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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0229 | FA Tschudi

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 49

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 27. November 1840

Schlagwörter: Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Religion, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 27. Nov. 1840.

Mein theurer Escher!

Mit Ungeduld hatte ich, ehe ich Deinen lieben Brief1 erhielt, manchen Tag auf Nachrichten von Dir geharrt; denn obgleich nicht eben lange Zeit seit unsrer Trennung verflossen war, so hatte sich doch für uns beide unterdessen so manches Neue u. Intressante zugetragen, daß es mir äußerst schmerzlich seyn mußte, die gewohnte u. gewiß auch mir zum dringendsten Bedürfnisse gewordne Unterhaltung mit Dir entbehren zu müssen. Wenn nun auch ich mit meiner Antwort länger gezögert habe, als ich mir wohl anfänglich vorgenommen hatte, u. Du deßhalb ebenfalls mit mir unzufrieden seyn möchtest, so muß ich freilich um so mehr um Entschuldigung bitten, als ich kaum so stichhaltige Gründe, wie Du, dafür anführen könnte. Höchstens dürfte ich mich vielleicht auf die wohl auch Dir bekannte Erfahrung berufen, daß man beim Beginne einer ganz neuen Lebensweise u. beim Eintritte in neue Verhältnisse immer ziemlich viel Zeit verliert, ehe man sich völlig orientirt u. sich ganz so eingerichtet hat, daß man seine Zeit u. Kräfte auf's beste u. zweckmäßigste benutzen kann; daneben möchte noch etwas philisteriöse2 Bequemlichkeit hinzugekommen seyn, vor der ich mich nicht ohne Anstrengung bewahren kann. – Dein Brief hat mich freilich für mein Warten auf's reichlichste entschädigt, u. es freute mich ganz besonders daraus die vortheilhaften Wirkungen zu entnehmen, welche Dein Aufenthalt in Appenzell auf Deine Gemüthsstimmung u. Arbeitsfähigkeit gehabt hat. Deine Vorliebe für den Herbst in den Bergen theile ich ganz, u. bei Deiner Schilderung der Eindrücke, welche die Natur in Appenzell auf Dich machte, erinnerte ich mich lebhaft der Empfindungen, die ich bei meiner Rückkehr in die Heimath vor einem Jahre hatte, wo unser schönes, freundliches Thal mir im Oktoberschmucke ungemein heimelig vorkam. Deine Säntisersteigung war in der That ein kühnes Unternehmen, dessen Beschreibung ich mit größtem Intresse las; ich mußte nachher nur um so mehr bedauern, | daß ich an der Ausführung einiger intressanter Bergparthien, die ich mir noch für diesen Herbst vorgenommen hatte, durch meinen Militärdienst verhindert worden war. Die ganze Schilderung Deines Lebens in Appenzell machte freilich den Wunsch in mir rege, einmal eine ähnliche Zeit mit Dir dort zuzubringen; indessen begreife ich auch gar wohl, wie Du Dich ganz allein u. ohne Gesellschaft dort recht wohl befunden hast, denn ich weiß aus Erfahrung, daß, je weniger Begleiter man um sich hat, desto besser man ein Land u. namentlich ein Volk kennen lernt, unter dem man sich aufhält. Ich erinnre mich dabei mit Vergnügen meines Aufenthalts im Salzkammergute, wohin ich ebenfalls allein meinen Reisegefährten von Wien aus vorausgeeilt war u. wo ich im Umgange mit einem biedern, unverdorbnen Bergvolke u. im Genusse einer lange entbehrten schönen Natur einige herrliche Tage verlebte. Auch Deine Nachrichten über den Zof.Verein haben mich sehr intressirt, denn meine Liebe zu demselben ist durch das letzte Fest wieder sehr gestärkt worden. Herzlich freute es mich, daß Ihr einen so guten Sektionsvorstand3 habt bekommen können, vorzüglich