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AES B0220 | StABS PA 412a A 6-3

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 46 | Jung, Aufbruch, S. 110–112 (auszugsweise)

Alfred Escher an Centralausschuss des Zofingervereins, Zürich, Samstag, 15. August 1840

Schlagwörter: Turnen und Sport, Turnfeste, Universitäre Studien, Wahlen, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Die Section in Zürich an den Centralausschuß des Zofingervereins.

Liebe Freunde!

Wir haben Euern Brief1 vom 10t August mit wahrer Verwunderung gelesen und begreifen nicht, wie Ihr uns der Nachlässigkeit beschuldigen könnt. Ihr meint, außer 2 Billeten2 mit Vorwürfen vom Dezember und vier Linien3 von Fries4, welche Euch zur Subscription auf Wolf's5 Biographie6 einluden, sei keine Mittheilung von unserer Section an den Centralausschuß abgegangen. Dieß zu widerlegen, wird uns nicht schwer, denn in den ersten Wochen dieses Jahres ist ein Brief von 10 Seiten von dem unterzeichneten an den Centralausschuß abgegangen, weitläufige Nachrichten über den Zustand und die Thätigkeitsrichtung unserer Section enthaltend und manche Wünsche in Betreff Eurer Bundesleitung Euch ans Herz legend. Der Brief schloß mit der Aufforderung an Euch, uns namentlich über den letztern Gegenstand bald zu schreiben und versprach Euch, so viel an uns liege, einen lebhaften Briefwechsel. Auf diesen Brief wurde uns vom Centralausschusse auch nicht mit einer Silbe geantwortet. Ihr wißt aus eigener Erfahrung, daß es nichts unangenehmeres auf der Welt gibt als jemandem Briefe zu schreiben, der sie nicht beantwortet, ja daß es gewissermaßen unmöglich ist, jemandem der Art Briefe zu schreiben; denn bloße Abhandlungen, die ebensogut der Gegenstand einer Rede oder eines Aufsatzes in einem Vereinsblatte sein könnten, wollten wir Euch in Form von Briefen nicht schicken; es hätte darin eine gänzliche Mißkennung der Verbindung gelegen, die zwischen uns bestehen sollte und die wesentlich eine gegenseitige ist. Ihr seid uns also die Antwort auf diesen langen Brief, der in unserm Copierbuch eingetragen zu lesen ist, schuldig geblieben und wir erwarteten sie immer, um Euch gleich nachher wieder zu schreiben. Fast will es nun aber scheinen, als hättet Ihr diesen Brief, der die Adresse Eurer Section, wie sie im Cataloge enthalten ist, trug, nicht empfangen und wäret also dadurch von dem Vorwurfe der Nachlässigkeit wenigstens zum Theile frei zu sprechen. Wir wünschen, wie die Sachen jetzt stehen, daß Euch der Brief nicht zugekommen sei; denn wir wollen das Stillschweigen, das unter uns bestanden, lieber einem widerwärtigen Zufalle als Eurer Schuld beimessen.

Ich sehe wirklich keinen Grund ein, warum der Briefwechsel unserer Section mit dem Centralausschusse kein lebhafter hätte sein sollen, wenn ich die erstere ins Auge fasse. Unsere Section hat dieses Zofingerjahr die Correspondenz mit großer Gewissenhaftigkeit geführt und nie ist sie auch nur 14 Tage irgend einer Section eine Antwort schuldig geblieben. | Wir müssen also in dieser Beziehung als vollkommen gerechtfertigt vor Euch erscheinen.

Was die Circulation der Jahresberichte anbetrifft, so fürchten wir fast, sie sei von Euch so eingerichtet worden, daß alle Jahresberichte auf einmal an denselben Ort gelangten und allen der gleiche Kreislauf durch die Sectionen bestimmt wurde. Wenigstens ist der Section Zürich, die doch nicht zu den kleinern gehört, kein Jahresbericht directe von Genf zugeschickt worden. Wir haben wirklich bis anhin bloß den Jahresbericht von Chur empfangen.

Von den Festreden ist uns erst in diesen Tagen eine in Zofingen nicht vorgelesene von Theodor Meier7 von Basel zugekommen. Die andern 3 sind immer noch ausgeblieben.

