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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0257 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 55 | Jung, Aufbruch, S. 58 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 28. November 1841

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 28. November 1841.

Mein theurer Escher!

Auch ich habe Dir wieder für Deinen letzten Brief1 meinen gerührtesten Dank auszusprechen. Es ist für mich ein äußerst wohlthuendes Gefühl, daß ich, dem hier so vieles mangelt, was ich ungern vermisse, doch auch einem treuen Freunde mangle, der in seinen äußern Verhältnissen weit günstiger gestellt ist. Daß Du in Deinen nähern Umgebungen von jeher auf viele kalte Seelen gestoßen, daß Du selbst von Leuten, die ich in mancher Beziehung schätzen muß, bei denen aber immer Alles eher als Unbefangenheit, Offenheit u. Ungezwungenheit im Umgange zu finden war, häufig verkannt worden bist, wußte ich ja wohl, u. mir ist von gleicher Seite oft genug, wenn auch zum Theil vielleicht nur wegen meines Verhältnisses zu Dir, das Nämliche begegnet. Zeigen wir diesen Leuten durch die That u. durch unser ganzes Leben, daß sie es nicht zu bereuen haben würden, wenn sie sich in der schönen, freien Jugendzeit frei u. offen an uns angeschlossen hätten. Indessen da Du durch dieses sonderbare Verhältniß allerdings auch in Deiner günstigen äußern Lage von Freunden, die in Alter, Beschäftigung u. Lebensansichten zu Dir passen, zum Theil schon entblößt bist u. es nachher wahrscheinlich noch mehr werden wirst, so gereicht es mir zur innigsten Freude, diese Lücke bei Dir einigermaßen ausfüllen zu können, wie anderseits das Bewußtseyn Deiner unzerbrechlichen Freundschaft am ehsten geeignet ist, mich für manche Entbehrungen zu entschädigen u. mich über manche fühlbare Mängel, die in meinen hiesigen Verhältnissen liegen, zu beruhigen. – Sehr intressant waren mir Deine Berichte über Deine jetzigen Studien;2 theile mir doch ja immer recht viel darüber mit! Es würde mich namentlich sehr freuen, wenn Du Deinem | Versprechen gemäß mir Deine Bemerkung, daß das deutsche Staatsleben viel weniger großartig als das römische sey, etwas weiter ausführen würdest. Da ich dieselbe gar nicht unbedingt zugeben kann, so würde sich darin wohl ein Stoff zu einem intressanten Gedankenaustausche finden. Ich erinnere mich, daß wir während meines letzten Semesters in Zürich bisweilen auf diesen Gegenstand u. auf unsre verschiedenartigen Neigungen zu sprechen kamen u. darüber diskutirten, ohne daß gerade viel dabei herauskam. Es ist mir dies auch ganz begreiflich; denn einerseits mochte mich die Freude an einem mich mächtig anziehenden neuen Stoffe (in Bonn war es eigentlich nur noch ein instinktartiger Trieb, der mich zu dem deutschen Rechte hinzog, ohne daß ich es wirklich verstand u. begriff), dem ich meinen ganzen Fleiß wiedmete, etwas partheiisch für denselben machen u. anderseits warst Du mit demselben fast noch völlig unbekannt. Jetzt, glaube ich, sind wir beide etwas unbefangner gestimmt u. könnten uns daher mit mehr Nutzen über den Werth u. Unwerth der beiden staatlichen u. rechtlichen Lebenssphären unterhalten, ohne daß natürlich mir einfällt, daß dadurch Neigungen, die in angebornen Geistesrichtungen wurzeln, sich ändern könnten, was auch gar nicht zu wünschen wäre.

