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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0247 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 53

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 29. Juni 1841

Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Wahlen

Briefe

Glarus den 29. Juni 1841.

Mein theurer Escher!

Dein letzter Brief1 hat mich sehr gefreut besonders wegen der umständlichen Berichte über Deine Exkursionen, die mir so viele angenehme Erinnerungen zurückriefen, da sie mit unsern letztjährigen so große Aehnlichkeit haben, u. ich will nun nicht länger anstehen denselben zu beantworten, da die heranrückende Zeit Eurer Sommerferien baldige bestimmte Verabredungen für dieselben nothwendig macht. Ueber die Pfingstreise füge ich jetzt nur noch bei, daß gerade das schlechte Wetter, welches Ihr hattet, mich doch einigermaßen bei Dir rechtfertigen sollte; denn nur um in Zug das alte Minnespiel wieder aufzunehmen u. in Goldau mit Kartenspiel die Zeit zu tödten, hätte es sich für mich wirklich die Mühe nicht gelohnt, Euch ganz allein nach Zug entgegenzulaufen u. ebenso den Heimweg wieder allein zu machen. Ich bin ganz überzeugt, daß Ihr Euch dabei sehr fidel gemacht habt; aber eben da dies ohne mich geschehen konnte, so brauche ich mir wegen meines Ausbleibens um so weniger Vorwürfe zu machen. Sehr gaudirt hat mich das schöne Epitheton2, das mir am bewußten Orte zu Theil wurde; auch in dieser Beziehung ist es besser, ich sey nicht dabei gewesen, weil ich es sonst leicht hätte verscherzen können. An manchem andern Orte wenigstens würde ich schwerlich jenen ruhmvollen Beinamen erlangt haben, wie ich mich denn von Berlin her eines ziemlich contrastirenden Urtheils über mich erinnere. Hätte es übrigens zu dem neuen Amte, welches ich jetzt bekleide3, einer besondern Bewerbung, namentlich einer Empfehlung bei meinen Mitbürgern hinsichtlich meiner Sittlichkeit bedurft, so würde ich nicht ermangelt haben, unsre holde Freundinn4 um ein Attestat über meine conduite irreprochable (die einst Haller5 in Bonn so sehr an seinen Collegen rühmte) anzugehen, welches dann durch ihren großen Gönner u. Beschützer, Stadtpräsident Bossard6, hätte legalisirt werden müssen. Am meisten intressirte mich Eure Heuelkneiperei von der mir Zwicki ausführlich erzählte; wo so viele alte Freunde wieder versammelt waren, hätte | ich wirklich auch gerne dabei seyn mögen. Um so mehr freut es mich nun aber, daß wenigstens 5 derselben sich in den nächsten Ferien hier zusammenfinden werden; denn es ist Dir ohne Zweifel schon bekannt, daß gerade um die Zeit, wo Du hier eintreffen wirst, auch Alfred Aepli7 u. Zwingli Wirth8 bei Zwicki auf Mullern sich aufhalten werden9, wobei dann natürlich leicht sich gegenseitige Besuche machen lassen. Ich hoffe nun blos, Du werdest Dich mit Bezug auf Deine Abwesenheit von Hause so einrichten, daß Du Deinen Besuch bei mir auf eine Woche oder allerwenigstens etwa auf 5 Tage ausdehnen könnest. Meine Eltern10 freuen sich sehr auf diese Zeit, wo Du uns einmal Deine Gegenwart schenken wirst. Was dann die unter uns verabredete, nachherige Reise anbetrifft, so wäre es mir lieber gewesen, Du hättest einen Plan dazu entworfen, da Du mehr mit Leuten, die die betreffenden Wege u. Gegenden genau kennen, in Berührung kommst, als ich. Indessen da Du einen solchen von mir verlangst u. die Zeit längres Zaudern nicht zuläßt, so will ich Dir unter der Voraussetzung, daß der Canton Tessin u. die borromäischen Inseln als Zielpunkte im Allgemeinen schon angenommen sind, folgenden Vorschlag machen. Wir würden von hier durch's Sernfthal (oder, wenn Du lieber Matt ausweichen willst, über Linthal u. Frugmatt) u. über den Segnespaß nach Ilanz gehen, von da durch's Lungnez in's Blegnothal hinüber (wobei etwa noch intressante Berge zu besteigen wären), dann das Tessinthal hinunter nach Bellinzona u. über den Monte Cenere nach Lugano, hierauf an den Langensee u. zu den Inseln, dann zurück nach Locarno, durch's Val Maggia hinauf u. in's Formazzathal zum Tosafall hinüber, endlich durch's Bedrettothal u. über den Gotthard nach Altorf, wo wir uns trennen würden. Würdest du zu Anfange der Reise den Tödipaß, der nach Dissentis hinüberführt, vorziehen, so könnte ich mich wohl auch dazu verstehen; ich habe denselben weggelassen, theils weil er wirklich seine bedeutenden Schwierigkeiten hat, theils weil ich nach meinem Plane etwas mehr vom Bündner Oberlande sehen könnte, das mir auch noch ganz unbekannt ist. Ueberhaupt lasse ich mir alle Abänderungen, welche nicht die Hauptsache berühren, gerne gefallen, da mir nicht entgeht, daß mir die nöthige Sachkenntniß fehlt.