auch, daß Pfenninger4 in Zürich geblieben ist u. am Vereine wieder eifrigen Antheil nimmt. Wenn Ludw. Meier5, wie Du mir schreibst, an Thätigkeit hinter keinem zurückbleibt, so kann man wohl sagen, daß der Central-Ausschuß trefflich besetzt sey6, u. es lassen sich von seinem kräftigen Auftreten die schönsten Früchte für den ganzen Verein erwarten. Indessen kann ich doch Eure ersten Verfügungen nicht ganz billigen: nicht unpassend zwar scheint es mir, daß Ihr die Frage der Errichtung eines Freicorps für den Fall eines Krieges wieder angeregt habt, denn so unwahrscheinlich mir auch dieser Fall immer vorgekommen ist, so kann es doch nichts schaden, wenn die Zofinger von Zeit zu Zeit daran erinnert werden, daß nach dem wahren Wesen ihres Vereines sie zur Behauptung unsrer Freiheit u. Neutralität auf's kräftigste mitzuwirken hätten, u. es wäre eine sehr wünschenswerthe Folge Eures Aufrufs, wenn durch denselben in allen Sektionen regelmäßige Waffenübungen in's Leben gerufen würden. Wohl aber glaube ich, es werde bei der Besprechung der andern, von Euch angeregten Fragen nicht viel herauskommen, theils weil ich es immer für einen Grundfehler des Vereinslebens angesehen habe, daß man zuviel über den Verein selbst, sein Wesen, Zweck u. s. w. redet, was nachgerade recht langweilig wird u. was wir ja eben im letzten Jahre durch Diskussionen über intressantere Gegenstände verdrängen wollten, – theils weil ich darin das von mir in Zürich u. Zofingen gerügte «Leben machen» erblicke, welches dem C.A. eben so schlecht ansteht, als es unnütz seyn wird. Nach meiner Ansicht kann nur dann ein gedeihliches Gesammtleben im Vereine entstehen, wenn intressante Fragen, die in einzelnen Sektionen selbst aufgetaucht u. mit Vorliebe behandelt worden sind, durch den C.A. auch den übrigen zur Besprechung mitgetheilt werden, weil dann das Beispiel einer gehaltvollen Diskussion | u. die Theilnahme an den Ansichten bekannter Freunde von selbst anregt, während jene bloßen Anregungen, die vom C.A. ausgehen, aber in den Sektionen nur so als laufende Geschäfte u. ohne rechtes Intresse behandelt werden. – Während ich dieses schreibe, erhalte ich Deinen l. Brief7 von vorgestern, durch welchen ich mich freilich einigermaßen beschämt fühle, da ich so wenig Gründe für mein Stillschweigen anzuführen weiß, außer dem sehr natürlichen, daß man bei einem einförmigern Leben weniger zur Mittheilung angeregt wird, als bei einem bewegtern, wo sich der Stoff dazu immer in reichem Maße bietet. Doch verspreche ich hiemit feierlich, mich in Zukunft zu bessern! Ich vernehme mit Vergnügen, daß Ihr nun die gelungensten Aufsätze &s. w. aus Eurer Sektion cirkuliren lassen wollte, worin ich eben eine weit beßre Art der Anregung erblicke, als auf die besprochne Weise. Ich möchte Dich übrigens dringend ersuchen, mir von dem Jahresberichte8 Zollingers9, der mich so sehr intressiren muß, etwas näheres mitzutheilen, besonders wie darin unsre gemeinsamen Bestrebungen u. unsre Arbeiten beurtheilt worden sind. Auch möchte ich gerne wissen, wie Fries10 u. J. Escher ihre resp. Aemter verwalten u. ob meine Landsleute Staub11 u. Trümpi12 nun eingetreten sind.13 Eure Sonntagsgesellschaft muß für Dich sehr angenehm seyn, da sie Dich zum Theil wieder mit ältern Freunden zusammenführt, von denen wir uns sonderbarer Weise in der letzten Zeit meines Aufenthalts in Zürich zu beidseitigem Nachtheile getrennt hatten, u. da sie Dir in mancher Hinsicht die Heuelia vom letzten Winter ersetzen kann; ich glaube wirklich, daß ich mich in