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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0237 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 51

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 1. Februar 1841

Schlagwörter: Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839)

Briefe

Glarus den 1. Februar 1841.

Mein theurer Escher!

Du bist wohl nicht ganz zufrieden mit mir, indem Du wahrscheinlich schon früher einen Brief von mir zu erhalten gewünscht hättest, u. ich weiß auch jetzt wieder zu meiner Entschuldigung nichts anders vorzubringen, als daß es mir zu einer lebhaftern Correspondenz doch einigermaßen an Stoff fehlt, da ich mich in meinem letzten Briefe1 etwas erschöpft habe, in meinem gegenwärtigen Leben aber in der Regel nicht viel bedeutendes vorfällt, was mich zu freundschaftlichen Mittheilungen besonders anregen könnte. Zur lebhaftesten Freude gereichte es auch mir, die fast wörtliche Uebereinstimmung unsrer beiden gleichzeitig geschriebnen Briefe in ihrem Urtheile über die Stäfner Zusammenkunft2 zu sehen; es war ein schöner Beweis dafür, wie sehr wir in unsern Lebensansichten harmoniren. Wie könnte es aber auch anders seyn, wenn man so oft seine Gesinnungen über Alles ausgetauscht, so manche Freuden u. Leiden gemeinschaftlich durchgemacht hat! Sehr intressant war auch für mich Deine humoristische Beschreibung Eurer sehr poëtischen Rückreise. Meilen scheint Dir ein zweites Zug geworden zu seyn, das besonders für den Winter den bedeutenden Vorzug größrer Nähe hat. Etwas Flatterhaftigkeit ist freilich dabei nicht zu verkennen. – Deine wissenschaftlichen Mittheilungen über Collegien u. Privatarbeiten verdanke ich Dir bestens. Was die erstern anbetrifft, so hast Du gewiß Sell's3 u. Geib's4 Collegien, so weit ich sie kenne, sehr richtig geschildert. Sell hat nach Deinen Berichten nicht einmal den Vorzug, daß er den Studirenden anregt, dasjenige, was er nicht giebt, sich selbst zu verschaffen, was ich doch wenigstens von Hefter's5 Criminalrecht sagen kann, u es läßt sich daher wirklich sein Abgang von Eurer Hochschule ungeachtet seines redlichen Willens u. seiner nicht unbedeutenden Gelehrsamkeit nicht als ein großer Verlust betrachten. Daß Geib's Heft über den Criminalprozeß recht gut u. brauchbar ist u. den Stoff beherrscht, habe ich bei einer Repetition desselben auch gefunden. Daß er in seinen schlechten Witzen immer weiter geht, muß ich zum Theil noch auf mein Gewissen laden, da Gonzenbach u. ich ihn letzten Winter durch unser beistimmendes Gelächter in dieser unglücklichen Manier bestärkt haben. Am meisten intressirte es mich einmal etwas ausführlicheres über Deine Arbeit zu vernehmen. Du hast dabei | jedenfalls den Vortheil eines noch sehr wenig ausgebeuteten Stoffes für Dich, u. durch Deine nahe Verbindung mit Keller bist Du wohl mehr, als Du es an irgend einem andern Orte seyn könntest, in den Stand gesetzt etwas Tüchtiges darüber zu liefern. – Von meinen Arbeiten weiß ich Dir nichts neues zu melden, sie gehen etwas langsam vorwärts, was auch nicht zu verwundern ist, da ich daneben immer nur von ganz andern Dingen höre, denen ich doch auch einige Aufmerksamkeit schenken muß. Es ist dies eine von dem ungestörten u. unabhängigen wissenschaftlichen Leben, das man auf Universitäten führt, so ganz verschiedne Lage, in der man sich an kleinen Orten, von Wenigen, die gleiche Bildung u. gleiche Neigungen haben, umgeben, befindet u. an welche ich mich erst noch gewöhnen muß. – Ich bin auf diese Weise diesmal größtentheils auf Politik angewiesen, die auch wirklich im gegenwärtigen Zeitpunkte keiner unbeachtet lassen kann, der sich für das Wohl unsres Vaterlandes lebhaft intressirt, besonders da sich in Folge der neuesten Ereignisse sehr vielen Anhängern der verschiedensten Partheien die gemeinsame Ueberzeugung aufgedrängt hat, daß es nicht eben am besten mit der Schweiz steht. Denn kann etwa der Radikale sich befriedigt fühlen, wenn er sieht, wie die seit 1830 gemachten Fortschritte, die er im Bewußtseyn des Volkes fest begründet glaubte, nur mit Mühe u. schwerem Kampfe erhalten werden können u. beständigen Gefahren preisgegeben sind, u. wie die damals ausgestreuten Grundsätze zu heillosen Uebertreibungen mißbraucht worden sind? Noch weniger aber kann es der Aristokrat, der Conservative u. wie sich immer die aus sehr verschiedenartigen Elementen zusammengesetzte Schaar der Gegner nennen mag; denn sie sieht ihre seit 1839 gefaßten Reaktionspläne immer noch unerreicht u. ist auf einen unerwartet energischen Widerstand gestoßen. So erklärt es sich denn, daß Viele, die früher hoffnungsvoll einer bessern Zukunft entgegensahen, sich jetzt einem düstern, verzweifelnden Mißmuthe überlassen, u. es ist selbst für den sonst immer freudig hinausblickenden u. in [...?] seinen Idealen lebenden Jüngling schwer, sich von dieser, wie mir scheint, immer allgemeiner werdenden Stimmung ganz frei zu halten. Am meisten richtet mich dabei immer noch die Erinnerung an den Zof. Verein auf u. die Hoffnung, welche ich fortwährend auf das jüngere, besser gebildete u. unter vernünftigern Grundsätzen aufgewachsne Geschlecht setze; u. so hat mich denn auch ein kürzlich in der