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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0262 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 9. März 1842

Schlagwörter: Freundschaften, Rechtliches, Reisen und Ausflüge

Briefe

Glarus.

Mein theurer Escher!

Da mein künftiger Schwager Joh. Tschudi morgen nach Zürich geht u. dich zu besuchen im Sinne hat, so will ich ihm gerne einen Brief an dich mitgeben. Von wissenschaftlichen Arbeiten, die ich seit meiner Rückkunft wieder aufgenommen hätte, kann ich dir zwar natürlich noch wenig schreiben, um so weniger, als gerade eine Fluth von praktischen Geschäften meiner wartete, die ich mir erst jetzt wieder mit Mühe vom Halse geschüttelt habe. Dagegen wird es dich wohl auch intressiren, von meinem Besuch in St. Gallen etwas zu erfahren.

Dein frommer Wunsch, meine Unschuld betreffend, den du mir in den Postwagen nachriefst, machte auf das mir gegenübersitzende Frauenzimmer (sie war eine Schwäbinn, die in Zürich Stubenmagd gewesen) einen tiefen Eindruck; denn sie glaubte nun gerade einen für weibliche Reize u. s. w. sehr empfängli chen Jüngling vor sich zu haben. Sie that daher auch alles Mögliche, um mich zum Poussiren zu bewegen; ich blieb aber aus guten Gründen ganz ungerührt. Doch dieses nur um der Anknüpfung an unsern Abschied willen; meine Reisegesell | schaft war sonst so verzweifelt langweilig, daß ich dir gewiß nicht davon erzählen werde. Ich war Abends 5 Uhr in St. Gallen, traf Aepli eben mit Conkurssachen beschäftigt, wurde aber von ihm auf's freundschaftlichste empfangen, da er auch schon durch einen Brief Zwicki's an seinen Bruder von meiner bevorstehenden Ankunft unterrichtet war. Er hat sich im Ganzen wenig verändert, nur ist er jetzt völlig in's Praktische hineingekommen u. scheint sich in seiner gegen wärtigen, intressanten u. dabei doch nicht zu sehr anstrengenden, auch ziemlich unabhängigen Stellung, die ihm zugleich bei der nicht sehr glänzenden Composition seines Gerichtes natürlich auch einen bedeutenden Einfluß auf dasselbe verschafft, recht wohl zu befinden. Die Mängel des St. Gallischen Justizwesens sieht er sehr wohl ein, aber er hat den besten Willen, an dessen Hebung zu arbeiten, u. er darf sich auch schon rühmen etwas gethan zu haben, da nun auf seine Anregung hin (in einem Schreiben, das er noch für das Untergericht zu verfassen hatte) der Kleine Rath einen Gesetzesvorschlag über die Behandlung der Injurienprozesse, welche bis dahin sehr verkehrt gewesen seyn soll, ausgearbeitet hat. Die wissenschaftliche Durchbildung wird unserm Aepli zwar immer abgehen, aber er ist jedenfalls ein sehr tüchtiger praktischer Kopf, der in jedem Amte, dem er sich mit Eifer u. Intresse hingiebt, mit großem Erfolge wirken kann. Am nämlichen Abend sah ich auch noch den Criminalgerichtschreiber Büeler, auch er empfing mich sehr freundschaftlich, u. er ist gewiß ein sehr braver gutmüthiger Bursche, aber ich muß doch fast bezweifeln, daß er seiner Stelle gewachsen sey. Aepli war natürlich, so lange ich in St. Gallen mich aufhielt, fast immer bei mir; er u. seine Familie erwie sen mir sehr viele Gefälligkeiten, u. er suchte mich mit allem Intressanten, was die mir sonst noch wenig bekannte Stadt mir darbieten konnte, bekannt zu machen, so daß ich meine Zeit vortrefflich benutzen konnte. Besonders fidel scheint er übrigens nicht zu leben, nament lich fehlt es ihm jetzt ganz an einer Gesellschaft von Altersgenossen seines Faches oder Standes, u. auch von Bällen u dgl. zieht er sich fast gänzlich zurück. Am Abende mei ner Ankunft besuchten wir eine öffentliche Vorlesung Henne's über die französische Re volution, wo ich wieder, wie bei Ott, einschlief, nachher kneipten wir drei in einer litte rarischen Gesellschaft. Den folgenden Abend brachten wir im Theater zu, wo ich Dessoir | von Karlsruhe, einen sehr tüchtigen Schauspieler, der mehrere Wochen lang dort Gastrollen gab, als Ferdinand in Kabale u. Liebe sah; auch mehrere der übrigen Rollen waren recht gut besetzt. Meine wissenschaftliche Ausbeute auf der Bibliothek war nicht sehr bedeutend: mit Bezug auf den berühmten Codex hatte ich zwar das blos negative Resultat, welches ich wirklich fand, schon erwartet, aber auch sonst fand ich wenig für meinen Zweck Geeignetes. Jenes Resultat, mit dem ich allerdings die Anga be vieler Bücher berichtigen kann, muß ich doch immer ein höchst unerfreuliches nennen, um so mehr da ich frü her, ehe ich bestimmtere Nachrichten von diesem Codex hatte, sehr viel von demselben erwartete, nichts geringeres nämlich als eine uralte eigenthümlich glarnerische Rechtsquelle. Es ist nun aber derselbe blos eine – gewiß sehr werthvolle – Handschrift des Breviarium Alaricianum, der lex salica u. lex Alaman norum mit Randbemerkungen von der mir wohl bekannten Hand Aegid. Tschudi's; daß aber nach die sem Rechtsbuche einst die Meier von Glarus gerechtet hätten, muß ich für eine bloße Fabel hal ten, da es mit der allgemeinen Geschichte der deutschen Rechtsquellen durchaus nicht übereinstimmt. Mehr positiven Nutzen fand ich im Archive, mit dessen innrer Einrichtung mich der sehr gefällige Ehrenzeller auf's genaueste vertraut machte. Da es mir als Historiker daran gelegen seyn muß, un ser Archiv unter meiner Leitung zu behalten, so werde ich mir es nun auch angelegen seyn lassen, demselben eine zweckmäßigere Einrichtung zu geben, wobei mir das in St. Gallen Gelernte sehr zu Statten kommen wird.

