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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0219 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Brienz, Dienstag, 21. Juli 1840

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge, Turnfeste, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Brienz, den 21. Juli 1840.

Erstes Bulletin.

Schon von Luzern aus wollte ich dir, mein Lieber, einmal Bericht erstatten, wenn mich nicht arger Katzenjammer davon abgehalten hätte, ebenso in Sorenberg, wenn nicht die Ermanglung sämtlicher Schreibmaterialen mich zum Stillschweigen genöthigt hätte. Meine intressantesten Berichte beziehen sich natürlich auf Luzern; sie sind von der Art, daß es wirklich für dich wünschens werth seyn muß sie bald zu erhalten, nämlich ehe du nach Zug gehst. Denke dir, auch unser Amrhyn war dort u. zwar wenige Tage nach uns. Natürlich erfuhr er das Meiste, was sich unter uns zugetragen, nur nicht den Roman von der Alpenrose. Dagegen war es mir sehr erfreulich u. wird dir vielleicht noch angenehmer seyn zu vernehmen, daß sie ihn dringend ersuchte, recht bald wieder eine Zusammen kunft des vereinigten Zürcher u. Luzerner Comité's bei ihr zu veranstalten, in dem sie sich über die Liebenswürdigkeit ihrer beidseitigen Anhänger, natürlich nicht ohne spezielle Hervorhebung Einzelner, sehr vortheilhaft geäußert haben soll. Ich hoffe also sehr bestimmt, daß du nebst Hauser diesem Herzenswunsche möglichst bald entgegenzukommen werdest, muß dir aber dabei die weniger erfreuliche Nach richt geben, daß eine Zusammenkunft mit den Luzernern in den 14 Tagen unsrer Ferien ganz unmöglich seyn wird, indem sie grade über diese Zeit mit bedeutenden Examensarbeiten u. dazu noch mit Sorgen für das Turnfest geplagt werden. Für das letztre soll ein Ausflug mit dem Dampfschiffe nach dem Grütli u. der Tells kapelle veranstaltet werden. Im Uebrigen wurde ich natürlich von den Luzernern äußerst gut aufgenommen u. ich hatte das unerwartete Vergnügen, außer Meier, den das Hageldonnerwetter, welches sie an Auffahrt noch auf dem See zu bestehen hatten, krank gemacht u. der deßhalb auf dem Rigi eine Kur braucht, alle unsre lieben | Bekannten anzutreffen. Amrhyn, Ineichen, Bernh. Stocker u. (Nettli) Wyder sind wirklich wackre u. sehr fidele Burschen, wie sie unsre Sektion sehr wohl brauchen könnte. Wir kneipten auch sehr scharf u. ich als altes Haus mußte mich etwas auszeichnen, so daß ich wirklich nicht ganz nüchtern nach Hause kam. Es war ein Glück, daß der Vetter unge heuer fest schlief: am folgenden Morgen aber konnte er es doch nicht recht begreifen, daß ich mich gar nicht zum Aufbruche entschließen konnte, obschon wir uns vorgenommen hat ten recht frühe wegzugehen, vielmehr ganz ruhig auf dem Balkon des Gasthofes saß u. düstern Blickes in die Reuß hinabschaute. Schon schlug es 9 Uhr u. noch schienen meine tiefen Betrachtungen nicht ihren Endpunkt erreicht zu haben, als er plötzlich mit der mir äußerst angenehm klingenden Nachricht hereintrat, es finde sich eine Retourgelegen heit nach dem Entlebuch vor. So bestiegen wir dann sogleich einen feinen Engländer wagen, der uns bis nach Schüpfheim führte; unterwegs erheiterte sich mein Gemüth allmählich wieder, u. ich bedaure wirklich kaum, diesen Weg nicht zu Fuße gemacht zu ha ben, da er im Ganzen doch ziemlich langweilig ist. Am besten gefielen mir die schönen, großen, sehr reinlich u. wohlhabend aussehenden Dörfer, daneben auch die