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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0252 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Heidelberg, Dienstag, 10. August 1841

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Krankheiten, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

HEIDELBERG. 10. August 1841.

Mein lieber Alfred!

Wie muß ich es bedauern, aus deinem Briefe zu ersehen, dein allzu feurig wallendes Blut dir mit so ernsthaften Krisen noch immer keine Ruhe läßt; bedauern dir auf diese Weise deine liebsten Beschäftigungen verkümmert werden. Da es dir an Rath von Seite d. Arztes & der Deinen nicht fehlt will ich den meinen gerne zurükhalten & wünschen du dessen überhaupt in Zukunft nicht mehr bedürfen mögest & mit dem Eintritte in die ruhigern Mannesjahre auch dein Körper dauernder Ruhe sich erfreue. – Meinem Körper pflege ich so recht nach d. Grundsatze d. juste-milieu; ich muthe ihm mehr zu als d. Hypochonder od. d. hiesigen Kneiphelden die kaum vor die Stadt zu bringen sind; dann aber hat er sich auch nicht über unnöthige Strapazen zu beklagen & ich bin schon zufrieden wenn ich nur einigermassen müde vom Spaziergange zurükkehre. Ueberhaupt entspricht er meinem Gemüths zustande ganz & beyde kommen immer gut mit einander aus & jeder verträgt sich mit den Bedürfnissen des andern. Trotz des schlechten Sommers, trotz des schlechten Heidelberger Biers befand ich mich immer sehr wohl. Häufige sonntägliche Ausflüge, meist nach dem Odenwalde oder dann zu meinen Bekanten nach Mannheim brachten Abwechslung in mein sonstiges Stillleben & der Spruch bewährte sich auch diesen Sommer bei mir: Nach vollbrachter Arbeit ruht sich so gut. – Unsre gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich seit meinem lezten Schreiben wesentlich gebessert; den meisten meiner Landsleute sind durch | das schroffe, eitle & exclusive Treiben des Cor's & durch den rohen Despotismus seiner Haupthelden die Augen geöffnet worden & sie ergossen sich in bittern Klagen darüber. Auf d. Kneipe waren bloß noch d. Burschen, Renoncen & einige unterthänige Füchse zu finden. Da leider jezt allgemeine Unzufriedenheit herrscht über die schlechten Bierkeller Heidelbergs (da ohne Uebertreibung zu sagen ich unser Berliner bairisches Bier gesünder & genießbarer fand) so sah man sich wenig während der Woche. Beynahe den ganzen Tag hielten Klinik & Vorlesungen mich im Spitale & so blieben mir dan nur d. frühen Morgenstunden & einige nach dem Abendessen zum Privatstudium übrig. Ich habe mehr gesehen als gelesen, gerade desswegen aber bey meiner frühern vorwiegend theoretischen Richtung viel für mich gewonnen. Es wäre ein Unglük für mich gewesen wenn ich Heidelberg früher besucht hätte. Seine in allem durchgreifende praktische Richtung hätte auf früherm Standpunkte der Erkenntniss mehr entmuthigend als bekehrend gewirkt; eine solche Bekehrung wäre zu oberflächlich, zu tyrannisch gewesen als ich ihr um diesen Preis mein innerstes Wesen geopfert hätte. Nun aber freue ich mich, auch da anzu erkennen, ja mich da heimisch zu finden wogegen sich meine Natur sonst gesträubt hätte; dem praktischen Leben stehe ich wieder näher, wie je obwohl es mir nicht bloß seine vielen Trivialitäten & Gemeinheiten zeigt wie dem Diener niedriger Leidenschaften, sondern vielmehr seine ethische Bedeutung als Harmonie der That & des geistigen Willens mir aufgegangen ist. Wahrend die Rechte des Geistes, die Vernunft