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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Heinrich Freuler

AES B0256 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#408*

Johann Heinrich Freuler an Alfred Escher, Neuenburg, Samstag, 27. November 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Universitäre Studien

Briefe

Neuchatel , le 27. Nov. 41.

Mein Lieber!

Als Entschuldigungsgrund für mein langes Stillschweigen weiß ich dir [...?]nichts andres anzugeben, als was ich in einigen andern Briefen schon, und zwar in vollem Ernst, angegeben habe, nämmlich, daß ich nicht gerne meine Leute langweile, was aber bis jetzt, wo ich fast ganz aus langer Weile zusammengesetzt war, [nicht?] [drum?] auszuweichen gewesen wäre. Es mag vielleicht dir, wie es bei mir in einer andern Lage wohl auch der Fall wäre, wohl ärgerlich vorkommen, wenn man sich durch lange Weile abhalten läßt, seinen lieben Freunden zu schreiben; um so etwas begreifen zu können, muß man in meiner gegenwärtigen Lage seyn oder wenigstens in einer ähnlichen; ich möchte dir sie nicht ganz aus ein ander setzen und errinnre dich nur daran, daß man im höchsten Schmerz keine lindernden Thränen vergießen kann. Nach diesem wirst du von meiner Lage schwerlich einen guten Begriff bekommen haben, doch ist es nicht gar zu schlimm, wenn auch immer noch so, daß ich sie keinem Menschen gönnen möchte. Da aber dieses nicht die Hauptsache dieser Zeilen ist, so werde ich darvon später reden und dir nun sagen, warum ich dir schreibe – zürne nicht, wenn ich dir es mit drei Worten sage: aus purem Eigennutz. Denn ich möchte für's Erste von dir erfahren, wie du lebst und webst, und wie sich deine verehrten Eltern befinden. Ich habe mir seit meiner Abreise von Zürich oft und viel Vorwürfe darüber gemacht, daß ich so fort bin in aller Eile, ohne mir zu erlauben, noch einen kurzen Besuch in deinem lieben Hause zu machen, und muß auch befürchten, mir deßwegen eine Mißkennung deiner verehrten Eltern zugezogen zu haben. Doch, hoffe ich, du wirst mich entschuldigt haben, da du es weißt, daß ich, als ich meine Ankunft zu Hause meinen l. Eltern meldete, die Rechnung ohne den Wirth machte, d. h. meine unausweich lichen Geschäfte in kürzerer Zeit glaubte abgethan zu haben, als es wirklich der Fall war. Thue es jedenfalls noch einmal und mache | meine besten Empfehlungen si te plait. – Ich schreibe dir aber ferner aus Eigennutz, weil ich eben auch ein Briefchen von dir möchte haben; ich weiß zwar nicht ob es unter obwaltenden Umständen nicht zu viel gefordert ist; denn ohne Zweifel lebst du jetzt ganz deinem Examen, das dich schon genug in Anspruch nähme, wenn du auch nichts andres zu thun hättest. Doch, ich verlange ja nicht viel – ich möchte dich nur wieder einmal sprechen hören und nebenbei erfahren, welche Fata du seit unsrer Trennung gehabt hast, was aus deinem Ausflug ge worden ist und wie er dir angeschlagen hat. Siehe, es hat neben allem Schönen, das es darbietet, etwas ungemein Trauriges, mit allen seinen Freunden nur so in der Luft, das heißt in Gedanken leben zu müssen, ohne ihnen einmal die Hand drücken zu können, ohne mit ihnen zu spazieren, mit ihnen zu sprechen, mit ihnen zu kneipen, zu singen, zu lärmen, zu schwärmen. Hier mußte ich mich aber an dieses traurige Loos in seiner ganzen grausigen Schwere gewöhnen, oder vielmehr ich hätte mich sollen daran gewöhnen, und so weit es mög lich war, glaube ich, habe ich es gethan. Aber: das jenge wohl, aber es jeht nischt. Ich möchte, wie gesagt, es keinem Hunde so wünschen, und wenn ich fürchten müßte, je im Leben es wieder so zu bekommen, ich würde es vorziehen, demselben valet zu sagen – aber Gottlob, ich habe es nicht zu fürchten. Um dir aber meine Lage ganz vor Augen zu stellen, mußt du wissen, daß ich hier noch keinen Menschen gefunden habe, von dem ich nur hoffen könnte, ihn einmal Freund zu nennen. Ich habe zwar einige Bekannte, denen aber viel abgeht – sie sind weder durch die Wissenschaft, noch durch das Leben gebildet. Am besten befinde ich mich noch bei einem Zürcher, der seit einiger Zeit hier als Lehrer war, Würmli aus Turbenthal – aber das ist eben doch ein Schulmeister. Mit Bürgern des edlen Neuchâtel ist nichts anzufangen; sie sind fast durch weg gegen Fremde, wenn sie nicht gehörig Aufwand machen, unverträg lich. Um dir ein Beispiel zu geben, so war in der ersten Zeit mei nes hiesigen Aufenthalt Pury oder eigentlich de Pury , an den du dich gewiß von Zürich her noch errinnerst, auch hier. Ich hatte Gelegenheit, ihn mehreremal unter dem Hause stehen zu sehn und dort mit | ihm zu sprechen; wie zu