Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Wilhelm Eugen von Gonzenbach

AES B0239 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#228*

Wilhelm Eugen von Gonzenbach an Alfred Escher, Göttingen, Dienstag, 9. März 1841

Schlagwörter: Universitäre Studien

Briefe

Göttingen den 9 März 1841.

Mein lieber Escher

Heute will ich für Brändli u. andere allfällige Abiturienten meine frühern Nachrichten zu vervollständigen suchen, indem ich Einiges noch hinzufüge, was für Leute von Werth seyn kann zu wissen, welche hieher zu kommen denken. Allem Uebrigen vorgehn mag der kürzlich erschienene Lectionscatalog – in einem Auszuge freilich, denn wozu soll ich den Schwall der Privatlehrer anführen? Institutionen u. Rechtsgeschichte liest nach seinem bald herauszugebenden Lehr buche: Mühlenbruch. Pandekten (ganz ohne Buch!): Ribbentrop , über Servituten u. Pfandrecht derselbe. Deutsches Privatrecht mit Einschluß des Handels-, Wechsels- u. Lehnrechts: nach s. Grundriß Kraut ., nach Eichhorn : Thöl . Handelsrecht apart nach seinem so eben erscheinenden Buche: das Handelsrecht: (in 4–5 St.) Thöl. Gemeiner deut scher Civilproceß nach seinem Lehrbuch: Mühlenbruch . Examinatorien u. Relatorien hierüber: Bergmann . Civilpraktikum (Röm.): Thöl . Strafrecht: Zachariae . Strafproceß u. –practicum: Bauer . Staats-, Kirchenrecht: Zachariae . Ritter Hugo kündigt an: Rechtsgeschichte u. Encyclopädie (wir hoffen aber Litterairgeschichte zu Stande zu bringen.-) Die philos. Collegien brauch' ich wohl nicht anzumerken. Die Rechtsphilosophie hält Ritter dießmal nicht. Sonst aber sind er u. Herbart stets in voller Thätigkeit. Die Philologen (Mitscherlich, Schneidewin, Lion, von Leutsch) sind wohl nicht von großem Belang. Heeren liest nicht mehr, Havemann erzählt Geschichten. – Ueber den Privatumgang mit Professoren kann ich nur mein jüngst Gesagtes wiederholen u. bestätigen. Mit R. leb ich höchst angenehm ( Röm. R. ist keines wegs der vorherrschende Gegenstand unserer Gespräche, wie gerne würde er mit Brand über dergl. sprechen!); Kraut behandelt mich äußerst freundlich. Von Z. u. Th. habe ich, obschon ich bey diesen beiden Herrn nichts hörte, Bücher hier auf dem Zimmer. Bey Hugo , der sehr oft Abends empfängt, ein geführt zu werden, hält nicht schwer. Karger mit ihrer Zeit sind wohl Ba. Be. u. M. – Von der Bibliothek brauche ich nichts erst zu sagen. Sie ist bekanntlich die größte in Deutschland. Also noch einiges Materielle. Die Stadt G. ist ziemlich freundlich, mehrere Straßen breit u. hell. Die nächste Umgegend wenig anziehend, weil sehr flach, dagegen die fernere voll hübscher u. freundlicher Punkte (Plesse, Gleichen usw usw.) Der grüne kaum bepflanzte Wall rings um die Stadt ist zu jeder Tageszeit der beliebte Sammelplatz beschränkter Spaziergänger. Das Clima ist sehr gut (für den Winter ausgezeichnet: ich befinde mich hier besser als in Basel u. selbst in Zürich . Gar so wild als man sie sich wohl vorstellt ist die hiesige Jugend nicht, doch fehlt es freilich an Gelegenheit u. Anlaß zum Flott leben auch nicht. Die Verbindungen haben sich in Folge der Wahl Bergmanns zum Prorector mit verschärften Instruktionen meist aufgelöst. – Einige finden das Leben hier sehr theuer; die Begriffe sind freilich relativ, aber Wer wird es in der Regel allzu theuer finden, wenn man für 7–800 Schwzrfranken ordentlich wohnen u. leben kann u. selbst honoriren vom 1 Jan. bis 31 Dec? Die Zimmer u. die Tische sind wie überall von sehr verschiedenem Preis: erstere von 4 bis 10 u. 12 Louis d'or im Jahr; letztere von 2–10 R. Thaler monatlich. Sehr theuer ist nur das Holz, dessen man aber nur im Winter bedarf. – Wie gerne werde ich, wenn von dir od. ihm mir sein Kommen gemeldet wird, für Brdli od. Jacques ein beliebiges Logis besorgen. Bischoff , der mir hier am nächsten steht, siedelt wahrscheinlich nach Heidel berg über. Vielleicht muß ich ein Gleiches von Brdli frchten! Wenn es dir möglich ist, so bestimme ihn od. Jacq. doch, ich bitte dich hieher u. verschaffe mir Trost in meiner Einsamkeit. Meine Gedanken weilen oft bey dir, Blum. , Aepli u. es gereicht mir fast zur Beruhigung, daß auch ihr aus einander gerissen seyd wie sehnt' ich mich oft, wäret ihr noch beisammen, in eure Mitte. So kann ich mich wenigstens mit dir u. Bl. gewiß trösten; wie einsam mögt ihr euch diesen Winter lang, von einander geschieden, gefühlt haben! Grüße mir Bl. , Aepli u. so viele Befreundete in Zürich recht herzlich.

E. v. Gonzenbach

Weenderstraße Nro 52.

P. S. Die Vorlesungen beginnen auch hier mit dem May. Kommt Br. od. J. od. wer da will, so gieb ihm doch dein Bildniß mit u: Aeplis, wenn dieß auchch fertig ist.