Ihr sagt, bloß Zürich & Luzern haben Euch in Betreff Eurer Anfrage wegen der Festzeit keine Antwort gegeben. Die Antwort setzt aber eine Frage voraus. Diese ist aber erst vor 7 Tagen an uns gelangt und wird nun gegenwärtig mit möglichster Eile beantwortet. Die Section von Zürich schlägt als Festzeit in erster Linie den 28sten & 29sten September, in zweiter Linie den 22sten u 23sten September vor. Das gesetzliche Ende unsers Semesters fällt nämlich auf den 25st September und aller Wahrscheinlichkeit nach werden die meisten und besonders die theologischen Collegien bis zu diesem Tage dauern, da die Professoren aus Gefälligkeit für ihre Zuhörer vom 17t–19t August, als der Zeit des Turnfestes, Ferien gegeben haben und die meisten Dozenten in ihren Collegien noch nicht sehr weit vorgerückt sind. Würde nun das Fest in Zofingen vor Ende des Semesters Statt finden, so müßten sich wohl sehr viele Mitglieder der Section von Zürich ein Gewissen daraus mache[,?]n gerade die letzten Stunden der Vorlesungen zu versäumen, nachdem schon für das Turnfest die Gefälligkeit der Professoren in Anspruch genommen worden war, und sich die letztern so bereitwillig haben finden lassen. Wäre es im Hinblicke auf die Verhältnisse anderer Sectionen nicht möglich, das Fest auf den 28sten u 29sten September zu verlegen, so trägt die Section v. Zürich auf den 22 & 23sten Sept. an, da es zu hoffen steht, daß zu dieser Zeit wenigstens einige und so namentlich alle juristischen Collegien geschlossen sein werden. Für diesen Vorschlag zweiter Linie läßt sich noch anführen, daß das Fest in den letztern Jahren immer auf diese Tage fiel. Es wäre in zweiter Linie der 21st & 22ste Septbr vorgeschlagen worden, wenn nicht unter diesen Umständen der Einzug in Zofingen am 20sten, also am vaterländischen Bettage, hätte Statt finden müssen, es aber nach unserer Ansicht die Gastfreundschaft des lieben Bundesstädtchens mißbrauchen hieße, wenn man die Ruhe des heiligen Tages durch den nun nothwendig immer mit einigem Randal verbundenen Einzug stören | würde. Diesem Übelstande wird durch Verlegung des Festes auf den Dienstag und Mittwoch, statt auf den Montag und Dienstag vorgebogen.

Ihr sagt ferner, Ihr erwartet noch unsere Liste für die Candidaten für den Centralausschuß des nächsten Zofingerjahres; mit dem Ende unsers Semesters unbekannt, hättet Ihr uns nicht früher zur «Einsendung dieser Liste auffordern können». Wir glauben, dieser Grund hätte gerade eine größere Beschleunigung Eurer Anfrage nach sich ziehen sollen. Daß der Centralausschuß das nächste Zofingerjahr jedenfalls nach Zürich kommen werde, wußten wir nicht, da die Section von Chur eigentlich auf die von Genf folgt, diese aber nach dem letzten Cataloge 13 Mitglieder und 5 Candidaten zählte, wir also, mit dem gegenwärtigen Personalbestand der Churersection unbekannt, präsumiren mußten, sie habe die hinlängliche Anzahl von 15 Mitgliedern, um das nächste Jahr den Centralausschuß in ihrer Mitte zu haben. Da dieß nach der uns vor 7 Tagen zugekommenen Aufforderung, die Vorschlagswahlen für den Centralausschuß zu treffen, nicht scheint der Fall zu sein, hat die Section von Zürich nicht gesäumt, folgende Liste zu entwerfen.

Candidaten für den Centralausschuß, vorgeschlagen v. der Section Zürich:

1.) Escher, Alfred, stud. jur.
2.) Meier, Ludwig8, stud. theol.
3.) Hirzel, Heinrich9, stud. theol.
4.) Schmied, Caspar10, stud. theol.
5.) Zollinger, Caspar11, stud. theol.
6.) Escher, Jacob, stud. jur.
7.) v. Erlach, Franz12, stud. jur.

Ihr sagt ferner: Pour les membres honoraires, Lucerne & Coire seuls ne sont pas avertis. Aber auch uns ist keine Nachricht der Schritte [,?] die Ihr zur Execution der Beschlüsse der Ehrenmitglieder, die dem letzten Feste beigewohnt, gethan, zugekommen. Wir ersuchen Euch daher recht sehr, uns bald davon in Kenntniß zu setzen, was Ihr in dieser Beziehung gethan, damit wir auch in Zürich das nöthige verfügen können. Meldet uns auch die bedeutendern Verhandlungsgegenstände der nächsten Festversammlung.

