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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0221 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Halle (Saale), Sonntag, 16. August 1840

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Halle 16 August 1840.

Mein lieber Alfred!

Endlich bin ich in Stand gesezt, dir wieder einmal bekannte, jetzt freilich seltner gewordne Züge vorzuführen. Wochen um Wochen, Monde um Monde, Vierteljahr um Vierteljahr gehen vorbey & immer will sich nichts zeigen, das mir bewiese es lebe & denke meiner mein Freund am Fuße des Uto. Sollte es wieder eine Prüfung für mich sein! ein neues, strenges Experiment für meine Feuerbeständigkeit! Ich glaube & will es nicht glauben. Vielmehr hat mich ein so eben eingegangner Brief von meinem l. Blumer der mir auch Grüße von Dir & den Deinen überbrachte, in meiner Ueberzeugung bestärkt, diesmal doch im Briefwechsel etwas ungerades vorgefallen sei. Du weißt ich in diesem Punkte nicht sparsam bin & wenn d. Umstände darnach sind, nicht abbreche wenn ich auch auf drei & vier Briefe keine Antwort erhalte. Ebenso aber können auch Umstände eintretten, wo solches als Aufforderung, als moralischer Zwang sich zeigt & ein solcher unter denkenden, lebensfrischen Freunden ist mir in tiefer Seele verhaßt. Somit liegen dir Ursache & Veranlassung meines späten Schreibens vor Augen; du von mir einen Brief erwartest, das hat mir die Zunge gelöst. – Trotz der langen Trennung glaube ich mich doch in deine jetzigen Verhältniße denken zu können; ich sehe dich im vollen Verkehre mit der industriellen wie mit der wissenschaftlichen Welt; Audienzen ertheilen, Pakete von Briefen spediren, dann wieder rüstig in die Stadt wandern in der Hand die Pandektenmappe gefüllt mit Stoff zu lebhafter Exegese oder endlich im Freundeskreise zur ernsten Besprechung der Pflichten gegen Vaterland & Wissenschaft wie zum heitern Zofingerbankette. - Mannigfaltigkeit im Ueberfluße! so mir nur der Vertrauensvolle Wunsch übrig bleibt, sie möge dich in keiner Weise zersplittern, vielmehr Geist & Körper, Denken & Handeln zu immer schönerer & auch festerer Einheit verbinden; Einheit, nicht Einseitigkeit, denn diese ist bloß ein Moment der Mannigfaltigkeit & bleibt in ihr befangen, während jene aus d. Mannigfaltigkeit hervorgeht, hervorgehen muß & somit sich zugleich über sie erhebt. Den Vortheil haben wenigstens eure jetzigen politischen Zustände, sie, freilich bitter lehren wohin die Nichtachtung dieses großen göttlichen Gesetzes führen muß. Vom Philisterium mag ich gar nicht sprechen; ich glaube wir scheuen den Eintritt in dasselbe eben so wenig als wir in Wahrheit Philister werden dürften. Mich freut dein stets jugend licher Eifer in allem was dir vor deiner Entfernung von Hause stets heilig war & dies ist mir Bürge genug dein Eintritt in die Praxis des Lebens, in den weitern geselligen Verkehr in dir jene schöne Richtung von der ich oben sprach nur um so mehr befestigte. So erregst du in mir, mehr als es viele Briefe vermöchten den Wunsch, nein! das lebhafte Bedürfniß dich wieder zu sehen & zu prüfen was ein paar Jahre in unserm Alter aus uns zu machen vermögen. Ob du wohl Grund habest, ähnliches in Bezug auf mich zu wünschen! Ich glaube errathen zu können, obwohl du nicht desgleichen thust, du in meiner jetzigen Lage, ferne von so vielem was ehedem mir die schönsten, unvergeßlichsten Genüße bot, ja was mir mein zweites Leben war, mich sehr bemitleidest; Umgeben davon & aufs Neue mit voller Seele Erquikung für Leib & Seele aus eben dieser Quelle schöpfend, magst du den bedauern, dem bloß vergönnt ist aus weiter Ferne danach zu schmachten. Wie aber Mangel an Nahrung den Körper zu Grunde richtet, so auch möchte wohl diese Entbehrung auf den Geist einwirken! Nicht wahr, der Schluß scheint leicht gemacht! nur schade es eben nur ein einseitiger wäre. Nein, wahrlich, so wäre ich niemals mehr vor dich getretten, so darf ich nicht vor dir erscheinen wenn ich nicht auch die Erinnerung an frühere schöne Stunden vernichten will. Von bloß einer Speise & wäre sie noch so schmakhaft, lebt der Körper nicht & gerne opfert er die eine um andere, wenn auch weniger zusagende aufzunehmen. Noch lebt | ungeschwächt in mir die Erinnerung an das was