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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0245 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Heidelberg, Donnerstag, 3. Juni 1841

Schlagwörter: Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Heidelberg den 3. Juni 1841.

Mein lieber Alfred!

Endlich also in Heidelberg, kaum zwei Tagreisen mehr von dir entfernt! Wie wohl thuend wäre mir dieser Gedanke schon an & für sich, wenn nicht diese herrliche, üppige, so romantisch zauberhafte Natur diesen Musensitz mir so lieb & theuer machte, stände nicht binnen wenigen Monden meine Rükreise bevor, die mir so überschwengliche Freuden bieten soll, ich schon mit Schmerz an die Trennung von demselben dächte. Gewiß, hielten mich nicht die Reitze einer solchen Natur, die ich nach langer schmerzlicher Entbehrung erst recht zu schätzen gelernt, gefangen, du hättest schon lange Nachrichten von mir in Händen. So aber kann ich mich nicht satt ergehen & erklettere auf diesen Epheu um rankten, mit Buchen & Kastanien reich bewaldeten Felsen & wenn ich gerade in diesen Augenbliken Euer am lebhaftesten gedenke, der ich mit euch so oft an den reitzenden Ufern des Sees, auf dem freundlichen Belvoir in solchen Genüßen geschwelgt, wenn ich gerade dann um so mehr den Mangel eines trauten Freundes empfinde, dann würde ich alsogleich die Feder ergreifen, wenn sie mir das unendlich viele, das mich bewegt dir auszudrüken vermöchte. – Wie viele sind, nach Jahrelangem Aufenthalte aus dem Norden zurükgekehrt wie sie hingegangen, haben nichts mitgenommen als den Haß & die Verwünschung aller der Gegensätze, die zumal den Ankömmling unangenehm be rühren. Schnöder Undank wäre es von mir, wenn nicht liebevolles Andenken an den Namen Berlin sich knüpfte & recht lebendig habe ich es hier erfahren wie es nicht die vollen Schüsseln & Fleischtöpfe des Südens es waren die mir so freundlich zurükwinkten. Nie weder in Berlin, noch in Halle war ich mehr Feind roher Kneiperei, nie lebte ich mäßiger & geregelter & nie war ich überhaupt ärmer an unnöthigen physischen Bedürfnissen wie gerade jezt in Heidelberg. Nein es war wieder die Natur die mir so richtig auf meiner Lebensbahn, in d. That Mutter & Lehrerin des Geistes geworden, es war ferner das be wegtere, energischere & gemüthlichere Leben im Gegensatz zu dem mehr phlegmatisch, verständig-kritisirenden Volke des Nordens. – Seit unsrer Trennung hatte freilich Berlin nach & nach für mich eine ganz andre Gestalt gewonnen & es wurde mir in den lezten Monaten der Aufenthalt dort um so angenehmer als ich durch Bekannte aus Hamburg eine neue, höchst angenehme Bekanntschaft mit dem Steinhauer & Prof. an der Gewerbsschule Kiss, der sich durch seine Amazonengruppe, die vor dem Museum aufgestellt werden wird, in Kurzem einen europäischen Ruf sich erworben & von d. jezigen Könige vielfach mit Rath & That in Anspruch genommen wird. Wie leid that es mir, ich ihn nicht früher kannte, wie viele Kunstgenüße wären mir noch durch ihn zu Theil geworden. Seit kurzem erst verheirathet, vom Könige erst mit einem neuen großen Atelier beschenkt, voll d. Schöpfungsplane für die | Zukunft, war er einer der frohsten & glüklichsten Menschen, die ich kannte; so bescheiden & liebenswürdig im Umgang wie auf der andern Seite reich an Gemüth & in allen Gebieten der plastischen Kunst ungeheuer bewandert. Sein Wesen mahnt viel an Prof. Ritter . [...?] Die Abende die ich da im engsten Familienkreise zu brachte, waren mir ein vollgültiger Ersatz für die nach d. Tode v. Frau Ritter unterbliebnen. – Im Gebiete d. Musik nahm ich eine ganz andre Richtung an & wenn ich noch im ersten Winter fleißig italienische Opern besuchte, so war ich in dies. 3ten Winter der fleißigste Besucher der Conzerte d. Singakademie, deren herrliche Chöre in den Oratorien mir unver gesslich bleiben. – wir uns nach & nach sehr gut aklimatisirten & sehr fröhliche Abende oft bis spät in die Nacht hinein mit einander durch lebten, davon wird dir Freuler schon erzählt haben. Wir haben es genugsam erfahren, sich in Berlin sehr gut leben läßt, ja ich weiß sogar wir dort viel besseres Bier tranken als d. Studenten in Heidelberg; nur das Geld darf nicht ausgehen, denn hier liegt gewöhnlich der Stein des Anstoßes & der Unzufriedenheit. - Ueber unsere Fachstudien habe ich dir bereits berichtet; alles drehte sich in diesem Winter um d. Klinik von Schönlein, wie jezt die v. Chelius & Naegele praedominiren. Mit Akermann & Flury reiste ich hieher. Die schönste Parthie war unstreitig der Thüringerwald, sowohl wegen der sehr romantischen Gegend wie des herrlichen Menschenschlages