Wenn ich nun auf diese Weise meine zwei Tage in St. Gallen auf sehr ange nehme u. intressante Art zugebracht habe, so glaube deßhalb nicht, daß mein früherer Aufent halt in Zürich in minder gutem Andenken bei mir stehe. Ich habe im Gegentheil seit meinem Abgange von der Universität mich bei Euch nie mehr so angenehm unterhalten, wie diesmal, wozu namentlich beitragen mochte, daß ich so viele Freunde u. Bekannte, die früher noch zerstreut waren, nun wieder beisammen fand. In dir aber habe ich ganz den alten, bewährten Freund wieder gefunden, u. du hast mir auf eine nicht genug von mir anzuerkennende Weise von deiner jetzt so kostbaren Zeit einige Tage geschenkt, wofür ich dir meinen innigsten Dank sage. Meinen herzlichsten Dank auch deinen verehrten Eltern für die freundschaftliche u. liebevolle Aufnahme, die sie mir auch diesmal wieder zu Theil werden ließen. Empfehle mich ihnen bestens u. grüße mir alle meine Freunde, namentlich Sinz, Zwicki, Schweizer, Nägeli. Schreibe mir recht recht bald wieder u.

sey herzlich gegrüßt von

deinem

J J Blumer.

Glarus, 9. März 1842.

Kommentareinträge

Auf der ersten Briefseite oben ist eine Ansicht von Glarus abgebildet mit dem Vermerk: « Zürich bei R. Dikenmann » .