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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0212 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Berlin, Dienstag, 4. Februar 1840

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Kunst und Kultur, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Berlin den 4ten Februar 1840.

Mein lieber Alfred!

du ja nicht etwa glaubest, ich wolle Vergeltungsrecht üben, weil meine Antwort nicht so schnell erfolgt wie gewöhnlich; da die Sachen einmal so stehen, so wollte ich mir auch einen freien Augenblik dazu ausersehen & da gieng mir's, wie es mit dem Verschieben zu gehen pflegt; kein Augenblik findet sich frei & bequem genug & d. Zeit geht unvermerkt herum bis sie ein mal plötzlich d. Gewissen d. Schuldners aufregt & ihm keine Ruhe läßt, ehe er seinem Herzen Genüge geleistet! Dein Stillschweigen hatte mir überhaupt wohlgethan & auf d. Aufregung hat sich eine für mein Gemüth um so wohlthuendere Ruhe eingestellt & aus meinem eignen längern Schweigen magst du d. Beweis entnehmen, ich auf keine Weise dich zu einer Unmöglichkeit auffordere. – Ich wünsche auch von Herzen Glük zur Genesung d. innig verehrten Vaters & bin sehr froh erst als alles vorüber war etwas davon erfahren zu haben. Schaller hat mir persönlich euern freundlichen Gruß überbracht & mich aufs neue überzeugt von dem lieben Andenken welches ihr im mir so theuern Familien kreise aufbewahrt habet ich ihn so heiter wieder finde, wie ich ihn verlassen! – Ich danke dir wieder für deine Berichte aus eurem Treiben als Commilitonen im Ernste d. Wissenschaft, im eifrigen Dienste d. Vaterlandes & im freundlichen Freundeskreise. Was das erste & lezte betrifft, so habe ich mich auch hier in Berlin zu dieser Zeit nicht zu beklagen; – für's zweite Element haben einstweilen die beiden andern indirekt die Stelle zu vertretten. Gegen Blumer habe ich mich schon in Bezug auf d. Frage ausgesprochen, welche vor einiger Zeit & vielleicht auch jezt noch eure Aufmerksamkeit vor allem in Anspruch zu nehmen schien; doch that ich es auf eine Weise wie ich mich wohl hütete es vor mehreren zu thun, ohne indess dem ausgesprochnen Grundsatze untreu zu werden. Immermehr ist mir klar, warum wir in d. lezten Jahren eine so traurige Rolle vor der Welt spielten & wohin das bloße grundlose Pfuschen junger Sprudelköpfe in Dingen führt, die zu beurtheilen schon, geschweige denn zu lenken eine ausgezeichnete Bildung & ebenso reiche Erfahrung verlangt, wie man es denn der einseitigen Stabilität auch nicht verargen darf, wenn sie sich nicht alles so mir nichts dir nichts über d. Haufen werfen läßt & d. Glauben an d. neue glükliche Zeit die je mehr sie verheißen wird um so weniger sich sehen läßt, nicht zu adoptiren vermag. Reine Prüfung dessen was wir bedürfen, basirt auf den Grund dessen was wir bereits besitzen, d. Nationali tät welche d. Geschichte uns überliefert & Fortentwiklung im Geiste dieser Nationalität ohne sich zu [st...?]- en einer meist nur im ersten Augenblike mißbeliebigen Form, ds scheint mir, sofern mich nicht Natur [&?] Geist täuschen vor allem nothwendig; das heiße ich conservativ & radikal zugleich während diejenigen sich täuschen, die sich diese Namen zum Panier ihrer Parthei gewählt; – früher od. später fällt mit ihrem Namen auch ihre Sache den bloßen Wechselfällen der Geschichte anheim. Um zu erinnern wie schön verschiedene Formen b. verschiedner Anlage nebeneinander bestehen, erwähne ich als Beyspiel d. Blüthe einer Rose & eines Cactus! welche ist schöner! & welchem noch so unsinnigen Menschen könnte es einfallen aus dem Keime der ersten d. Blüthe d. andern ziehen zu wollen! und doch wie viel politischer Unsinn ist begangen worden, eben weil man d. Keim & dessen Entwiklungsgesetze verkannte! Doch ich will aufhören mit diesen allgemeinen Redensarten; – die ebenso schwierige als nothwendige Ausführung liegt aber in d. Anwendung in specie; diese aber zu lösen, reicht nith hin d. Endlichkeit d. Geschichte, geschweige d. Zeit eines Menschenlebens & doch wie glüklich ist der, der einen Grundfaden ihres Gewebes erfaßt um an ihn mit Leib & Seele sich haltend dem verborgnen Centrum sich zu nähern!