beiderl. Geschlechts den wir da antrafen. - In Würzburg leuchtete uns am besten das herrliche massive Juliusspital ein. Obwohl wir einige sehr fröhliche Tage dort zubrachten so habe ich doch keineswegs zu bedauern, ich den Wanderstab weiter ergriffen. Die Gegend etwas kahl & ohne Abwechslung darf sich mit der hiesigen nicht messen & obgleich ich alle Achtung vor dem guten, aber auch starken & einschläfernden Würzb. Biere habe, halte ich mich doch lieber an den heiter stimmenden Pfälzerwein. Ich habe Ursache hier beynahe in allem sehr zufrieden zu sein. Was mir fehlt ist ein guter trauter Freund; so muß ich in sonst sehr angenehmer Gesellschaft immer eine gewisse Rükhaltung beobachten, bei der ich zwar gut fahre, die mir aber immer etwas lästig bleibt. Mit dem Corwesen konnte ich mich, wie du dir leicht denken magst, nie einlassen. Anfangs hatte ich zwar d. gute Absicht, [...?] als Mitkneiper zu erscheinen, um so mehr da beynahe alle Schweizer mehr od. minder damit zu sammenhängen. Akermann hatte noch d. Seinige gethan um mir d. Sache annehmlicher zu machen. Mögen nun auch d. Heidelberger Cors vor andern Anstand & gefälliges | Benehmen voraus haben & habe ich auch mehrere Burschen kennen gelernt, die ich abgesehen von dieser Grille achte & mit denen ich jezt noch oft verkehre, so hat mich doch eine Schaar [...?] knabenhafter Juristen, besond. aus d. Kantonen Thurgau & Aargau durch ihr Bramarbasiren, ihr unverschämmtes Absprechen & den lächerlichsten Eigendünkel, durch die schroffste Intoleranz gegen alles was mit ihren Ideen irgendwie in Wiederspruch steht, gar bald wieder aus diesem Orte vertrieben. Soviel konnte ich genugsam beobachten diese Kneiperei weit eher d. Ruin aller gemüthl. Geselligkeit ist. Hielte ich die ganze Sache nicht für einen vorüber gehenden Rausch, & ohne alle Bedeutung für d. Fortbildung des socialen Lebens, so fände ich mich vielleicht veranlasst sie näher in ihrem Grund & schädlichen Folgen für den einzelnen näher zu beleuchten; das beste ist aber wirklich für unser einen, sie zu ignoriren; ob auch für die Regierungen? ich zweifle. Ich komme indessen auch ohne diese Gesellschaft fort & wir führen unter uns Medizinern ein zieml. abgeschlossnes Leben. Akermann fand auch für gut sich von d. Corkneipe zurükzuziehen & so machen wir den mit noch einigen ältern Medizinern häufige, des Sonntags immer ziemlich große Spatziergänge. Abends bade ich regelmäßig im Nekar auf d. Heidelberg. Schwimmschule. – In wissen schaftlicher Hinsicht war ich recht glüklich in meinen Erwartungen. Den größten Werth hat mir unbedingt d. Klinik v. Chelius. Seine tüchtige Diagnose, die Schönheit & Genauigkeit seiner Operationen, d. ungeheure Sorgfalt in d. Nachbehandlung & endlich sein edles & einfaches Benehmen, fern von aller Renommisterei haben ihn mir außerordentlich lieb gemacht. Die Frequenz ist sehr reichhaltig, besond. [bei?] Augenkrankheiten. Bei Naegele sind d. Touschirübung. d. Hauptsache & ich habe besond. während d. Ferien recht viel darin gelernt. Puchelt weiß sehr viel, hat alles gelesen, ist ein auch sonst sehr vielseitig gebildeter & liebenswürdiger Mann. Doch besizt er zu wenig Energie, ist in d. Behandlung zu indifferent, auch in der Diagnose sich ungern entscheidend; daher besond. d. Anfänger klagen, sie lernten nichts bei ihm. In den Nachmittagsstunden habe ich noch Verbandlehre & hospitire oft d. geburtshülfl. Colleg v. Naegele . - Zuweilen fahre ich des Sontags nach Mannheim auf Besuch zu einer uns nahe befreundeten Familie; d. Bruder nemlich meines Vetter v. Chrismar im Hegau der im Laufe dieses Winters v. Constanz an d. Regierung nach Mannheim versezt wurde. Da ich sie bereits in Constanz kannte, kannst du dir leicht denken wie mir dies stets ein angenehmes Intermezzo ist, um so mehr da ich dann in Heidelberg um so ungenirter v. Bekannten bin. – Ende August werde ich noch einen Ausflug in d. unt. Rheingegend vielleicht bis Cöln machen, dann aber den direkten Rükweg nach d. Schweiz antretten wo ich Mitte Septembers ungefähr einzutreffen hoffe. - Du bist wohl so gut & sagst Freuler, meine Absichten auf d. Winterquartier seien noch d. bekannten, & er | möchte dies doch sammt freundlichem Gruße an Herrn Zur Eichs weiter berichten. Wir wünschten überhaupt er auch einige Worte nach Heidlb. ausstreuen möchte; zu meinem Leidwesen höre ich, ihm Pfeuffer gar nicht gefalle! – Nun lebe wohl Alfred, auf baldiges recht frohes & gesundes Wiedersehen mit dir & den theuren Eltern & Geschwister. Von Freunden grüße mir besond. Aepli & Freuler ; Zwiky wenn er auch in Zürich sein sollte.

Dein

C. Sinz.

b. Ewald. Herrendiener, Seiergasse.