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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0238 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 52

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 3. März 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 3. März 1841.

Mein theurer Escher!

Dein letzter Brief1 war mir eine sehr liebe u. erfreuliche Erscheinung, an der ich mich wieder wahrhaft erfrischte u. aufrichtete. Denn so sehr ich auch Grund habe, mit meinen jetzigen Verhältnissen zufrieden zu seyn, so werde ich doch nur zu oft daran erinnert, daß sich meine Umgebungen größtentheils in einer niedrigern Sphäre bewegen, als diejenige ist, in der ich sonst zu leben gewohnt war, u. daß ich daher, um nicht selbst in dieses Gebiet des Alltäglichen («Ordinären» – möchte ich sagen) zu versinken, eben solcher Erfrischungen sehr bedarf. Es war mir sehr intressant, einen kleinen Abschnitt Deines vielgestaltigen Lebens an mir vorüber gehen zu sehen; Du kannst dasselbe wohl mit vollem Rechte ein angenehmes nennen u. ich muß das Meinige dagegen sehr einförmig finden. Mit der Praxis u. schon mit dem Sommer, der wieder weitre Ausflüge möglich macht, wird indessen dasselbe jedenfalls an Mannigfaltigkeit u. Wechsel gewinnen, worauf ich mich sehr freue. Ein Leben, wie ich es jetzt führe u. für diesen Winter noch ganz zweckmäßig finde, möchte ich doch hier nicht lange führen; denn es mahnt eben hier alles an die Praxis, in welcher allein man Genuß u. Geistesnahrung finden kann. Dabei geht es übrigens ganz wohl, die Wissenschaft nebenbei noch zu kultiviren; aber will man sich dieselbe zur einzigen Beschäftigung machen, so kann man dies mit weit mehr Nutzen u. Gewinn an einem andern Orte thun, wo sich mehr Anregung dazu findet. Deine Bemerkungen über unsre wesentlich verschiedne Lage muß ich, wenn ich die zu hohe Wichtigkeit, die Du meiner Person beigelegt hast etwas herabsetze, richtig finden. Glaube mir auch, daß ich die Schattenseiten der praktischen Laufbahn, die ich mir auserwählt, von jeher gar wohl eingesehen habe u. daß es daher gewiß eben so sehr, vielleicht noch mehr das Gefühl meiner Verpflichtung gegen das Vaterland, als die Betrachtung ihrer Vorzüge war, was mich für dieselbe bestimmt hat. Ohne Zweifel könntest auch Du jetzt schon Deinem Lande wichtige Dienste leisten, u. die praktische Gewandtheit u. Geschicklichkeit, die Du Dir durch frühe Vertrautheit mit dem Verkehrsleben erworben hast2, wie die in Deinem Charakter liegende Thätigkeit u. Energie scheinen Dich hiefür vorzüglich zu befähigen; ich möchte aber nicht behaupten, daß Du Euerm Staatsleben, besonders wie es | sich jetzt mit demselben verhält, so unentbehrlich wärest, daß Du in der Wissenschaft, die allerdings tüchtiger Pfleger u. Bearbeiter auch gar sehr bedarf, nicht noch mehr leisten könntest. Doch können Zeiten u. Umstände eintreten, in denen Du Dich als der geeignete Mann fühlen wirst, das Vaterland zu retten oder es aus einem verschlechterten Zustande in einen bessern hinüberzuführen; in einem solchen Falle würdest Du – davon bin ich überzeugt – Deine Pflicht nicht verkennen, ihren Ruf nicht ungehört lassen. Damit Einer etwas Bedeutendes wirke u. leiste, ist überhaupt immer zweierlei erforderlich: daß er sich selbst zu einem brauchbaren u. tüchtigen Manne gebildet habe u. daß die Verhältnisse eintreten, zu deren Lösung ihn Talente, Charakter u. Neigung vorzüglich geeignet machen. Immerhin thust Du sehr wohl daran, daß Du in der Wissenschaft so weit als möglich vorzudringen strebst, um in ihr immer reichliche Beschäftigung u. reichlichen Genuß zu finden; auch ich würde gewiß, wenn meine Verhältnisse in dieser Beziehung so günstig wären wie die Deinigen, meine Studien noch länger fortgesetzt haben. Du bist auch insofern sehr günstig gestellt, als Du Dich, um einen theoretischen Beruf auszuüben, nicht von der Heimath zu entfernen brauchst, wie ich es müßte, also zu jeder Zeit in die Praxis, der Du Dich auf diese Weise nie ganz entfremden wirst, nach Belieben eingreifen kannst. – Daß Du jetzt noch so viel als möglich dem Ernste des Lebens auszuweichen suchst u. Dich ausschließlich nur um Deine Studien u. Deine Vergnügungen bekümmerst, mag auch ganz gut seyn. Ich glaube, auch ich wäre noch gar wohl fähig, am Universitätsleben ausschließliches Gefallen zu finden, wenn ich noch in Deutschland wäre; in der Schweiz aber werde ich seit meiner Rückkehr immer mehr ergriffen u. gefesselt von den politischen Bewegungen, die wir beständig unter unsern Augen vorgehen sehen. Die lebendige Theilnahme an denselben ist sehr natürlich; aber ich sehe auch gar wohl ein, daß sie gar leicht altklug machen kann. Zu einer so trostlosen Auffassung unsrer Zustände, wie sie Aepli – seinem letzten Briefe3 nach zu urtheilen – zu haben scheint, habe ich es indessen noch nicht gebracht; ich hoffe immer noch auf eine bessere Entwicklung u. lebe insofern noch ganz in meinen Idealen, die nicht so gar überspannt sind, daß ich befürchten müßte, sie werden von der Erfahrung bald erdrückt werden, – u. das ist doch wirklich auch eine jugendliche Anschauung.