Euerm Kreise sehr wohl befinden würde. Vorzüglich gerne möchte ich auch an Euerm akademischen Balle erscheinen, von dessen Zusammensetzung ich mir übrigens noch keinen rechten Begriff machen kann. Werden wohl die Damen ersten Ranges auch daran Theil nehmen oder wird es eher eine Art Concordia werden? In jedem Falle ist ein solcher Ball, wenn Ihr ihn zu Stande bringt, ein großer u. wesentlicher Fortschritt im zürcher'schen Universitätsleben u. wird viel dazu beitragen, den Corpsgeist unter den Studirenden zu heben u. sie bei den Philistern in größres Ansehen zu bringen. – Noch möchte ich mit wenigen Worten Deine Abschiedsrede14 berühren, deren Inhalt Du mir kurz angegeben hast; es wird Dich um so mehr intressiren, meine Ansicht darüber zu vernehmen, als dieselbe, wie es scheint, angegriffen worden ist u. wahrscheinlich eine intressante Besprechung im Vereine hervorrufen wird. Unumstößlich ist gewiß die von Dir geäußerte Ansicht, daß die Religion Gefühlssache sey u. auf dem Gefühle beruhe, u. wenn wir früher bisweilen in religiöser Hinsicht ungleicher Meinung waren, so war es oft nur deßhalb, weil es mir vorkam, daß Du diesen Grundgedanken zu wenig berücksichtigest. Ebenso finde auch ich, daß unser protestantischer Cultus das Gefühl viel zu wenig in Anspruch nimmt, da eigentlich doch in dieser Beziehung allein auf alle Glieder der Gemeinde zugleich eingewirkt werden kann, während je nach den verschiednen Stufen der Geistesbildung die in der Kirche verkündigte Lehre verschieden gegeben werden müßte u. daher eine Predigt nie alle | Zuhörer befriedigen kann. Ich überzeuge ich mich davon am besten hier, wo das religiöse Leben bei Geistlichen u. Laien auf einer außerordentlich niedrigen u. recht philisterhaften Stufe steht u. darnach natürlich auch die Predigten ausfallen; diese ärgern mich, u. wodurch sollte ich denn sonst in der Kirche zur Andacht geweckt, wodurch sonst sollten meine religiösen Gefühle belebt u. geläutert werden? Doch wohl nicht durch die trockne, veraltete Liturgie u. wohl auch nicht durch den sehr mittelmäßigen Gesang? Auf diese Weise ist es begreiflich, daß nach u. nach alle Gebildetern u. grade auch die, welche ein recht starkes religiöses Bedürfniß in sich fühlen, dem öffentlichen Gottesdienste sich abwenden u. entweder in Sekten u. Conventikeln sich absondern oder in religiöser Hinsicht sich ganz isoliren, woraus doch nothwendig Indifferenz u. eine Art von Glaubenslosigkeit hervorgehen muß. Der kathol. Cultus ist dagegen freilich weit ansprechender, aber er beruht auf einer unauflösbaren Kette von Dogmen, die der gebildetere Geist nimmermehr annehmen kann. Daß aber jeder Gottesverehrung ein bestimmter Glaube zu Grunde liegen müßte, da sich dieselbe sonst wirklich nur in einer unfruchtbaren Allgemeinheit halten müßte, wirst Du mir auch zugeben, u. in dieser Hinsicht hat unsre protestantische Kirchenlehre durch die freie Wissenschaft, mit der sie sich von Anfang an verbündete, sehr große Fortschritte in der neuesten Zeit gemacht u. wird deren vielleicht noch wichtigere machen, denen wir getrosten Muthes entgegensehen dürfen. Um meinen Standpunkt Dir kurz anzuzeigen, so ist er dieser: ich glaube an das Wesentliche der eigenthümlich christlichen Religionslehren, wie wir Protestanten sie annehmen u. wie die Wissenschaft sie darstellt u. erläutert; aber ich fühle mich unbefriedigt mit der äußern Gemeinschaft, die unsre Kirche gewährt, ich möchte ihr eine erhebendern Cultus nach Analogie des lutherischen u. eine freiere Verfassung wünschen.