erwarten, lud er mich jedes mal ein, ihn ein mal in seinem Hause zu besuchen, setzte aber jedes mal dazu, ich möch te doch noch warten, bis dieses oder jenes, entweder die Weinlese oder das Examen, oder das Keltern vorbei sey und reiste dann an ei nem schönen Morgen nach Paris ab, ohne mir nur ein Wort zu sagen, und ohne mir einen Besuch zu machen trotz meiner Einladungen (und zwar ohne Parenthese). Ich erkundigte mich darnach, ob die Familie Pury zu den ersten adelichen gehöre und erfuhr, daß man sie im Gegen theil zu den guten Bürgern zählen könne. Ich könnte dir manche andre Geschichtchen erzählen, die mir einen wahren Horror gegen diese Amphibien einflößen. – Unter so bewandten Umständen versteht es eigentlich von selbst, daß man muß nolens volens Philister werden und zwar gleich bedeutend. Wo man keine Freunde hat, da hört Allens auf, auch das schöne Jugendleben. Ich will zwar nicht gerade behaupten, daß nicht noch andre Gaben des Himmels gebe, unter deren Genuß man sich erheben kann aus dem Staube des Philisterthums, und wenn es nur eine recht kräf tige Errinnrung an eine solche wäre, aber wo eben gar nichts zu finden ist, da muß die Poesie Haare laßen. Ein altes, schönes Lied, nur von 4 Mann gesungen, wie man selbst es einst sang, würde hinreichen, mir hier einen Abend meine Fidelität zu geben; ein gutes Bier könnte mich vergnügen; ein schönes Kind mich ergetzen; ein Theater könnte mich vielleicht hinreißen, ein Concert in's Elysium versetzen – und noch vieles andre könnte mich in Ermanglung von wissenschaftlich oder sonst gebildeten Freunden oder nur Bekannten in etwas für dieses entschädigen, aber nichts von alle dem, nichts, gar nichts. Dazu hat auch die Natur sich in's Grab gelegt, gleichsam ihr Philisterleben angefangen, daß man nicht kann hinaus gehen zu ihren Kindern. Endlich aber bin ich in meinem Spital vormittags von 8–11 und Abends von 6–7 angebunden, tagtäg lich angebunden und zwar fest genug. Ich denke nun bald genug gesagt zu haben um dir den Eingang meines Briefchens, das dir gewiß etwas unbegreiflich war, begreiflich zu machen und auch genug um dir ein Bild meines Lebens zu geben. Aus einem Briefe, den ich für unsren Sinz beilege, kannst du das Nähere über meine | Stellung am und im Spital nachsehen, wenn es dich intereßirt. Vielleicht kommt dir nun auch eine Frage, die wenigstens mir schon mehreremale ge kommen ist: warum hat unser Schnebli so grausam seyn können, ohne mir dieselbe richtig vor Augen zu stellen, mich in diese Lage zu bringen? – Ich kann zwar nicht läugnen, daß ich ihn während der Paar Tage, die wir hier zusammen zubrachten, nicht mehr erkennen konnte vor lauter Philisterei. Wahrscheinlich wird er in Zürich gewesen seyn und Euch viel leicht treuer berichtet haben, als er es mir that, als er mir den Vor schlag machte, die Stelle am hiesigen Spital anzunehmen. Wie hat er es aber so lange aushalten können? Die Frage kann ich nicht beantworten, wenn du nicht willst mit einer Hypothese vorlieb nehmen, und diese, wahrlich nicht allzu gewagt wäre, daß er in unsre Schwestern (der Barm herzigkeit) entweder in massa oder in eine speciell verliebt war. Das reimt sich allerdings nicht mit dem Zürcher & nicht mit dem Berliner Schnebli zusammen, wohl aber mit dem Neuchateller. Für meine Hypothese möchte ich nur, außer der Uebereinstimmung fast aller seiner hiesigen Bekannten, anführen, daß er blind war für alle Fehler dieser Leute und auf der andern Seite ihre Tugenden weit überschätzte, ferner selbigen Alles Mögliche zu Gefallen that, zB. alle Sonntage wenigstens einmal in die Kirche gieng und fast alle Monate beichtete. Sie hän gen auch jetzt noch ungeheuer an ihm, wenn sie auch mit meiner Wenigkeit zufrieden sind und Mr Castella, selbst ein bigotter Mann, Jesuit, wenn du willst, sich glüklich preist, keinen so Wilden («Sauvage») bekommen zu haben, wie unser Aloys am Anfang gewesen seyn soll.

Vielleicht bin ich im Stande, dir in einem folgenden Briefe interessantere Dinge zu berichten. Um Sinz auch etwas Neues zu berichten von dem wenigen Neuen, das in mir und um mich vorgeht, bitte ich dich von ihm das Fehlende suppliren zu lassen. Anfangs April werde ich bestimmt von hier abreisen und dich dann wahrscheinlich als Doctor in Zürich begrüßen. – Ich bitte dich nochmals, meine besten Empfehlungen an deine verehrten Eltern auszu richten. Grüße mir meine Freunde, meine Profeßoren, meine Kneipen, mein Zürich, wann und wo du sie siehst.

Empfange die herzlichsten Grüße von Deinem

Freuler.

Chèz Mr le Ministre Roulet , à Gibraltar prés Neuchatel .

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