schützend gegen die Uebergriffe des schwankenden Gemüthes & des zersezenden Verstandes, achtend die Ausdauer des Fleißes wie die schöpferische Kraft des Ingeniums, ist mir die Kunst eines schönen, thätigen & nützlichen Daseins recht dem Standpunkte des Menschen in der Schöpfung angemessen, mitten hingestellt zwischen die willenlose Natur & den vollkommen freien Gott, scharf getrennt für sich & doch wieder auf unendliche Weise mit ihnen ver bunden & in ihrer Geschichte die seinige erblikend. Wie freue ich mich in dieser Gegenwart zu leben, deren unverkennbare Bewegung zur Begründung einer neuen Culturperiode meinem Wesen so ganz entspricht & mich mit freudigem Vertrauen auf eine schönere & edlere Zukunft erfüllt. – Nach vielen Jahren unruhigen Hin & Herrirrens bin ich endlich da angelangt ich das Glaubensbe kenntniss welches vor einiger Zeit Schelling in seinem Nekrologe über | Döllinger abgelegt durch & durch als das meinige anerkenne; was mich um so mehr freut als ich es gerade nicht so von ihm erwartete; nun aber gerne selbst daran glaube & in diesem Glauben durch immer mehrere Indizien bestärkt werde, er nochmals berufen sei uns ein neues reiches geistiges Leben zu eröffnen zu dessen Erzeugung sich so vieler Gährungsstoff bereits gesammelt hat. – Ich hoffe du wirst mir diese Exkursion zu gut halten; ich wollte dir damit nur sagen auch ich mich in eine Zeit mit aller Liebe, mit allem Ernste hineinleben will; es die Gegenwart & mit ihr die Zukunft ist, das wirst du schon von dem Mediziner begreifen; & doch kommt noch so unendlich vieles, ja alles hinzu was uns diese Zeit so werth machen muß. Ebensogut aber begreife ich, warum dich das römische Alterthum in seiner plastischen Abgeschlossenheit, in der Vollendung seines Staatswesens gegenüber dem schwankenden, schwer beklagten neuern Rechte so ganz zu beschäftigen & einzunehmen weiß. Ich stimme wohl mit dir überein ich mit dir sage es komme in allem nicht darauf an mit was wir uns beschäftigen, sondern wie wir es thun & ebenso natürlich ist, wir dann diesen Gegenstand in eben der Form am liebsten sehen in der er sich am vollendetsten & reichsten darstellt & in der Zeit in der er vorwiegend das Interesse der Menschheit in Anspruch nahm. Indessen kann ich hier freilich nicht umhin, zu beklagen ihr noch nicht Grund habt, die schönste & reinste Ausbildung des Rechts in dem modernen Staatsleben zu finden. I[Indessen?] freue ich mich der Zuversicht von uns keiner dem andern seine Freuden [ver?] kümmern & vielmehr diese Differenz unsere tiefere Harmonie lebendiger befruchten werde. – Ich kann dir so gut wie sicher versprechen, ich dem Zofingerfeste beywohnen werde, um so mehr als ich wirklich darauf zähle recht viele unsrer alten Bekannten sich ebenfalls einfinden werden. Von hier aus werden wahrscheinlich Leopold. Amrhyn & Bischoff aus Basel eintreffen. Akermann ist durch sein Examen verhindert. – Hier bleibe ich nur noch bis zum 28ten August & ziemlich wahrscheinlich werde ich vor dem Feste in Zürich sein, um wo möglich noch einige meiner nächsten Verwandten zu besuchen. Die Grüße deiner Lieben zu Hause erwiedere ich herzlich. Mit dem Wunsche du bald oder bereits schon jezt wieder rüstig auf den Beinen sein mögest

umarme ich dich.

Dein

C. Sinz.

Viele Grüße an Freuler, A. Aepli, Bühler etc.

Kommentareinträge

Auf der ersten Briefseite oben sind zwei Ansichten von Heidelberg abgebildet mit dem Vermerk: « Lith: v. P. Wagner in Carlsruhe » .