Ich will jetzt zu meinen Verhältnissen übergehen u. zwar zunächst zu den wissenschaftlichen, die Du in Deinem Briefe berührt hast. Wenn ich Dir in meinem letzten Briefe geschrieben, daß ich mir vorgenommen habe eine systematische Darstellung des glarner. Partikularrechts zu versuchen, so wollte ich dies durchaus nicht als eine eigentlich wissenschaftliche Arbeit betrachtet wissen, sondern es ist dies eine Arbeit, die mir für meine praktische Wirksamkeit, zu der ich mich jetzt noch vorbereite, durchaus unentbehrlich ist, u. auf welche ich allerdings um so mehr Fleiß verwenden werde, als ich sie zur Grundlage meiner einstigen praktischen Bestrebungen machen möchte. Oeffentlich damit aufzutreten, ist mir nie eingefallen, vielmehr soll dieselbe nur für meinen Privatgebrauch bestimmt seyn. Mein ganzes Sinnen u. Denken hat überhaupt in der letzten Zeit eine praktische Richtung genommen; früher war es mir wohl auch häufig Lieblingsidee, einst eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen; allein theils sehe ich mit dieser fast nothwendig eine gewisse Einseitigkeit verbunden, die mich abschreckt, theils | habe ich mich überzeugt, daß nur ausgezeichnete Talente, zu denen ich mich nicht zählen darf, mit wahrem Erfolge jenen Weg betreten, andre aber, wenn sie auch viel wissenschaftlichen Sinn haben, doch weit mehr Nutzen stiften können, wenn sie sich einem praktischen Berufe wiedmen. Natürlich aber wünsche ich kein roher u. ausschließlicher, sondern ein wissenschaftlicher Praktiker zu werden, u. darum ist es leicht möglich, daß ich doch einmal mit einem litterarischen Produkte vor der gelehrten Welt auftreten werden, wenn mich meine Forschungen zu einem Resultate führen, das der öffentlichen Mittheilung würdig scheinen könnte. In dieser Beziehung habe ich denn auch vorzüglich das deutsche Recht zu einem Felde des Selbstschaffens mir ausersehen, u. darauf bezieht sich besonders mein Vorhaben einer angelegentlich wiederholten Lektüre des Sachsen- und Schwabenspiegels mit Bezug auf einzelne Rechtstheile, die mir noch nicht ganz klar geworden sind (z. B. das Güterrecht der Ehegatten in seinen Détails, die wahre Bedeutung des Eides im alten deutschen Prozesse), dessen Ausführung ich freilich bis jetzt noch nicht begonnen habe. Ich weiß gar wohl, daß man bei selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten am meisten gewinnt, aber ich glaube auch, daß es, um etwas tüchtiges zu leisten, immer sehr bedeutender u. umfassender Vorstudien bedarf, daß man auch den ganzen Zusammenhang der Wissenschaft recht inne haben muß, um dem Einzelnen mit Erfolg nachspüren zu können. Ueberdies habe ich die – vielleicht sonderbare – Eigenthümlichkeit, daß ich nicht leicht einem einzelnen Gegenstand soviel Intresse abgewinnen kann, daß er mich für längere Zeit ausschließlich in Anspruch nehmen könnte. In der letzten Zeit hat mich die Repetition von Hollwegs Civilprozeß sehr angezogen, u. ich habe erst jetzt den ausgezeichneten Werth dieses Collegs recht eingesehen, wie ich auch jetzt völlig davon überzeugt bin, daß wir damals, als wir es hörten, dasselbe noch nicht recht verdauen konnten, wie es uns eigentlich auch an Intresse dafür fehlte, da man für den Prozeß vorzüglich eine weit praktischere Anschauungsweise braucht, als man im 3ten Semester haben kann. Der gemeine deutsche Prozeß kommt mir zwar immer in praktischer Hinsicht nicht sehr wünschenswerth vor u. ich habe schon oft dem Himmel dafür gedankt, daß wir in vielen Beziehungen ein weit einfacheres u. natürlicheres Verfahren haben; nichtsdestoweniger finde ich das Studium desselben besonders in historischer Hinsicht sehr intressant, da sich in keiner andern Disziplin in dem Maße, wie hier, ein Aggregat u. eine Vermischung von so verschiedenartigen Elementen findet u. da doch vorzüglich die allgemeinen Lehren immerhin in alle neuern Prozesse übergegangen sind u. auch der gesunden Vernunft völlig entsprechen. Durch die Uebersendung von Kellers Civilprozeß würdest Du mich sehr verpflichten, wenn Du dies Heft für etwas längere Zeit entbehren kannst; dagegen möchte ich Dich nicht bemühen, mir das Wechselrecht lieferungs| weise zu schicken, wohl aber werde ich es zu Ende des Semesters recht gerne von Dir beziehen. Sehr bedauern muß ich mit Dir, daß Keller's Cicero15 für diesen Winter nicht zu Stande gekommen ist, u. sehr intressant war mir, was Du mir über Sell16 schreibst. Von Deiner Privatarbeit höre ich besonders gerne, u. es würde mich freuen, wenn Du mir später einmal die wichtigsten Resultate, zu denen Du gelangt bist, zum voraus mittheilen würdest. – Meine geselligen Verhältnisse lassen freilich manches zu wünschen übrig, am meisten Deinen u. andrer lieben Freunde Umgang; doch kann ich mich über Erwarten gut in dieselben schicken. Das milde Wetter, welches im Laufe dieses Monats vorherrschte, begünstigte, wenn man sich auch auf das Thal beschränken mußte, doch kleinere Ausflüge innerhalb desselben. Der intressanteste war derjenige