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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0227 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 26. Oktober 1840

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Freundschaften, Reisen und Ausflüge

Glarus den 26. Oct. 1840.

Mein theurer Escher!

Meinen Brief, den ich wenige Tage nach meiner Ankunft von hier aus dir schrieb, wirst du hoffentlich, wenn auch vielleicht erst etwas spät, durch Aepli erhalten haben. Der deinige gereichte mir einigermaßen zur Beruhi gung; denn so sehr ich auch bedauern mußte dich jetzt nicht bei mir sehen zu können, so mußte es mir doch immer noch lieber seyn, wenn die Abhaltungsgründe auf deiner Seite lagen, als wenn ich dich hätte abweisen müssen. Wäre das in Rapper schwyl verabredete Zusammentreffen wirklich zu Stande gekommen, so würde es – dessen bin ich gewiß – die erfreulichsten Eindrücke in allen drei Theilnehmern zurückgelassen haben; wir hätten in unserm damals noch so schönen Thale, von großartigen Ein drücken gefesselt u. angeregt, den mir unvergeßlichen Tag von Stäfa auf noch wür digere Weise fortgesetzt, u. Ihr wäret durch die nähere Bekanntschaft mit meinen heimath lichen Umgebungen mir selbst bedeutend näher getreten. Ich brauche dir nicht erst zu sa gen, wie gern ich dich vorzüglich in den Kreis meiner Familie eingeführt hätte. Unglücklicherweise nun sind wir alle drei an der Ausführung jenes Vorhabens verhin dert worden; denn auch Brändli wurde durch Geschäfte u. schlechtes Wetter abgehalten, mich nach Beendigung meiner Waffenübungen, die bis letzten Dienstag fortdauerten, noch zu besuchen. Du magst wohl die Nachricht, daß ich Militär geworden, sehr spaßhaft gefunden haben; indessen kann ich, wie ich schon in meinem letzten Briefe, als ich erst einige Tage gedient hatte, dir schrieb, daß ich mich ziemlich leicht darein schicken könne, dich auch jetzt versichern, daß ich, obgleich mit wenig Talenten für dies Fach ausgerüstet, doch den Dienst im Ganzen gerne mitgemacht habe. Es bewogen mich dazu theils die ernsten Betrachtungen, daß in unserm Vaterlande jeder Bürger bis zu einem gewissen Grade Soldat seyn sollte u. daß ich in unser Glarnersches Wehrwesen neues erfreuliches Leben durch das neue Militärgesetz | gekommen ist, theils die angenehmen, für meine spätre Wirksamkeit wahrscheinlich wichtigen Bekanntschaften, die ich dabei machte, u. die vielen frohen u. fidelen Stunden, die ich dabei zubrachte. Das Exerziren bietet bei uns einen der wenigen Anlässe dar, wo die jungen Leute von gleichem Alter aus den verschiedenen Theilen des Cantons sich zusammenfinden, u. ich hatte alle Ursache, mit meiner nächsten Gesellschaft, den Cadetten (Söhne der reichern Familien, die zu Offizieren gebildet werden, natürlich meistens junge Kaufleute), zufrieden zu seyn; es waren meistens artige u. lu stige Leute. Zuerst wurden wir ganz allein in die Elemente eingepaukt; nachher wurden sämtliche Cadres einberufen, u. von da an hielten wir uns vorzüglich an die Scharfschützen, die wirklich bei uns ein nobles Corps bilden, in dem die Blüthe unsrer Jugend in jeder Hinsicht enthalten ist. Mit diesen immer sehr fröhlichen u. witzigen Burschen führten wir ein recht fideles Leben, in welchem ich häufig sogar Anklänge aus dem Studentenleben zu vernehmen glaubte. Am meisten wurde ich daran erinnert, als wir in Masse auf einem Leiterwagen mit 2 Vorreitern an die Molliser Kilbi fuhren u. dort in unsres Zwicki's Kneipe zuerst gewaltig kneipten, dann ein über allen Begriff schlechtes u. darum höchst amusantes Theater ansahen, hierauf einen recht fidelen Ball mitmachten, an welchem die ganze Molliser Flora von der Prin zessinn bis zur Küchenmagd herunter erschienen war, u. zuletzt um 1 Uhr Nachts noch nach Glarus zurückfuhren. Der Erlanger Zwicki, der beim Theater u. Balle auch anwesend war, kann dir darüber das Nähere erzählen. An die Nettstaller Kilbi, welche 8 Tage später gefeiert wurde, zog die ganze Mannschaft in bewaffnetem Zuge, wobei es dann natürlich recht garnisonsmäßig herging. Abends mußten wir während der 2 letzten Wochen immer von 6 bis 10 oder 11 Uhr den Wachtdienst durchmachen, wobei gewöhnlich gezecht u. gespielt wurde u. zu mancherlei Witzen reichliche Veranlassung war. Viel weniger gefiel es mir im Offiziersvereine, dessen Mitglied ich nun auch geworden bin; hier herrschte schon ein recht steifer u. philisteriöser Ton. Es wurde sehr viel gegessen u. getrunken, aber an wahre Fidelität war nicht zu denken. Seit meiner Entlassung aus dem Dienste bin ich nun auch wieder sehr solide geworden, u. ich habe diese Tage wirklich fast ausschließlich