Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0260 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 56

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 12. Januar 1842

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Rechtliches, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 12. Januar 1842.

Mein theurer Escher!

Gerne beantworte ich wieder Deinen letzten Brief1, der mir so manches Intressante brachte u. reichlichen Stoff zum Nachdenken gab. Gewiß mit vollem Rechte nimmst Du an, daß meine Verlobung keine Scheidewand zwischen mich u. meine Freunde stellen werde, daß sie nicht im geringsten mein Verhältniß zu denselben u. namentlich zu Dir getrübt oder geschwächt habe, daß ich vielmehr jedem Elemente seinen besondern Wirkungskreis einräume. Ich hoffe auch zuversichtlich, daß keiner meiner Freunde sich je über Vernachläßigung oder Kälte von meiner Seite werde beklagen können, wenn ich auch allerdings von dem «jungen Glarus», dessen Gesellschaft ich doch im Ganzen nicht sehr erbaulich finde, mich jetzt etwas mehr als früher zurückziehe. Etwas mißstimmt hat mich aber die Art, wie Du die Persönlichkeit meiner Braut2 aufzufassen scheinst, die sich nicht nur in dem, was Du direkt von ihr sagst, sondern mehr noch in dem Ideale einer Braut, wie Du es Dir denkst, in welchem sich die Polemik nicht verkennen läßt, ausdrückt. Es mag wohl seyn, daß Du in Einzelnem Recht hast (wo fände sich gar nichts auszusetzen?), u. überhaupt mögen in dieser Beziehung, namentlich wenn es sich um eine definitive Wahl handelt, nicht leicht zwei, so manches Gemeinsame sie auch in andrer Hinsicht haben mögen, ganz den gleichen Geschmack haben; dabei scheint es mir aber doch, daß Du Dich durch den ersten Eindruck zu einer etwas zu ungünstigen Ansicht von meiner Braut hast verleiten lassen, u. ich darf wohl hoffen, daß Du bei näherer Bekanntschaft Dein Urtheil bedeutend modifiziren werdest. Wenn Du z. B. fandest, daß sie sich Dir gegenüber nicht ungezwungen genug benahm, so ist dies wohl nicht auf Rechnung eines prätentiösen, gezierten Wesens, das sich mit Geist, Kenntnissen udgl. brüsten will, wovon ich auch nie eine Spur an ihr bemerken konnte, sondern nur ihres wenigen Umgangs mit Fremden zu setzen; denn es ist eine allgemeine | Erfahrung, daß, je weiter der Kreis ist, in dem man sich gewöhnlich bewegt, desto größere Unbefangenheit im Benehmen gegen Jedermann vorausgesetzt werden kann. Du verlangst von Deinem Ideale holder Weiblichkeit vorzüglich das Vorwalten eines reichen Gemüthes u. unbedingte Hingebung, natürlich nicht gegen Jedermann, sondern gegen den Auserwählten; ich stimme Dir hierin ganz bei u. fühle mich glücklich Dich versichern zu können, daß ich beides bei meiner Braut im vollsten Maaße finde. Dagegen gestehe ich Dir, daß ich in dieses Bild etwas weniger Passivität aufnehmen würde, als Du hineingelegt hast, was aber vielleicht nur in dem Ausdrucke liegen mag. Ich verlange allerdings auch bei dem Weibe, das mich anziehen soll, eine Individualität, wenn auch eine weniger abgeschloßne, sich selbst genügende, als bei dem Manne, eine Individualität eben blos des Gefühlslebens, während die unsrige aus durchdachten Maximen u. angebornen Neigungen zusammengesetzt ist. Ich verlange von dieser Individualität wie von jeder andern, daß sie, wie ich auf sie einwirke, so auch auf mich zurückwirke, natürlich nicht mit der Kraft eines scharfen Verstandes noch mit dem hinreißenden Beispiele eines energischen Willens, sondern mit der oft eben so überwältigenden Macht eines reinen u. tiefen Gemüthes. Jeder, der eine so innige Verbindung für's ganze Leben schließt, wird gewiß lebhaft fühlen, daß er dabei nicht blos geben, sondern auch empfangen will, wenn er auch als Mann allerdings auf die aktivere Rolle Anspruch machen kann u. für seine Thätigkeit hier einen durch die Liebe vermittelten, sehr fruchtbaren Wirkungskreis finden wird. Dabei lassen sich nun immer auch bei dem Weibe ausgebildetere, geistig durchdrungnere Individualitäten von weniger ausgebildeten unterscheiden; Du wirst es begreiflich finden, daß ich von meinem Standpunkte aus die erstern vorziehen muß. Verzeihe mir nun diese lange Erörterung; sie wurde mir durch Deine Bemerkungen abgedrungen. Ich selbst fühle wohl, daß eine gar zu eifrige Beschäftigung mit diesem Gegenstande mir kaum ersprießlich wäre.