nach dem schrecklich verwüsteten Sernfthale, wo besonders die sonst reiche Gemeinde Elm durch Erdschlipfe u. Runsen bedeutend gelitten hat. Man muß um so mehr Mitleiden mit den braven Bewohnern derselben haben, als dieselben am meisten unter allen Theilen unsers Landes den Charakter eines Hirtenvolks rein u. unverfälscht erhalten haben, wie sie sich denn auch schon äußerlich durch kräftigen Körperbau, im Verkehr durch seltne Rechtlichkeit u. im Umgange durch gemüthliche Naivetät auszeichnen, u. als nun ihre einzige Nahrungsquelle, die ihnen die Bewirthung ihrer Bergwiesen darbietet, für viele auf lange Zeit gänzlich verstopft ist. Der Alpenbote enthielt eine recht gute Beschreibung17 dieser Verheerungen, wahrscheinlich von Pfr. Heer18, von der aber andre Zeitungen zu wenig Notiz genommen haben. Es möchte wohl überhaupt diesmal kaum ein andrer Canton durch die Naturereignisse soviel gelitten haben wie der unsrige. Die letzte Woche wurde mir durch einen Ausflug ganz andrer Art nach dem Stachelbergerbade mit Ch. Tschudi19 u. Huber20, der ihn besuchte (u. der Dir vielleicht davon erzählt hat) gewürzt. Ich begleitete die beiden, theils weil ich Tschudi, der jetzt unser Arrangeur geworden ist, schon lange versprochen hatte einmal etwas solches mit ihm zu unternehmen, theils um Hubern als unserm Gaste eine Gefälligkeit zu erweisen; wie erstaunte ich aber, als ich mich unversehens in eine Intrigue verwickelt sah, indem nämlich Tschudi dorthin ein Stelldichein mit seiner Geliebten verabredet hatte! Letztre ist nämlich eine ziemlich hübsche u. nach seiner Ansicht geistreiche, übrigens äußerst flotte, selbst hinsinkende Hamburgerinn, die sich im Exil in Schwanden aufhält u. der er schon seit letztem Frühling | nachstreicht. Was konnte ich bei solcher Sachlage anders thun, als den guten Kerl zur Eifersucht treiben? Und das habe ich denn auch nicht ermangelt. Hubers Reise nach Zürich hatte nach seiner Aussage den Zweck, die dortigen Vormundschaftsgesetze kennen zu lernen, durch seinen Besuch bei uns beabsichtigte er, «unsre Volkssitten zu studiren». In dieser Hinsicht mußte ihm dann natürlich das erste Winterkonzert, welches letzten Montag stattfand u., wie hier gewöhnlich ist, von einem Balle begleitet war, sehr gelegen kommen; er harrte denn auch wirklich bis dahin aus, obschon er in der Zwischenzeit sehr wenig Zeitvertreib hatte u. ein Andrer sich jedenfalls entsetzlich ennuyirt hätte. Da ich bei jenem festlichen Anlasse zuerst in die große Welt meiner Vaterstadt eingetreten bin, so will ich Dir doch noch etwas davon sagen: das Conzert war freilich nicht ausgezeichnet, aber für Glarus ordentlich, dabei aber sehr schwach besucht; beim Balle ging es recht fidel her, wozu gerade die kleine Zahl der Theilnehmenden wesentlich beitragen mochte. Der Ton ist jedenfalls nicht so steif, wie ich erwartet hatte; man muß im Gegentheil eher dafür sorgen, daß der in einer honetten Gesellschaft unerläßliche Anstand immer beobachtet werde, da wir nun einmal keinen Kuhschwof, sondern etwas feines haben wollen. Meine Lieblingsidee ist in dieser Hinsicht, Conzerte u. Bälle zu trennen, was wir hoffentlich doch wenigstens in so weit erreichen werden, als es einige von der Musikgesellschaft unabhängige Bälle diesen Winter geben wird. Daneben haben wir nun auch eine «akademische Gesellschaft» zusammengebracht, bestehend für einmal aus den beiden Tschudi21, Streif22 u. mir, welche wöchentlich einmal sich in einer Bierkneipe versammelt; es geht gewöhnlich dabei recht fidel her u. unsre Gespräche drehen sich gewöhnlich um Universitätserinnerungen, die mir immer außerordentlich wohlthun. Ich hoffe jedenfalls, daß Du beim Wiedersehen in mir noch keinen Philister finden wirst, wenn ich auch wohl etwa philisteriöse Formen (wie die von Dir gerügten Ausdrücke meines Briefes) mag angenommen haben; denn der Geist ist es ja, der lebendig macht, u. der Philistergeist tritt mir hier in einer so schroffen u. krassen Gestalt entgegen, daß ich ihn mein Leben lang werde bekämpfen müssen. – Ich muß nun schließen, weil ich vor die Standeskommission beschieden bin, um dort ein Handgelübde zu leisten. Ich habe mich nämlich bereden lassen, eine Registraturarbeit in unserm Kantonslandesarchive zu übernehmen, theils weil ich dabei ein wenig in die Fäden unsrer neuern Geschichte hineinblicken möchte, theils weil ich Lust hätte, später die Stelle eines Archivars zu übernehmen, [...?] für meine projektirte glarnerische | Rechtsgeschichte äußerst wichtig wäre. Ein ander Mal möchte ich mich doch auch recht gerne wieder mal mit Dir über Politik unterhalten, umso mehr da die Dinge in Euerm Canton eine ziemlich unerwartete Wendung zu nehmen scheinen. [Grüße?] mir Brändli23 (dessen jetzige Adresse ich gerne wissen möchte, um ihm einmal zu schreiben). [Grüße?] Wyß (von dem ich auch gerne etwas wissen möchte), Fries, Meier, Pfenninger, Zollinger, [H. Schweizer?]24, Honegger25 u. s. w. Streif läßt Dich grüßen. Herzlich grüßt Dich Dein

Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

3Den Vorstand der ZürichSektion bildeten unter anderem David Fries als Präsident, Johann Conrad Pfenninger als Vizepräsident und Jakob Escher als Aktuar. Vgl. Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 6. November 1840.

4 Johann Conrad Pfenninger (1816–1872), von Zürich, Theologiestudent. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 11. Juni 1838, Fussnote 28.

5 Ludwig Meyer (1819–1869), von Weiningen, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 38.

6Neben Escher als Präsident bildeten Ludwig Meyer und Johann Caspar Zollinger den Centralausschuss des Zofingervereins. Der Zofingerverein: Alfred Escher als Präsident der Sektion Zürich und als Centralpräsident (1837–1842), Centralpräsident.

7Brief nicht ermittelt.

8 Vgl. Jahresbericht Zof.-Ver. Sekt. ZH 1839/40.

9 Johann Caspar Zollinger (1820–1882), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Centralausschuss des Zofingervereins, 15. August 1840, Fussnote 11.

10 David Fries (1818–1875), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 19. August 1838, Fussnote 5.

11Vermutlich Josua Staub (1822–1870), von Glarus, Rechtsstudent.

12Vermutlich Emil Trümpi (1822–1845), von Ennenda, Medizinstudent.

13 Staub trat der Sektion Zürich des Zofingervereins am 13. November 1840 bei, Trümpi am 2. Juli 1841. Vgl. Verzeichnis Zof.-Ver. Sekt. ZH, S. 17.

14Escher hielt seine Abschiedsrede als Präsident der Sektion Zürich am 6. November 1840. Vgl. Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 6. November 1840; Jahresbericht Zof.-Ver. Sekt. ZH 1840/41, S. 20.

15 Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), römischer Staatsmann und Redner. – Gemeint ist an dieser Stelle wohl eine ursprünglich geplante Vorlesung Kellers über Cicero.

16 Georg Wilhelm August Sell (1804–1848), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Zürich.

17 Vgl. Alpenbote, 8. November 1840.

18Vermutlich Jakob Heer (1784–1864), Pfarrer in Matt; Vater Oswald Heers.

19 Christoph Tschudi (1817–1877), von Glarus, Rechtsstudent.

20Vermutlich Adolph Huber (1815–1897), von Murten, Jurist.

21Gemeint sind Christoph und Johannes Tschudi. Vgl. Blumer, Erinnerungen, S. 10(a).

22 Christoph Streiff (1815–1879), von Glarus, Arzt.

23 Benjamin Brändli (1817–1855), von Wädenswil, Rechtsstudent. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 10.

24 Heinrich Schweizer-Sidler (1815–1894), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 41.

25Vermutlich Caspar Honegger (1816–1880), von Dürnten, Rechtsstudent.