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Korrespondenz: Alfred Escher – Daniel Ecklin

AES B0210 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#180*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 41

Daniel Ecklin an Alfred Escher, s.l., Mittwoch, 11. Dezember 1839

Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Religion, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Decembre 12.11.39.

Theurer Alfred!

Wenn die Correspondenz das Thermometer der Freundschaft wäre, so würde ich mich gegenwärtig nicht wundern, wenn die geistigen Gefühlsorgane eine ebenso große Kälte empfänden, als die sinnlichen.1 Gesetzt nun der kalte Nordost wäre von dir ausgegangen u. ein warmer Südwest wehte von meiner Seite dir entgegen, so dürftest du dich ebenso wenig verwundern, daß ein Niederschlag erfolgte. Oft bringt ein solcher Regen eine zögernde Saat zum Ausbruche – ach, daß auch auf meinen Antheil im schönen Garten deines Gemüthes einige Tropfen davon fielen! – Wie ich höre hast du das Steuerruder des Zof.Ver. zu führen übernommen2, nun wage ich es freilich kaum mehr dich zum Schreiben zu ermahnen. Einem gewissenhaften Zof-Präsidenten rauben seine Geschäfte einen großen Theil seiner Muße, u. wer wollte ihm den Rest seiner Erhohlungszeit nicht von Herzen gönnen. Drum wenn dich dein Gewissen entschuldigt, so bist du auch bei mir entschuldigt. – Doch genug davon. – Auch mir bleibt wenig Zeit zum Schreiben. Wenn du mein Pensum sähest, so würdest du glauben, ich hätte mich überladen. Abgesehen davon, daß mir die Kliniken u. Collegien die ich angenommen habe, Freude machen, so erfüllen sie auch anderweitig ihren Zweck. Ich bin hauptsächlich hieher gekommen, um recht Vieles zu sehen; was ich hier höre, ist meist nur veränderte, u. ich will noch dazu setzen, häufig verbesserte Auflage der früher gehörten Vorträge. Die Kliniken sind: b. Wolf3Juengken4Rust5Busch6Ideler7. Keine reut mich belegt zu haben, als die von Wolf; er ist weder für die Diagnostik noch für die Feststellung der Indikationen u. der Indicata als Muster zu gebrauchen. – Ein guter Arzt stellt zuerst die Indication, das heißt, er beantwortet sich die Frage, wie er im vorliegenden Falle auf den Körper einwirken soll u. auf welche Organe, dann aber auch, welche Rücksichten zu beachten sind. Mit dieser Brille auf der Nase durchmustere er dann seinen Arzneischatz u. wähle. In beiden Beziehungen fehlt es ihm an Präcision u. Sicherheit, welcher Mangel nur schlecht durch eine gewisse nonchalance u. Geschwätzigkeit verdeckt wird. Eine wahre Lust u Freude empfindet man hingegen bei dem Unterricht von Rust u. auch von Juengken. Während Wolff die Praktikanten hätschelt u. ihnen die Antworten auf die Zunge legt u. somit nicht viel besser als ein bestechlicher Trüllmeister dasteht, fordern jene zum Nachdenken auf – od. vielmehr sie locken eher als sie fordern. – Der Vortrag von jenem ist populär zu nennen, von diesen: wissenschaftlich u. darum auch praktisch, denn hier heißt es, qui bene distinguit bene medetur. Et cetera.8 – Die Klinik von Ideler für Seelenkrankheiten befriedigte mich bis dahin vollständig. Sie besteht darin, daß wir unter seiner Leitung die Kranken examiniren, zweitens, daß er über die vorliegenden Fälle Vorträge hält u. 3o daß die Kranken in ihren Localen etc. besucht werden. – Man kann sagen, daß Ideler ein glücklicher Irrenarzt ist; davon bin ich selbst schon Zeuge gewesen. | Nur den religiösen Wahnsinn ist ihm, soviel ich bis dahin bemerkt habe, noch nicht zu heilen gelungen. Allerdings bietet diese Art von Seelenkrankheit unter den heilbaren die größte Schwierigkeit. Hier sind die gewöhnlichen, auf den Körper ein wirkenden heroischen Mittel