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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0234 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 10. Januar 1841

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Freundschaften, Religion, Zürichputsch (1839)

Briefe

Glarus den 10. Jan. 1841.

Mein lieber Escher!

Ich darf wohl annehmen, daß auch bei dir, wie bei mir, durch unsre letzte Zusammenkunft das Bedürfnis einer lebhaften Correspondenz nur um so reger geworden ist, nicht eben weil dort intressante Gegenstände behandelt worden wären, die zu näherer brieflicher Besprechung veranlaßten, sondern grade weil dort für wahren Gedankenaustausch zu wenig geschah u. geschehen konnte. Es war ein fideler Abend, den wir mit einander verlebten, der mir auch vorzüglich deßhalb in angenehmer Erinnerung bleiben wird, weil er, wie jedes persönliche Zusammenseyn, zur ungestörten Erhaltung meiner freundschaftlichen Verbindung mit dir u. mit Brändli, auf die ich großen Werth lege, wesentlich beitragen mußte; auch von Zwicki gewann ich im Laufe des ganzen Tages eine sehr gute Meinung u. freue mich seiner Bekanntschaft für spätre Zeit, wenn er, wie ich hoffe, sich in Mollis niederlassen wird, u. ebenso war mir Wegmann's Anwesenheit recht angenehm; dagegen muß ich dir gestehen, daß ich Billeter, der eigentlich durchaus nicht zu uns paßt, lieber nicht dabei gehabt hätte. Seine Witze mögen für eine Gesellschaft, die sich einmal par force amusiren will, recht unterhaltend seyn; aber für ein traulicheres Wiedersehen einiger Freunde, die nach langer Trennung (denn mir kam sie gewiß viel länger vor, als Euch) sich wieder einmal gegenseitig ganz genießen möchten u. daher etwas mehr suchen, als eine ordinäre Kneiperei u. ein bloßes «Schwimeln», passen solche Leute wirklich nicht. Ich müßte dich wirklich ganz verkennen, wenn ich nicht annehmen sollte, du werdest bei näherer Ueberlegung diesen Ansichten beistimmen u. sie nicht als bloße Folgen philisteriöser Umgestaltung ansehen; ich glaube wahrhaftig, ich hätte auch als Student so gesprochen, u. kann dich versichern, daß ich immer noch gern kneipe, aber zwischen einem blossen Abendwitze auf dem Heuel oder in der Constantia u. einer solchen Zusammenkunft mache ich einen Unterschied. Dabei bin ich übrigens weit entfernt auf dich irgend eine Schuld daran zu werfen, u. freue mich vielmehr höchlich auf meinen nächsten Besuch bei dir in Zürich, wo wir von solchen äußern Einflüssen unabhängiger seyn werden, wie es mich noch mehr freuen würde, wenn du mich bald einmal hier besuchen würdest. – Indem ich nun unsere Brief| wechsel wieder aufnehme, will ich zuvörderst noch einmal auf meine Beschäftigungen u. Lebenspläne zurückkommen, in der Hoffnung, auch du werdest mir davon so viel als möglich schreiben. Wir haben zwar schon früher mündlich uns oft drüber besprochen, aber in unserm Alter stellen sich diese Sachen gewöhnlich mit jedem Vierteljahre wieder anders dar, besonders wenn man eine so wichtige Veränderung, wie ich jetzt, erlebt hat. Mein Lieblingsgedanke ist in dieser Hinsicht jetzt noch, wie früher, zur Förderung des fast noch in allen Stücken sehr darniederliegenden Rechtslebens in unserm Canton etwas beizutragen, u. diese Aussicht hat sich in mir nur noch um so mehr befestigt, je mehr ich durch nähere Bekanntschaft mit unsrer Gesetzgebung u. Justiz das Mangelhafte, einem gebildetern Zustande nicht mehr Entsprechende derselben wahrgenommen habe u. je mehr ich mit Freuden bemerke, daß, so unwissenschaftlich auch hier im Ganzen der herrschende Geist ist, man doch vor gebildeten Juristen Respekt hat u. das Bedürfniß derselben lebhaft empfindet. Ich sehe also die mir bevorstehende Aufgabe als in hohem Grade lohnend an, so sehr ich auch einsehe, daß zu deren völlig befriedigender Lösung