Da die Post bald abgeht, so muß ich mich heute etwas kurz fassen, was ich um so eher thun kann, da ich auf eine baldige mündliche Besprechung mit Dir über alle hier nicht berührten Gegenstände hoffen darf. Ich eile daher Dir in dieser Beziehung anzuzeigen, daß ich die Tagsatzungsreise meines Onkels4, der ohne Zweifel wieder nach Bern geschickt werden wird (bis | jetzt war unsre Instruktionsbehörde noch nicht versammelt), benutzen möchte, um ihn als 2ter Gesandter nach Zürich zu begleiten u. auf diese Weise, wenn es Dir gelegen ist, Freitags den 12. dies in Deiner Residenz eintreffen würde, um einige Tage dort zuzubringen.5 Sollte nun Eure Wesner Zusammenkunft gerade in die nächstfolgenden Tage fallen, so bitte ich Dich, mir so bald als möglich davon Nachricht zu geben; in diesem Falle würde ich in Wesen mit Euch zusammentreffen u. dann mit Euch nach Zürich zurückreisen. Sonst werden wohl Eure Collegien den 13. geschlossen werden, so daß ich also die ersten Tage Eurer Ferien bei Dir verweilen würde, was Dir wohl am liebsten seyn wird. Sollte in dieser Zeit nun doch noch ein akademischer Ball zu Stande kommen, so ersuche ich Dich mir es auch noch anzuzeigen, damit ich mich mit Kleidern gehörig versehen kann. – In Erwartung baldiger Antwort grüßt Dich herzlich Dein

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Escher hatte schon früh seinen Vater Heinrich Escher bei dessen Geschäften unterstützt. Vgl. Schmid, Escher, S. 144–146; Alfred Escher an Oswald Heer, 12. / 17. Oktober 1836 Alfred Escher an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839.

3Brief nicht ermittelt.

4 Cosmus Blumer (1792–1861), Mitglied der Standeskommission und Landammann (GL).

5Blumer verschob seinen Besuch in Zürich auf Eschers Wunsch um eine Woche. Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. März 1841; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 9. April 1841.