Allgem. Zeitung abgedruckter Aufsatz: «Deutschland u. die Schweiz», in welchem die traurigste Schilderung von dem Zustande unsres Vaterlandes gemacht wird, wahrhaft empört, so daß ich nur wünschen möchte, daß derselbe auf würdige Weise widerlegt würde, was gerade vom Standpunkte des Zof. Vereins aus am besten geschehen könnte. Daß der Aufstand im Argau auf eine so schnelle u. kräftige Weise unterdrückt wurde, hat gewiß jeden ächten Vaterlandsfreund innig freuen müssen, aber ebenso muß ich auch auf meiner Ansicht beharren, daß größre Mäßigung der siegenden Staatsgewalt ungerathen gewesen wäre.6 Das viel zu sehr beschränkte Amnestiedekret u. die Klosteraufhebung werden | einen großen Theil des katholischen Volkes in der Schweiz noch lange in Aufregung u. beständiger Opposition gegen die liberalen Regierungen erhalten. Durch die letztre, zu der zwar blos vom kantonalen Standpunkte aus betrachtet der Staat unzweifelhaft das Recht hatte, ist überdies auf eine bis dahin unerhörte Weise der bestehende Bundesvertrag verletzt, an den wir uns doch nothwendiger Weise halten müssen, so lange wir nichts beßres haben. Grade weil die Radikalen ihren Gegnern mit Recht vorwerfen, daß sie Verfassung u. Gesetze ungescheut mit Füßen treten, hätten sie ihnen ein beßres Beispiel geben sollen. Natürlich sind auch bei uns die Meinungen über diesen unerwarteten Schritt des aargauischen Großraths verschieden: die ältern, conservativ gesinnten Männer sind damit unzufrieden, die jüngern, radikal gesinnten billigen ihn, ich aber, obgleich sonst in Allem der letztern Parthei angehörend, glaube doch hier als Jurist vorzüglich den rechtlichen Standpunkt hervorheben zu müssen, von dem aus sich derselbe nun einmal nicht vertheidigen läßt. So wissen mir auch die meisten, mit denen ich mich darüber bespreche, nichts anders darauf zu erwiedern, als «mit solchen juristischen Ideen komme man eben nicht überall aus». Bei uns sind nun die ersten Einleitungen für die Verfassungsrevision7 getroffen worden. Die verschiedenartigsten, entgegengesetztesten Anträge8, meistens unsinniger Natur, waren für dieselbe gestellt worden; der 3fache Landrath hat nun eine Commission aus seiner Mitte bestellt, um dieses Chaos einigermaßen zu ordnen u. bestimmte Vorschläge, die an die Landsgemeinde zu machen seyn werden, auszuarbeiten. Da dieselbe sehr radikal gefärbt ist, so darf man hoffen, daß sie ihr Augenmerk auf das, was Noth thut, richten werde. Es handelt sich nämlich für einmal blos darum, die zu revidirenden Punkte der Verfassung zu bezeichnen, worüber die diesjährige Landsgemeinde zu entscheiden hat; erst nachher wird die eigentliche Revisionsarbeit beginnen u. dann der ordentlichen Landsgemeinde von 1842 zur Annahme vorgelegt werden können. Es intressirt Dich wohl auch noch, das Schicksal meines Tanzantrags, den ich in optima forma9 eingereicht habe, zu vernehmen. Derselbe wurde gestern vom Landrathe behandelt u. von sehr achtungswerthen Mitgliedern, namentlich von der radikalen Seite, unterstützt; allein da man sich's zum System gemacht hatte, bei den vielen wichtigen u. dringenden gesetzgeberischen Arbeiten, welche noch vorliegen, von den eingelangten, meistens unbedeutenden Memorialanträgen so wenige als möglich für erheblich zu erklären, so traf auch den meinigen nach langer Diskussion u. mit geringer Majorität das Loos der Unerheblichkeit oder des «Beiwagens». – Unser geselliges Leben ist jetzt auf gutem Wege, bedeutende Fortschritte zu machen. Ich darf wohl sagen, daß ich mich noch selten so fidel gemacht u. noch nie in ungezwungnerm Kreise bewegt habe, als bei einer Schlittenparthie, die wir letzten Freitag – natürlich in gemischter Gesellschaft – nach Mollis unternahmen. Das Wetter war abscheulich, allein Wirthe u. Kutscher drängten, weil Alles schon auf den vorigen Tag bestellt war, u. so entschloß sich die lebensfrohe Jugend (die Aeltern, welche auch subskribirt hatten, fanden sich natürlich nicht ein) dennoch zum Aufbruche. Wir hatten unterwegs einen fürchterlichen, oft [...?] [...enden?] Gegenwind u. die drohende Gefahr einer Staublauine | zu bestehen, aber nur um so heimlicher fühlte man sich darauf in der wohlbekannten Kneipe und nur um so traulicher begrüßte man sich gewissermaßen als Leidensgefährten. Es wurde dann von Abends 5 bis Morgens wieder 5 Uhr getanzt u. daneben auch, besonders von Nichttänzern, bedeutend gepaßt. Die ganze Gesellschaft paßte trefflich zusammen; man bewegte sich weit freier u. leichter, als hier im Casino, u. doch fiel durchaus nichts unanständiges [vor?], so daß unsre Frauenzimmer nun am allermeisten mit dem Witze zufrieden sind. Von unsern Bekannten waren dabei Streif10, [...?] Zwicki11 (der nun sein Examen in Basel absolvirt hat) u. Joh. Tschudi12. Christoph13 spielte wieder eine eigne Rolle: er hatte schon vor einem Vierteljahr eine solche Schlittenparthie zusammenbringen wollen u. seither fast von nichts anderm mehr geredet, als von derartigen Plänen, als es aber wirklich dazu kam, schrieb ihm sein Vater14 vor, er müsse sich um 8 Uhr wieder zu Hause einfinden, worauf er es vorzog, auf das ganze Vergnügen zu verzichten. – Nun lebe recht wohl u. schreibe mir bald wieder. – Herzlich grüßt Dich Dein