mir die zwei Jahre in Zürich wurden & sie wird in mir immer leben so lange der Frohsinn & die Freude am irdischen Dasein nicht aus meiner Seele weichen, ja so lange es für mich noch eine Jugend giebt; – St. Gallen war mir die Wiege d. Körpers & der Seele, Zürich aber die des Geistes denn da wurde ich mir zum erstenmale seiner bewußt; was Wunder wenn mir sein Schiksal ebenso, wenn nicht mehr zu Herzen geht wie das meiner Vaterstadt. So wohl mir da auch war, ists mir doch enge geworden & sind es nicht wenige Bedürfniße gewesen, die mich aus seinen heimlichen Mauern vertrieben. Sind sie aber auch gestillt worden? Noch bin ich nicht im Begriff an den heimathlichen Heerd zurükzukehren & dennoch kann ich dich versichern, müßte ich es, ich würde nicht mit dem Geschik grollen. Vorgreifen will ich indessen deinem Urtheile nicht, das s du bey unserm Wiedersehn fällen magst & ich will nur so gut es in kurzen Zügen möglich ist dir mein seitheriges Leben vorführen. Mein lezter Brief machte dich mit unserm damaligen Treiben in Berlin bekannt, das, zumal das Meinige eine ganz andere Gestalt angenommen hatte wie das des ersten Winters. Ich will dir denselben nicht zu Ende führen, vielmehr dich einer Sommerreise nach unserm, für uns so freundlichen Halle einladen. Ueber meine Ansiedlung giebt dir mein lezter Brief an Blumer Aufschluß. Seither gab es eine Zeit wo ich mich von hier weg sehnte, & das fortdauernd schlechte Wetter scheint der Hauptgrund dieses Gefühls gewesen zu sein. Jezt aber habe ich so gutes Sitzleder, ich mich selbst darüber wundere; vielleicht mag hiezu das Bewußtsein das ganze Jahr wie noch keines benüzt zu haben, das seinige beytragen. Der Sommer war herrlich, zur Aufrechthaltung des Geistes wie geschaffen; niemals nur etwas drükende Hitze wozu freilich die schattige, von Bäumen rings umgebene, von der reinsten Luft durchdrungne Wohnung das Meiste bey trägt. Das Semester war so ergiebig, es zu einer noch reichhaltigen Fortsetzung des lezten Winters wurde & sich, so Gott will ebenso erfolgreich an den nächsten Winter anreihen wird; ich fühle es doppelt lebhaft, was eine ohne Unterbrechung fortgesezte Richtung auf einen Gegenstand vermag. Da ich es bei Wolf in Berlin nicht lange aushielt, ist eigentlich unser Peter (Krukenberg) mein erster klinischer Lehrer für innere Heilkunde geworden; ihm verdanke ich das Alphabet meiner medizinischen Laufbahn. Ein genialer Praktiker der nicht genug gegen Theorien & Philosophie losziehen kann; dennoch aber wie es scheint ohne es zu wissen immer Theorien schafft & philosophischen Köpfen besser zusagt als mancher der sich auch ein geschaffnes natürliches System viel zu Gute thut; ein neuer Beweis wie wahre Praxis & wahre Philosophie sich befreunden eben weil sie Eigenthum eines & desselben ingeniums sind. So wenig es auf den ersten Anblik scheint, so viel Verwandtschaft hat er mit Schönlein, der wirklich in Berlin mit Krukenbergs Schülern sehr gut stehen soll, während er sich mit der übrigen Berlinerschule überworfen; ungemein viel haben sie in d. Behandlung gemein & doch ist nirgends weniger Grund anzunehmen als hier, es habe einer den andern copirt. Nein dessen bedarf der Geist nicht & so verschieden die Richtungen sind die er im Handeln einschlägt, so begegnet er sich immer wieder während im Gegentheil die bloße Laune & Willkühr aus der Luft speculirender Köpfe nur Verwirrung & endlosen Zwiespalt erzeugt. Magst du das als aufrichtiges Glaubens bekenntniß meiner selbst ansehen & um der Verehrung die ich solchen Männern wie den tiefsinnigsten combinirenden Geistern zolle ersehen, mir ein wahrer praktischer Sinn nicht so ganz abgeht, wie so mancher mir glauben machen wollte, der sich brüstet mit seinem Gedankenlosen sich gehen lassen, einem instinktartigen Triebe der dann so gerne als gesunder | Menschenverstand angesprochen wird. Nicht umsonst gerathe ich gerne zwischen zwei Feuer, auf der einen Seite zB. mit einem eben fertig gewordnen Hegelianer, der gleich die ganzen Welt unwiedersprechlich systematisirt in seinem Hirnkasten zu tragen glaubt, auf d. andern Seite aber mit der launigen, abgerissnen Willkühr die sich spreizt als gesunder Menschenverstand. – Peter will uns recht wohl & er hat uns schon dreimal auf sein Landgut, das