eine seltne Vereinigung von theoretischer Durchbildung u. praktischer Gewandtheit erforderlich ist, die ich mir jetzt wenigstens noch keineswegs zuschreiben darf, u. daß jedenfalls manche Schwierigkeiten zu besiegen seyn werden. Dabei freut es mich zugleich durch die Praxis mit unserm Volksleben näher vertraut zu werden, das, grade wenn man tiefer in dasselbe eindringt, noch ungemein viel Anziehendes u. Intressantes hat, so abstoßend auch meistens oder wenigstens sehr häufig sich die Außenseite darstellen mag. Ich glaube auch keck behaupten zu dürfen, daß die civilrechtliche Praxis zur Kenntniß des Volkslebens seinem individuellen Gehalte nach noch mehr Stoff darbietet, als die criminalrechtliche, die mehr nur Beiträge zu allgemeinen psychologischen Erfahrungen liefert. Von der politischen Laufbahn, zu der mich meine Neigung gleichfalls hinzieht u. meine bürgerliche Stellung gewissermaßen verpflichtet, werde ich mich jedenfalls auch nicht ganz entfernt halten, doch in derselben vorzüglich nur für dasjenige thätig seyn, was wirklich den Juristen intressiren kann, für das Staatsrechtliche, dagegen um das eigentlich Administrative mich so wenig als möglich bekümmern. An diese praktischen Gedanken schließen sich meine wissenschaftlichen Lieblingspläne ziemlich nahe an. Es intressirt mich am meisten, unsre schweizerischen Rechte auf wissenschaftlichem Wege näher zu ergründen, sie historisch u. im Zusammenhange mit dem deutschen Rechte aufzufassen. Indem ich mich bereits einigermaßen mit unserm glarnerischen Partikularrechte beschäftigt u. dabei auch in den Rechtsbüchern andrer benachbarter Cantone u. Landschaften mich umgesehen habe, hat mich vorzüglich die Wahrnehmung gefreut, daß sich doch in den innern Theilen der Schweiz, in den eigentlichen Gebirgsgegenden noch gar manche eigenthümliche Rechtssätze u. Uebungen finden, die man sonst nicht kennt u. die einer wissenschaftlichen Beleuchtung u. Zusammenstellung gar wohl werth wären. Da sich aber dieselben doch großentheils | auf deutschrechtliche Grundsätze zurückführen lassen, so habe ich in der Ueberzeugung, daß ohne gründliche Kenntniß u. lebendige Auffassung des deutschen Rechts sich hier nichts machen läßt, mit erneuertem Eifer das Studium desselben wieder aufgenommen u. suche mich nun so viel als möglich in die beiden mittelalterlichen Rechtsbücher hineinzuarbeiten, bei deren Lektüre ich weitrer Hülfsmittel so ziemlich entbehren kann. Ich habe mir dabei die größte Genauigkeit u. Umsicht vorgenommen, doch aber zugleich einzelne Lehren angemerkt, von denen ich mir vorzugsweise ein klares Billd möchte zu verschaffen suchen, sollte ich darüber nachher etwas auszuarbeiten versuchen wollen, so bedürfte es dazu alllerdings mehrerer Subsidien, die ich mir aber nach u. nach anschaffen werde. Es ist mir übrigens dabei auch recht klar geworden, wie unendlich schlecht u. oberflächlich Bluntschli's Interpretation des Schwabenspiegels im letzten Semester war. Indem ich dann daneben unser Partikularrecht systematisire, komme ich fast unwillkürklich auf eine Repetition der Pandekten zurück, die ich aber jetzt freilich mehr nur aus dem praktischen Gesichtspunkte auffasse. Etwas einläßlicher habe ich den Civilproceß durchgenommen, der mich auch zu einer selbstständigen Untersuchung über einen ziemlich wenig beachteten Punkt veranlaßt hat, nämlich über die gerichtliche Pfändung des spätern röm. Rechts (pigens in causa judicati captum). Ich führe dir diese Arbeiten vorzüglich auch in der Absicht an, damit du meine mündliche Aeusserung, «ich arbeite nicht viel», nicht gar zu sehr urgieren mögest; ich bin allerdings nicht ganz mit mir zufrieden, weil ich im Verhältniß zu meiner völlig freien Zeit nicht genug arbeite, woran übrigens die Schuld auch nicht allein an mir liegt. – aber etwas thue ich doch.

