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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0241 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 9. April 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 9. April 1841.

Mein theurer Escher!

Indem ich dir beiliegend dein mir gefälligst geliehenes Wechselrecht von Keller, nachdem ich den gewünschten Gebrauch davon gemacht habe, zurücksende, eröffne ich unsre Correspondenz wieder mit nochmaligem Bedauern über die geringe Gunst, die der Himmel dies Jahr unsrem sonst so schönen Fahrtsfeste bezeugt hat, dem ich dies Mal wegen Eurer Theilnahme mit um so freudigerer Erwartung entgegengesehen hatte. Freilich würde mich auch sonst schon das Ausbleiben mehrerer ältrer Zürcher, auf die ich ganz oder theilweise gerechnet hatte, in meinen Hoffnungen einigermaßen gestört haben, u. der etwas matte u. nüchterne Ton, der im Ganzen unter der herangezognen Schaar herrschte, mußte mir der begeisterten Wärme u. Freude, wie sie letztes Jahr in Zug sich äusserte, gegenüber doch etwas schlecht abstechend vorkommen. Ich will zwar gerne annehmen, daß es in Schänis bei günstigerer Lokalität fideler hergegangen seyn mag; allein es sollte doch bei einer solchen zofingerischen Zusammenkunft nicht ausschließlich auf bloße Kneiperei abgesehen seyn. Leid würde es mir thun, wenn die Anwesenheit von uns 3 Glarner Philistern störend auf Eure Gesellschaft eingewirkt hätte, was ich aber doch kaum glauben kann. So fand ich eigentlich an jenem Tage keinen andern Genuß, als denjenigen, mich deiner Gesellschaft wieder für einige Stunden erfreuen zu können u. dich wieder einmal in unserm Lande zu sehen, wo ich dich nur für längere Zeit hätte zurückhalten mögen. Um so lieber erinnre ich mich dagegen der herrlichen Tage, die ich bei dir in Zürich zugebracht habe, wo ich für Geist u. Gemüth wieder so reichliche Nahrung fand. Unvergeßlich werden mir besonders unsre schönen Morgenspaziergänge bleiben, wo wir über alle Gegenstände, die uns besonders wichtig seyn müssen, unsre Gedanken u. Ansichten einander frei u. offen mittheilen konnten. Ich darf dich jetzt wohl versichern, daß manche Bemerkung, welche du mir dabei über meine Lebenspläne machtest, bei mir tiefre Wurzeln geschlagen hat, als du wohl damals voraussetzen konntest. Zugleich wurde mir durch dich u. andre wieder die lebendigste wissenschaftliche Anregung, deren ich in meinen hiesigen Ver| hältnissen so sehr bedürftig bin, meine kurze, doch freudige Theilnahme am Studentenleben erfüllte mich wieder mit frischem jugendlichen Sinne, u. das innre Heiligthum deines Familienkreises, das mir diesmal vollständiger als sonst aufgeschlossen wurde, zeigte mir ein liebes, ungemein anziehendes Bild, welches ich mi r oft mit einer dem Heimweh verwandten Regung wieder vor die Seele rufe, indem ich von tiefer Achtung für den durch hohe Lebensweisheit u. Erfahrung ausgezeichneten Vater, für die treue, liebevolle, überall zärtlich besorgte Mutter erfüllt ward. Danke doch deinen Eltern in meinem Namen nochmals herzlich für die rührende Freundlichkeit u. Ungezwungenheit, mit der sie mich bei sich aufgenommen u. fast wie einen zweiten Sohn behandelt haben.

