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Korrespondenz: Alfred Escher – Kaspar Lebrecht Zwicky

AES B0259 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#582*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 57

Kaspar Lebrecht Zwicky an Alfred Escher, Matt, Montag, 7. [Februar] 1842

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Freundschaften

Briefe

Matt den 7ten Jan. 18421

Lieber Escher!

Länger läßt mir nun mein Gewissen keine Ruhe mehr, ich muß dir schreiben, aber glaube nicht, daß ich es bloß um des Gewissens willen thue. Ich schreibe dir auch gerne, u wenn ich auch nicht alles nur Erfreuliches zu berichten habe. Du aber erlässest mir wohl lange Entschuldigungen, die, wenn sie auch etwas Wahres enthalten, am Ende doch nicht viel verfangen. Ich schaue mit Freude auf die letzten Monate zurück, die ich an so verschiedenen Orten verlebte; denn ein so reiches u mannigfach bewegtes Leben ist mir noch nie zu Theil geworden, u gerade in diesem Leben bist auch du zu einer lebendigern Gestalt geworden für mich, als zuvor; denn wenn uns auch die Freundschaft schon Jahre lang verband, so nahe sind wir uns noch nie gekommen wie das letzte Mal u so viel Austausch des Innern ist nicht unter uns gewesen. Ich will nicht anfangen, nach meiner sonstigen Gewohnheit, unser Verhältniß zu zergliedern u zu analysiren; wir wollen es in s. Unmittelbarkeit bewahren, damit es seinen Reiz behalte; nur das dringt es mich, auszusprechen, was mir den Grund v. demselben zu bilden scheint, das Zusammenwirken der Persönlichkeiten. Wir sind durch keine wissenschaftl. Studien zusammengeführt worden noch durch andere gemeinschaftliche Interessen, sofern es nicht die allgemeinsten waren, sondern eben durch die Persönlichkeit, u auf dem wollen wir mit Zuversicht bleiben u wenn ich daran denke, so ist es mir eben eine Freude, dir zu schreiben.