Schier möchte ich es spaßhaft finden, wenn ich daran denke, wie weit wir schon in d. Zeit vorgerükt, wie d. Schluß d. Semesters so nahe ist & ich dir referiren soll wie ich den Winter zugebracht habe. | Er ist mir vorüber geflogen als wäre er mir bloß in d. Kauf gegeben worden; wenn d. vorjährige an d. langweiligsten Eintönigkeit litt (ich rede nur für meine Person) so bot mir d. verflossene in jeder Hinsicht Abwechslung soviel ich nur wünschte & d. frohen Gesichter meiner Freunde, die von d. Hypochondrie jenes Winters nichts geerbt, haben mir mein Wesen b. guter Stimmung ununterbrochen (nicht einmal durch d. Heimweh) erhalten. – Mit d. Collegien habe ich Ursache zufrieden zu sein. Rust & Jüngken haben außerordentlich fleißig gelesen & lezterm habe ich eigentlich d. wissenschaftlichen Grund meiner medizinischen Kenntnisse zu verdanken; den Wollf könnte einen gegen d. beiden andern gehalten vor Langeweile zur Verzweiflung bringen; so fleißig ich d. Collegien sonst besuchte, sezte ich d. seinigen doch öfts aus & gewiss zu meinem Nutzen; denn so einer könnte mich noch um d. Geschmak an d. Medizin bringen, die doch gewöhnlich für d. Anfänger anziehender ist als d. Chirurgie, für d. Rust so lebendiges Interesse einzuflößen versteht. Romberg als ausgezeichneter Neuropatholog ist dir schon bekannt; ich besuchte auf seine Einladung hin seine propädeutischen Uebungen für Auscultation & Perkussion. – Nie hat mich indessen ein Kolleg so von Anfang an bis ans Ende gleich gefesselt wie Meyens privatissimum, ein phytotomischer - Cursus; drei mal zweistündlich in d. Woche; – wir haben mit ihm d. feinsten Sachen, die in d. Pflanzenphysiologie vorkommen mit aktiver Theilnahme durchgearbeitet & gerade jezt sind wir an d. Befruchtungsvorgange, an d. Zergliede rung d. Eichen die unsere Geduld oft nicht wenig auf d. Probe stellen. So lieb mir dieser Zweig von Wissenschaft schon früher war, so viel mehr ist er es noch b. seiner jetzigen, relativ d. thierischen Physiologie weit übertreffenden Ausbildung. – Mein Privatfleiß blieb indess ganz d. praktischen Medizin gewiedmet & du magst es glauben, es mich anfangs nicht weniger Mühe & Haushaltung mit d. Zeit kostete, um auf einmal drei Kliniken zu genügen; jezt, da ich mich bereits heimischer darin fühle, habe ich nur d. lebendige Verlangen bald selbst Hand anlegen zu dürfen & dies ist auch d. Hauptgrund warum ich für d. Sommer nach Halle gehe. Ich komme hier gleich auf deinen Wunsch, meine Pläne für d. Zukunft auseinander zu setzen; so viel ich im Stande bin, will ich dir genügen. Auf d. Winter kehre ich wieder hieher zurük, insofern Schönlein, woran nun doch nicht zu zweifeln ist seine Klinik hält; – neben der seinigen werde ich indessen nicht mehr Rust & Jüngken, sondern d. beiden Polikliniken von Osann (medizinisch) &d.v. v. Graefe (chirur gisch) nehmen, d. sich, wie ich nun vernehme weit besser besuchen lassen als ich früher glaubte; alsdann wohl d. geburts hülfl. v. Busch. Das Jahr wird ein Schanzjahr werden & selbst d. Gedanken an eine größere Herbstreise habe ich aufgeschoben, weil gerade d. Poliklinik in d. Ferien um so mehr einbringt als Studenten fehlen. – Dann aber, also übers Jahr solls wieder ein wenig poetischer werden wenn d. Abschiedsstunde v. Norddeutschland schlägt. Von Berlin nemlich bin ich nun bestimmt Willens auch nach Wien zu gehen; – Patholog. Anatomie, Augenheilkunde, Auskultation & Geburtshülfe, d. vorzügl. Wienerkollegien nebst dem Besuch seiner wissenschaftlichen, zumal seiner botanischen Anstalten geben für einen Sommer Ausbeute genug; ich da auch im Sinne habe mich meines Lebens wieder ex fundamento zu freuen, versteht sich ebenfalls, wie ich auch schon auf eine schöne Reise von Wien nach d. Heimath speculire wo ich d. Besuch d. herrlichen Salzburgergegend mit dem d. adriatischen Meeres & Oberitaliens zu vereinigen gedenke. Doch von d. Heimath zu reden, bemerke ich nur es dann Zeit ist zur Promotion d. ich in Wien nicht vornehmen kann & die mich um so mehr auf d. Schweizerisch. Universitäten hinweist als ich keinen besondern Grund habe desswegen noch eine süddeutsche Universität zu beziehen. ich unter den jetzigen Umständen eher an Bern, an Valentin & d. treffliche Poliklinik als an Zürich denke, wirst du mir nicht verargen. D. Berner Mediziner, Mor. Isenschmied & auch andre, welche hier anwesend sind, geben mir auch ein günstiger Prognostikon; von Basel ist natürlich nicht zu reden. – Von selbst versteht es sich nun, Paris nicht vergessen werde & 2 Semester will ich dort jedenfalls zubringen & dann – hier stokt | mir der Athem & kommt meiner Unwissenheit zu Hülfe. So freudig ich entschlossen bin mich d. Vaterlande zu wiedmen ohne mich vielleicht gerade an d. Scholle, die mich erzeugte zu binden, so wenig eile ich doch mich niederzulassen. Ich weiß mit wie vielen Vorurtheilen ein junger Arzt zu kämpfen hat; ich fange an einzusehen, seitdem meine Verhältnisse sich etwas geändert, was sich an Menschenkenntniss im Auslande erwerben läßt; – auch fühle ich mich viel elastischer seitdem die ersten Wehen d. Entfernung v. Hause vorüber sind & so gestehe ich denn gerne ich eine Gelegenheit zu noch weiterer Ausbildung, besond. zu einer größern Reise, schwerlich vorübergehen lasse; – schon dies wäre ein Hauptgrund, warum ich nichts weniger als d. Naturwissenschaften fahren lasse. Dies magst du auch als einen Beweis dafür ansehen, ich d. Secundiren mit d. Wunsche meines Onkels (vide deinen Brief) als Ironie nehme; sein Wunsch & mein Wille waren v. Kindesbeinen auf zweierlei. Es gab eine Zeit wo er seinen Wunsch auch als Willen geltend machen konnte & dieser goldnen Zeit habe ich auch meinen langweiligen, zum großen Theil unnützen Aufenthalt in Constanz zu verdanken; – diese Zeit aber ist schon lange zu Ende & getrost gehe ich meiner Wege, d. lange nicht so gefährlich sind, als mancher meinen möchte der nur mit Zahlen zu addiren & subtrahiren versteht! Doch soviel unter uns; ich will nicht reitzen & es lieber d. Zeit überlassen über beschränkte Vorurtheile hinwegzugehen! –