schönste um Halle, eingeladen. Seine Frau ist eine Tochter d. berühmten Reil & zeichnet sich durch eine ihrer ausgezeichneten Abkunft würdige Bildung aus. - Wir praktizirten bei Peter & b. Blasius denn wir besonders als Lehrer wegen seiner ausgebreiteten Kenntnisse & seiner Art mit d. Schülern umzugehen hoch schätzen; schade er ein sehr schlechter Operateur ist. Bei ersterm hatte ich etw. 50 Fälle in Behandlung die mir in mancher Hinsicht mehr leisteten als es vielleicht Jahre am klinisch. Krankenbette gemacht hätten. - Kaum brauche ich zu sagen unsere Privatstudien mit dem fleißigen Besuche (alle 7 Tage d: Woche v. 10–1 od. 1½ Uhr.) correspondiren, um so mehr als das mit d. Praxis verbundne Examiniren vor öffentlicher Klinik uns fortwährend in guter Spannung erhält. Dann ist mir auch der Eifer meiner beiden Freunde ein wohlthätiger Sporn. Beide haben bereits ein Jahr länger d. Kliniken besucht & zwar d. medizi nische Klinik unter Schönlein; das hat mir, der ich auch nicht gern zurükbleibe meinen Stand bedeutend erschwert & alle meine Kräfte in Anspruch genommen; aber dann auch den Erfolg gehabt ich mich neben ihnen in die Liste d. Praktizirenden & ohne mich [?] zu blamiren aufnehmen ließ. Freilich zeigte sich hier das lezte Jahr in Zürich für sie nicht so ergiebig war, wie dieses & abgesehen von Schönleins Abreise sind beide sehr froh sie d. Norden mit d. Süden vertauschten & gewiss, es gehört eine eigne Blindheit & Faulheit dazu diese Thatsache leugnen zu wollen. Freuler wird einer der ausgezeichnetsten praktischen Aerzte d. Schweiz, sein ausdauernder Fleiß wie sein wissenschaftlicher Sinn lassen mich das ohne Uebertreibung sagen; es ist nur Schade, er von d. etwas kindischen Sucht geplagt wird, mit dem was er gethan gleich zu renommiren. Schaller neigt sich mehr zur Routine wie er von jeher kein besondrer Freund von Büchern war & sich gerne mit d. unvollkommnen Collegienheften begnügte; in geistiger Beziehung trennt ihn eine große Kluft von Freuler; um so angenehmer ist indess sein Umgang in mancher Beziehung, die mich nie mit Freuler ordentlich zusammenkommen läßt. Beide grüßen dich vielmal. – Der Güte d. Hr. Prof. Heer danke ich hier besonders d. Umgang mit Prof. Burmeister ; sein stilles & offnes Wesen, frei von allem Gelehrtenstolze befreundete mich gleich mit ihm & beynahe allwöchentlich bringe ich bei ihm im Familienkreise einen heitern & traulichen Abend zu. Mit seiner Frau, einer gebornen Altonaerin durchgehe ich zu ihrem & meinem Vergnügen viele Reminiscenzen v. Hamburg, Helgoland & Berlin; ich habe ungemeldeten Eintritt ins Haus. Schlechtendahl & Germar haben d. größten Theil d. Semesters auf Urlaub zugebracht. Von allen drei viele Grüße, von mir dazu noch d. freundlichsten Dank d. lieben H. Professor. – Unser Privatleben ist im Ganzen still & zurükgezogen; mit d. Clinizisten, meistens Ausländern, stehen wir im Ganzen recht gut, besond. mit d. Hamburgern d. sich immer in besond. großer Zahl einfinden. Mit d. Theologen & Juristen verkehren wir gar nicht. Der schönste Ausflug den wir machten, war d. Besuch d. Gutenbergsfestes in Leipzig, das im wahren Sinne d. Wortes Leib & Seele erquikte; es war seit langem das erste große Volksfest das ich sah & das zugleich diesen Namen verdient; sonst machte ich noch Ausflüge nach Cöthen , Schoenebek (wo d. großartigsten chemischen Fabriken der Monarchie), Merseburg etc. Unsre physischen Bedürfniße werden im Ganzen sehr befriedigt, mit Ausnahme d. Weins den Freuler sehr vermißt; dagegen fand ich zu meiner größten Zufriedenheit treffliche Milch auf d. Bergschen ke zu Giebichenstein. - Von öffentlichen Anlässen [habe ich?] nur d. Einladung unsers Philisters | zu einem Balle von Seiten d. Freimaurerloge benuzt. – Ich bleibe noch hier bis etwa zum 10ten September; dann trette ich meine, schon Blumer mitgetheilte Reise an & werde Mitte Oktobers wieder bei meinem frühern Philister in Berlin eintreffen. – Herzlichen Gruß deinen Eltern mit d. Wunsche dein Vater neu gestärkt aus dem Bade zurükkehren möge. Dem l. Blumer hoffe ich auch noch während meines Hierseins zu schreiben. Sein Landsgemeindewitz hat [...?] d. guten Vorbedeutung herzlich lachen gemacht.

Und nun, behüte dich Gott & sei [...?] umarmt von deinem

Carl Sinz.