Wir hatten hier in der letzten Zeit drei Landsgemeinden nach einander, die unser sonst ziemlich schläfriges u. träges öffentliches Leben natürlich doch einigermaßen aufregten, alle Gebildeten u. Einsichtsvollern aber nur peinlich berühren konnten. Für meine Person könte ich zwar mit dem Endergebnisse zufrieden seyn; nachdem ich zuerst den Verdruß gehabt, durch den unsinnigen Beschluß, es sollen alle letzt- u. diesjährigen Demittenten | an ihre aufgegebnen Stellen wieder gewählt werden, mich auf's neue in's Criminalgericht geworfen zu sehen u. eine abermalige Demission schreiben zu müssen, wurde ich doch nachher mit ehrenvollem Mehr zum Mitgliede des Civilgerichts ernannt u. dabei mir über meinen Entschluß, dieser gewiß nicht unwichtigen Behörde meine Thätigkeit zuwenden zu wollen, von verschiednen Seiten Freude bezeugt; es ist mir nun dadurch der gewünschte Wirkungskreis angewiesen, u. wenn ich in der Folge mich dabei nicht befriedigt fühlen sollte, so hätte ich mich deßhalb nur selbst anzuklagen. Um so trauriger hingegen stellt sich das Resultat einer Landsgemeinde im Allgemeinen dar, welche nicht blos alle indirekten Steuern mit Ausnahme einer von den fremden Handlungsreisenden zu erhebenden Abgabe (wie schmutzig u. gemein! u. wie unklug zugleich für ein Industrieland!) verwarf, sondern auch den mehr als gerechten Antrag, daß das Vermögen der Gemeinden so gut wie dasjenige der Privaten versteuert werden solle, zurückwies, dagegen beschloß, daß die Weibelstellen wieder von der Landsgemeinde selbst, der höchsten gesetzgebenden Behörde, die zu wichtigern Arbeiten keine Zeit findet, besetzt werden sollen! Der Erzähler nennt diese Beschlüsse «ächtglarnerisch»11 u. es muß leider zugegeben werden, daß einige Beziehung derselben zu den Schattenseiten unsres Volkscharakters sich nicht verkennen läßt; doch lege ich die Schuld noch mehr auf die Verfassung, die ich nun einmal unsern Verhältnissen nicht mehr entsprechend finden kann, als auf das Volk, denn ich bin überzeugt, daß in jedem andern Cantone, wo man das Volk selbst über solche Gegenstände abstimmen ließe, es um nichts besser ginge. Ich nehme nämlich das Volk immer im Gegensatze zu den Gebildeten, welche eben an einer Volksversammlung nothwendig die Minderzahl bilden; der Ungebildete hat nun einmal, einzelne Fälle momentaner Begeisterung ausgenommen, kein Staats- oder Gesammtbewußtseyn, sondern beurtheilt, wenn er es auch ganz ehrlich dabei meint, Alles nur nach seinen individuellen Intressen. Gewiß ist es auch die allerschwerste Aufgabe für einen republikanischen Staatsmann, in einer reinen Demokratie das Volk zu einer Ueberzeugung zu bringen, deren in der Regel nur Gebildete fähig ind, u. eine ächt volksthümliche Beredsamkeit ist ein sehr seltnes Talent, dessen grade unsre jetzigen Regenten fast gänzlich entbehren. Um so trauriger ist es dann aber, wenn man die höchste Behörde eines Staates ganz ungebildeten, sittlich u. intellektuell gemeinen Menschen die jenes Talent haben mit Jubel u. Beifall sich hingeben, Führern aber, die durch langen, uneigennützigen Staatsdienst u. wesentliche Verdienste um den Canton sich bewährt haben, mit Spott u. Hohn begegnen sieht. Bei solchen Erfahrungen ist blos noch erfreulich, daß die Gebildeten aller Partheien, so sehr sie auch früher getrennt seyn mochten, nun sich brüderlich die Hand reichen u. über die Tyrannei des Pöbels wenigstens laut zu klagen anfangen. – Dies eine gelegentliche Herzensergießung, die Dir wohl nicht ganz unintressant seyn wird; wir werden wohl etwa [ein andermal?], schriftlich oder mündlich, auf diesen Gegen| stand zurückkommen. Leb' indessen wohl u. schreibe mir bald wieder, namentlich noch an welchem Tage u. mit welchem Anlasse Du bei uns einzutreffen [gedenkst?], da ich Dir, wenn es sich thun läßt, ein Stück weit entgegenkommen möchte. Auf der Reise sollst Du in mir [...?] ganz den Alten (im guten Sinne) finden. Herzlich grüßt Dich Dein