nur in seltenen Fällen anzuwenden, u. der Arzt ist meist auf die bloß psychischen beschränkt. Abgesehen davon, daß solche Kranke vor allem argwöhnisch sind, indem sie stets für ihre fixe Idee besorgt sind, so bietet der Affect, in welchen sie jeder Angriff auf ihr heiligstes Eigenthum auf's neue versetzt, die größte Schwierigkeit dar, ihnen den Irrthum aufzudecken u. einen Beweis zu führen. – Der Affect schlägt jeden Menschen mit Blindheit, solche haben nur Phantasie u. Verstand für den von ihnen aufgestellten Satz u. vielleicht meist mehr als sie in ruhigen Augenblicken entwickeln. Der Affect bringt das ganze Reich der Vorstellungen in Aufruhr, aber nur diejenigen, welche in den Kram passen finden ihre Anwendung; – im Wahnsinn steigert sich dieser Prozeß bis zur völligen Verkümmerung aller der fixen Vorstellung ungünstigen u. widersprechenden Vorstellungen. Wenn ich nun durch die Leidenschaft od. durch den Wahnsinn an gewisse Prämissen gebunden bin, so wird auch das Schließen dadurch gebunden sein, mag die Operation an sich noch so richtig sein. Erkenntnißvermögen u. Wille sind vorhanden u. thätig, nur ausschließlich, – das heißt auf einen einzigen Vorstellungskreis beschränkt. Der religiöse Wahnsinn erwächst an dem Gefühls-vermögen, u. zwar an den heiligen Trieben; Gefühle aber, durch den innern Sinn des Bewußtseins ins Leben gerufen, scheinen bei hinlänglicher Ausdauer, ebendieselbe Überzeugung erschaffen zu können als die sinnlichen Wahrnehmungen. Wie dies geschehen kann, zeigen am deutlichsten die hallucinationen u visionen, wo ein Kranker zB. wirkliche Stimmen zu hören vermeint, sich wundert, Thüre u. Fenster aufsperrt. Diese Stimmen sagen ihm Dinge, die nur der Kranke wissen kann, u. er erstaunt, kann sich kaum fassen. – Anfangs traut er der Sache nicht recht, u. hält sie ganz richtig für Sinnestäuschungen. Das Stimmenhören nimmt aber kein Ende, u. nimmt Tag u. Nacht den Geist des Kranken in Anspruch; die anfängliche kräftigere Abwehr dieser Sinnestäuschung wird immer schwächer, u. endlich gewinnt die Sinnestäuschung ebendieselbe Anerkennung wie wirklich durch die Sinne wahrgenommene Gegenstände, u. ebendamit ist der Wahnsinn auch vollendet. Der Arzt hat schon wegen den oben angegebenen Gründen wenig Glück, wenn er um den Wahnsinn zu bekämpfen, sich auf das religiöse Gebiet begibt; die andere Schwierigkeit, die Irrthümer der Wahnsinnigen zu berichtigen liegt in dem Wesen der Religion u. der Religiosität selbst. – Es bleibt also unter den Heilmitteln nichts übrig, als in andern Gebieten das Erkenntnißvermögen u. die Willenskraft, welche daraus zurückgedrängt worden waren, wieder geltend zu machen. – Wie schwer es nun ist, einen Menschen zu bewegen, sich auch für anderes, u. zwar von dem Kranken für sehr geringfügig Gehaltenes zu interessiren, nachdem sein ganzes Interesse schon von dem Höchsten, Wichtigsten u. Heiligsten in Beschlag genommen ist, kann ein Jeder leicht beurtheilen. – Ideler scheint mir daher von dieser Seite gerechtfertigt. – Ich finde, daß es für den Studenten von der größten Wichtigkeit sei, ob der Lehrer Vertrauen in seine Kenntnisse | u. in seine Moralität verdient; denn, verdient er sie nicht, so geht der größte Segen seiner Lehre verloren. Mir kam hier alles darauf an, Lehrer zu finden, die ich achten u. lieben darf. Schon zu viel habe ich mich bei dieser Materie aufgehalten; von dem Reste daher ein ander Mal. – Summa summarum:9 es gefällt mir hier. – Was mein übriges Leben betrifft, so fließt es ganz ruhig dahin. – Da der ganze Tag, so lange er von der Sonne beschienen wird, von Kliniken u Collegien besetzt ist – bleibt mir nur der Abend zum Arbeiten; ich bin daher Abends meist zu Hause. – Mittwochs