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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0253 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 12. September 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Rechtliches, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 12. Sept. 1841.

Mein theurer Escher!

Für deine beiden lieben Briefe danke ich dir herzlich! Was du mir in dem zweiten mittheiltest, war mir eigentlich schon bekannt; d. h. von jener Unterredung zwischen Vater u. Sohn hatte ich zwar nicht, wie du, sichre Kunde erhalten, aber für die schlauen Pläne u. Absichten des Vaters u. für die bereitwillige Folgsamkeit des Sohnes hätte ich wenigstens einen unumstößlichen Indizienbeweis führen können. Höchst intressant war mir besonders deine Mittheilung von Tschudi's Inquisitionsversuchen; an dir hat er einen sehr verstockten «Unglücklichen» gefunden. Dein Stillschweigen war mir von größtem Werthe; doch zweifelte ich nie an deiner Verschwiegenheit, besonders gegen solche Leute. Der Rath, den du mir für mein Verhalten in dieser Sache ertheilst, war mir ganz aus dem Herzen gesprochen u. enthielt nur den Gedanken, den ich von dem ersten Augenblicke an, wo ich jene Rivalität entdeckte (u. das ist schon ziemlich lange her), gehabt habe. Ich befürchte übrigens diesen Rivalen wenig, da ich mein Terrain kenne u. mich darnach einrichten kann. Intressant ist indessen, daß Tschudi, während er mit solchen Machinationen gegen mein Lebensglück umgeht, mich höflichst einladen läßt, während meines bevorstehenden Aufenthalts in Zürich bei ihm zu logieren. In der That ein wahrer Judaskuß, den er mir bietet! Seine «Bestrebungen u. Schicksale» werden uns übrigens noch viel Stoff zum Lachen geben. – Ich war auch sehr froh, aus deinem 2ten Briefe die Tage des Zofingerfestes, auf das ich mich jetzt wieder unendlich freue, zu entnehmen. Ich richte mich nun darnach so ein, daß ich nächsten Freitag von hier abreisen u. dann mit Ankunft der Post deiner Einladung gemäß bei dir absteigen werde. Vorher kann ich hier nicht wohl wegkommen; dagegen werde ich wohl nach dem Feste noch einige Tage wegbleiben können. Ich muß es in meinen jetzigen Verhältnissen einigermaßen bedauern, daß nach der alten Sitte das Zofingerfest | mit der Hin- und Herreise etwas zu viel Zeit wegnimmt.

