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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0233 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Berlin, Mittwoch, 6. Januar 1841

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Kunst und Kultur, Universitäre Studien

Briefe

Berlin. 6. Januar. 1841.

Mein lieber Alfred!

Ich sollte mich eigentlich recht beklagen du mich gegen dein Versprechen ohne einen Besuch in unserm sehr winterlichen Berlin in das neue Jahr hinüber hüpfen ließest; du hast dir nur selbst zuzuschreiben wenn ich so zudringlich bin, dir mit einem, zwar nicht salbungsvollen, aber um so besser gemeinten Neujahrs wunsche zuvorzukommen. Darin bin ich nicht glüklicher od. besser unglüklicher wie du, ich dir immer so vieles mittheilen sollte was der spärliche Raum verbietet. Scheint auch vielleicht mein jetziges Leben d. äussern Anzeichen nach weniger mannichfaltig wie in frühern Jahren, so gedeiht es doch im Stamme um so sicherer, d. Ausbildung von Blüthen & Früchten einer immer näher rükenden Zukunft überlassend. Von dem Treiben des Berlinerprivatlebens, dessen monotones Wesen nur zu bekannt ist, habe ich mich um so eher zurükgezogen als mir der Tod, wie schon gemeldet zwei gute Bekannte entrissen & auf der andern Seite die wenige Zeit, die ich noch hier zu verleben habe, ernst & wissenschaftlich reichhaltigen Stoff genug bietend ist, um sie nicht ganz dazu in Anspruch zu nehmen. Im Laufe der lezten zwei Semester, galt es in den verschrienen Apfel der praktischen Medizin einzubeißen. Seine Schaale ward mir oft recht sauer & ich gehörte nicht zu den Glüklichen, die es vorziehen untr eines genialen Lehrers, etwa d. naturhistor. Schule sich den Kern auf dem Praesentirteller reichen zu lassen. Es klingt dieses freilich sehr schön & welch ein Vorzug für den, der einige hundert Thaler mehr ausgeben kann um in Berlin im Angesichte & Odem des berühmten Lehrers gleich mitten in d. Weisheit d. Hypokratischen Medizin versezt zu sein! – Hört man dann aber, dieser Lehrer im Verhältnisse wenige ausgezeichnete Schüler erzeuge, gleichbegabte Schüler anderer (etwa empirischer) Lehrer ihnen gleichstehen od. gar in praktischem Takte sie übertreffen so sinkt der Glaube an diese medizinische Glüksritterschaft zusammen. Die Medizin macht hierin keine Ausnahme von den andern Wissenschaften; ihr Kern ist die Sache selbst & läßt sich nicht herausholen wie der einer Nuß od. abschöpfen wie die Sahne von der magern Milch. Daß man Linné studiert ehe man zu den natürlichen Systemen d. Naturwissenschaft übergeht findet man ganz in der Ordnung & trotz der vielen Unzulänglichkeiten, trotz der vielen Wiedersprüche welche jenes System enthält, annerkennt doch jeder nicht ganz stupide Botaniker dessen Nothwendigkeit sowohl für d. Anfänger, dem es sich vor allem um d. Vorstellung, um d. Anschauung in d. Wissenschaft handelt um erst sodann zum Urtheilen, dh. zum Sichten & Ordnen & Vergleichen des Stoffes überzugehen, er erkennt dessen Nothwendigkeit für d. Entwiklung d. Botanik als Wissenschaft & weist ihm seine Stufe in d. Geschichte an, endlich erkennt er trotz d. künstlichen Form sich bereits sehr viele natürliche Gruppen gebildet haben & d. Unterschied. natürl. & künstl. System sonach nur relativ sei indem auch das natürlichste System, besonders in seinen Unterabtheilungen sich sehr künstliche Eintheilungen gefallen lassen muß. Das scheint nun ziemlich allgemein anerkannt zu sein; dasselbe in der Medizin Haar auf Haar eintreffe, das scheinen nicht so viele zu wissen & warum? weil die einen bei ihren Vorstellungen mit denen sie alt geworden, verbleiben & die andern in jugendlichem Saus & Braus sich auf den Pegasus setzen & dabey so ins Schwindeln