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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0246 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 9. Juni 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Landsgemeinde GL, Reisen und Ausflüge, Verfassung LU, Zürichputsch (1839)

Briefe

Glarus den 9. Juni 1841.

Mein theurer Escher!

Ich hätte dir schon eher geschrieben, wenn ich nicht gehofft hätte, einige Nachrichten über Eure hoffentlich ganz fidel abgelaufne Pfingstexkursion von dir zu erhalten; nun aber solche bis dahin nicht eingetroffen sind, so will ich nicht länger säumen, dir meinem Versprechen gemäß den beiliegenden Aufsatz zu schicken, welchen ich im Laufe der letzten Woche niedergeschrieben habe. Derselbe bezieht sich zwar nicht ganz direkt auf deine Arbeit, indem er zunächst von der Beweislast handelt; doch sind darin auch mit einer dem Titel vielleicht zu wenig entsprechenden Ausführlichkeit die Beweisarten berücksichtigt u. jedenfalls wirst du aus dem Ganzen wenigstens einen Ueberblick über die Beweistheorie des deutschen Rechts gewinnen. Allfällige Schwächen meines Aufsatzes bitte ich damit zu entschuldigen, daß ich, während ich mich mit diesem Gegenstande beschäftigte, von ganz verschiedenartigen Dingen vielfach in Anspruch genommen wurde, so daß oft Wochen vergingen, ohne daß ich meinen germanistischen Studien auch nur eine Minute Zeit schenken konnte; dadurch wurde mir die ganze Sache einigermaßen verleidet, so daß ich darüber keine Sylbe geschrieben hätte, wenn ich mich nicht des dir gegebnen Versprechens hätte erinnern müssen. Wenn du übrigens in meiner Arbeit in manchen Stücken die Schärfe u. Präzision, durch welche sich römisch rechtliche Abhandlungen gewöhnlich auszeichnen, vermissen wirst, so bitte ich dich zu bedenken, daß eben der Stoff selbst dieselbe nicht begünstigt; ich habe sie, soviel an mir lag, erstrebt u. deßhalb so viele Regeln als möglich aufgestellt, was hier wahrlich nicht so leicht ist wie im römischen Rechte, wo die Regeln meistens schon gegeben sind. Glaube auch ja nicht, daß ich diese Beweistheorie für einen der anziehendsten Punkte des deutschen Rechts ansehe; ich habe im Gegentheil immer klarer eingesehen, daß sie in mancher Hinsicht geradezu auf Unsinn beruht, daß sie durchaus nur mit einem niedern Culturzustande verträglich war, in einem gebildetern u. aufgeklärtern Zeitalter aber dem von gesundern Prinzipien ausgehenden römischen Rechte weichen mußte, während ich hingegen in manchen andern Punkten Grundsätze des deutschen Rechts für weit vernünftiger als die entsprechenden des römischen halten muß. Was mich zum tiefern Eingehen in jene Lehre antrieb, war vorzüglich die mich sehr anziehende Lektüre des Sachsen spiegels, der mir in vielen Stellen unverständlich bleiben mußte, so lange mir dieselbe nicht völlig klar vor Augen lag, u. das Ungenügende, welches mir die Handbücher darüber gaben. Mit einigen | Bemerkungen über meinen Aufsatz würdest du mich sehr erfreuen, da ich ja sonst von Niemandem ein Urtheil darüber vernehmen kann. – Auch mit meinem Systeme des glarnerischen Privatrechts bin ich jetzt zu Ende gekommen u. glaube bei Ausarbeitung desselben viel gelernt zu haben; theils für meine bevorstehende Praxis, sowohl was die Interpretation unsrer Gesetze als auch was daran in manchen Punkten sehr nothwendige Revision betrifft, theils auch für die Wissenschaft, indem ich dabei Manches repetirte u. nachlas u. mich vorzüglich in den Geist des neuern Rechts, wie es sich in den meisten Staaten ziemlich gleichförmig ausgebildet hat u. als ein 3tes, vom römischen u. deutschen Rechte verschiedenes, wenn auch auf beiden beruhendes Rechte dasteht, hinein arbeitete. Ich werde nun bald mit den Vorstudien zu einer später auszuarbeitenden glarnerschen Rechtsgeschichte beginnen, dabei aber meine freie Zeit immer so eintheilen, daß mir ungefähr die Hälfte derselben für allgemein wissenschaftliche Beschäftigungen übrig bleibt. – Meine praktischen Aussichten sind nun vorzugsweise durch die auf nächsten Sonntag ausgekündete Landsgemeinde bedingt. Ich bin fest entschlossen, keine andre Stelle als eine im Civilgerichte anzunehmen; ich glaube aber auch, daß man mich nirgends anders als dahin wählen wird. Sollte es anders kommen, so weiß ich freilich noch nicht recht, was ich dann thun werde. Wie ich mir meine Stellung als Civilrichter, wenn ich es werde, denken soll, weiß ich auch noch nicht ganz; erfreulich ist es mir, mit der juristischen Praxis recht vertraut zu werden u. auf die hiesige Praxis einigen