Daß du dich in neuester Zeit bedeutend mit dem Criminalrechte beschäftigst u. Geschmack daran findest, freute mich sehr zu vernehmen, da man ohne einige Kenntniß dieses Faches doch immer einseitig bleibt u. gerade der Unterschied zwischen dem civilen u. criminalen Standpunkte auch im Civilrechte Manches deutlicher macht. Ich bedaure jetzt auch zum Theil, nicht tiefer, als es geschah, in's Criminalrecht eingedrungen zu seyn, da ich mich jetzt nolens volens damit beschäftigen muß, indem ich als Civilrichter eo ipso auch Suppleant des Criminalgerichts bin u. in dieser Eigenschaft häufig zugezogen werde. Ob du übrigens den Werth des römischen Criminalrechts nicht etwas überschätzest, kann ich zwar wegen Mangel an hinreichender Kenntniß desselben nicht bestimmt entscheiden; doch scheint es mir so, wenn ich das Ganze der Wissenschaft überblicke u. bedenke, daß die wichtigsten Prinzipien, aus denen man zu ganz andern Resultaten, als die Römer, kam, u. die Begriffsbestimmungen so vieler Verbrechen erst in neuerer Zeit hinzugekommen sind. – Ich will dir nun, das Umständlichere auf mündliche Unterredungen versparend, doch noch einen kurzen Ueberblick über meine jetzigen Beschäftigungen geben, von denen ich dir schon lange nicht mehr geschrieben habe. Meine Stelle im Civilgerichte macht mir viel Freude. Zwar ist mir der Mangel an Rechtskenntniß bei meinen Collegen oft empfindlich genug; doch sind wenigstens einer derselben u. der Gerichtschreiber Leute von vielen natürlichen Anlagen. Das Beste aber ist, daß sie mir durchaus keine Schwierigkeiten in den Weg legen, sondern meiner Ansicht, wenn sie auch von der ihrigen himmelweit verschieden ist, doch gewöhnlich den Sieg lassen, so daß ich bereits ein Mann von bedeutendem Einflusse bin. Auch hatten wir bereits mehrere recht intressante Fälle zu entscheiden, u. ich überzeuge mich immer mehr, daß in der Jurisprudenz die Praxis nicht das Unintressanteste, sondern wohl eher die Hauptsache ist. Erst durch sie lernt man den Werth der verschiednen Institute u. Rechtsgrundsätze, die man, wenn man sie blos hört u. liest, oft nur gläubig annehmen muß, selbstständig beurtheilen, u. rationell betrieben, ist sie gewiß ein Mittel ununterbrochner geistiger Ausbildung. Viel weniger gefällt es mir im Criminalgerichte: nicht etwa darum, weil ich als schwacher Criminalist mich hier als Null fühlen müßte, denn ich glaube immer noch mehr als alle andern Richter, Joh. Tschudi nicht ausgenommen, vom Criminalrechte zu verstehen, sondern weil der ganze Geschäftsgang entsetzlich langweilig u. ermüdend ist, | was dir aus dem einzigen Umstande, daß das Collegium aus 13 Mitgliedern besteht, sattsam hervorleuchten wird. Ziemlich viel zu thun habe ich auch als Aktuar unsrer Sekundarschulpflege; dieses Amt würde mich insofern sehr freuen, als ich darin wirklich für einen guten Zweck arbeiten kann, der zugleich der Anstrengung aller Kräfte bedarf, aber ich muß wieder das Langweilige unsrer demokratischen Einrichtungen empfinden, indem auch wieder zu viele Mitglieder in der Behörde sind, die zwar alle nichts thun, aber doch zu Allem mitreden wollen, so daß den Wenigen, welche Eifer haben u. eigentlich einen engern Ausschuß bilden, überall die Hände gebunden sind. – Neben diesen praktischen Beschäftigungen, welche im Ganzen ungefähr die Hälfte meiner Zeit wegnehmen mögen, wiedme ich nun die andre Hälfte vorzüglich meiner begonnenen Staats- und Rechtsgeschichte, die mich wohl einige Jahre auf ebenso angenehme als hoffentlich auch ersprießliche Weise beschäftigen wird. Für mich wenigstens habe ich bis jetzt nicht blos den Nutzen davon gespürt, den jede selbstständige Forschung, die zu neuen Resultaten führt, mit sich bringt, daß man dadurch neu gestärkt u. zu wissenschaftlichen Arbeiten neu ermuntert wird, sondern auch den, daß ich dadurch in der deutschen Rechtsgeschichte fester geworden bin u. mir vieles in derselben klarer geworden ist. Ich hoffe aber auch dem litterarischen Publikum oder der Wissenschaft einigermaßen nützlich werden zu können, da ich, gestützt auf die den meisten bisherigen Bearbeitern schweizerischer Geschichte unbekannte, neu erstandne Wissenschaft des Deutschen Rechtes u. auf neue, noch unbenutzte Quellen, namentlich die Staatsgeschichte der ältern Zeit in einem ganz neuen Licht darstellen werde, woraus sich für die ältre Geschichte der demokratischen Cantone überhaupt manche neue Gesichtspunkte ergeben könnte, durch eine historische Darstellung unsres Privatrechts aber einen nicht unwichtigen Beitrag zu einer künftigen schweizerischen Rechtsgeschichte u. durch das Ganze ein nicht unintressantes Seitenstück zu dem Bluntschli'schen Werke geben zu können hoffe!

Gestern hatte ich Besuch von Erlach, der wieder 9 Wochen in Thun in der Militärschule war u. auch über Zürich nach Zofingen zu kommen gedenkt. Ich hoffe sehr, recht viele alte Freunde dort zu sehen. – Also auf baldiges Wiedersehen! Mit herzlichem Gruß

dein

J J Blumer.