Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0255 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Samstag, 30. Oktober 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Rechtliches, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 30. October 1841.

Mein theurer Escher!

Dein lieber Brief hat mir so viel Freude gemacht, daß es mir eigentlich Bedürfniß ist, denselben bald zu beantworten. Wenn ich schon während deines Aufenthaltes bei uns mit größtem Vergnügen bemerkte, daß dir unser Thal, dem ich nun einmal mit aller Anhänglichkeit warmer Heimathsliebe zugethan bin, u. das äußre Leben seiner Bewohner, so weit du es kennen lernen konntest, beinahe besser, als ich hatte erwarten können, gefielen, so gereicht es mir nun vollends zur wahren Herzensstärkung, von dir zu vernehmen, daß dich namentlich auch mein Familienleben, in dem ich jetzt, wie du richtig bemerkst, vorzüglich eine Quelle der Erfrischung u. Belebung suchen muß, angezogen hat, daß du dich im Kreise der Meinigen wohl befunden hast. Wie sehr wir durch beidseitige nähere Bekanntschaft mit unsern Familienverhältnissen einander näher gerückt worden sind, wie sehr unsre Freundschaft dadurch an Intensivität, u. ich möchte fast sagen, an höherer Weihe (dadurch) gewonnen hat, ist unverkennbar. Auch ich fühle mich stets tief gerührt u. wahrhaft erhoben durch die warme Freundschaft, Offenheit u. Gemüthlichkeit, mit der deine Eltern mich stets bei sich aufzunehmen gewohnt sind, drücke ihnen doch deßhalb, auch noch was meinen letzten Besuch bei Euch betrifft, meinen wärmsten Dank aus! Ich weiß es sehr wohl, daß sie bei mir oft über manche Schwächen, die in meiner äußern, oft etwas rauhen u. steifen Natur liegen, hinwegsehen müssen, u. gerade daß sie dies auf so liebreiche Weise thun, erfüllt mich gegen sie mit der innigsten Verehrung. – Ich bin nun auch sehr froh darüber, daß du meine hiesige Lage u. Stellung überhaupt etwas besser würdigen gelernt hast, als es früher der Fall gewesen zu seyn scheint. Ich weiß gar wohl u. fühle es am besten, seitdem du uns verlassen hast, daß mir sehr Vieles hier mangelt, allein es wäre doch von mir u. von Andern eine gewaltige Einseitigkeit, wollte man mich hier als in einer Art | von Verbannung u. geistigem Elend lebend betrachten. Ein rauher Schauplatz der Thätigkeit u. gesegneten Wirkens, der mir auch in andrer Beziehung zwar nicht eben glänzende Genüsse, aber doch ein mäßiges, meiner Natur ganz zusagendes Glück bietet, indem er den meisten meiner Neigungen volle Befriedigung gewährt, ist mir gleichsam durch meine Geburt angewiesen worden; wie sollte ich ihn vertauschen gegen eine vielleicht ruhmvollere, genußreichere, aber immerhin ihrem wahren Nutzen u. Erfolge auch weit unsicherere u. darum auch weniger wahre Selbstbefriedigung gewährende Laufbahn? Der Wahlspruch, dem ich in dieser Beziehung immer treu geblieben bin, ist: «sub sole nil perfectum», u. mit innigem Behagen las ich diesen Sommer wieder meinen Horaz, der das Glück des ruhigen Umganges mit sich selbst u. mit der Natur, auf welchen ich hier freilich mehr als in einem größern, geistig belebtern Orte angewiesen bin, überall so hoch preist. Was mir hier vorzüglich mangelt, hast du sehr richtig eingesehen, u. wie viel schöner u. herrlicher mein hiesiges Leben wäre, wenn ich einen wahren Freund im vollen Sinne des Wortes mir zur Seite stehen hätte, das habe ich erst durch deinen Besuch bei uns, dem ich nur eine längere Dauer hätte wünschen mögen, recht eingesehen; denn nie fühlte ich mich hier so verlassen u. isolirt, wie die ersten Tage nach deiner Abreise. Ich würde diesen Mangel übrigens auch weniger fühlen, wenn Zwicki hier statt in Mollis wohnte, allein diese Entfernung von einer Stunde macht einen grössern Unterschied aus, als ich mir gedacht hatte, u. er ist wirklich der einzige im ganzen Canton, dem ich so recht mein Herz ausschütten könnte, während hingegen in wissenschaftlicher Beziehung er mir nicht sehr viel bieten kann u. eher noch Sträßer's Umgang mir einige Anregung gewährt.