Deine Berichte über Deine Dissertation haben mich sehr intressirt. Am meisten das Resultat, welches Du mit Bezug auf das Verhältniß der Pubertät zur publizistischen Volljährigkeit (Anlegung der toga virilis3 ) gefunden zu haben glaubst, da ich Savigny's4 Ansicht in seinem | Systeme5 kurz vorher gelesen hatte. Ich muß zwar gestehen, daß mir dieselbe sehr annehmbar schien, theils der Natur der Sache nach, da die beiden Zeitpunkte so nahe zusammenfallen u. es ganz begreiflich wäre, wenn die Anlegung der toga virilis nicht gerade bei allen genau in das nämliche Alter gefallen wäre, theils auch wegen der angeführten Stellen, namentlich der l. 3 §. 6. de lib. exhib.6; indessen gebe ich gerne zu, daß es leicht möglich seyn kann, sie durch andre, mir unbekannte Stellen zu entkräften, da Savigny für diese Frage gewiß nicht das ganze historische Material benutzt hat, vielmehr dieselbe in seiner Ausführung über die Pubertät mehr nur nebenbei behandelt. Mit Bezug auf die improbi intestabilesque7 kannst Du Dir gewiß vorzügliche Verdienste erwerben, da diese Lehre, soviel mir davon bekannt ist, gewiß noch sehr im Unklaren liegt. Ueber die Zeugnißfähigkeit der Infamen wünsche ich Dir von Herzen ein erfreulicheres Resultat, als dasjenige, welches Du bis zu Deinem Briefe gefunden hattest; solche Ergebnisse mühsamer Forschungen sind wahrlich weder lohnend noch anregend! Allem Anscheine nach wirst Du wohl schwerlich vor den Osterferien mit Deiner Arbeit fertig werden u. es wäre auch gar nicht gerathen, wenn Du Dich deßhalb zu sehr anstrengen würdest. Du kannst wohl mit mehr Grund als Schneebeli8 wegen Deiner Dissertation Deine Promotion etwas hinausschieben, da sie gewiß größer u. gehaltreicher als die meisten andern Doktordissertationen werden wird. Man könnte wohl über Deinen Gegenstand ganz bequem ein Buch schreiben! Daß Du bei der Ausarbeitung die lateinische Sprache wegen ihrer Klarheit u. Präzision vorzüglicher findest als die deutsche, begreife ich ganz; es scheint mir auch, daß gerade bei Deiner Arbeit, die sich im klassischen römischen Rechte bewegt u. ganz aus lateinischen Schriftstellern geschöpft ist, ihre Anwendung sich leichter u. natürlicher machen müsse, als bei der Behandlung moderner Rechtsverhältnisse oder bei Wissenschaften, die erst in neuerer Zeit entstanden oder besonders ausgebildet worden sind. So schlecht das Latein des Mittelalters ist, so habe ich für das richtige u. klare Verständniß damaliger deutscher Rechtsverhältnisse doch immer den lateinischen Urkunden vor den deutschen bei weitem den Vorzug geben müssen. – Meine Arbeit habe ich jetzt für einige Wochen unterbrochen, um Beselers9 berühmtes Werk10 über die Erbverträge, welches ich durch Chr. Tschudi's11 Vermittlung von der zürchr. jurist. Bibliothek erhalten, durchzustudiren. Ich konnte zwar bis jetzt den ersten Band, der gerade die wichtigsten Forschungen enthält, dabei aber für sich ein abgeschloßnes Ganzes bildet, nicht bekommen; die beiden folgenden | aber scheinen mir das ungemeßne Lob, welches Bluntschli12 diesem Werke zu ertheilen pflegt, nicht ganz zu verdienen. Beseler zeigt sich zwar darin ausgezeichnet durch Fleiß u. bedeutende Gelehrsamkeit, die mit Critik angewendet wird, aber ihm fehlt die Klarheit u. Durchsichtigkeit der Darstellung, welche dem Juristen vorzugsweise so sehr zu wünschen ist u. deren Mangel immer auch die Klarheit der Begriffe in Zweifel setzt. Savigny scheint mir in dieser Hinsicht ein unübertreffliches Muster zu seyn, u. ihm mag Keller in seiner Lit. Contest.13 am nächsten kommen; unter den Germanisten halte ich hierin Albrecht14 für den vorzüglichsten. – Du glaubst, bei einer Arbeit über deutsches Recht könne man wohl sehr lange kein sicheres Fundament finden, u. dies ist gewiß vorzüglich richtig, wenn man einen Gegenstand erschöpfend mit Berücksichtigung aller deutschen Rechtsquellen behandeln will, wegen der unglaublichen Zerstreutheit derselben u. wegen der bisher noch so geringen wissenschaftlichen Bearbeitung. Hier ist eben ein roher Stoff erst noch in eine juristische Form zu bringen, während diese bei den Römern uns schon gegeben ist. Um so größere Anerkennung verdient denn aber auch das Verdienst derjenigen Gelehrten, welche mit unverdroßnem Fleiße sich diesem mühevollen Werke unterzogen u. mit ihren Talenten die heutige Rechtswissenschaft so wesentlich bereicherten. Ich meinerseits habe nun für meine Forschungen einen viel engern Kreis abgesteckt, aber ich erfahre dennoch auch sehr häufig die Richtigkeit Deiner Bemerkung, indem mir so manches, was ich bereits construirt glaubte, durch Notizen, die ich nachher anderwärts unerwartet finde, plötzlich wieder zusammenfällt. So hatte ich bereits die erste Periode meiner Rechtsgeschichte15 ausgearbeitet, finde aber nun durch allerlei nachträgliche Entdeckungen, daß sie einer totalen Umarbeitung bedarf. Nichtsdestoweniger will ich nun hinter die zweite Periode gehen, indem ich hoffe, daß durch den Gegensatz u. die Verbindung beider auch in der ersten, die eben am schwersten darzustellen ist, Manches noch klarer werde.