wissenschaftlichen Einfluß üben zu können, unerfreulich dagegen der geringe Werth der Collegen. Letztres würde ich übrigens auch in allen andern hiesigen Gerichtsbehörden finden; wenn die Leute vielleicht auch äußerlich etwas achtbarer aussehen, so zeichnen sie sich doch – mit wenigen ehrenvollen Ausnahmen – weder durch Bildung noch durch Talente aus, oder wenn sie je einmal einige oberflächliche Rechtskenntnisse aufgegabelt haben, so sind sie dafür nur um so anmaßender. Die Zukunft wird lehren, welcher der beiden angegebenen Gesichtspunkte bei mir überwiegen wird. Ich bin jetzt überhaupt etwas mißstimmt durch die politische Lauheit u. Flauheit, das gerade Gegentheil von dem, was der Engländer public spirit nennt, welche gegenwärtig unter uns herrscht, u. durch die Halbheit der vorberathnen Verfassungsrevision, welche einen von mir sehnlichst erwarteten bessern Zustand, wo unsre jetzt so träge u. schwerfällige Rechtsmaschine etwas mehr in Leben u. Schwung gerathen würde, nicht herbeiführen wird. Ich fühle dabei auch mehr als früher, wie manches mir hier entgeht, was zu meiner weitern Ausbildung, zur Entwicklung aller Kräfte, die in mir liegen, dienen könnte, doch erhebt mich über solche Betrachtungen immer wieder der Gedanke, daß der Mensch nicht blos für sich u. für seinen Genuß lebt, daß für den Menschen u. Edeln das höchte Gluck nur in dem für ihn möglichen wohlthätigsten u. intensivsten Wirken liegt, welches im kleinern Kreise oft leichter ist als in | glänzenden äußern Verhältnissen. Dazu kommt dann noch eine gewisse Originalität, die ich von jeher an mir bemerkt habe, darin bestehend, daß es mich immer gefreut [hat?], unter ganz anders organisirten Menschen als der einzige in meiner Art dazustehen. Vor Allem aber überwältigt den grübelnden u. unzufriednen Verstand stets das Gemüth, das mit tausend zarten Fäden an die Heimath sich angezogen fühlt, das mir sagt, daß ich mit dem Ursprünglichsten, was in mir ist, in diesem Lande meiner Väter wurzle. – Meine geselligen Verhältnisse haben durch Zwicki's Ankunft eine recht angenehme Veränderung erlitten. Natürlich ist mir seine Unterhaltung auch jetzt immer wieder die größte Erquickung, weil ich mit ihm allein auf die mir geläufigste Weise über Alles, was junge Männer, die eben den wichtigen Schritt in's praktische Leben hinüber zu thun im Begriffe sind, vorzüglich intressiren muß, mich besprechen kann. Ich muß nur bedauern, daß, da wir nicht am gleichen Orte wohnen, wir uns meistens blos wöchentlich einmal sehen, weil häufigere Besuche gar zu viel Zeit rauben würden. Im Uebrigen ist unsre hiesige Geselligkeit leidlich wie früher, u. während der letzten Militärzeit habe ich mich sogar wieder einmal recht flott gemacht. Die schönste Zerstreuung im Sommer werden hier immer Bergparthien sein, für welche uns der Himmel bald wieder gutes Wetter schenken möge! – Die jetzige politische Entwicklung Luzern's ist eine höchst merkwürdige Erscheinung besonders wegen der vielen Analogien, die sie mit der – im Uebrigen doch schon etwas in den Hintergrund getretnen Geschichte Zürich's nach dem 6. Sept. darbietet. Man denke nur an den Oberrichter Strumpfweber u. an den Oberrichter Baßgeiger! Die Luzerner Reaktion hat indessen vor der zürcher'schen den großen Vorzug, daß sie durchaus u. bis in's geringste Förmchen hinein auf gesetzlichem Wege vor sich ging, weßhalb nun auch die Radikalen sie insofern anerkennen müssen u. ihr nicht so schroff wie bei Euch entgegentreten dürfen. Dagegen steht sie darin sehr im Nachtheile, daß in Luzern die Verfassung durch viele unsinnige Bestimmungen verschlechtert wurde u. daß die neue Regierung wahrscheinlich noch eine viel extremere, sarnerischere Richtung einschlagen wird, als die zürchersche. – Kürzlich habe ich meinen sehr intressanten Brief von Sinz erhalten, der mir um so erfreulicher war, als ich ihn wirklich kaum noch erwartet hatte. Er schreibt mir darin besonders ausführlich über sein Verhältniß zur Philosophie, weniger von seinen gegenwärtigen äußern Umgebungen. Auf nächsten Herbst wird er nach Zürich kommen. – So eben erfahre ich auch, dass Zwicki nach Zürich abgereist sey. Es freut mich dies sehr; denn ich merke wohl, daß dieser Brief etwas düster geschrieben ist, er wird dir aber am besten sagen können, daß ich keineswegs schwermüthig bin, vielmehr im Ganzen mich doch immer wohl fühle. – Nun hoffe ich auch von dir wieder bald ausführlichere Berichte zu erhalten, welche mir eigentlich seit unserm letzten persönlichen Zusammentreffen gänzlich mangeln, u. grüße dich herzlich

dein

Blumer