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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0244 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 24. Mai 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Reisen und Ausflüge

Briefe

Glarus den 24. Mai 1841.

Mein theurer Escher!

Deine freundschaftliche Einladung an mich, auch dies Jahr wieder an Eurer Pfingstexkursion Theil zu nehmen, war mir ein neuer, sehr angenehmer Beweis davon, wie sehr dein Herz immer noch an mir hängt, u. es muß mir daher wirklich leid thun, dir eine abschlägige Antwort schicken zu müssen, welche, wie ich voraus weiß, dich nicht wenig ärgern wird. Gleichwohl kann ich, obgleich kein äußres Hinderniß mich abhält, in meinem eignen wohlverstandnen Intresse nicht anders handeln, u. du mußt dies auch selbst begreifen, wenn du dich auf meinen Standpunkt versetzen kannst. Dir ist eine solche Pfingstreise Bedürfniß als Erholung von angestrengten Studien u. Arbeiten, vom Stadt- und Zimmerleben (denn auch auf deinem Landgute gehörst du doch vorzugsweise der Stadt u. ihrem Leben u. Treiben an). Bei mir findet sich von allem dem das Gegentheil; denn erstens ochse ich nicht so gewaltig wie du u. grade weil ich in dieser Beziehung mit mir selbst nicht ganz zufrieden bin, mag ich mir auch nicht zu viel Erholung gönnen, – zweitens habe ich in der letzten Zeit Erholung genug gehabt, wozu die Militärzeit, 1½ Wochen, zu rechnen ist, – u. drittens habe ich, was Ihr auf einer solchen Pfingstreise vorzüglich sucht, Berge u. Thäler, eine großartige Natur mit erhebenden u. erquickenden Ansichten u. Aussichten, ganz in der Nähe, kann mir also diese Erholung alle Tage verschaffen, habe auch schon recht intressante Exkursionen mit Zwicki gemacht u. beabsichtige diesen Sommer noch viele zu machen. Etwas anders ist es mit größern Gebirgsreisen, wo man wirklich viel intressantes Neues sieht u. lernt; diese kann auch der Berganwohner mit großem Nutzen machen, u. ich wünsche daher auch nichts sehnlicher, als daß wir in den Sommerferien unsre beabsichtigte Reise ausführen könen, wozu ich von ganzem Herzen bereit bin. Rechnest du nun aber diese zusammen mit den vielen Exkursionen, die ich diesen Sommer in unserm Canton zu machen wünsche, u. erwägst du zugleich, daß mir nun auch immer mehr praktische Arbeiten zugeschoben werden, die ich nicht alle abweisen kann, so mußt du leicht begreifen, daß ich meine Zeit zusammennehmen muß, um auch noch dabei studieren zu können; in der Wissenschaft aber wenigstens nicht rückwärts zu kommen, sondern eher noch durch eigne Forschung etwas weiter vorzudringen, ist mir immer wahre Gewissenssache. Würde ich nicht ganz sicher hoffen, dich u. so auch Aepli in den Sommerferien hier zu sehen, so müß| ten freilich solche Rücksichten des Verstandes vor dem Drange des Herzens, das mich stark genug zu Euch hintreibt, zurücktreten, unter diesen Verhältnißen aber darf man sie doch wohl gelten lassen. Ich will Euch nun auch in Berücksichtigung jener Hoffnung auch nicht gerade dazu aufmuntern, Euern weg bei mir vorbei einzuschlagen, weil Ihr wohl nicht gerne in so kurzer Zeit zweimal nach einander das Glarnerland sehen möchtet; wohl aber wäre es mir immerhin lieb, wenn Ihr etwas unsre Gränzen berühren würdet, so daß ich ohne viel Zeitverlust mit Euch zusammenkommen könnte. Wenn Ihr z. B. den Weg, den mehrere unsrer Freunde 1838 einschlugen, durch's Wäggithal in's Klönthal machen würdet, so würde ich Euch natürlich dahin entgegenkommen u. auch noch über den Bragel begleiten. Später könntet Ihr dann immer noch auf den Rigi gehen, der mich überhaupt nicht sehr anzieht.

Von allem Weitern berühre ich diesmal nur noch, daß ich mein Gesuch an dich, mir aus Keller's Bibliothek Albrechts Dissertatio de probationibus zu verschaffen, anmit zurückziehe, indem ich eingesehen habe, daß meine Forschungen über diesen Gegenstand doch nie zu einem sehr intressanten Resultate führen könnten, weil das Prozeßsystem des Mittelalters nur eine Modifikation des ältern ist, welches Rogge doch ziemlich genügend geschildert hat. Nichts desto weniger will ich mein Versprechen, dir zum Behufe deiner Arbeit einen kurzen u. doch gründlichen Umriß dieses germanischen Rechtstheils einzusenden halten; sehen wir uns in den nächsten Tagen nicht persönlich, so soll es bald geschehen u. damit sollen auch andre Nachrichten folgen. Für einmal nur, daß ich mit vollen Zügen die freie Luft des Landlebens genieße u. mich dabei, obschon in mancher Hinsicht isolirt, im Ganzen recht glücklich u. behaglich fühle. Solltet Ihr nun auf meinen Vorschlag, das Wäggi- u. Klönthal betreffend, eingehen, so bitte ich dich es mir noch mit kurzen Worten zu melden u. mir die Zeit Eures Eintreffens im Klönthal (wohl in Richisau) anzuzeigen, u. es würde mich dann besonders freuen, wenn Freuler auch mitkäme. Ich darf natürlich nicht verlangen, daß Ihr auf mich, der ich nun einmal an der Exkursion als solches nicht Theil nehmen will, große Rücksicht nehmet; aber große Freude würdet Ihr mir dadurch machen.

Sey indessen herzlich gegrüßt
von deinem

J J Blumer.