J J Blumer.|

Es wird mich sehr freuen, in Deinem nächsten Briefe wieder etwas vom Zof. Verein u. von den akadem. Bällen zu vernehmen. – Meine Schuld wirst Du hoffentlich genau berechnet u. aufgezeichnet haben, damit ich sie Dir dann bezahlen kann. – Wegen der Oelflecken an diesem Briefe bitte ich sehr um Verzeihung.15

Kommentareinträge

1 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 10. Januar 1841.

2Blumer und Escher hatten sich mit Benjamin Brändli und weiteren Studienfreunden auf den 3. Januar 1840 zu einem Treffen in Rapperswil bzw. Stäfa verabredet. Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 22. Dezember 1840; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 28. Dezember 1840; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 10. Januar 1841.

3 Georg Wilhelm August Sell (1804–1848), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Zürich.

4 Gustav Geib (1808–1864), ausserordentlicher Professor für Strafrecht an der Universität Zürich.

5 August Heffter (1796–1880), ordentlicher Professor für Strafrecht, Zivilrecht und Völkerrecht an der Universität Berlin.

6Die Annahme einer liberalen Verfassungsrevision durch das Aargauervolk am 5. Januar 1841 führte zu Unruhen in den katholischen Gebieten, weil dadurch religiöse Rücksichtnahmen beseitigt wurden. Im Freiamt versammelte sich der Landsturm zum Zug gegen Aarau, wurde aber von Regierungstruppen unter Regierungsrat Oberst Friedrich Frey-Herosé am 11. Januar 1841 geschlagen. Am 13. Januar 1841 forderte Augustin Keller im Grossen Rat die Aufhebung der Klöster, weil sie angeblich den Aufruhr geschürt hatten. Der Antrag wurde mit 115 gegen 19 Stimmen angenommen. Vgl. Staehelin, Aargau, S. 79–109; Vischer, Frühzeit, S. 118–135; Dierauer, Eidgenossenschaft, S. 634–648.

7Der Kanton Glarus hatte 1836 eine neue Verfassung verabschiedet, in der u. a. Rechtsgleichheit zwischen den katholischen und reformierten Landesteilen hergestellt wurde. Diese Verfassung hatte nahezu unverändert bis 1887 Bestand. Vgl. Winteler, Glarus II, S. 436–446.

8Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «Wünsche» .

9In optima forma (lat.): in vollendeter Form.

10 Christoph Streiff (1815–1879), von Glarus, Arzt.

11Vermutlich Fridolin Zwicky (1815–1859), von Mollis, Theologe.

12 Johannes Tschudi (1819–1859), von Glarus, Jurist.

13 Christoph Tschudi (1817–1877), von Glarus, Rechtsstudent.

14 Johannes Tschudi-Iselin (1791–1851), Landeshauptmann (GL).

15Ergänzung am Rand der ersten Seite.