Mein jetziges Privatleben betreffend, habe ich schon Blumern mitgetheilt wie wir im allgemeinen bisher d. Zeit zubrachten; d. Neujahrsferien hindurch haben auch wir uns ganz gehen lassen & zum wenigsten bemerkte ich kein düsteres Antlitz dabey. D. freundlichste Erscheinung für mich war unstreitig Schallers Ankunft; eilf Jahre bereits kennen wir uns, haben zusammen eine nicht unreiche Vergangenheit & vor uns eine fröhliche Zukunft; ein eignes Schiksal kettet uns aneinander & läßt uns einander beständig folgen so verschieden auch zuweilen d. Richtung war die wir in unsern Studien nahmen & so habe ich auch d. freundliche Aussicht wir uns in Halle, in Wien & Paris wieder treffen. Mit Kölliker stehe ich gerade so wie in Zürich, gut wenn nicht gerade intim; einiges fatale Erbtheil von seiner Frau Mutter hält ihn immer in einiger Ferne von mir. Mit Freuler harmonire ich besser wie früher & thäte es vielleicht noch mehr wenn er in einiger Hinsicht etwas gehobelter wäre. Er läßt dich indessen auch ersuchen ihm v. Hr. Prof. Heer eine Empfehlung nach Halle zukommen zu lassen; Zwiki sehe ich nicht viel; er machte immer noch etwas d. Einsiedler, hat Zahn-& Kopfweh wie früher; wie mir indessen scheint, nicht ganz ohne Schuld, besonders in Bezug auf d. Zähne. Einen Arzt haben wir d. ganzen Winter nicht gebraucht. d. Angst vor d. Klima Berlins, welches freilich diesmal sich viel besser hält wie vor einem Jahr, ist auch bei denen, die sich anfangs sehr ängstigten zB. Freuler so gut wie verschwunden. Ich hatte niemals nur einen verdorbnen Magen, obwohl ich mich nicht gerade mehr in Acht nahm wie früher. - Obwohl ich mehrere Gesellschaften besuchte, sind mir doch d. Abende b. Ritter immer d. angenehmsten, sowohl wegen d. gemüthlichen als auch immer sehr interessanten Unterhaltung & kaum vergeht einer an dem er uns nicht intressante Gemälde & Karten mitzutheilen hätte; er frägt viel nach dir & hat überhaupt ein gutes Gedächtniss für Ereignisse die den betreffen welchen er nur einmal kennen lernte. – D. Theater war in diesem Winter im Ganzen besser bedacht wie im lezten, besonders mit klassischen Opern; als Wunder erwähne ich nächsten Freitag zum ersten mal eine Bellinische Oper gegeben wird. Glanzpunkte waren Oberon, Robert, Fidelio d. Vastelin etc. Auch einen Carneval wollen nun d. Berliner haben & d. Tänzer Taglione & Stuhlmüller haben für nächsten Samstag d. ganze große Schauspielhaus mit allen seinen Sälen in Beschlag genommen für einen bal paré et masqué; er ist der erste, d. hier in diesem Umfange gegeben wird & ist auf mehrere tausend Theilnehmer berechnet. D. schweizerische Medizin wird wohl in corpore daran theilnehmen, wenn nicht am Tanze doch an d. Augenweide; es sollen mehrere | glänzende Vorstellungen v. Balletcorps stattfinden. – Grüße mir zu Hause alles recht vielmal.

Dein

Carl Sinz..

Ende März werde ich v. hier abreisen.