J J Blumer.|

Noch muß ich Dir bemerken, daß mir die Worte Keller's bei Euerm Fackelzuge, die Du mir mittheilst, außerordentlich gefreut haben; sie enthalten recht eigentlich den Kern seiner Individualität u. würden am passendsten unter seinem Bildnisse stehen. Gewiß auch ich werde mich in Zukunft von der Wahrheit seines Grundsatzes immer mehr überzeugen, wenn freilich auch ein Festhalten an der Wissenschaft neben der Praxis in dem Grade, wie es bei Keller der Fall war, nur unter besonders günstigen Verhältnissen möglich ist.12

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Epitheton (gr.): (schmückendes) Beiwort.

3Blumer war zum Mitglied des Zivilgerichts gewählt worden; siehe unten.

4Gemeint ist Minna Weingartner (Lebensdaten nicht ermittelt), Serviertochter in Zug. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 8. / 9. August 1841; Heinrich Lukas Zwicky an Alfred Escher, 9. / 11. März 1843.

5Vermutlich Albert Friedrich von Haller (1813–1882), von Bern, Theologe.

6 Konrad Bossard (1802–1859), Zuger Stadtrat (Stadtpräsident 1837–1840) und Kantonsrat (ZG).

7 Alfred Johannes Aepli (1817–1913), von St. Gallen, Theologiestudent. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 11. Juni 1838, Fussnote 24.

8 Zwingli Wirth (1818–1905), von Neukirch, Theologiestudent.

9 Zwicky, Aepli und Wirth bereiteten sich auf der oberhalb von Mollis gelegenen Alp Mullern auf ihr Theologieexamen vor. Vgl. Zwicky, Jugenderinnerungen, S. 28–29.

10 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky, und Adam Blumer (1785–1859), Kaufmann, Glarner Gemeindepräsident und Appellationsrichter (GL).

11 Vgl. Der Erzähler, 25. Juni 1841.

12Ergänzung am Rand der ersten Seite.