u. Samstags turnen wir von 8 bis 9½ Uhr u. nachher gehen wir zu Tietz10 – (Restauration an d. Doroth.str. nahe bei d. gr Friedr.str. –) Klein11 hat sich ein paar Mal schmutzig benommen, darum ist er in Verschiß erklärt worden; jetzt kommt alles, was Schweizer heißt, zu Tietz. – Auf dem Turnsaal ist mein Leben; da wirds mir immer am wohlsten; da träume ich mich wachend u thätig in die schöne Vergangenheit zurück. – Auf der Kneipe gefällt's mir weniger; mir würde es sehr gefallen, wenn mehr Gemeinsinn herrschte. Glücklicherweise hat es indessen noch keine Reibungen gegeben, u. die verschiedenen Gruppen verdanken ihre Existenz bloß dem Gesetze, daß Gleich u. Gleich sich gern gesellt. – Dafür lobe ich mir aber um so mehr die Theekränzchen, welches in der Reihe bald der eine bald der andere aus dem engern Kreise unserer hiesigen Freunde zum Besten gibt. – Da sind wir einträchtiglich beisammen; die Liebe waltet in der Gestalt des Gemeinsinns; der Gesang florirt. Dabei nahmen gewöhnlich daran Theil: Kölliker12, Sinz, Aepli13, Biedermann14, Riggenbach15, Isenschmid (Moritz Med.)16, Greyerz Alph.17, Zwicki, Jac. Heß18, u. ich. Das letzte Mal fand es bei Heß statt, der uns nun verlassen will. Wir verlieren ihn höchst ungern, denn er ist ein guter, treuer Freund, ein Musterbild von einem Jüngling. – Außer den [Besuchen?] bei den Freunden u. auf dem Turnsaal gibt mir der Zutritt zu einer hiesigen Familie, wo ich recht gut aufgenommen bin, manche Gelegenheit zu wohlthätiger Zerstreuung u. Erholung. – Nun sollte ich in der Geschichte meines hiesigen Lebens noch um einige Monate zurückgreifen, um dir auch die frühern Vorgänge zu erzählen, allein zu einer ausführlichern Erzählung fehlt mir in Wahrheit die Zeit. Darum nur in Kürze Folgendes. In den Ferien machte ich eine kleine Reise nach Rostock u. Hamburg – Mein Zweck war dort meinen ehemaligen Lehrer der Botanik, unsern verehrten, geliebten Röper19 zu besuchen, u. hier das berühmte «Allgemeine Krankenhaus» in Augenschein zu nehmen. Die Reise gewährte mir mehr als ich hoffte. – Der Empfang in Rostock war wie wenn man einen Freund empfängt, den man nach langer Trennung zum ersten Mal wiedersieht, u. die Behandlung war wie wenn man einen Freund behandelt, der nur kurze Zeit bei uns Gast ist, u. dann für ewig Abschied nimmt. – Schon in Basel war Röper unser Liebling unter den Lehrern. – Der Abschied von ihm u. von seiner ganzen theuren Familie war mir äußerst schmerzlich; – denn die Hoffnung des Wiedersehens ist schwach. – Sein Schwager, Strempel20, Prof. u. klinischer Lehrer in Rostock, ist ein eifriger, thätiger, uneigennütziger Mann. Während us. 14tägigen Aufenthalts in Rostock – waren wir die Hälfte Zeit bei ihm u. mit ihm in der Klinik. – Von ihm u. von Röper bekamen wir Empfehlungen nach Schwerin, an den den Irrenarzt in der Anstalt auf dem Sachsenberg (bei dieser Stadt), u. nach Hamburg. Bei dieser Gelegenheit sah ich zum ersten Mal die See u. den Schiffbau. – In Hamburg traf ich Cäppi Meyer21, Schultheß22 u. Volz23 stud Jur. von Bern. Dieses Zsmtreffen verschönerte natürlich | natürlich den Aufenthalt in Hamburg. – Meine Bemerkungen, die ich im dortigen Krankenhaus machte, sind für dich natürlich von zu geringem Interesse, als daß ich dir sie mittheilen könnte od. dürfte. – Sonst weiß ich nichts von Belang, was auf die Formirung meines äußerlichen Lebens Einfluß gehabt hätte. – Innerlich ist in mir um so mehr vorgegangen; die Fremde hat auf mich einen wohlthätigen Einfluß ausgeübt, obgleich sie mich, nichts weniger, dem Vaterlande nicht entfremdet hat. – Ich muß schließen; die Zeit ist abgelaufen. Grüße mir Fries24 u. Blumer. Leb wohl mein Theurer! Herzinnig umarmt u. küßt dich