Meinen besten Dank auch für die gefällige Mittheilung aus Du Cange, die ich sehr wohl brauchen kann; ich bedaure nur, daß du so viel darüber abschreiben mußtest. Den Herrgott wirst du also dann Zwicki bei seiner Rückreise übergeben, u. ich werde dir denselben jedenfalls so bald als möglich zurücksenden. – Da ich jetzt gerade wenig Gerichtssitzungen habe u. das Wetter auch nicht mehr sehr verführerisch zu Ausflügen ist, so bin ich sehr eifrig mit meiner Arbeit beschäftigt, die ich diesen Winter um ein bedeutendes Stück weiter bringen zu können hoffe. Ich bin jetzt erst | zu der innern Rechtsgeschichte gelangt, einem Stoffe, der zwar wegen Unvollständigkeit der Quellen nicht gerade als zusammenhängendes Ganze dargestellt werden kann, doch aber in seinen Einzelheiten, besonders weil sich viel Alterthümliches bis in unser heutiges Recht hinein erhalten hat, sehr merkwürdig u. dessen Bearbeitung für mich natürlich am lehrreichsten ist. Ich werde hier, um meine Arbeit allgemein intressanter zu machen, auch die Rechtsquellen andrer benachbarter Cantone, deren Rechtsgeschichte noch nicht bearbeitet worden ist, benutzen, u. treibe dabei wieder eifriger als früher deutsches Recht u. Pandekten, um namentlich durch die Vergleichung die germanischen Rechtsbegriffe in mir zu lebendiger Anschauung zu bringen. Ich werde dir auch in Zukunft von Zeit zu Zeit etwas über meine Arbeit schreiben, da mir eben solche Mittheilung fast unentbehrlich ist, u. bitte dich ein gleiches zu thun, da ich mich auch für den Fortgang deiner Dissertation, wie deiner andern Examensarbeiten, sehr intressire.

Da du meinen Aufsatz über den Eid in der Glarnerzeitung, den ich vorzüglich schrieb, um ein Urtheil des AppGerichts, das eine neue Praxis in unserm Canton begründen will, zu rechtfertigen, gesehen hast, so melde ich dir darüber, daß derselbe in der folgenden Nummer eine für mich persönlich zwar nicht beleigende, doch immerhin mir ärgerliche Erwiederung aus dem Standpunkte der unterlegnen Parthei von irgend einem Vetter oder Gönner derselben hervorgerufen hat. Man kann sich daraus überzeugen, wie wenig solche wissenschaftliche Fragen zur Besprechung vor einem grössern Publikum sich eignen; wenn Jeder die Sache von vorne herein zu verstehen glaubt, so ist freilich Belehrung unmöglich. Ich hatte schon oft den Gedanken, es wäre in jeder Beziehung sehr wünschenswerth, wenn die Juristen mehrerer Cantone (z. B. der östlichen Schweiz) sich zur Herausgabe einer Zeitschrift für ihr praktisches Recht vereinigen würden; die Vergleichung u. Zusammenstellung könnten für alle Theilnehmer nur heilsam seyn, u. die gerichtliche Erfahrung würde dadurch über die engen Gränzen eines Cantons hinaus erweitert. – Du bemerktest während deines Hierseyns, ich müsse wohl in meinem Gerichte oft ein satyrisches Gesicht machen; in der letzten Sitzung konnte ich nur mit Mühe lautes Lachen unterdrücken, als unser Präsident, da er vom gemeinen Rechte reden wollte, den Ausdruck «Völkerrecht» brauchte. Das ist doch zu toll! – Heute reist der erste élégant von Glarus, weiland Gelehrter, jetzt Weltmann, nach Zürich. Wie lange er in Seewen war, lasse ich dahin gestellt; denn als er mir sagte, 3 Tage, sah ich ihm am Gesicht an, daß er mich anlog, was ihm eben nicht schwer fällt. Er versicherte mich übrigens, daß er diesen Winter nicht den «Dandy» spielen werde, u. erzählte mir, letzten Sommer sey Aepli, dessen Vorzüge er nicht genug herausstreichen konnte, sein intimster Freund gewesen. – Meine Eltern u. Schwester, die sich mit größtem Vergnügen deines Aufenthalts bei uns erinnern, lassen dich grüßen. Empfehle mich auch deinen Eltern u. sey herzlich um[armt?] von

Deinem

J J Blumer.