Zu meinen gewohnten Umgebungen zurückgekehrt, machte ich mich, durch die von dir mir mitgetheilten Aufschlüsse über das ältre römische Beweisverfahren von um so höherm Intresse für den alten deutschen Prozeß erfüllt, sogleich hinter die Schrift von Rogge, habe dieselbe durchgelesen u. bin noch mit Ausschreiben ihrer Hauptpunkte beschäftigt. Rogge ist jedenfalls ein genialer Kopf, voll Geist u. Scharfsinn, aber seine Behauptungen sind oft sehr paradox u. vieles in seinem Systeme beruht auf bloßen Conjekturen u. auf der mir immer sehr gewagt, wo nicht lächerlich vorkommenden Voraussetzung, die alten Deutschen seyen halbe Engel gewesen, Leute ohne Falsch noch Hehl, denen es fast unmöglich war eine Unwahrheit zu sagen oder selbst die Wahrheit zu verschweigen. Nimmt man dieses an, so ist es denn freilich sehr begreiflich, daß für solche Wesen höherer Art ganz andre gerichtliche Institutionen bestanden, als für unser verderbtes Geschlecht, bei dem man eben eine so unbedingte Wahrheitsliebe nicht mehr voraussetzten darf; alle gründlichern Forscher unter den Germanisten (z. B. Eichhorn) halten sich aber von einer solchen petitio principii fern. Ich verdanke Rogge manche gute Bemerkungen über den deutschen Prozeß u. im allgemeinen eine mehr tiefe als klare Einsicht in das Wesen desselben; meine Arbeit aber, die ich vorhatte, hat er mir eher erschwert als erleichtert, da ich mir nun ein dem seinigen in manchen Stücken entgegengesetztes System aufbauen muß, welches ich erst noch gegen ihn zu vertheidigen hätte. Eichhorn u. Grimm greifen ihn zwar auch an, doch ohne selbst etwas [enen?] so vollständiges u. durchdachtes zu liefern. Daß sich Rogge in seiner Arbeit auf die alten leges beschränkte, verdenke ich ihm eben nicht, weil ich dadurch für den Sachsenspiegel freie Hand behalte; immerhin aber sehe ich nun ein, daß ich mich jedenfalls nicht so ausschließlich, wie ich es wünschte, auf diesen würde beschränken können, wodurch meine projektirte Arbeit bei meinen Verhältnissen höchst schwierig, wo nicht unmöglich wird. Es kommt noch dazu, daß ich gegenwärtig nebenbei mit einer praktischen Arbeit, die | sich nicht wohl aufschieben läßt, stark beschäftigt bin u. nächste Woche unsre Militärübungen wieder beginnen werden, so daß ich wirklich jetzt nicht voraussehen kann, wie es mir mit jenem Plane gehen wird. Indessen wäre es mir doch immer lieb, wenn ich jene Schrift von Albrecht (Doctrinae de probationibus secundum jus medioaevi adumbratio), welche sich grade auf den Sachsenspiegel u. die andern Rechtsbücher des Mittelalters bezieht, bekommen könnte. Aus der Art, wie Homeier sie citirt, muß ich doch wohl annehmen, daß es eine – nur etwas große, weiter ausgearbeitete – Dissertation ist, daher bei Keller sich vorfinden dürfte; wenn dich daher dieselbe für deine Arbeit auch intressirt u. du sie für dich nehmen willst, so möchte ich dich bitten, wenn es angeht, sie mir für einige Tage heraufzusenden, worauf ich sie so bald als möglich zurückschicken würde, oder sonst mir den Hauptinhalt derselben mitzutheilen. Jedenfalls aber wünschte ich sie dann nicht schon jetzt, sondern erst etwa nach 3 Wochen zu erhalten.

Ueber meine geselligen Verhältnisse weiß ich natürlich diesmal nach so kurzer Zeit wenig hinzuzusetzen, erwarte aber in dieser Beziehung um so mehr von dir zu vernehmen, der du nach unsrer Trennung auf der Linthbrücke noch mehrere flotte Abende u. Nächte zugebracht haben wirst. Auch ich habe mich am Fahrtsabende in meiner Philistergesellschaft beim Bären, zu der wir dann zurückkehrten, noch bis 10 Uhr recht wohl amusirt. Es waren grade die rechten Leute noch beisammen, u. bei unserm Eintritte sprach der Präsident die bedeutungsvollen Worte aus: «jetzt wollen wir's noch schön haben», welche auch in Erfüllung gingen. Das Exerziren kömmt mir freilich jetzt mit Bezug auf meine Arbeiten sehr ungelegen; daneben aber hoffe ich mich dabei ziemlich fidel zu machen. Mit meinem Vetter, der jetzt in den Ferien hier ist, komme ich natürlich viel zusammen u. freue mich recht an seiner Entwicklung. Ich muß auch an ihm wieder die Erfahrung machen, daß man, von Hause entfernt, nothwendig viel schneller heranreift als solche, die länger in der Familie bleiben können; obgleich noch nicht 16 Jahre alt, hat er doch die Knabenschuhe schon ganz ausgezogen u. tritt ganz selbstständig auf, ohne im geringsten anmaßend zu seyn, u. wenn ich ihn auch nicht für besonders fleißig halten kann, so weiß er doch sehr viel, was auf bedeutende Talente schließen läßt. Ich freue mich nun sehr auf das Eintreffen Zwicki's, den ich alle Tage erwarte; wahrscheinlich ist er jetzt schon in Zürich, grüße mir ihn dann recht herzlich. – Ebenso bitte ich dich auch mir die Abiturienten Brändli, Jak. Escher u. Hagenbuch noch herzlich zu grüßen u. mich deinen Eltern bestens zu empfehlen. Herzlich grüßt dich

dein

J J Blumer.