Für dies Mal muß ich dich mit Erzählung meiner Lebensschicksale in den letzten 2 Monaten heimsuchen. Es wird darin manches vorkommen, das einen Anklang hat zu dem was wir bei dir gesprochen. Wie du weißt, hielt ich gleich am andern Tage nach meiner Abreise von Zürich meinen Einzug in Linthal, nachdem ich noch einen recht fröhlichen Abend bei den Meinigen verlebt hatte. Ich wurde auf's beste aufgenommen u war auch hier bald heimisch. In Ritter2 fand ich einen sehr tüchtig gebildeten u liebereichen Mann, dem ich mit jedem Tage näher gekommen bin, so daß wir in d. Neujahrsnacht schmollirten3. Auch in meinen sonstigen Umgebungen konnte es mir wohl sein. Die Frau4 spricht zwar im Anfang wenig an, ist aber doch nicht so unangenehm, wie viele Leute sagen, dagegen ist Ritters Mutter5 eine ausgezeichnete Frau. Auch das schöne neue Pfarrhaus | konnte noch etwas zur Behaglichkeit beitragen. Zu thun hatte ich freilich nun alle Hände voll, in 3 Wochen 7 Mal zu predigen, was für einen Anfänger viel zu viel ist. Jene unglücklichen St. Gallischen «Stillstände»6 haben sich nicht wiederholt, aber befangen blieb der Vortrag doch immer. Die Gemeinde war leidlich zufrieden u die Leute meinten, es könne etwas aus mir werden. Bekanntschaften habe ich in der Gemeinde wenige gemacht, die Zeit erlaubte es nicht. Nur die Jugend habe ich etwas näher kennen gelernt, da ich auch einige Male in der Schule katechetischen Unterricht zu geben hatte. Es ist doch ein unbeschreiblich häßlicher Menschenschlag in dieser Gegend. Er ist zwar hier auch nicht besonders, aber doch viel besser. Am Sylvester predigte Ritter selbst wiede u gefiel mir ungemein wohl. Er war mir auch ein trefflicher Recensent meiner Predigten u traf meist den Nagel auf den Kopf. Ich bewunderte besonders die Schnelligkeit in der Auffassung u wie klar ihm sogleich das Gesagte u das was hätte gesagt werden sollen, neben einander stand. Er hat darin Aehnlichkeit mit Nitzsch7. Am 4ten Jan., als ich ziemlich versichert sein konnte, daß R.s Gesundheit wieder stark genug sey (es fehlte ihm in der ganzen Zeit nicht sehr viel, aber was da war erregte Besorgniß u er mußte sich schonen) verließ ich Linthal früh u verweilte den ganzen Tag bei Blumer. Ich hatte ihn auf dem Hinweg nur flüchtig gesehen u so hatten wir jetzt den ganzen Tag genug zu verhandeln, auch Spiel u Sang durften nicht unberührt bleiben; es waren schöne Stunden, die besonders auch noch durch die Erinnerung an dich gehoben wurden, wie uns ja auch immer Blumer so oft der Gegenstand uns. Gespräches ist. – Schon vor Weihnachten hatte ich einen Ruf nach Matt erhalten & angenommen. Ich dachte nun, den Jenner wenigstens für mich zu haben, wurde aber von Heer8 dringend gebeten schon auf den 16ten zu erscheinen. Ich sagte auch zu u versprach, am 15ten dort zu sein. Am Tage vorher machte ich mit meiner Schwester9 noch eine Fahrt nach Linthal, hauptsächlich ihrentwegen. Auf der Rückfahrt besuchten wir noch Blumers. Es zeigte sich von den Eltern10 niemand, dagegen war B's Braut11 da. Man unterhielt sich mit d. Clavier. Den andern Morgen, auf dem Weg nach Matt kam ich nochmals zu Blumer um eine Mitgabe nach Matt zu erhalten, was für eine, weißt du vielleicht schon. Ich erfuhr nämlich bei Anlaß der Verabredg eines Tages d. Zusammenkunft von ihm, s. Schwester12 sich bald mit Hans13 verloben werde, der im Sinne habe, nächstens die ernstlichsten Bewerbgen anzubringen. Es wird dir sonderbar erscheinen, wenn ich dir berichte, Blumer nicht glaubte, daß ich ernstliche Absichten hatte, doch ist mir die Sache bald begreiflich vorgekommen. Ich hatte absichtlich in der letzten Zeit Blumern wenig mehr | von meiner Liebe gesagt, auch zu S. [...?] [...im?] Tone der unbefangensten Heiterkeit gesprochen, weil ich es auch nicht an [der?] [Zeit?] hielt, besonders vor dem Examen, anders aufzutreten. Blumer versicherte mir daß auch s. Schwester uns. Verhältniß nur als ein freunschaftliches angesehen habe. Ich theilte ihm nun offen m. Gesinnung mit, doch gab ich von Anfg an die Hoffng zieml. auf. Fand s. k. Liebe auf ihrer Ste u war sie e. tabula rasa14 zu vergleichen, so war natürlich, daß der den Vorzug erhielt, für den mehr äußere Gründe sprachen. Besonders im Glarnerland bedarf es eines großen Entschlusses, bis ein Mädchen dieses Standes eine Fr. Pf. wird. Ich trug Blumer einzig auf, ihr meine Gesinnung mitzutheilen ohne weiteres hinzuzufügen. So reiste ich ab. Mit welchen Gefühlen, kannst du dir denken. Sie war für mich todt u ich fand die Knote15 einer Thräne würdig, sonst aber erhob mich mein eignes Gefühl u ich stellte mich stärker auf mich selbst. Nur äußere Rücksichten waren mir im Wege gestanden, es lag für mich kein Vorwurf in d. Sache; auch wollte ich aus Liebe angenommen sein u nicht aus Gnade. Etwas Geringes war es mir freilich nicht, ein Bild das durch mein ganzes späteres Jugendleben geht, in meinem Innern auszulöschen, doch da ich verlor, was ich nie besessen, bin ich mehr in mir selbst arm geworden u muß trachten, wieder reich zu werden. 14 Tage lang hatte ich noch einen letzten Schimmer von Hoffnung, er wurde aber ausgelöscht bei uns. Zusammenkunft in Sool, wo ich erfuhr, daß sie nun wirklich Braut sey. Es waren herrliche Stunden die wir hier einsam zusammen verlebten, obgleich in ihnen ein bitteres Geschick mir zur Gewißheit wurde. Blumer ist mir durch diese Zeit hindurch gewiß nicht im Geringsten entfremdet worden, vielmehr wurde ich mit ihm nun enger verbunden. Wie einst von der Liebe zu ihm vieles auf seine Schwester übergieng, so habe ich die Liebe zu ihr wieder zurückgenommen u ihm gegeben. Er hat in der ganzen Sache eine schöne Treue bewiesen u wir haben alles mit der größten Offenheit besprochen. Daß ihm selber manches dabei nicht recht war kannst du dir denken. – Hier in Matt im einsamen Studirzimmer hatte ich Zeit über den Verlust nachzudenken, u auch dazu, die Ruhe wiederzugewinnen. Ich bin recht gerne hier u es läßt sich alles besser an als ich glaubte. Die Knaben, denen ich tgl. 2 Stunden zu geben habe, machen mir viele Freude. Mit dem Predigen gehts besser als in Linthal & die Kirche ist gewöhnlich ziemlich voll. Zu thun habe ich auch hier genug, so daß ich eben fast nicht zum Briefschreiben komme. Das nächste Mal will ich dir mehr von meinem hiesigen Leben erzählen. Wahrscheinlich schreibe ich dir dann von Mollis aus in den «Ferien». – Grüße mir herzlich deine verehrten Eltern, deren ich immer in dankbar freudiger Erinnerung mit gedenke, wenn ich dein gedenke, auch deine Schwester & Herrn Stocker16, so wie das [«Eichornbübi»?]17