Ich habe Dir von mir eine wichtige Nachricht mitzutheilen, die Dir nicht unerwartet seyn kann, Dich aber doch wohl mit einem gewissen Eindrucke der Neuheit berühren wird, nämlich daß ich jetzt wirklich verlobt bin. Mit wem, brauche ich Dir so wenig zu schreiben, als ich hier irgend Jemanden die Person zu nennen brauchte.3 Was mich zu diesem Schritte bewog, weißst Du ebenfalls u. begreifst es hoffentlich auch größtentheils. Ich bin auch selbst weit davon entfernt, denselben als in jeder Beziehung unangreifbar hinzustellen; allein nach Allem, was bisher zwischen uns vorgefallen war, war ich aus Rücksichten gegen meine jetzige Braut, die sich freilich eher andeuten als zergliedern lassen, dazu genöthigt, u. überdies werde ich, wie Du selbst am letzten Morgen Deines Aufenthalts bei uns eingesehen hast, durch meine hiesigen eigenthümlichen Verhältnisse gegenüber der im Ganzen richtigen Ansicht, daß zu frühes Heirathen für den jungen Mann nicht rathsam sey, mehr als entschuldigt. Um's Heirathen handelt es sich übrigens auch jetzt noch nicht oder wenigstens ist dasselbe noch ziemlich in die Ferne gestellt, wohl aber war eine definitive Entscheidung unsres Verhält| nisses bei unsern ohnehin so nahen Berührungen höchst wünschenswerth. Man kann mit allgemeinen Regeln oft sehr pedantisch werden; jeder Fall verdient seine eigne Berücksichtigung. Als Student oder auch sonst in einer größern Stadt, wo ich mit vielen mir enge verbundnen Freunden noch ganz ein Universitätsleben hätte fortführen können, hätte ich mich gewiß unter keinen Umständen schon verlobt; aber wenn ich auch jetzt wöchentlich einen oder mehrere fidele Abende mit Bekannten zubringe, so ist darin doch eigentlich wenig geistige Erquickung u. Belebung zu finden. Der vorige Winter, da ich noch ohne praktische Beschäftigung ganz meinen wissenschaftlichen Neigungen lebte u. auch bei meinen Bekannten fast nur noch Universitätserinnerungen auffrischen konnte, war recht eigentlich noch eine Repetition oder ein Ausläuten meiner Studienjahre, u. den Sommer hindurch führte ich ein freies, frohes Leben im Genusse unsrer großartigen Natur u. im Umgange mit häufig bei mir eintreffenden alten Freunden. Jetzt fühle ich mich am meisten isolirt u. bei immer mehr anwachsenden praktischen Geschäften, die mich eben fast nur mit un-, höchstens halbgebildeten Leuten in Berührung bringen, die Gefahr einer Versauerung u. Verbauerung am nächsten. Dieser entgegenzuwirken u. mich für eine höhere geistige Thätigkeit fähig zu erhalten, ist mein eifrigstes Bestreben, u. es schützt mich dagegen namentlich meine wissenschaftliche Arbeit, der ich immer so viel Zeit u. Fleiß als möglich zuwende, u. daneben vorzüglich auch die Liebe, denn ich kann Dich versichern, daß ich im Umgange mit meiner Braut, der doch erst jetzt ein ganz rückhaltloser u. inniger geworden ist, mehr geistige Anregung finde, als in demjenigen irgend eines hiesigen Freundes ( Zwicki rechne ich natürlich nicht dazu). Ich hoffe also, Du werdest meinen Schritt mit Deinem gewohnten Wohlwollen beurtheilen u. auch meine Erkorne in Deine Freundschaft aufnehmen. Am Arbeiten hindert mich – dank sey es meiner prosaischen Natur! – mein neues Verhältniß sehr wenig, obgleich ich sehr poëtische Abende feire. In den Gerichten giebt es jetzt viel zu thun, auch intressante Fälle genug, wobei ich nur bedauern muß bei meinen Collegen keine wissenschaftliche Anleitung zu finden, vielmehr diese selbst geben zu müssen. Der Ruf meines großen Einflusses im Civilgerichte hat sich auf eine mir beinahe lästige Weise verbreitet, da ich mit Consultationen jetzt viel geplagt werde.

Den beiliegenden Brief4 bitte ich Dich Zwicki, der nach glücklich vollendetem Examen nächsten Dienstag in Zürich eintreffen wird, zu übergeben. Grüße mir meine Freunde, namentlich | Sinz u. Zwicki med. und empfehle mich Deinen Eltern, wie Dich auch die meinigen5 grüßen lassen.

[...?] umarmt Dich Dein

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Escher bearbeitete für seine Dissertation ein Thema des römischen Rechts. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 12. Januar 1842 Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 21. Oktober 1842.

3Blumer verlobte sich mit seiner Cousine Susanna Heer (1820–1902), Tochter der Dorothea Heer-Schindler und des Cosmus Heer und ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer. Vgl. Blumer, Erinnerungen, S. 11(b)–11(c).

4Brief nicht ermittelt.

5 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky, und Adam Blumer (1785–1859), Kaufmann, Glarner Gemeindepräsident und Appellationsrichter (GL).