Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B0216 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#87*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 44

Arnold Otto Aepli an Alfred Escher, St. Gallen, Dienstag, 28. April 1840

Schlagwörter: Freundschaften, Universitäre Studien

Lieber Freund.

Weil ich mich deines Versprechens erinnerte, mich vom Beginne der Collegien in Kenntniß zu setzen, sah ich seit Ende letzter Woche jeden Tag einem Briefe von dir entgegen. Ich bin es indessen wohl zufrieden, wenn vom Anfange des Semesters jetzt noch nicht die Rede ist, weil ich in keinem Falle früher als im Laufe der nächsten Woche nach Zürich kommen könnte. Ich habe mich nämlich, dir im Vertrauen gesagt, zu einer Stelle gemeldet, bei einem hießigen Gerichte. Sehr competente Leute in solchen Dingen machten mich auf die Sache aufmerksam u. fanden, es wäre dieß der kürzeste u. zugleich angenehmste Weg in die hießige Gerichtspraxis hineinzukommen. Es leuchtete mir um so mehr ein, als ich auf der Universität nichts Wesentliches mehr zu hören habe. Im Anfang des nächsten Monats ist nun die Wahl; bis dahin bleibt mein Schiksal unentschieden, dann aber weiß ich, ob ich in Zürich nur noch meine Effekten zu vergaben haben werde od. ob ich den Sommer über noch dort bleiben muß. – Ich hoffe hier ein leidliches Leben führen zu können. Von meinen frühern Freunden sind die meisten in ihre Vaterstadt zurückgekehrt u. bereits in einem bestimmten Berufe. Sie haben ihre frühere Gemüthlichkeit u. Unbefangenheit nicht verloren u. der böse Dämon der Philisterhaftigkeit1 konnte ihnen deshalb auch nichts anhaben. Wo ich mich am meisten beengt finde, das ist zu Hause selbst. Hier hält es etwas schwer nach vierjähriger Abwesenheit wieder sich der alten, eisernen Hausordnung zu fügen. So großen Reiz auch die alten Gewohnheiten beim Wiedereintritt ins väterliche Haus haben mögen, weil sich die mannigfaltigen Erinnerungen der frühern Zeiten daran knüpfen, so lästig werden sie mitunter auch, weil | man sich selbst, in ganz andern Verhältnissen lebend, neue Gewohnheiten gebildet hat. – Mit meinen Collegen ist wenig anzufangen. Ich habe bis jetzt einen einzigen gefunden, mit dem sich wissenschaftlich etwas verhandeln läßt. Von einer juristischen Bibliothek ist keine Rede, ja ich glaube, daß nicht einmal ein Lesezirkel für die Zeitschriften besteht u. auf unsre literarischen Museen verirrt sich nur zuweilen ein Buch, das in unser Fach gehört. Sonst ist die Gesellschaft angenehm. Die Notabilitäten der Stadt, alt u. jung, versammeln sich Abends, gewöhnlich sehr zahlreich, im sogenannten Cercle wo Billard u. Karten gespielt u. Thee getrunken wird. Daneben fehlt es nicht an Gesellschaften aller Art. Doch ich will dich nicht mit unsern spiesbürgerlichen Verhältnissen ennuyiren, für die ich mich selbst erst dann zu interessiren begann, als ich gezwungen wurde mich ihnen anzuschmiegen. – Gonzenbach sehe ich sehr wenig, u. weiß wirklich nicht, ob er schon wieder nach Zürich verreist ist. Sein Bruder2 wird also im nächsten Herbst hieher ziehen, wahrscheinlich um den St. Gallischen Staat unter seine Flügel zu nehmen. Daß er sich eine Parthei machen wird, namentlich unter den Rothstrümpfen3, daran zweifle ich nicht. Wäre er Katholik so würde er ohne anders im nächsten Frühling in die Regierung kommen. Popularität kann er niemals erlangen; sein Junkernstolz hindert ihn daran, vielleicht auch der Stolz auf das Geld seiner Frau4. An Opposition wird es ihm gewiß nicht fehlen, aber er wird auch keine Mittel scheuen sie zu bekämpfen, sey es mit Schmeicheleien, wie gegen Baumgartner5, sey es mit Hochmuth, wie gegen den armen Hungerbühler6, deßen Armuth ihn hindern soll ein tüchtiger Regierungsrath zu sein, wie er ihm rund heraus ins Gesicht versichert, sey es durch Verdächtigungen, wie gegen den genannten Hungerbühler, sey es durch Aufreizung aller Unzufriedenen. Für alle diese Machinationen, die nichts als das Vorspiel für die Zukunft sind u. die den edlen Staatsschreiber zum Zeitungsschreiber, sage: zum Zeitungsschreiber gemacht haben, laßen sich die nächsten Belege im Beobachter finden u. ander| wärts andere. – Du hast Savigny's7 System8 auch erhalten? ein famoses Buch! – Auf Wiedersehen die nächste Woche!

Dein

A O Aepli

St. Gallen den 28 April 1840.

Kommentareinträge

1Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

2 August von Gonzenbach (1808–1887), eidg. Staatsschreiber.

3Als «Rotstrümpfe» oder «Rote» bezeichnete man in St. Gallen die Katholisch-Konservativen. Namengebend waren wohl die zur Bauerntracht gehörenden roten Strümpfe. Vgl. Degen, Farbenlehre, S. 19.

4 Sophie von Gonzenbach-Schönauer (Lebensdaten nicht ermittelt), Tochter des Basler Richters Johann Heinrich Schönauer.

5 Gallus Jakob Baumgartner (1797–1869), Grossrat und Mitglied des Kleinen Rats, Landammann (SG).

6 Johann Matthias Hungerbühler (1805–1884), Grossrat und Mitglied des Kleinen Rats (SG).

7 Friedrich Carl von Savigny (1779–1861), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Berlin, Mitglied des preussischen Staatsrats.

8 Vgl. Savigny, System.