Du selbst empfange tausend Grüße von

deinem

C. L. Zwicky.

Wie geht es dir mit deinen Examenarbeiten? Du bist wohl jetzt noch mehr in allem drin als vor 2 Monaten aber zu sehr strenge dich doch nicht an, daß dir nicht wieder etwas zustößt. Chr. Tschudi18 wird dir wohl als ein getreuer Knecht der glarnerischen Fama die Nachricht von S. vor einigen Tagen mitgetheilt haben. Grüße mir Zwicky, Nägeli19, Heer, Sinz u. s. w.20

Kommentareinträge

1Die Datierung auf Januar ist wohl irrig. Aufgrund des Inhalts ist eine Niederschrift des Briefes Anfang Januar auszuschliessen; der Poststempel trägt das Datum des 7. Februar 1842.

2 Johannes G. Ritter (1813–1902), Pfarrer in Linthal.

3Schmollieren, Schmollis trinken: Brüderschaft machen.

4Person nicht ermittelt.

5Person nicht ermittelt.

6Vermutlich Anspielung auf Aussetzer während Zwickys Examens-Probepredigt in St. Gallen. Vgl. Zwicky, Jugenderinnerungen, S. 29.

7 Karl Immanuel Nitzsch (1787–1868), ordentlicher Professor für systematische und praktische Theologie an der Universität Bonn.

8 Jakob Heer (1784–1864), Pfarrer in Matt; Vater Oswald Heers.

9Person nicht ermittelt.

10 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky, und Adam Blumer (1785–1859), Kaufmann, Glarner Gemeindepräsident und Appellationsrichter (GL).

11 Susanna Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer, Cousine Blumers und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

12 Susanna Blumer (1820–1880), Tochter der Anna Katharina Blumer-Heer und des Adam Blumer.

13 Johannes Tschudi (1819–1859), Kriminalrichter (GL).

14Tabula rasa (lat.): ausgewischte Tafel; übertragen: unbeschriebenes Blatt.

15Knote: seelische Verwirrung.

16 Kaspar Stockar (1812–1882), Besitzer des Kupferhammers (Werk, in dem Kupfer durch den Hammer oder Walzen bearbeitet wird) am Hegibach in Hirslanden.

17Gemeint ist vermutlich Armin Stockar (1839–1909), Sohn von Clementine Stockar-Escher und Kaspar Stockar.

18 Christoph Tschudi (1817–1877), von Glarus, Rechtsstudent.

19 Carl Wilhelm Nägeli (1817–1891), von Kilchberg, Botaniker. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 7.

20Ergänzung am Rand der letzten Seite.