gerathen, sie nichts vor sich erbliken als ihre eignen Phantasiegeschöpfe. Erstere sind immerhin brauchbar, da ihr praktischer Instinkt vieles ersezt was der Theorie mangelt, während die leztern es höchstens noch auf einen Lehrstuhl | bringen; indessen wird auch d. studierende Welt für bloße Phantasien um so unempfänglicher, je mehr d. einzelnen Wissenschaften an wahrhaft historischem Boden gewinnen. In diesen wenigen Worten habe ich Dir den Standpunkt von dem ich alle Wissenschaft, auch die Philosophie die in neuester Zeit aus ebendenselben Ursachen zu einer so großen Begriffsverwirrung Anlass gab, betrachte & behandle. – Ich anerkenne jezt noch mehr wie im Sommer wie gut d. Aufenthalt in Halle für mich gewesen. Auch meine beiden Commilitonen hatten, obwohl sie Schönlein bereits zwei Semester gehört, richtigen Takt genug das Gute dieser Anstalt anzuerkennen. Es ist nicht zu viel behauptet, ich da in wenigen Monaten mehr in Bezug auf Anschauung, Diagnose & Behandlung besonders alltäglich in praxi erscheinender Krankheiten gelernt habe als es hier vielleicht mehrjähriger auskultatorischer Besuch vermocht hätte. Ebenso sehr habe ich Ursache mit diesem Winter zufrieden zu sein; er hat mich ganz aus der Praxis gerissen, aber um so mehr mir fruchtbare Gelegenheit zum Privatstudium gegeben. Die Klinik von Schönlein, bringt uns sehr schöne, wenn nicht gerade sehr viele Fälle. Wenn ich mich in d. Wissenschaft nicht hergeben kann eine Erscheinung [...?]die sich einen ehrenhaften Platz in d. Geschichte erworben, herabzuwürdigen weil sie dem heutigen Stande des Wissens nicht mehr entspricht, so ist auf der andern Seite mein Glaube an einen Messias der Kunst von dem wir allein alles Heil zu erwarten hätten auch nicht so blind, wie er d. Schüler wissenschaftlicher Schulen nur zu oft beherrscht. Der Mann wirkt auf d. Zeit ein, je ausgezeichneter, je mehr; aber d. Fortschritt der Zeit bedingt auch des Mannes Wirken, er ist oft nur das Organ für das Bedürfnisß, daß sich in ihr findet & in ihm mit mehr Energie wie in andern Erscheinungen sich ausspricht. So Schönlein nicht mehr & nicht minder. Seit dem die Naturwissenschaft wieder nach langen Traume erwachte & endlich wieder auf d. Bahn gerieht auf welcher sie bereits im Alterthume gewandelt & nun mit neuerworbenen, großartigen Mitteln ihrem Zwek verfolgte, da war es natürlich wie damals Heilkunde & Natur in innigen Bunde standen ihre Beziehung zu einander sich alsbald geltend machte & von allen Natur forschern denen noch etwas über das Secirmesser geht, Herstellung dieses Bundes postulirt wurde. Schönlein war hierin nicht der erste; wohl aber führte er diese Grundsätze zuerst in d. größere Praxis ein & sein rascher diagnostischer Blik wie seine große Lehrgabe begründeten wohl mehr noch als seine Gelehrsamkeit seine Laufbahn. Seine Berufung hieher dürfte großes Gewicht haben auf d. Schiksal der Medizin, da nun nach & nach die Lehrstühle & Hospitäler mehr wahrer, fördernder Wissenschaft anheim fallen möchten. – So werthvoll Schönlein's Klinik ist, so giebt es doch nichts unsinnigeres als sich bloß an seine klinischen Hefte & geschriebnen Vorlesungen halten zu wollen, wie nicht wenige thun. Ich selbst habe mir durch Schriften von Zeitgenossen, die gleiches wissenschaftliches Streben & wohl nicht minder ausgebreitete theoretische Kenntnisse besitzen, [...?], nur freilich nicht so vom Glüke begünstigt sind wie er, genauere & nicht selten auch weiter reichende Kenntniss derselben Grundsätze verschafft, als diese compendiarischen Vorlesungen es thun können. – Ausser ihm höre ich Jüngken (Rust's Nachfolger) Klinik für Chirurg. & Ophtalmiatrik, Barez. Kinderkrankh. Busch. Geburtshülfl. Kl. Du kennst sie alle mehr od. minder dem Rufe