in meinem Familienkreise zugebracht, in dem es mir immer so wohl gefällt u. in welchem ich wohl hier stets die angenehmste Zerstreuung u. Erheiterung finden werde. Wie sich in Zukunft meine geselligen Verhältnisse gestalten werden, weiß ich noch nicht recht. Nur soviel ist mir ganz | sicher, daß ich mit keinem meiner hiesigen Bekannten – ich nehme natürlich Zwicki aus, der noch abwesend ist u. sich später schwerlich in unsrer Residenz niederlassen wird – ein ganz inniges u. vertrautes Freundschaftsver hältniß werde eingehen können. Namentlich finde ich mich in Streif etwas enttäuscht, denn so angenehm mir auch im Uebrigen sein Umgang ist, so bemerke ich doch bei ihm weniger wissenschaftlichen Sinn, als ich früher vorausgesetzt hatte, dagegen beschäftigt er sich schon weit mehr, als mir lieb ist, mit philisteriö sen Kleinigkeiten u. Klatschereien. Mit Bezug auf die beiden Tschudi versteht sich das Gesagte von selbst; Der Dicke ist übrigens noch nicht hier eingetroffen. Es ist möglich, daß wir nach seiner Ankunft eine kleine Gesellschaft zusammenbringen, was mir angenehm seyn wird. Daneben werde ich mich wohl auch in die Ca sinogesellschaft aufnehmen lassen, nicht um mich dort zu amusiren, sondern nur um ein wenig unter die Leute zu kommen, was man doch, um nicht ganz zu versauern, auch nicht entbehren kann. Die Cadetten haben auf meinen Antrag monatliche Zusammenkünfte beschlossen; die besten unter ihnen wohnen eben nicht hier u. ich würde sie daher sonst während des Winters selten oder nie sehen. – Bei der eingetretnen höchst unerfreulichen Witterung habe ich natürlich wieder fleißig zu studiren angefangen. Ich repetire gegenwärtig die beiden Prozesse nach meine Heften, indem ich mit dem gemeinen Rechte immer unsre glarnerschen Gesetze vergleiche; auf diese Weise erhält das Uebereinstimmende durch seinen histo rischen Zusammenhang für mich immer eine höhere Bedeutung, u. mit Bezug auf das Abweichende bin ich in Stand gesetzt zu beurtheilen, ob es blos positiver Natur sey oder wirklich auf partikulären Gewohn heiten u. Bedürfnissen beruhe. Ich werde nachher auch unser, freilich sehr lückenhaftes, materielles Recht in ein System zu bringen versuchen, ferner das Handels- u. Wechselrecht für mich durchnehmen u. endlich habe ich eine vergleichende Lektüre des Sachsen- u. Schwabenspiegels vor, durch welche ich über manche Punkte des deutschen Rechts, die mir bei meiner bisherigen Beschäftigung mit demselben unklar blieben, deutlichern Aufschluß zu finden hoffe. Nebenbei lese ich noch Savigny's System, in welchem ich einen reichen Schatz köstlicher Gedanken u. Bemerkungen niedergelegt finde. Du siehst, daß es mir nicht an Beschäftigung für diesen Winter fehlt, u. daß ich, wenn ich alle diese unent behrlichen Arbeiten vollenden will, alle Ursache habe praktische Geschäfte abzuweisen. Zu die sen scheint freilich hier alles anzuregen, da man Jedermann nur nach dem, was er praktisch wirkt u. leistet, beurtheilt u. jeden, der nicht ein bestimmtes «Geschäft» hat, als Tagdieb anzusehen ge wohnt ist; diese Rücksicht war es denn auch vorzüglich, die mir einen Augenblick Lust machte, mich zu der auch sonst unter anziehenden Bedingungen (Besoldung von F. 800 u. Befreiung vom Militär dienste) ausgeschriebnen Verhörrichterstelle zu melden. Indessen fiel es mir nicht sehr schwer dieser Ver suchung zu widerstehen, da ich dadurch nicht blos in meinen Studien gehindert worden, sondern auch in | eine meiner Neigung nicht entsprechende Laufbahn eingetreten, überdies nach meiner motivirten Ablehnung der Criminalrichterstelle die Inkonsequenz handgreiflich gewesen wäre. Was dagegen den «Feuerherr» betrifft, von dem du in deinem Briefe sprichst, so ist es leider sehr wahrscheinlich, daß dieser hohe Posten mit näch ster Weihnacht mir übertragen werden wird, indem [dann?] die ganze fleckenglarnersche Bürgerschaft in polizei licher Hinsicht neu eingetheilt werden soll. – Eine Zusammenkunft während der Neujahrsferien wäre mir sehr ange nehm, doch verschiebe ich das Bestimmtere darüber auf [spätere?] Briefe. Einen Besuch bei mir während des Winters könnte ich dir, so angenehm er mir wäre, im Intresse deiner Unterhaltung kaum empfehlen, wohl aber in den Osterferien. – Schreibe mir recht viel u. ausführlich von Appenzell, wo du dich, wie es scheint, recht wohl befunden hast. Ebenso sehr intressirt mich alles von Zürich, besonders deine Collegien u. Privatarbeiten u. der Zof.Verein. Ich darf wohl hoffen, daß du ein fleißiger Correspondent seyn werdest; deine Briefe werden mir die angenehmste Unterhaltung in meiner Abgeschlossenheit seyn.

Herzlich grüßt dich dein

J J Blumer.