Ich kann nun nicht umhin, dir auch noch über unsre immer mehr sich verwickelnden politischen Verhältnisse, welche mich gegenwärtig lebhaft intressiren, etwas zu schreiben. Wenn ich Euern 6. September, hinter dem ich zuerst noch etwas Gutes u. Wahres zu erblicken glaubte, schon bei näherer Betrachtung seiner Folgen im eignen Cantone von Grund aus verabscheuen lernte, so ist dies jetzt noch weit mehr der Fall, wo das Unkraut, das er emporgetrieben, überall so reichlich zu wuchern scheint. Durch ihn haben die jetzigen Wühler in den kathol. Cantonen gelernt, daß man durch «Religionsgefahr» das Volk zum Aeußersten treiben u. seinen einsichtsvollsten u. biedersten Führern entfremden könne; aus ihm sind die unsittigen Anmaßungen derer hervorgegangen, welche dem Volke eine unbeschränkte Gewalt, deren es nicht fähig ist, geben möchten, um es dadurch unter das schmählichste Joch einer Priesterherrschaft zu bringen. Eine perfidere Rolle ist noch nie gespielt worden, als von der Schildwache u. ihren Freunden, welche jetzt dem Volke schmeicheln, dessen erbittertste Feinde sind, u. ihm eine Gewalt übertragen möchten, von der sie selbst am besten wissen, daß es sie nicht ertragen kann. Und unser Alpenbote hat die Unverschämt| heit solches Treiben zu vertheidigen!! Ja selbst die ganze, früher äußerst radikale Gemeinde Mollis erhebt sich wie ein Mann für diesen ihren Liebling, so daß ich vorgestern, als ich dort war, einen sehr lebhaften Disput darüber zu bestehen hatte! Höchlich zu loben ist dagegen die Basler Zeitung; sie bleibt sich konsequent, u. wie sie dem Volke nie geschmeichelt u. den Revolutionen nie das Wort geredet, so sagt sie auch jetzt offen u. unpartheiisch, daß eine solche Opposition gegen die constituirten Staatsgewalten nur zum Verderben führen könne. In Solothurn scheint indessen durch das energische u. standhafte Benehmen der Regierung die Gefahr wenigstens für einmal beseitigt zu seyn; dagegen sieht es freilich im Aargau um so schlimmer aus. Als ein fürchterliches Ungeheuer, das man sich längst zu Grabe getragen dachte, erhebt sich hier auf's neue der konfessionelle Haß u. scheint mit dem Bürgerkriege zu drohen. Hoffentlich wird aber, wenn es dazu kommen sollte, die Eidgenossenschaft auf's kräftigste zu Gunsten der angenommenen Verfassung interveniren. – Bei diesen wichtigen u. dringenden Angelegenheiten des gemeinsamen Vaterlandes intressirt mich nun freilich die Verfassungsrevision, welcher auch unser Canton dies Jahr entgegengeht, weit weniger; doch habe ich einen früher darüber geschriebnen Aufsatz der Glarner Zeitung eingesandt, welcher in der nächsten Nummer erscheinen wird.

Mit meinen geselligen Verhältnissen bin ich fortwährend wohl zufrieden. Das «Familienleben» ersetzt mir manches, was ich habe aufgeben müssen, u. daneben giebt es doch überall u. immer fidele Leute, mit denen man sich etwa einmal auf geräuschvollere Art lästig machen kann. Nächsten Montag, wenn ich nicht irre, haben wir beide Ball; ist dann die Liebe auf ihre Schwester Freundschaft nicht gar zu eifersüchtig, so daß sie ihr für einen Augenblick in deinem Herzen Platz zu machen sich versteht, so denk' an mich, wie ich auch thun werde. So gerne ich auch an Euerm akademischen Balle Theil nehmen würde, so freue ich mich doch aus guten Gründen auch auf den unsrigen. – Grüße mir alle meine Freunde in Zürich u. empfehle mich deinen Eltern. Leb' wohl u. schreibe mir bald wieder.

Dein

J J Blumer.

Den 13. Jan die heute eingegangnen Berichte aus dem Aargau scheinen beruhigender zu lauten. Bleibt die Regierung Meister, so ist damit wohl die Pfaffeparthei für die Dauer unterdrückt; doch dürfte Mäßigung gegen dieselbe in jedem Falle zu empfehlen seyn.