dein

Ecklin –

Tausend herzliche Grüße und Ankündigung eines bald auszufertigenden Briefes von deinem
Freuler.25

Kommentareinträge

1Der letzte überlieferte Brief Ecklins datiert von Ende Juni 1839. Eine allfällige Antwort Eschers konnte nicht ermittelt werden. Vgl. Daniel Ecklin an Alfred Escher, 30. Juni 1839.

2Escher war im November zum Präsidenten der Sektion Zürich des Zofingervereins gewählt worden. Der Zofingerverein: Alfred Escher als Präsident der Sektion Zürich und als Centralpräsident (1837–1842), Absatz 16.

3 Eduard Wolff (Lebensdaten nicht ermittelt), ausserordentlicher Professor der Medizin an der Universität Berlin.

4 Johann Christian Jüngken (1793–1875), ordentlicher Professor für Chirurgie und Augenheilkunde an der Universität Berlin und Leiter der Augenklinik der Berliner Charité.

5 Johann Nepomuk Rust (1775–1840), ordentlicher Professor der Medizin an der Universität Berlin und Leiter der chirurgisch-ophthalmologischen Klinik der Berliner Charité.

6 Dietrich Wilhelm Heinrich Busch (1788–1858), ordentlicher Professor für Geburtshilfe und Leiter der Entbindungsanstalt an der Universität Berlin.

7 Karl Wilhelm Ideler (1795–1860), ausserordentlicher Professor der Medizin und Leiter der psychiatrischen Klinik an der Universität Berlin.

8Qui bene distinguit bene medetur. Et cetera. (lat.): Wer gut unterscheidet, heilt gut. Und so weiter.

9Summa summarum (lat.): alles in allem.

10Person nicht ermittelt.

11Person nicht ermittelt.

12 Albert Kölliker (1817–1905), von Zürich, Medizinstudent. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 18. Mai 1834, Fussnote 20.

13 Alfred Johannes Aepli (1817–1913), von St. Gallen, Theologiestudent. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 11. Juni 1838, Fussnote 24.

14 Alois Emanuel Biedermann (1819–1885), von Winterthur, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 19. August 1838, Fussnote 18.

15 Christoph Johannes Riggenbach (1818–1890), von Basel, Theologiestudent.

16Vermutlich Rudolf Moritz Isenschmid (1813–1851), von Bern, Medizinstudent.

17 Alphons von Greyerz (1813–1864), von Bern, Theologiestudent.

18 Johann Jakob Hess (1813–1876), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 9.

19 Johannes Röper (1801–1885), ordentlicher Professor der beschreibenden Naturwissenschaften an der Universität Rostock. – Röper war von 1826 bis 1836 ausserordentlicher bzw. ordentlicher Professor der Botanik an der Universität Basel. Vgl. ADB XXIX, S. 149.

20 Johann Karl Friedrich Strempel (1800–1872), ordentlicher Professor der Medizin an der Universität Rostock.

21Vermutlich Caspar Othmar Meier (geb. 1815), von Zürich, Rechtsstudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 42.

22Vermutlich Heinrich Schulthess (1815–1885?), von Zürich, Student der philosophischen Fakultät. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 17. Juli 1839, Fussnote 13.

23 Albrecht Rudolph Volz (geb. 1817), von Bern, Rechtsstudent.

24 David Fries (1818–1875), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 19. August 1838, Fussnote 5.

25Ergänzung am Rand der letzten Seite von dritter Hand.