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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0261 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 21. Februar 1842

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe

Glarus den 21. Febr. 1842.

Mein theurer Escher!

Ich freue mich sehr, auf deine mir so angenehme Einladung dir erwiedern zu können, daß ich wirklich Euern akademischen Ball besuchen u. hiefür Donnerstag Abends bei dir eintreffen werde. Es ist zwar nicht gerade der Ball als sol-cher, der mich besonders anzieht, denn ich kann dich versichern, daß ich mich diesen Win-ter u. besonders in den letzten Wochen auch hier recht wohl amusirt habe u. nicht gerade einer Zerstreuung u. Erheiterung bedarf. Hingegen freut es mich unendlich, dich u. andre Freunde, deren geistigen u. wissenschaftlichen Umgang ich hier oft schmerzlich vermisse, wie auch deine mir so theuer gewordnen Eltern wieder einmal zu sehen, u. da nun der Ball Euer Institut ist u. mich als solches lebhaft intressiren muß, u. da ich zugleich sicher seyn kann, bei diesem Anlasse wie bei keinem andern meine sämtlichen Bekannten zu treffen, so finde ich es zweckmäßig u. vernünftig, einen Besuch in Zürich, den ich ohnehin diesen Frühling gemacht hätte, gerade auf diese Zeit zu richten. Herzlich freut es mich auch dir dadurch einen thatsächlichen Beweis dafür geben zu können, daß, wenn ich mich hier losmachen will, weder Amt noch Braut mich fesselnu. daß ich keineswegs in jener, mir so verhaßten, schwächlichen Liebelei befangen bin, die du bei mir als Bräutigam vorauszusetzen scheinst. Ich muß dir überhaupt ⌜offen⌝ gestehen, daß, so wenig meine Verlobung bei mir in meinem Verhältnisse zu dir etwas geändert hat, es mir doch scheinen will, als hätte sich dadurch in deinen Augen eine Art von Scheidewand zwischen uns erhoben. Indessen hoffe ich immerhin, | diese Wand werde nur eine luftige, höchstens eine spanische seyn, u. gerade durch meinen Besuch bei dir hoffe ich sie ganz wegzuziehen u. zu vernichten; denn wäre ich nicht überzeugt, daß du mit innerster Seele doch immer noch an mir hängst, so würde ich deine Einladung nicht so ohne alle Umschweife angenommen haben. In Berücksichtigung deiner jetzt gewiß immer mehr in Anspruch genommnen Zeit, wie auch zum Theil meiner Geschäfte will ich dir übrigens zum voraus sagen, daß diesmal mein Besuch in Belvoir jedenfalls nur ein kurzer seyn wird.

Mit Bezug auf deinen letzten ausführlichen Brief nur noch wenige Bemerkun-gen. Deine Berichte über deine Dissertation haben mich sehr intressirt; doch wird sich dieser Stoff am besten für die mündliche Besprechung eignen. Das lebhafte Intresse, das du an meiner Arbeit nimmst, erfreut mich sehr u. erhöht meinen Eifer für dieselbe; doch muß ich dir gestehen, daß ich bei der schönen praktischen Wirksamkeit, die ich vor mir sehe, wozu meine jetzige Stellung nur ein geringer Anfang ist, doch immer der Ansicht bin, daß ich hier noch Ersprießlicheres lei-sten kann, als auf dem theoretischen Felde. – Was du über die Verlobung meiner Schwester sagst, kann ich im Wesentlichen nicht bestreiten; das Prinzip der Glarnerei ist darin unverkenn-bar. Wenn auch mein künftiger Schwager Joh. Tschudi ein ganz gutmüthiger Bursche u. nicht ohne Talente ist u. sein Benehmen, wenigstens in den letzten Jahren, ganz tadellos war, so glaube ich doch, daß er bei seinem beträchtlichen Phlegma u. seiner im Grunde geringen geistigen Ausbildung die Ansprüche, welche meine Schwester mit Recht an einen Mann stellen dürfte, nicht wird erfüllen können. Ich habe ihn ihr auch weder angerathen u. ⌜noch⌝ angepriesen; es war ihre freie Wahl, u. ein bestimmtes Veto konnte ich natürlich nicht einlegen. Zur Rechtfer-tigung meiner Schwester u. meiner Familie glaube ich dir übrigens doch mündlich eine Mit-theilung machen zu können, die dich davon überzeugen wird, daß diese Wahl keine so ganz glarnerische war, wie du dir es vielleicht vorstellen magst.

In der frohen Erwartung eines baldigen vergnügten u. freudigen Wieder- | sehens grüßt dich herzlichst

dein

J J Blumer.