Fruchtbarkeit u. Lieblichkeit der Gegend, die sich aber von unserm Verschlage aus auch recht gut einsehen ließ. Von Schüpfheim aus gingen wir dann zu Fuße nach dem noch starke 3 Stunden entfernten, sehr abgelegnen u. mit der kultivirten Welt in geringer Ver bindung stehenden Sorenberg. Das Thal wird dann sogleich enger u. ist jedenfalls weit intressanter, als weiter vorne, gewährt auch im Einzelnen schöne Parthien, doch kann es sich nicht mit den intressantern Theilen des Glarnerlandes messen. Schön ist die wilde, mit hohen Tannen bewachsne Schlucht, in der die Emme läuft, auch der schroffe, breite Rücken des Rothhorns u. Brienzer Grats nimmt sich im Hintergrunde sehr gut aus. Das Wirthshaus in Sorenberg ist beinahe mehr als schlecht; erheiternd war einzig ein volksthümlicher Gesang, den wir dort hörten u. der uns beinahe die Ohren zerriß. Ich dachte dabei unwillkürlich an unsern Brändli u. an den Purpur, der bei dieser Produktion sein Antlitz überzogen hätte. Heute morgens machten wir uns dann | mit einem braven, doch nicht zu gescheidten Führer auf den Weg auf den Brienzergrat; wir blieben von Regen verschont, doch war der Himmel sehr trübe, so daß es uns nicht der Müh werth zu seyn schien, das vom Grate aus noch eine halbe Stunde entfernte, von Reisenden wegen seiner schönen Aussicht sehr besuchte Rothhorn zu besteigen. Der Weg ist etwas anstrengend, doch keineswegs schlimm oder gefährlich; den schönern Theil desselben bildet die Berner Seite wegen der schönen Aussicht auf den lieblichen See, das milde Thal u. die großartigern Gebirge. So herrlich aber die Natur hier ist, so wenig gefällt mir das Oberländer Volk, das nur von Erpressungen über die Fremden lebt, wo man, wie ich glaube, nach natürlicher Anmuth u. wahrem Volksleben vergeblich sucht. Die rekommandirten Trachtbesen sind allerdings nicht übel u. ziemlich anständig; unausstehlich aber ist mir die Sitte, daß hier die Mädchen in die Wirthshäuser kommen, um zu singen (und wie?!), besonders der Gesang der Schulmeisters töchtern am Gießbach, der mindestens einen halben Thaler kostet. Dennoch geht dahin selten ein Engländer oder Deutscher, ohne sich diesen Genuß zu verschaffen, wenn sie auch, wie mir ein sehr feiner Braunschweiger sagte, «nicht mehr so schön sind, wie vor 13 Jahren, da ich noch Student war.» So eben ist das Dampfschiff von Interlaken angekommen, aber ohne Honegger mitzu bringen; sollte wohl die fatale Hutschachtel die Ursache seines Ausbleibens seyn? Wir werden ihm diesen Abend noch hier warten, morgen früh aber gehen wir nach Meiringen, was du ihm sagen kannst, wenn er unterdessen nach Zürich zurückkömmt. – Vom ersten Tage habe ich noch nachzuholen, daß ich mit der pädagogischen Reisegesellschaft bis nach Zug ging u. daß mir dieselbe wegen der Knaben recht langweilig vorkam, obgleich ich mit den Häuptern des Volkes wohl auskommen konnte. Am besten schien mir die Rolle eines Vaters Hirzel zu spie len; seine Ermahnungen u. Belehrungen waren wirklich unbezahlbar. In Zug schlich ich mich, sobald wir zum Thore kamen, um die Mauern herum nach dem Hafen zu; denn ich hätte es wahrlich nicht über's Herz bringen können, bei dem bewußten Hause vorbeizugehen. Nun lebe wohl u. vergnügt; bietet sich mir wieder, wie heute, ein bequemer Anlaß zum Schreiben dar, so werde ich dir wenigstens ein 2tes Bulletin schicken. Sey herzlich
gegrüßt von deinem

Blumer.

Ich hoffe sehr, daß dein Hr. Vater sich wieder erholt u. seine Reise angetreten hat.