Was Deine freundliche Einladung, Dich diesen Winter einmal zu besuchen, betrifft, so habe ich bereits Zwicki med. gesagt, daß ich sonst die Absicht hatte, einen solchen Besuch auf Deine Promotion, wenn sie zu Ende dieses Semesters stattgefunden hätte, zu versparen, nun aber, da sie sich weiter hinausschieben zu wollen scheint, es möglich wäre, daß ich früher käme, etwa Ende Februars oder Anfangs März. Bestimmtes kann ich Dir aber darüber jedenfalls noch | nichts versprechen; denn viel hängt dabei von dem Fortgange meiner Arbeit ab, die ich vorher noch bis auf einen bestimmten Punkt bringen möchte. Zwicki's Besuch hat mich überhaupt sehr gefreut, da er mir viel von Dir u. von Zürich erzählte; er theilte mir auch das schöne Lied vom Helfer Brehm mit, welches ich mit größtem Vergnügen abschrieb u. Dir hier für ihn beilege.16 Meiner Schwester17 hat es auch besonders viel Spaß gemacht. – Der «gistliche» Zwicki wird nächsten Sonntag seine Antrittspredigt als Vikar in Matt halten, da sein Vorgänger18 zum Pfarrer in Malans befördert worden ist. Möge ihm der so höchst unangenehme Mann19 (hä – ä!) immer angenehm seyn! Sehr wohl hat es ihm in Linthal fallen , gewiß mit Recht, denn Pfr. Ritter20 ist ein sehr gebildeter u. «netter» Mann. – Für die gütige Uebersendung des Herrgotts-Folianten bin ich Dir sehr verbunden; Du wirst denselben durch Tschudi wieder erhalten haben. Für jetzt bedarf ich von der Stadtbibliothek nichts weiteres. – Streif21, der heute bei mir war, läßt Dich grüßen; ebenso haben mir meine Eltern22 u. Schwester die herzlichsten Grüße an Dich aufgetragen. Empfehle mich auch bestens Deinen Eltern, u. danke ihnen für ihre herzliche Theilnahme an meiner Verlobung.

Sey herzlich umarmt von
Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Susanna Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

3Toga virilis (lat.): Männertoga.

4 Friedrich Carl von Savigny (1779–1861), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Berlin, Mitglied des preussischen Staatsrats.

5 Vgl. Savigny, System III, S. 59–68.

6Gemeint ist die Digestenstelle D 43, 30, 3, 6. Vgl. Krüger/Mommsen, CIC.

7Improbi intestabilesque (lat.): Ehrlose und zum Zeugnis Unfähige.

8 Alois Schneebeli (um 1815–1888), von Baden, Arzt. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 4.

9 Georg Beseler (1809–1888), ordentlicher Professor der Rechte an der Universtität Rostock.

10 Vgl. Beseler, Erbverträge.

11 Christoph Tschudi (1817–1877), von Glarus, Rechtsstudent.

12 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat und Regierungsrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

13 Vgl. Keller, Litis Contestation.

14 Wilhelm Eduard Albrecht (1800–1876), ordentlicher Professor für deutsches Recht an der Universität Leipzig.

15Blumer konnte sein Vorhaben, eine umfassende Glarner Staats- und Rechtsgeschichte zu verfassen, nicht verwirklichen, veröffentlichte aber bereits erarbeitete Teile. Vgl. Blumer, Erinnerungen, S. 10(d)–11(a); Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, [ 12 . November 1842 ].

16Beilage nicht ermittelt.

17 Susanna Blumer (1820–1880), Tochter der Anna Katharina Blumer-Heer und des Adam Blumer.

18Person nicht ermittelt.

19Gemeint ist vermutlich Jakob Heer (1784–1864), Pfarrer in Matt; Vater Oswald Heers.

20 Johannes G. Ritter (1813–1902), Pfarrer in Linthal.

21 Christoph Streiff (1815–1879), von Glarus, Arzt.

22 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky, und Adam Blumer (1785–1859), Kaufmann, Glarner Gemeindepräsident und Appellationsrichter (GL).