, um dich nur im Fluge grüßen zu können, oder am Ende gar auf einem andern Wege, als du, mich befinden. Du verstehst mich! Die Fragen dürfen nicht ohne Antwort bleiben. Desto eher einige andre, die ich nicht unterdrücken kann. Hast du deinen Doktor fertig4, daß du Zürich für einige Zeit verläßst? – Was hat deine Reise für einen Zweck, rein den des Vergnügens? oder soll es eine Entdekungsreise abgeben? oder wollt Ihr Todte lebendig machen? oder geht Ihr auf die Maulwurfsjagd? – komische Fragen, nicht wahr? Du wirst sie begreifen, wenn du wirklich einige Tage wirst in Bern zugebracht haben – bis dann Sapienti Sat! -. | Nun zu deinem Briefe. Er hat mir unsägliche Freude gemacht. Die lebendigen Schilderungen verschiedener Seiten unsres unvergleichlichen Appenzell versetzen mich auf eine liebliche Weise in die schönen Tage zurück, die wir zusammen in diesem Eden zubrachten. Das meiste wekte Erinnerungen in mir auf, die, wenn sie auch viel leiser berührt worden wären, nicht ermangelt hätten, vor mir aufzutauchen, die aber von deiner Sprache aufgewekt, wie schönes Leben vor meinen Blick traten. Was mir noch unbekannt war, das hast du mir trefflich gemahlt und fast möchte ich wetten, diese Engel im Engel unter einer Armee von Appenzeller Schönheiten herauszufinden, einzig mit dem von dir gegebenen Signalement versehen. Ich beneidete deine Freunde, die einige Tage in dem schönen Ländchen konnten zubringen, die aber, was das meiste ist, sie konnten mit dir dort zubringen. Vielleicht wird mir diesen Sommer dieses Glück zu Theil, und wenn es je einmal wieder kommen soll, so muß es diesen Sommer seyn. Wollen dann deine Talente sehen; wenn du nicht gut gemahlt hast, so genade dir Gott! – Sollte das Original die Zeichnung übertreffen, so könnte ich dir allenfalls verzeihen, beim Gegentheil aber – doch daran ist nicht zu denken, und mag es seyn, wie es will, da oben wird es mir erst wieder recht wohl werden. Vielleicht hast du aber die gleichen Pläne, wie Sinz , nächsten Sommer in Genf zuzubringen, und dann ade! Die Nachricht von unserm Sinz ist mir auf dem direktesten Wege – über Algier – zugekommen und läßt sich also nicht bezweifeln. Schaller5, dem ich sie verdanke, hat mir nämlich in den letzten Tagen von seinem jetzigen Aufenthaltsort her einen Brief zukommen laßen, in dem er mir eine ebenso intereßante Beschreibung von seiner Reise sowohl als von Algier giebt. Kriegsneuigkeiten sind darin keine enthalten; er wird Ende dieses Monats eine Expedition gegen die Araber als Mitglied der Ambulance mitmachen, nach dessen Vollendung er bald Algier verlaßen wird, um nach Paris zu gehen. Hier werde ich ihn Anfangs Juli, zu welcher Zeit auch dort seyn möchte, wieder antreffen; so Gott will, auch dich und Sinz, wenigstens einige Monate später. Oder sollte ich umsonst hoffen, Euch dort zu treffen; sollte es nicht möglich seyn, daß ich die letzten Tage meiner Freiheit mit Euch verleben könnte. Doch! ich hoffe stark. Ich werde in jedem Falle diese Tage noch feiern und in dieser Beziehung bin ich mit meinem Neuchatel noch ganz zufrieden – ich habe einsehen gelernt und | im höchsten Grade mir vor Augen stellen laßen, wie ich mich nachher in meiner Praxis befinden und wie ich da aussehen werde. Angebunden, wie ein armer Kettenhund, meine freie Zeit den vorkommenden Krankheiten oder Tändeleien ohne allen Gehalt oder gräßlichem Vegetiren widmend, ferne von höherem geistigem Verkehr, aber höheren Genüßen entsagen müßend; – mit einem Worte ein Philister6! Anders kann es ja nicht kommen und ich muß zufrieden seyn, wenn zu alle dem mich nicht noch Unglück trifft. Wenn man aber eine solche Perspektive vor sich hat, dann müßte man mit Dummheit geschlagen seyn, wollte man nicht die Paar freien Tage, die man zu verleben hat, nach allen Richtungen benutzen. Dazu dürft aber ihr Freunde vor Allem aus nicht fehlen. Ihr habt zwar nicht Alle diese Erbärmlichkeit vor Euch, die mich beim Blicke in die Zukunft erschrecken macht, aber für Alle kommt nach dem Aufenthalt in Paris die Zeit des Philisteriums, das nun allerdings der Abstufungen viele hat. Doch davon hoffentlich bald mündlich; gebe mir Nachricht, wenn du wirklich in Bern seyn solltest und in kurzen Worten, daß ich allenfalls durch Bern durchsegle ohne dich gesehen zu haben; bleibst du in Zürich, dann bedarf es dieses nicht einmal – ich werde dich dort schon finden können. Wenn Alles gut geht, werde ich den 2. oder 3. April hier abreisen und, da ich, wenn ich nicht dich dort treffen sollte, mich nur eine Nacht in Bern aufhalten werde, schon am 4ten oder 5ten in Zürich seyn. En passant werde ich Schnebli7 besuchen, den jungen Bezirksarzt, dem es in Paris so übel ergangen ist. Nach einem Tage in Zürich werde ich dann in die Heimath segeln, um mit Angst und Schrecken meinem Examen entgegen zu geh'n. Du siehst, ich sehe viel Schönes und viel Schlimmes in der Zukunft – möge nur wenigstens beides so ausfallen, wie ich mir es vorstelle, dann bin ich [vollkommen?] zufrieden. – Wie weit ist denn Sinz mit seinem Doktor vorgerükt? will er ein Staatsexamen und wo will er es machen. Grüße mir ihn herzlich; ebenso Zwiky , dem ich gerne einmal geschrieben hätte, wenn ich dazu gekommen wäre. Vielleicht sehe ich diesen lieben Burschen nicht einmal mehr in Zürich; dagegen hoffe ich zuversichtlich, Sinz zu treffen. Vielleicht kann ich ihm opponiren. –

Noch bitte ich dich, meine besten Empfehlungen an deine werthen Eltern auszurichten. In der Hoffnung, dich froh und gesund wiederzusehen grüßt
dich herzlich dein

Freuler.

Neuchâtel, le 22 Mars 42.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Victoria (1819–1901), Königin von Grossbritannien und Irland.

3Vermutlich Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861), König von Preussen.

4Escher promovierte im September 1842. Chronologie Alfred Eschers, 17. September 1842.

5 Johann Ludwig Schaller (1818–1880), von Freiburg i. Üe., Arzt. Oswald Heer an Alfred Escher, 10. Juni 1838, Fussnote 6.

6Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

7 Alois Schneebeli (um 1815–1888), Arzt in Baden. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 4.