nach & ich will mich nicht länger bei ihnen aufhalten. d. innere Medizin auf mich d. meiste Attraktion ausübt brauche ich nach allem kaum mehr zu sagen; zu ihr gehört indess | schon die ganze Chirurgie & Augenheilkunde ihrer Pathogenie & Pathologie nicht & Chirurgen unterscheiden sich in praxi nur noch durch d. Ausübung schwieriger Operationen. – Für das nächste Semester habe ich nach längerm Schwanken Heidelberg zum Aufenthalt gewählt, besond. d. Chirurgie & Geburtshülfe zu liebe, auch waren mir d. schönen & mit großer Liberalität zugänglichen Mittel & Anstalten ein großer Reiz nebstdem der Umstand d. Gegend schöner wie die Würzburger & zudem der Heidelberger Student seine persönliche Freiheit eher wahren kann wie jener. Wie sehne ich mich nicht, nach langer Entbehrung nach einem Museum wie dem Heidelberger. Und erst nach seinem romantischen Schloßberge, seinen schönen Ausflügen wonach mir Akermann immer den Mund wässert! Du findest vielleicht, in Zürich wäre es wohl noch schöner, & vielleicht auch noch was für mich zu lernen! Wohl möchte ich auch schon hin, allein da ich nach meinem Plane erst im Laufe nächsten Winters promoviren will, dies am liebsten doch in Zürich thue, aber auch nicht gerne mehr zwei Semester dort studieren möchte so habe ich meine Heimreise bis in d. Herbst verschoben. Hier aber möchte ich dich sehr bitten, mir einige wenige Auskunft zu geben üb. d. Stellung von Henle & Pfeufer, die mir am meisten am Herzen liegen & von denen ich bis jezt d. besten Erwartungen hegte; ich würde mich wohl sehr viel in d. anatom. Secirzimmer herumbewegen. Doch à propos! Was machen d. Anatomie & d. neue Krankenhaus? – Da ich am Fragen bin, so möchte ich auch wissen ob Blumer nun wirklich in Glarus ist; ich habe ihm noch eine Schuld abzutragen. Unser Privatleben betreffend leben wir sehr friedlich, alle Wochen einmal Abends auf in d. Kneipe bis spät recht heiter zusammen. D. köstliche Winterfrost hat uns schon einige [male?] mit Schlittschuhen auf das Eis geführt. Wir sind etwa unser 12. unter denen sich, besonders [für?] die Sontage, ein Kränzchen gegründet. – Ich wohne per se wieder bei meinem erprobten Philisterium, das mich mit großer Freude empfing. Mein Zimmer ist viel heimlicher wie das frühere, ganz austapezirt & obwohl nicht klein, doch am besten im ganzen Hause zu heizen, kurz in dieser Hinsicht fehlt es mir an nichts. – D. Kunst liegt diesen Winter sehr zu Boden; man muß sich begnügen mit d. Singakademie & d. Soireen v. Möser. Kein Konzert, d. Löwe fort, d. Fassmann so ausgesungen ich sie gar nicht mehr hören mag. Hebung d. Kunst, das war auch eine Erwartung des 15. Oktober; sie scheint mit d. andern zu Grabe zu gehen. Gut ists für mich, ich früher mit d. Genuße nicht kargte & so fällt mir nun auch das Entbehren gar nicht schwer. D. Neujahrstage haben wir recht gemüthlich & zu allseitiger Zufriedenheit, weniger in Saus & Braus wie das lezte Jahr verlebt. Nur unser armer Freuler sizt in Magdeburg fest; er reiste nehmlich eines Familiengeschäftes halber hin, & bekam einen Blutschwär (furunculus) der zwar nicht von Gefahr ist, ihm aber noch nicht d. Rükkehr erlaubte. – Ich werde v. hier Mitte März verreisen, wahrscheinlich in sehr [...?] Gesellschaft. Akermann begleitet mich nach Heidelberg, Freuler geht wahrscheinl. n. Zürich, Schaller ungewiss, Kölliker (& Nägeli vielleicht) auch n. Zürich. Unser Gesundheitszustand ist im Ganzen gut, d. Meinige in specie nichts zu wünschen od. gar zu besorgen übrig lassend! an Bewegung fehlt es mir nicht. – Dir & den Deinen d. herzlichsten Neujahrwünsche & Grüße. Ich will nicht sagen du es in der Politik machen sollest wie ich jezt; aber treibe es nicht zu hitzig & bewahre dich vor bösem Blut. Dein

C. Sinz.