Die Lieder, die Ihr uns einzuüben emphehlt, sind bereits eingeübt. Überhaupt blüht unser Gesangverein sehr. Über unser Leben und unsere Thätigkeit kann ich Euch auf das letzte Circularschreiben13 von Weber14, das Ihr in der Genfersection gehört haben werdet, verweisen. Wir haben seither einige Candidaten aufgenommen und der Verein geht wieder schönern Zeiten entgegen. Wenn wir den Zustand unserer Section vor einem | Jahre, da sie 47 Mitglieder zälte, mit ihrem jetzigen, da sie bloß 37 zält, vergleichen, so ist doch letzterer ein ungleich erfreulicherer. Ein Gegensatz zwischen den alten & jungen Mitgliedern unserer Section, der eigentlich bloß von Seite eines ränkesüchtigen Mitgliedes hervorgerufen werden wollte, hat sich in größere Harmonie aufgelöst. Man hält immer mehr auch außer den Vereinsversammlungen zusammen und steht doch nicht mit den andern Studenten auf einem unfreundlichen Fuße, so daß weit größere Wahrscheinlichkeit für Ausdehnung des Vereines vorhanden ist als früher. Unser bisheriges Aufnahmsreglement, nach dem der Canditat zu seinem Eintritte in den Verein bloß eine Erklärung über den Zweck und Tendenz des Vereines abzugeben hatte und sobald diese Erklärung mit den Principien des Vereines übereinstimmend erfunden wurde, aufgenommen werden mußte, ohne daß man über das Verhältniß seiner Persönlichkeit zu der eingegebenen Erklärung eintreten durfte, ist in der letzten Zeit dahin abgeändert worden, daß diese zu einer bloßen Formalität gewordene Erklärung nicht mehr abgegeben werden müsse, dagegen über die Persönlichkeit des Candidaten bei seiner Aufnahme eingetreten werden könne, eine Wahl aber nur dannzumal erfolgen solle, wenn der wirkliche Antrag auf Abweisung gestellt worden sei.15 Dieses Aufnahmsreglement hat auch außer dem Zofingervereine viel größern Beifall gefunden als das frühere. – Im Anfange des nächsten Semesters verlassen uns viele tüchtige Mitglieder. Desto ernster wird die Pflicht für die in der Section zurück bleibenden. Heilsam für den ganzen Verein wird es sein, wenn das Fest in Zofingen recht zahlreich besucht wird.

Beiliegend erhaltet Ihr das Verzeichniß16 der Mitglieder der Section von Zürich und unsere Adresse für das nächste Zofingerjahr.

Wenn wir auch in Beobachtung der Formen ungleicher Meinung waren, so wird doch hoffentlich derselbe Sinn Euch und uns beseelen! Mit diesem aufrichtigen Wunsche reicht die Section von Zürich dem Centralausschusse ihre brüderliche Rechte.

Im Namen der Section von Zürich
Ihr Präsident: Alfred Escher.

Zürich d. 15ten August.
1840./.

Kommentareinträge

1 Vgl. Brief Elysée Chenaud an Zof.-Ver. Sekt. ZH, 10. August 1840 (StAZH W I 35 R 40).

2 Vgl. Brief David Fries an CA Zof.-Ver., 8. Januar 1840 (StABS PA 412 A 6-3).

3Brief nicht ermittelt.

4 David Fries (1818–1875), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 19. August 1838, Fussnote 5.

5 Johannes Wolf (1813–1839), von Zürich, verstorbener Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 8.

6 Vgl. Scherrer, Johannes Wolf.

7 Theodor Meyer (1818–1867), von Basel, Medizinstudent.

8 Ludwig Meyer (1819–1869), von Weiningen, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 38.

9 Hirzel Heinrich (1818–1871), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 21. April 1839, Fussnote 13.

10 Caspar Schmid (1818–1884), von Zürich, Theologiestudent.

11 Johann Caspar Zollinger (1820–1882), von Zürich, Theologiestudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1837–1843, Präsident 1841; Quästor des CA 1840), Pfarrer in Winterthur (1856–1874) und Regierungsrat (ZH, 1877–1882). Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 563; Schmid, Zürcher Kantonsregierung, S. 364–365.

12 Franz Ludwig von Erlach (1819–1889), von Bern, Rechtsstudent. – Mitglied der Sektionen Bern (1838–1844, Präsident 1843; Aktuar des CA 1841/42) und Zürich (1840) des Zofingervereins, Fürsprecher, Auswandereragent und eidg. Artillerie-Oberstleutnant. Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 535; Matrikel UZH online, Erlach Franz Ludwig von.

13 Vgl. Brief Huldreich Weber an alle Sektionen des Zof.-Ver., s. d. (StAZH W I 35 R 7).

14 Huldreich Weber (1819–1890), von Lichtensteig, Theologiestudent.

15 Vgl. Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 26. Juni 1840.

16Beilage nicht ermittelt.

Kontexte

  • Alfred Escher
  • Centralausschuss des Zofingervereins